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stern-Reportage

Reeperbahn - Hamburgs magische Meile

Wenn morgens die letzten Gestalten zur U-Bahn wanken, ist wieder eine großartige Nacht auf der Reeperbahn zu Ende gegangen: unterwegs mit den Menschen, die das Viertel zum ewigen Mythos machen.

Von Nora Gantenbrink, Kuno Kruse und Andrea Ritter

Blick auf die hell erleuchtete Reeperbahn in Hamburg

Aussicht auf die Reeperbahn vom Restaurant "Clouds" in den "Tanzenden Türmen". Das große Loch links füllten einst die berühmten "Esso-Häuser" und eine Tankstelle, die mehr Bier als Sprit verkaufte.

"Wenn der Dreck zu Mist wird", sagt Werner, "will er gefahren werden." Was das genau heißen soll, wisse er auch nicht, einerseits. Andererseits passe der Satz auf alles Mögliche, auf Menschen, auf das Alter, auf die Zustände, deswegen sei er ja so gut. Werner hat graue Haare und seinen eigenen Blick auf das Leben. Er ist schlau wie eine Katze. Er sagt: "Der Antrieb für alles hing schon immer zwischen meinen Beinen." Werner, früher "Werner der Ficker" genannt, ist ein guter Gesprächspartner, wenn es um die geht. Er hat sie gelebt. Lebt sie noch immer. Wenn auch, so muss man es wohl sagen, inzwischen als Ficker im Ruhestand.

Schnell und viel erzählt er von früher, vom "Vagabund", seinem Laden am Hans-Albers-Platz. Werner war , spezialisiert auf Frauen mit großen Brüsten. Damals in den Siebzigern, als Joe Cocker vorbeikam, mit einem dürren Model an jeder Hand, und Jörg Immendorff, der Maler, mit Säcken voll Geld und Koks. Er erzählt vom "Club 88", wo der DJ einmal blutend auf dem Plattenspieler lag, weil er es versäumt hatte, dieses Lied zu spielen, das irgendein bekloppter Lude immer dann hören wollte, wenn er in die Bar einlief wie ein Boxer in den Ring.

Werner hat alle Luden gekannt, die sich damals im Hotel "Domino" in der Talstraße trafen, und die meisten hat er überlebt. Manchmal sieht er noch einen dieser arroganten Fürsten von einst. So wie neulich erst den "schönen Klaus", dem so viele Mädchen verfallen waren. "Fahl wie eine Leiche lag der auf der Bank", sagt Werner, "die langen Haare, hingen in einer Pfütze. So ist das. Für die Vorstellung von gestern gibt es heute keinen Applaus."

Ex-Lude Werner steht mit versunkenem Blick an einer Hausecke angelehnt

Werner kennt die Welt der Luden. Seinen Blick aufs Leben kann man unter www.pauli-kiez-tour.de buchen.


Morgens sieht man die Möwen in der Kotze picken

St. Pauli, Reeperbahn. "", sagen die Hamburger, "sündigste Meile der Welt", sagt Wikipedia. Die wohl berühmteste Straße Deutschlands und die verheißungsvollste ohnehin. Hafenkräne im orangefarbenen Laternenlicht, Menschen wie Werner und ihre Geschichten, deswegen kommt man hierher. Der Fluss, die Container, das regennasse Kopfsteinpflaster, die ganze großartige Kaputtheit: St. Pauli war schon immer eine Projektionsfläche für ein anderes Leben, ein Versprechen von Ausbruch und Weite. Man könnte. Man könnte auf ein Schiff steigen und für immer verschwinden. Man könnte Sex kaufen oder Drogen oder beides oder Waffen. Man könnte sich in einer dieser Kneipen verlieren und in den Armen wildfremder Menschen ehrlich sein. Man könnte sich prügeln. Sich verkaufen. Sich verlieben. Mitmachen oder zusehen. Die große Freiheit ausprobieren oder die kleine. St. Pauli nachts - das ist Rausch und Katharsis und Sünde und Vergebung. Ein Ort, der einen nicht verurteilt. Der einen auf das Wesentliche zurückwirft. Denn morgens sieht man zwischen Schlagermove und "König der Löwen" die Möwen in der Kotze picken.

