Keine Macht mehr, kein Geld mehr, aber Riesenimmobilien an der Hacke - die einstigen Herrscher Indiens sind prachtvoll verarmt. Um wenigstens die Unterhaltskosten für ihre Märchenschlösser einzuspielen, vermieten immer mehr adlige Familien ihre guten Stuben an Touristen. Von Bettina Sengling

Wer beten will, muss rudern - Der Haustempel des Maharadschas von Dungarpur prunkt wie ein Wasserschlösschen auf dem See von Dungarpur© Florian Jaenecke
Seine Hoheit Dr. Digvijay Singh trägt Flip-Flops und einen braunen Baumwollanzug, die Frisur ist noch vom Mittagsschlaf derangiert. Müde lässt er sich in einen verstaubten Sessel plumpsen. "Die Hitze!", stöhnt der Fürst. Jeden Mittag wälzt sie sich über Wankaner, das kleine Wüstenstädtchen in Gujarat, Westindien. Selbst die Fliegen brummen träge, und der alte Ventilator an der Decke wühlt erschöpft in der heißen Luft herum. Die Lobby des Gästetrakts sieht wie der Wartesaal eines Zahnarztes aus, der vor Jahren aus dem Leben geschieden ist. Staub begräbt einen alten Zeitschriften-Packen, Spinnen haben sich in den Zimmerecken häuslich eingerichtet. Ein Diener bringt Cola. "Unser Familienanwesen ist das Werk meines Großvaters", sagt Digvijay Singh, 75. "Er war ein genialer Herrscher in einem kleinen Staat."
Über das heutige Indien möchte der Maharadscha natürlich nichts Negatives sagen. "Ich bin ein überzeugter Demokrat!", behauptet Singh. Die Entmachtung der Maharadschas hält er trotzdem für einen größeren Fehler der Weltgeschichte. "Jeden Tag frage ich mich: Wann bekomme ich mein Königreich zurück?" Die Familie hat keine Macht mehr, kein Geld, und die sechs Oldtimer in der Garage sind auch kaputt. Nur das Schloss ist noch da, wie ein alter Porzellanteller, der zufällig den Krieg überstanden hat. Hilflos muss Digvijay Singh mit ansehen, wie sich die drei Dutzend Zimmer seiner Kindheit in eine Ruine verwandeln. Zu allem Unglück bebte im Januar 2001 die Erde. "Mutter Erde hat es nicht gut mit uns gemeint", sagt der Fürst. Das Erdbeben zerstörte den Uhrenturm und gestaltete das Leben im Familienschloss nicht eben gemütlicher. Der Fürst und auch sein Vater, der fast 100-jährige alte Maharadscha von Wankaner, mussten in den Gästetrakt des Anwesens übersiedeln.

Im Festgewand posiert Fürst Harshvardhan Singh mit seiner Frau Priya Darshini Kumari und der Tochter Shivanjali© Florian Jaenecke
Dort sind seit Jahren auch Touristen willkommen. Die meisten Maharadschas vermieten Zimmer in ihren Palästen, für die sie sonst kaum die Stromrechnung zahlen könnten. Glück für die Gäste: Wer bereit ist, sich nur ein bisschen von den üblichen Routen durch Rajasthan zu entfernen, kann sich günstig in Maharadschas Wohnzimmer einmieten. Auch der Herbergsbetrieb neben dem Märchenschloss von Wankaner soll eigentlich den Unterhalt des Palastes sichern. Das klappt nicht, denn die Reisebusse der Touristen stoppen nicht im verflossenen Königreich des Herrn Singh. Doch der Fürst hat Prinzipien. Hartnäckig empfängt er jeden Besucher persönlich und so höflich, als seien die Touristen Staatsgäste in wichtiger Mission. Widerstand zwecklos. Ein Diener schlurft herein und bringt ein Schlüsselbund, das aussieht, als brauche man dafür einen Waffenschein. Der Maharadscha möchte das Schloss zeigen. Er führt gerne durch die Gemächer, durch vier Stockwerke und sechs Terrassen, in Wintergärten, hundert Treppenstufen in den Keller hinunter, ins Familienmuseum, in die Gärten, auf die Pferdekoppeln, in den Frauentrakt und in die königliche Garage.
