Böser Touri - guter Touri

20. März 2007, 06:30 Uhr

Touristen können die Welt verschandeln oder aber die Welt verbessern. Vorausgesetzt, man geht die Sache richtig an. Etwa im Djuma Game Reserve in Südafrika und der "Käsestraße Bregenzer Wald" in Österreich - zwei Beispiele für faires Reisen. Von Marc Goergen und Monika Bender (Fotos)

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Mit den Einnahmen aus den Lodges werden vier Schulen und ein Kindergarten finanziert. Demnächst wird eine Klinik gebaut©

Drei Jahre ist es her, da beschloss die Regierung Ibizas, quer über die Insel zwei Autobahnen zu bauen. Seit 2005 durchpflügen nun Planierraupen Obstgärten und plätten Walzen Asphaltbänder in die Landschaft. 500 Millionen Euro veranschlagt die Provinzregierung für die 25 Kilometer Schnellstraße - auf einem Eiland, dessen breiteste Stelle gerade mal 40 Kilometer beträgt. Allerorten sprießen Apartmenthäuser aus dem Boden, dabei scheint die Sonneninsel mit über vier Millionen Touristen schon jetzt nicht mehr aufnahmefähig. Der Protest der Einwohner bleibt ungehört. So brutal kann Tourismus sein.

Es geht aber auch anders: Anfang der Neunziger erbte der Südafrikaner Jurie Moolman von seinem Vater eine Lodge am Rande des Krüger-Nationalparks. Moolman renovierte nach ökologischen Maßstäben und machte aus den einfachen Jagdhütten ein Luxusresort - zum Wohle seiner Nachbarn. Mit den Einnahmen finanziert er mittlerweile vier Schulen in der Nähe, und 65 Männer und Frauen aus den Nachbardörfern finden bei ihm Arbeit. Moolmans Djuma Lodge - Djuma bedeutet auf Deutsch Löwenschrei - besteht aus drei Siedlungen mitten in der Savanne, die edelste davon mit Luxus à la "Jenseits von Afrika". Jede einzelne der acht Hütten besteht aus riesigem Schlaf- und Badezimmer samt Wanne und Außendusche, dazu gibt's einen Extraleseraum und eine Terrasse mit privatem Pool. Schon hier lässt sich wunderbar die Zeit verträumen. Besonders wenn, kaum 30 Meter entfernt, Elefanten mit schweren Schritten zum Wasserloch trotten, um sich einen Rüssel frisches Nass zu gönnen.

Auch hier geht es hauptsächlich um die Tiere

Noch mehr aber zeigen die Safaris morgens und abends, worum es in Djuma wirklich geht: die Tierpracht des schwarzen Kontinents. Erfahrene Führer geleiten die Gäste durchs Reservat, die Sonne ist glutrot, und dann, hinter einer Biegung, tauchen sie plötzlich auf: Dutzende von Antilopen. Hyänen queren scheinbar ungerührt die Straße. Giraffen schreiten mit langen Schritten wie in Zeitlupe. Schließlich die Könige der Savanne: Löwen, Leoparden, selbst seltene Geparden mit ihren hohen Stimmen, die eher an Welpen als an todbringende Räuber erinnern.

350 Euro pro Nacht kostet die faire Luxusnacht in einer Djuma Lodge©

Stolze 350 Euro pro Nacht kostet der Luxus. Damit aber unterstützt der Gast auch direkt die Region. "Als ich das Land von meinem Vater geerbt habe, hab ich gesagt: Entweder ich verkaufe das Land, oder ich mache damit etwas Sinnvolles", sagt Moolman. Der 40-Jährige entschied sich für Letzteres. Schon jetzt finanziert er mit den Lodge-Einnahmen die Schulen, für das nächste Jahr ist gemeinsam mit anderen Spendern der Bau einer Klinik geplant. Kosten: eine halbe Million Euro. Auch Moolmans Angestellte profitieren von der sozialen Einstellung ihres Arbeitgebers. Die meisten stammen aus Nachbardörfern. Anstatt aber nur als billige Kellner angeheuert zu werden, bietet Moolman ihnen Aufstiegschancen. Schon in den Achtzigern kämpfte der Hotelier als Weißer für die Rechte der Schwarzen im Apartheidstaat Südafrika, landete dafür mehrmals im Gefängnis. Das Engagement hat er sich bewahrt: Seine Köchinnen werden von eingeflogenen Maîtres unterrichtet und kreieren erst später die Menüs nach eigenen Ideen. Wer als Gärtner anfängt, kann es nach dem Besuch einiger Kurse zum Manager einer Lodge schaffen.

Etwas über Tiere lernen, statt sie zu schießen

Aubry Ngobeni etwa, ein 43-jähriger Fährtenleser, arbeitete schon für Moolmans Vater. Damals bestand Tourismus noch vornehmlich aus Großwildjagd. Das Lesen der Spuren, zu unterscheiden zwischen dem vierzehigen Abdruck des Flusspferdes und dem dreizehigen des Nashorns, all dies hat er noch von seinem Großvater gelernt. Heute thront er auf einem Extrasitz am Kotflügel und späht nach Fährten. Bald wird er den Gästen auch fachkundig Fauna und Flora erklären - so er denn die letzte Prüfung zum Reservatsführer besteht. Moolman hat ihn dazu motiviert und die Hälfte der Kosten übernommen. In seiner Freizeit büffelt Ngobeni nun Englisch und Gesprächsführung, ergänzt sein Ahnen-Wissen mit moderner Wissenschaft. "Früher kamen die Touristen hierher, um Löwen zu schießen", sagt Ngobeni. "Heute kommen sie, um von uns etwas über die Tiere zu lernen. Was mir lieber ist, können Sie sich denken."

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