Die Hauptschlagader, die Reeperbahn, ist 930 Meter lang. Drum herum, auf 800.000 Quadratmeter Kiez, versammeln sich etwa 500 Kneipen, 6 Theater, 4 Museen, ein Dutzend Livebühnen, ein Wachsfigurenkabinett, unzählige Spielhallen, Discos, Sexshops, Sadomaso-Keller, Striplokale, Leihhäuser, etwa 60 Kioske, 8 Tätowierstuben, 200 Imbissbuden und mindestens 50 Bordelle.

Eine Bratwurstbude auf der Reeperbahn erstrahlt hell erleuchtet

Der Imbiss "Lucullus" - die zentrale Bratwurstbude der Reeperbahn


Um Rotlicht und Hurenhäuser ging es in dem Hafenviertel schon immer - aber nicht nur. Anfang des 20. Jahrhunderts vergnügten sich in St. Pauli die einfachen Leute, während das gehobene Bürgertum an Jungfernstieg und Alster flanierte. Heute kommen alle: 30 Millionen Besucher hat St. Pauli im Jahr. Sie gehen ins Musical, ins "Schmidt" und ins "St. Pauli Theater" und sind doch eigentlich nur ihretwegen hier: der Reeperbahn, über die Udo Lindenberg schon 1978 sang, sie sei am Ende, nur noch Kulisse, die Abende teuer, ohne Abenteuer. Stimmt natürlich nicht. Und wenn einer wie Werner erzählt, dass früher alles wilder war, zügelloser und schöner, dann liegt das ja vor allem daran, dass er selbst schöner war und zügelloser und wild. Jung eben, und das Leben war eine Party auf Koks.

Dann plötzlich standen die Albaner auf der Reeperbahn

"Zauberpulver", sagt Werner. Seine Generation, die der glorreichen 70er-Jahre-Luden, hat sich damit versenkt. Saß zugedröhnt an den Spieltischen und pokerte. Anfang der Achtziger standen dann plötzlich die Albaner auf der Reeperbahn, die vom Kosovo und die anderen, übernahmen den Kiez und lachten sich kaputt. So zumindest die Kurzfassung. Geschichten wie jene über den Aufstieg der Osmani-Brüder, die angeblich mit Plastiktüten nach Deutschland kamen und auf dem Kiez Millionen machten, sind in so beliebt wie legendär.

Die Frage, wer auf der Reeperbahn die Macht hat, ist ein fester Bestandteil der großen St.-Pauli-Saga, die seit Jahrzehnten fortgeschrieben wird wie ein kollektiver Roman. Denn ohne das Verruchte, das halb Kriminelle, auch das unterschwellig Gewalttätige funktioniert der ganze schräge Zauber des Viertels nicht. Und gerade ist der Stoff, den der Kiez liefert, wieder besonders gefragt: Til Schweiger inszeniert in diesem Milieu seine "Tatorte"; Heinz Strunk hat ein Buch über den Frauenmörder Fritz Honka geschrieben, der in den 70er-Jahren in St. Pauli seine Opfer fand; Don Winslow, Bestsellerautor aus New York, lässt seinen neuen Roman "Germany" auch in den Nebenstraßen der Reeperbahn spielen; das "Großstadtrevier" mimt seit 1986 die Davidwache, eine der erfolgreichsten Fernsehserien.

Und dann ist da noch, kein bisschen langweiliger, die Wirklichkeit.

