Die Last der Vergangenheit

25. Januar 2005, 13:05 Uhr

Die Menschen in Auschwitz leiden auch 60 Jahre nach der Befreiung des Konzentrationslagers unter dem Schatten der Vergangenheit. Fast unmöglich ist es, Straßenfeste zu feiern und Investoren für die Wirtschaft zu finden.

"Ungeheure Last": Baracken auf dem ehemaligen KZ-Gelände in Auschwitz©

Junge, lebenslustige Menschen haben es schwer in der südpolnischen Kleinstadt Oswiecim. Das beschauliche Städtchen mit seinen 43.000 Einwohnern bietet nicht gerade viele Unterhaltungsmöglichkeiten - ein paar Schnellimbisse, ein paar Restaurants, die Kellerkneipe "Mefisto". Das liegt nicht allein an der Lage der Stadt in der polnischen Provinz, sondern vor allem an der Stadtgeschichte, denn der deutsche Name des Städtchens lautet Auschwitz. Unter dem langen Schatten der Vergangenheit leiden die Menschen in Oswiecim auch 60 Jahre nach der Befreiung des Lagers.

Geschichte als Last

"Die Geschichte von Auschwitz ist eine ungeheure Last, mit der diese Stadt leben muss", stellt Tomasz Kuncewicz, der Leiter des jüdischen Studienzentrums in Oswiecim, fest. Es sei fast unmöglich, Straßenfeste zu feiern mit dem ständigen Bewusstsein, dass gar nicht weit entfernt bis zu 1,5 Millionen Menschen ermordet wurden.

Das Studienzentrum in den Räumen der Chevra Lomdei Mischnayot-ynagoge ist ein Versuch, an das andere Auschwitz zu erinnern, die galizische Kleinstadt, in der vor dem Zweiten Weltkrieg mehr als die Hälfte der Einwohner Juden waren. Nur einer von ihnen, Szymon Kluger, kehrte nach dem Krieg in seine Heimatstadt zurück, die weltweit zum Synonym für den Holocaust geworden war. Die einzige nicht zerstörte Synagoge wurde mit Hilfe einer jüdisch-amerikanischen Stiftung restauriert, lädt ein zum Gebet und zur Entdeckung der jüdischen Geschichte der Stadt, die auf Jiddisch "Oppschitzin" genannt wurde. Kluger starb vor fünf Jahren, sein ehemaliges Haus neben der Synagoge soll zu einem Museum über jüdisches Familienleben umgebaut werden.

Viele der rund 500.000 Besucher, die jedes Jahr die Gedenkstätte Auschwitz-Birkenau besichtigen, wissen davon überhaupt nichts. Die Busse der Gruppenreisenden stoppen auf den Parkplätzen vor dem Lagergelände, nicht am Marktplatz von Oswiecim. "Alle Welt kennt Auschwitz. Aber kaum jemand kennt Oswiecim", sagt Hartmut Ziesing von der Internationalen Jugendbegegnungsstätte. Seit Jahren organisieren die Mitarbeiter der Begegnungsstätte deshalb für ihre jungen Gäste Begegnungen mit Jugendlichen aus Oswiecim. Sie stellen ihnen das jüdische Studienzentrum vor, in dem sich Holocaust-Überlebende in Video-Dokumentationen an das polnisch-jüdische Städtchen der Vorkriegszeit erinnern.

Lokalpolitiker fordern Hilfe vom Staat

Den jungen Leuten in Oswiecim, die auf der Suche nach einer beruflichen Zukunft sind, hilft das nicht viel. "Es gibt große Unsicherheiten bei Investoren", gibt Kuncewicz zu. Unternehmer, die in der Stadt investieren wollen, fürchteten, ein Gelände sei mit KZ-Geschichte belastet. Manche Produkte, hergestellt in Oswiecim, sind zudem kaum vorstellbar. Zu vieles hätte mit dem Namen Auschwitz einen schrecklichen Beiklang - ob chemische Industrie oder Transport und Logistik. Gerade deshalb fordern Lokalpolitiker seit Jahren vom Staat Hilfe, um die besonderen Probleme der polnischen Stadt mit ihrer deutschen Besatzungsgeschichte zu bewältigen.

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