Er zeigt den Billardtisch, den Thron, und er würde auch die Pistolensammlung des Großvaters zeigen, wenn in der Schatzkammer das Licht funktionierte. Die Schlossführung wäre, ernsthaft betrieben, eine Aufgabe für Tage. Das Anwesen ist riesig, protzig und kitschig. Aber es sieht auch verwunschen aus, so als sei gerade eben Dornröschen hier eingenickt. Auf den Korbsesseln im Wintergarten vergilben alte Grußkarten, Anzüge hängen im Schrank, und das Badezimmer des Maharadschas hält noch die Zahnpasta bereit. Auch architektonisch ist der Palast wundersam. Gotische Bögen vereinen sich mit Renaissance-Giebeln, klassizistischen Säulen, Art déco und Elementen eines überdimensionalen Playmobil- Schlosses. Digvijay Singh verrät, warum: „Mein Großvater hat alles selbst entworfen!“ „Haben wir Strom?“, fragt der Fürst einen seiner letzten Diener. Im Speisesaal des Palastes geht das Licht an. Die Räume sind hoch wie ein Kirchenschiff, die Treppen aus weißem Marmor, mächtig wie im Schloss von Sissi. Warten, bis jemand aus Italien die Lampen repariert Ein blauer Läufer schlängelt sich zwischen Sofas, Sekretären und Dutzenden Vitrinen, die der Großvater einst aus England in die Wüste schleppen ließ. Nur die Leuchter aus echtem Murano- Glas stammen aus Italien. "Leider sind sie seit dem Erdbeben kaputt", sagt der Maharadscha. "Ich habe nach Italien geschrieben, damit der Leuchter repariert wird. Bislang haben sie noch niemanden geschickt." Bis zum Erdbeben teilten sich der alte 100-jährige Maharadscha, der Fürst und dessen Sohn die über tausend Quadratmeter Wohnfläche. Jeder von ihnen hatte eine Etage. Die Gattin des heutigen Maharadschas, die mehrere Jahre lang als Fotomodell in New York arbeitete, lebt bis heute im Frauentrakt. "Es ist der Wunsch meiner Frau, so zu leben, wie es unserer Tradition entspricht", sagt der Fürst. "Sie wollte nicht, dass sich der Maharadscha durch ihre Anwesenheit beengt fühlt." Will der Fürst sie besuchen, ist er zehn Minuten zu Fuß unterwegs.
Touristen wohnen in dem Gästetrakt oder im Gästehaus, das früher einmal die Sommerresidenz der Maharadschas war. Großvaters Erbe ist auch hier nicht in optimalem Zustand. Ein mehrstöckiger Pavillon im Garten steht unter Wasser, dafür ist das Schwimmbad mit den Jugendstilstatuen leer. Am Abend deckt ein Diener im Speisesaal zum Dinner. Der Maharadscha isst mit, damit er sich mit den Touristen unterhalten kann, einem Paar aus Frankreich. "Ich liebe Europa!", bekennt der Fürst. In Oxford studierte er einst Geografie, aus Liebe zu Landkarten. Er liebt auch Deutschland, besonders die Wildwechselschilder an den Autobahnen. "Ich habe kein Volk erlebt, das so naturlieb ist wie die Deutschen!", sagt Herr Singh, der unter Indira Gandhi indischer Umweltminister war. "Ich kenne Deutsche, die in den Wald gehen, um zu hören, wie die Hirsche röhren!" Maharadschas denken bei solchen Geräuschen eher an ihr bevorzugtes Hobby. "Es liegt in der Natur von Königen zu jagen", sagt der Fürst. Das ist nicht zu übersehen. Acht Tiger gucken im Esszimmer von der Wand, und auch die Wohnaccessoires in den anderen Sälen versprühen den Charme eines Naturkundemuseums.
Übernommen aus ...
Stern
Ausgabe 43/2007