Unruhe erschreckt die Touristen und stört das Geschäft

Kurz vor Silvester fielen Schüsse auf offener Straße, das hatte es lange nicht gegeben. Die Zeitungen berichteten von Rockerkämpfen und rivalisierenden Banden. Seitdem sind die Überwachungskameras auf dem Kiez wieder eingeschaltet, auch da, wo sie vielleicht die Eingänge der Puffs erfassen. Es gibt vermehrt Razzien im Milieu, die hat eine Sonderkommission gegründet, die Soko "Rocker", und bemüht sich zugleich um Gelassenheit: Revierkämpfe gebe es nicht, keine ernst zu nehmenden zumindest. "Der Kuchen ist verteilt", sagt ein Beamter des Landeskriminalamts. Aus dem Rotlicht, wo Schüsse und Unruhe bloß die Touristen erschrecken und das Geschäft stören, hört man dasselbe: Niemand sei an Auseinandersetzungen über die Machtverhältnisse interessiert. Dennoch, in wilder Schießerei wurde ein Taxi durchlöchert, die Lokalzeitungen riefen den "Rotlichtkrieg in Hamburg" aus. Die Geschichte hinter den Konflikten der vergangenen Monate erzählt viel darüber, wie der Kiez funktioniert.

Ein Mann beißt einer Frau in einem Strip-Club sanft in die Schulter

Die Reeperbahn gilt als die "wohl sündigste Meile der Welt" - und lockt jährlich Millionen von Besuchern an

Der Ärger begann, als Albaner-Toni, Kiezlegende und langjähriger Geschäftspartner im Dunstkreis des "Eros-Center", seinen Ruhestand vorbereitete. Er wollte sich nach und nach aus dem operativen Geschäft zurückziehen und es an seinen Neffen Sefi übergeben. Ein Generationenwechsel wie in jedem anderen Betrieb auch. Aber das "Eros-Center", eröffnet in den 60er-Jahren, ist das berühmteste Laufhaus am Platz: Wer hier bestimmt, sagt man, bestimmt auch auf dem Kiez. Eine verantwortungsvolle Position. Anfangs schien der Nachfolger seine Sache auch ganz gut zu machen. Wollten bulgarische Dealer oder anderes Gemücke, das sich vom großen Organismus Kiez ernährt, Ärger machen, rückte Sefi aus und führte ein normenverdeutlichendes Gespräch.

Sein Onkel, der "Baba", Albaner-Toni, seit Längerem auch und vor allem in der lukrativen Immobilienbranche tätig, ist noch einer von den Alten, den Gefährlichen, die mit der Faust groß geworden sind, mit dem Messer und Geschick. Sein Name hätte eigentlich ausreichen sollen, um den Neffen zu etablieren. Sefi, Mitte 40, Typ Andy Garcia, ist keiner, der selbst die Show sucht. Aber wie es aussieht, hat er das mit der Karriere auf dem Kiez wohl vergurkt.

Poussieren erfordert Geschick, Geld und Komplimente

Vielleicht hatte er die falschen Freunde - zumindest hingen unter des Neffen Führung schon bald viele Luden im Empfangsbereich des "Eros-Center" herum, kleine Wichtigtuer, deren Selbsteinschätzung nur von der Höhe ihres Testosteronspiegels übertroffen wurde. Ein langjähriger Weggefährte und Freund war Erkan. Über den lachen die Koberer noch heute, wenn sie erzählen, wie seinem roten Lamborghini einmal mitten auf der Reeperbahn der Sprit ausging. Erkan, der Super-Lude! Ein besonderes Talent allerdings hatte er. "Keiner konnte so gut poussieren wie Erkan", sagt einer seiner Kollegen. "Ich bring dich groß raus", versprach er den Mädchen, "und du dafür mich." 

Reeperbahn-Reportage: Koberer Helge

Helge, "der Freundliche", kobert Gäste für seine Striptease-Bar


Mit der Zuhälterei in diesem Teil des Milieus geht das nämlich so: Man bezirzt eine Frau, ist mit ihr zusammen, weigert sich standhaft, sie - die große Liebe! - auf den Strich zu schicken, und macht es dann erst recht. Das heißt Poussieren und erfordert Geschick, Geld und Komplimente. Erkan mietete Wohnungen für seine Mädchen und leaste jeder einen Mercedes SLK. Das kam gut an. Bald schon sollen sieben Frauen im "Eros-Center" für ihn angeschafft haben, ein gutes Geschäft.

