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8. Januar 2010, 14:13 Uhr

Shopping unterm Schleier

Im Königreich Saudi-Arabien gilt die Scharia, das islamische Gesetz. Die Untertanen zahlen keine Steuern und Shoppen gilt als der schönste Zeitvertreib. Zara, Gucci, edle Dessous - alles gibt es in den Luxus-Malls. Nur keine Umkleidekabinen für Damen. Von Swantje Strieder

Saudi-Arabien, Riad, Shoppen, shopping, Schleier

Oben Schleier, drunter Spitze: Die Frauen verzichten nicht auf schöne Kleidung - trotz Abaya© Hassan Ammar/AP

An der Rolltreppe ist Schleierkontrolle. "Ladies Kingdom" steht da - Eintritt nur für Frauen. Die drei von Kopf bis Fuß schwarz verhüllten Damen greifen nach einem Zipfel des Schleiers vor ihrem Gesicht und lüften ihn für einen Moment. Der Sicherheitsbeamte des Kingdom Centers in Riad, einer der dekadentesten Konsumtempel der Welt, sucht nicht nach Revolvern oder Bomben unter dem schwarzen Umhang. Nein, er muss prüfen, ob Frauen wirklich Frauen sind und sich nicht etwa ein männlicher Voyeur in die rein feminine Welt im zweiten Stock des saudiarabischen Kaufhauses einschleicht. So will es der Koran, heißt es.

Ein männliches Wesen ist dort so unerwünscht wie in einem Harem, schließlich könnte er nackte Frauenschultern, tiefe Dekolletés oder gar ein freies Bein erspähen, wenn die Saudi-Damen ihre Modellkleider aus Paris, Rom oder New York anprobieren. Die modischen Teilchen werden sie nur daheim für ihren Ehemann oder auf Frauengesellschaften tragen. Auch westliche Besucherinnen müssen sich in eine Abaya, einen langen schwarzen Kittel, hüllen. Bis zum Hals zugeknöpft und einen schwarzen Schal griffbereit auf den Schultern, falls die Mutawa, die berüchtigte Sittenpolizei, Anstoß an unbedeckten Haaren nehmen sollte.

Ein Leben mit Begleitschutz

Saudi-Arabien ist das Land mit der strengsten Geschlechtertrennung der Welt, selbst beim Shoppen wacht die "Kommission zur Verbreitung der Tugend und Verhinderung der Sünde". Es ist eine Zeitreise der besonderen Art, zu der westliche Touristen bislang kaum Zutritt haben. Zwar haben viele arabische Frauen in England oder Amerika studiert, benötigen aber ihren Vater, Bruder oder Ehemann als Vormund, um zu arbeiten, zu reisen oder zum Arzt zu gehen. Eine äußerst sittenstrenge Monarchie, in der die Todesstrafe durch Enthauptung bis vor kurzem auf einem öffentlichen Platz in der Hauptstadt Er Riad, stattfand. Der 84-jährige König Abdullah gewährte seinen Untertanen kleine liberale Öffnungen. Erstmals sitzt eine Frau im Kabinett - trotz aller Proteste der religiösen Hardliner.

Saudi Arabien bedeutet Mittelalter und 21. Jahrhundert zugleich: Auf den mit Palmen gesäumten Boulevards der glitzernden Hauptstadt sieht man mehr Nobelkarossen und benzinschluckende Geländewagen als in Los Angeles. Der Liter Sprit kostet lächerliche 11 Cent. Aber keine einzige Frau sitzt am Steuer. Sie dürfen kein Auto fahren und trösten sich mit stundenlangem Plausch am Diamanten besetzten Handy oder mit einem Kurztrip nach New York. Er Riad - zu Deutsch "Gärten" - liegt mitten in der Wüste, besitzt aber großzügig gestaltete Parks und Grünanlagen, ein Nationalmuseum, das die Staatsbürger und -bürgerinnen wegen der Geschlechtertrennung nur an verschiedenen Tagen betreten können.

An den Universitäten des Wüstenstaates studieren mehr junge Frauen als Männer, aber die Studentinnen dürfen die Vorlesungen nur in abgeteilten Sälen per Bildschirm verfolgen - außer bei praktischer Medizin. Frauen haben ihre eigenen Fitness Center und Clubs, wo sie joggen, schwimmen, Tennis spielen oder reiten können - hinter hohen Mauern. Frauen haben Medien- und Verwaltungsberufe erobert. Klingelt der Pizza-Bote oder betritt ein Telefon-Techniker das Büro, müssen sie sich sofort verschleiern. Frauen und Männer, die nicht miteinander verheiratet sind, dürfen sich nicht im gleichen Raum aufhalten. So wird der Koran in Saudi-Arabien ausgelegt.

Shoppen bedeutet Freiheit

In der Mall genießen die Frauen ihre Freiheit - wenn auch nur auf einem einzigen Stockwerk. Auch Kinder mögen Malls, weil sie dort in einer arabischen Disneyland-Version auf dem Kunstkamel reiten, Karussell fahren oder mit ihrer tief verschleierten Babysitterin bei McDonald's einen Cheeseburger mampfen. Auch Männer mögen Malls, wo es, bei unerträglichen 40 Grad Hitze draußen, künstliche Kälte (22 Grad), künstliche Palmen und künstliche Wasserfälle gibt. Bei "Starbucks" im Erdgeschoss sitzen junge Beduinen mit rotkariertem Kopftuch und im langen weißen Hemd, trinken Cappuccino und rauchen mit blasierter Attitude. Hier gilt der blaue Dunst noch als hip.

Die Frauen amüsieren sich im zweiten Stock der Mall. Während sonst in der arabischen Welt Verkäufer ein Männerberuf ist, gibt es hier jene Art von diskreten weiblichen Angestellten, die wissen, wie sie goldene Kreditkarten unfallfrei durch die Maschine ziehen. Hier oben liegt das Luxussegment: Armani, nicht so sportiv elegant wie etwa in Rom, eher Gerüschtes und Gerafftes, feminine enge Kleider, tiefer Ausschnitt und durchsichtige Schleier mit Pailletten. Bei Saks Fifth Avenue gibt es schreiend bunte Gewänder, bei Gucci Gürtel, Taschen und Stiletto-Absätze ohne Ende.

Der Höhepunkt des Ladies Kingdom aber ist La Perla, bekannt für Dessous, die ausgerechnet hier gewagter als in jedem Playboy-Magazin erscheinen: Rüschen, Röschen, Strapse, Stringtangas, die aus nicht viel mehr als einem Stückchen Zahnseide bestehen, grüngelber Bikini mit Leuchtgürtel und Negligés in pink und schwarz, die so gut wie nichts verhüllen. Der Gipfel der Verführung ist ein fast durchsichtiger BH in Form von zwei goldenen Drachen, die mit ihren Krallen rechts und links neckisch die Brüste umschlingen. Liegt mitten im Schaufenster, vor dem gerade kichernd eine Schar Frauen, offenbar eine Großfamilie, vorbeizieht. Zwei behinderte junge Damen im Rollstuhl, um die ihre kleineren Schwestern in schwarzen Kinderabayas herumhüpfen, drei philippinische weibliche Bedienstete und vorweg marschiert die respektheischende Frau Mama. Sie alle scheinen sich wunderbar zu amüsieren. An der Rolltreppe legen die jungen Mädchen ihren Gesichtsschleier wieder an, die Mama hatte ihn ohnehin nicht abgelegt.

Von Swantje Strieder
 
 
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