Doch er fühlte offenbar weitere Talente in sich. Mit dem Rapper Bozza drehten Erkan und ein paar andere Nachwuchs-Luden ein Musikvideo: Ferrari, Kampfhund, dicke Uhren, dicke Arme - alles drin. "Eros-Center-Gang" nannten sie sich und besangen Albaner-Tonis Neffen Sefi im Gangsta-Style als ihren "Boss, eine lebende Legende", am Ende weht eine albanische Flagge durchs Bild. Das fein ausbalancierte Gleichgewicht der Kräfte auf dem Kiez geriet ins Wanken, denn das Geprotze kam nicht gut an. Bald gab es Ärger mit den Nachbarn vom "Paradise Point of Sex". Dann beschwerten sich auch noch betrogene Freier über Abzockerei im "Eros Center" - ein Albtraum fürs Geschäft. Dann schoss einer aus der Truppe einem Türsteher in das Fußgelenk. Kripo, Razzien. Sefi musste sich beim Clubbesitzer für seine Bande entschuldigen wie eine Mutti für ihre halbstarken Söhne. Nachdem die Jungs der „Eros-Center-Gang“ dann auch noch aufeinander schossen (es ging um Frauen und welche für wen anschaffte), wurde das Laufhaus im März 2015 erst mal dichtgemacht. Der damalige offizielle Betreiber des Bordells sitzt seither im Knast, Steuerhinterziehung, mehrere Millionen Euro.

Sefi ist abgetaucht, er sei irgendwo auf dem Balkan, heißt es. Und Albaner-Toni? Ärgert sich vermutlich noch immer über das Ungeschick des Neffen. Der Generationenwechsel ist erst mal gescheitert.

Die Hells Angels als eine unantastbare Instanz

Es gehört zu den lustigen Kapiteln der St.-Pauli-Saga, dass es den Rockerkrieg, den man im Milieu mindestens ebenso lästig fand wie Razzien und Steuerfahnder, gar nicht hätte geben dürfen. Jeder in der Branche weiß, dass die Hells Angels eine unantastbare Instanz sind; als Türsteher, Security im Rotlicht und auf dem Straßenstrich gehören die Rocker zum Fundament des Kiez-Gebäudes. Daran rüttelt man nicht, davon lässt man die Finger, so sehen das alle, die hier Geschäfte machen, so sieht es auch die Polizei.

Jeder sieht das so, nur Erkan nicht, der einstige Super-Lude. Nach seiner Laufhaus-Pleite empfindlich frustriert, träumte er von einem Comeback als Kiezgröße. Er heuerte beim Rockerklub "Mongols" an und scharte einige Typen aus seiner alten Gang um sich, die sich - wie er selbst - die Buchstaben "Mffm" ins Gesicht tätowieren ließen: "Mongols forever, forever Mongols". Die angereiste australische Delegation zeigte sich beeindruckt von so viel Engagement. Doch die Mongols fanden ihre Follower eher auf Facebook als auf dem Kiez.

Es folgten ein paar spektakuläre Szenen: Unter Erkans Lamborghini explodierte eine Handgranate, von ihm selbst dort platziert, wie andere Mongols später berichteten, weil so ein Knall die eigene Bedeutung unterstreicht. Die Hells Angels reagierten zunehmend gereizt auf die Störenfriede, es kam zu besagter Schießerei auf der Reeperbahn, bei der das Taxi und zwei der Mongols Schäden davontrugen.

Ansonsten mussten die Angels wenig tun: Erkan und seine Jungs erledigten sich von selbst. Das Geld aus der Klubkasse war rasch verkokst, die Mannschaft der Mongols verärgert. So sehr, dass die Polizei Erkan schließlich vorsorglich abholte, er hatte noch eine Bewährungsstrafe offen. Wenig später wurden die Hamburger Mongols offiziell aufgelöst. Vorbei war der Rockerkrieg. Zurück blieben ein paar Jungs mit Tattoos im Gesicht, mit denen man sich auf dem Kiez gerade nicht gut blicken lassen kann.

Wer richtig war, sicherte seine Stellung mit Immobilien

Will man wissen, wer jetzt im größten Bordell der Reeperbahn die Strippen zieht, landet man bei Mittelsmännern wie Thorsten Eigner. Er ist der Manager im "Pink Palace", wie das Eros-Center seit der Wiedereröffnung vor einem halben Jahr heißt. Eigner ist der erste Manager, den das Laufhaus je hatte, einer, der für Ruhe sorgt. Sein Geschäftsführer ist Ivo Hohmann, ein Hotelier aus dem Frankfurter Bahnhofsviertel, man kennt sich von früher aus dem ländlichen Südhessen, da kommen beide her. Thorsten Eigner hat nichts dagegen, wenn man sagt, er sehe aus wie Meister Proper, es stimmt ja auch, mit seiner Glatze, seinen Oberarmen, dem Lächeln und dem blitzweißen Poloshirt. Wie der Chlorgeruch in den Fluren des Bordells signalisieren der Manager und sein Hemd: alles sauber hier.

Neuer Betreiber, neue Hausregeln, ordentliche Buchführung: Der "Pink Palace" möchte den zweifelhaften Ruf des Eros-Center hinter sich lassen und präsentiert sich als moderner Arbeitsplatzvermieter für freiberufliche Dienstleisterinnen. 100 Euro Miete zahlen die Frauen pro Tag. Sie verdienen etwa 80 Euro für eine halbe Stunde, je nachdem, welche Leistung erbracht werden solle, erzählt Jackie, die auch sagt, dass sie sehr gern in dem Laufhaus arbeite. Überhaupt kämen die Frauen über Mundpropaganda zum "Pink Palace", nicht über Zuhälter. "Eine Luden-Bande gibt es hier nicht mehr", sagt Thorsten Eigner. "Wie sollten die sich denn jetzt auch nennen? Pink-Palace-Gang? Wir sind hier ja nicht in St. Georg." Für Auswärtige: St. Georg ist ein bei Schwulen beliebtes Viertel nahe dem Hauptbahnhof.

Reeperbahn-Reportage: Barkeeperin Elena sitzt am Thresen

Elena hat ihre eigene Bar - nur für Männer, denn sie liegt in der Herbertstraße. Die Tänzerin tritt ein großes Erbe an: Es war mal die Lounge der legendären Hure Domenica.


Die Regeln, nach denen die Macht auf dem Kiez verteilt wird, sind ständigem Wandel unterworfen. Die Ära der Paten, die zigarrerauchend in den verplüschten Hinterzimmern der Puffs ihre Reviere ausbaldowerten, wurde, etwa mit der Ankunft der Albaner in den 80er-Jahren, von Banden abgelöst, die den Kiez nach Nationen aufteilten. Inzwischen ist auch das vorüber. Man hat Interessengemeinschaften gebildet, arbeitet mit denen zusammen, die man lange kennt.

Zu den Kiezgrößen der alten Schule gehört etwa Carsten Marek, der einst in der Herbertstraße das Sagen hatte. Auch Albaner-Toni ist wohl im Hintergrund noch aktiv. Wer richtig schlau war, hat seine Stellung mit Immobilien gesichert, wie Burim Osmani, dem angeblich über 400 Wohnungen gehören. Ein wahres Imperium besitzen die Gebrüder Fraatz, Bauunternehmer und Enkel von Willi Bartels, dem legendären "König von St. Pauli", der in den 60er- und 70er-Jahren den halben Stadtteil kaufte. Mit dem luxuriösen "Empire Riverside"-Hotel haben sich seine milliardenschweren Erben vor ein paar Jahren einen Turm gebaut: Sie thronen mit ihrer Firma nun im zweithöchsten Gebäude des Viertels.

Auf St. Pauli begegnen sich Welten, die Hamburg ausmachen

Der erfolgreichste Kulturunternehmer auf dem Kiez ist Corny Littmann. Er und seine Theatertruppe "Familie Schmidt" wurden 1988 an der Reeperbahn sesshaft, als es dort vor allem Spielhallen gab und sonst nicht viel. Heute ist das "Schmidt" zu einem der größten Privattheater Deutschlands herangewachsen, mit Restaurant, Musikclub und drei Spielstätten. Den Stoff für seine Produktionen finde er noch immer vor der Haustür, sagt Corny Littmann. In den Häusern und Nebenstraßen des Viertels versteckten sich genug Geschichten, die etwas über das Leben erzählten. Trotz steigender Mieten, Luxussanierungen und Touristen-Glitzer gehört St. Pauli zu den ärmsten Vierteln Hamburgs, und manchmal berühren sich hier die Welten, die die Stadt ausmachen. An Littmanns 60. Geburtstag zum Beispiel, als der Künstler Kay Ray Figuren mit seinem Penis formte, während die Senatoren Sekt schlürften.

Corny Littman lässt sich vor seinem Auftritt im Schmidt-Theater schminken

Corny Littmann kurz vor seinem Auftritt in "Die Königs vom Kiez". Sein "Schmidt" ist Deutschlands erfolgreichstes Privattheater.


Fragt man Corny Littmann, wer einem etwas über die Amüsierlokale auf dem Kiez erzählen kann, sagt er, dass man unbedingt bei Susi und Heinzi vorbeigehen müsse. Die seien schon länger in St. Pauli als er.

Ein Bier und ein Schnaps - macht 35 Euro

Susi und Heinz Ritsch betreiben "Susis Show Bar" an der Ecke Reeperbahn, Große Freiheit. Heinz Ritsch kam aus Österreich nach Hamburg, Ende der 60er-Jahre, wegen der Beatles, er spielte Schlagzeug. Musiker wurde er dann nicht, aber Unternehmer auf St. Pauli. Seit 1979 betreibt er mit seiner Frau Susi Lokale auf dem Kiez, seit 1985 die "Show Bar". Hamburgs erste Table-Dance-Bar - eigentlich ein Unfall, die enge Architektur zwang die Damen zum Tanz auf dem Tisch, so erzählt es Heinz Ritsch. Seite an Seite haben die Ritschs über Jahrzehnte die Moden und Sitten auf dem Kiez kommen und gehen sehen. Sie sagen trotzdem, dass sich nicht viel verändert habe in den letzten 40 Jahren.

Eintritt kostet es nicht bei Susi, aber jeder Gast muss ein Erstgedeck bestellen: ein Bier und ein Schnaps, 35 Euro. Früher kamen Bundeswehrabschiede, heute sind es Junggesellenabschiede. Susi und Heinzi halten nichts davon, die Vergangenheit zu verklären. "Man muss mit der Zeit gehen, sonst muss man mit der Zeit gehen, sag ich immer", sagt Susi.

Eine Tänzerin schminkt sich vor ihrem Auftritt

Eine Tänzerin schminkt sich vor ihrem Auftritt. Die meisten Touristen suchten doch das Plüschige, das Verruchte, das Knallbunte, Verrückte, sagt Olivia Jones, Inhaberin von drei Läden auf der Reeperbahn.


Die "Firma St. Pauli", meint Heinz Ritsch, sei aber dann doch kein Konzern wie jeder andere. Sie funktioniere eher wie ein Geflecht, symbiotisch wie Pilz und Baum und Wurzelwerk im Walde. "Rotlicht, Vergnügen, Kneipen", sagt Ritsch, "das gedeiht nur mit- und nebeneinander. Das weiß man auf St. Pauli. Deswegen gehen Konkurrenz und Gewalt auch nie vom ansässigen Milieu aus. Wenn jemand Stress machte, dann kam der immer von außen." 

Auch bei der Polizei heißt es, dass betrunkene Touristen den Beamten mehr Sorgen machten als das Milieu. Junggesellenabschiede, bei denen rosafarbene Feengruppen den Maximalabsturz heraufbeschwören, Schlagermove-Leichen oder mit Tequila zugedröhnte Heranwachsende sind ein unberechenbares Risiko, schwerer zu kontrollieren als Zuhälter, Gauner und Ganoven, in deren Kreisen die großen Fische ohnehin aufpassen, dass die kleinen keinen Ärger machen.

Innenaufnahme der Kneipe "Silbersack" auf der Reeperbahn

Wenn die Frauen von der Insel Föhr einmal im Jahr im "Silbersack" feiern, hört man endlich wieder Platt. Hier hat schon Hans Albers gesungen.


Fragt man Heinz Ritsch, was das Besondere an St. Pauli sei, sagt er: das Liebevolle. "Wenn einer sich von einem Schicksalsschlag erholen muss, wenn einer gestrandet ist, kann er hier wieder hochkommen. Woanders bist du schnell verloren, wenn mal was schiefläuft in deinem Leben." St. Pauli sei ein Ort, an dem Dinge passieren, die nirgendwo sonst passieren können. Wenn man zugrunde gehen möchte, dann kann man sich hier in Ruhe zu Tode saufen, und alle verstehen, dass einen das Leben an so einen Punkt führen kann.

Im "Handschuh" sind alle gleich: Kaputt, menschlich, besoffen

Ein Ort, der jeden Angespülten annimmt, sieben Tage die Woche, 24 Stunden lang, ist der "Goldene Handschuh". Jörn Nürnberg erbte die Kneipe am Hamburger Berg von seinem Vater Herbert, einem bekannten Boxer. Mittlerweile stehen seine zwei Söhne hinterm Tresen. Der "Handschuh" ist ein Ort, an dem alle gleich sind, kaputt, menschlich, besoffen. Einmal soll hier einer wegen ungünstiger Schichtwechsel zwei Tage schlafend auf dem Hocker gehangen haben, bis jemand merkte, dass er tot war. Ein Juwelier hat hier seinen ganzen Laden versoffen. Der Serienmörder Fritz Honka gabelte im "Handschuh" die Frauen auf, die er in seiner Wohnung tötete, Nürnberg hat ihm den Rum-Cola oder den Korn-Brause abkassiert. Dass Honka ein paar der Frauen später zersägte, ahnte Nürnberg nicht.

Die Figuren aus dem Roman, den Heinz Strunk über den "Goldenen Handschuh" geschrieben hat, die Verkommenen und Zerbrochenen, er kennt sie in echt. "Die eine", sagt er, "die war so hässlich, man kann es kaum beschreiben. Sie sah mit 50 aus wie 93 und trug immer nur Kittel. Ihre Brüste hingen über der Hüfte, und zwischen den Brüsten", er schwört, dass das stimmt, "war Dreck."

Ein guter Freund von Jörn Nürnberg ist Horst Fascher, der mit seinem Bruder Uwe auch viel erzählen kann über den Kiez. Sie kennen ihn noch aus einer Zeit, als das Faustrecht galt und nicht um sich geschossen wurde. Uwe: "Auf die Fresse ging immer, aber wer am Boden lag, den trat man nicht noch in den Magen."

Horst Fascher ließ die damals unbekannten Beatles 1962 im "Star-Club" auftreten. Sein Bruder Uwe besaß mehrere Striptease-Läden in der Großen Freiheit, unter anderem das "Tabu" und das "Regina". Gab es Ärger, riefen sie ihren Leibeigenen mit dem Spitznamen "Frau Fascher", ein Kerl, der dafür zuständig war, "selbst den größten Ochsen auszuknocken".

"Lennon bettelte auf Knien, dass ich ihn nicht nach Hause schicke"

Wenn Horst Fascher sich erinnert, klingt das so: "Die Beatles sollten bei mir im 'Star-Club' auftreten. Drei sind auf der Bühne, John Lennon nicht, der ließ sich einen blasen. Das war nämlich noch relativ neu. Eine Frau zum Reinstecken fand man leicht, aber das mit dem Blasen gab’s nicht überall. Das gab es nur auf St. Pauli!" John Lennon sagte später, er sei in Hamburg erwachsen geworden, nicht in Liverpool. Horst Fascher erzählt: "John hat auf den Knien gebettelt, dass ich ihn nicht nach Hause schicke."

"Natürlich hatten wir schon immer so kleine Tricks in den Läden", sagt Uwe Fascher. St. Pauli ohne Tricks, das sei ja wie Zirkus ohne Clowns. "Eine Flasche Sekt kostete damals 98 Mark. Aber wir hatten den Kellnern beigebracht, das ganz schnell zu sagen. Achtneunzig. Dann dachten alle 8,90. Aber von wegen. Und die ersten Striptease-Tänzerinnen hatten im 'Tabu' ihren Schniedel nach hinten abgeklebt. Ist aber niemanden aufgefallen. Nur bei einem platzte mal der Klebestreifen ab. Riesentheater!“

Heute sind die Fascher-Brüder in Rente. Das viele Geld, das sie gemacht haben - Geschichte. Aber sie bereuen nichts. Ihre schönste Zeit, sagen beide, hatten sie auf St. Pauli.

Kiez -Touristenführungen als florierendes Geschäft

Wo Horst Fascher damals den "Star-Club" betrieb, lockt heute "Olivias Show Club" mit Transen und Burlesque-Tänzerinnen. Die Dragqueen Olivia Jones betreibt drei Läden auf der Großen Freiheit, einen am Spielbudenplatz. "Was wir hier machen, ist ja kreativer Denkmalschutz", sagt die Riesin. Dass das alte St. Pauli ausstirbt, hält sie für Quatsch. "Allein für Billo-Ballermann-Tourismus müssen die Leute nicht herkommen", sagt sie. Die meisten Touristen suchten doch das Plüschige, das Verruchte, das Knallbunte, Verrückte. Während sie erzählt, lässt ihre Burlesque-Tänzerin Eve Champagne schon auf der Bühne die Pobacken kreisen. In ihrer Ritze blitzt ein Strasstanga auf, ein Relikt aus dem "Safari", das 2014 schloss.

Die Burlesque-Tänzerin Eve Champagne lässt in "Olivias Show Club" die Brüste "tasseln"

Die Burlesque-Tänzerin Eve Champagne lässt in "Olivias Show Club" die Brüste "tasseln", wie diese Technik hier heißt. Das Publikum ist beeindruckt.


Wer sich auskennt, erzählt vom Kiez -Touristenführungen haben sich in den vergangenen Jahren zum florierenden Geschäft entwickelt. Milieugewächse wie Inkasso-Henry bieten solche Rundgänge an. Für Olivia Jones laufen auch Lilo Wanders und Eddy Kante. Die begehrteste Tour: die von Jones selbst.

Werner weiß auch alles über den Kiez, wobei sein St. Pauli womöglich ein bisschen anders ist als das von Olivia Jones, Corny Littmann, den Fascher-Brüdern oder dem "Handschuh"-Wirt. Aber das war schon immer so, jeder findet seine Geschichten. Er versuche das jetzt übrigens auch über seine Internetseite mit den Touren, sagt Werner. Allerdings, muss er zugeben, bisher laufen seine Führungen nicht so gut wie die von Olivia. Er habe es nicht so mit Akquise und Marketing und Social Media. Doch irgendwie muss das Geld ja reinkommen.

Reeperbahn-Reportage: Olivias Show Club

Eve Champagne und Lee Jackson (r.) in der Garderobe von "Olivias Show Club". Small Talk klingt hier so: "Letztens hat mir einer gesagt, ich sei pervers. Da ist mir fast der Kaktus aus dem Arsch gerutscht!"


Fürs Poussieren ist er zu alt, immer so frisch verliebt, wer halte das schon durch? Dieses ewige: "Komm, Schatz, ich kaufe dir einen Chinchilla." Nein, nein, sagt Werner, das gehe nicht mehr. Und für die Vorstellung von gestern, das hat er ja bereits gesagt, gibt es heute keinen Applaus. 


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