. .
News am 21.11.2009
RSS Mobil Wetter stern.de Blogs Hefte
4. November 2009, 12:07 Uhr
Schriftgröße: A A A

Gegenwart schlägt Tradition

Bayern München steht nach der 0:2-Pleite gegen Girondins Bordeaux vor dem Aus in der Champions League. Trainer Louis van Gaal weigert sich, der Wahrheit ins Auge zu blicken. Das ist verständlich, weil auch er den Zustand der Mannschaft zu verantworten hat. Von Klaus Bellstedt, München

Fußball, CL, Champions League, FC Bayern München, Bordeaux

Nachdenklich nach der Bordeaux-Pleite: Louis van Gaal, Trainer des FC Bayern© Peter Kneffel/EPA

Ein Club wie der FC Bayern muss immer gewinnen", hatte Louis van Gaal am Montag vor der Champions-League-Partie gegen Girondins Bordeaux gesagt. Und er fügte noch einen Satz hinzu: "Dass Bayern bei großen Spielen einfach da ist, das ist Tradition." Was der eigenwillige van Gaal nicht wahrhaben möchte: Bei den Bayern hat die Gegenwart die Tradition längst eingeholt. Bei der 0:2-Heimspielpleite in der Champions League gegen Bordeaux konnten sich davon 69.000 Zuschauer in der ausverkauften Allianz Arena und Millionen vor den TV-Geräten eindrucksvoll überzeugen. Und eigentlich hätte es auch der Trainer sehen müssen. Aber er weigerte sich, der Wahrheit ins Auge zu blicken.

"Wir haben die Ordnung gehalten und viele Chancen kreiert. Am Ende waren es Kleinigkeiten, die dieses Spiel entschieden haben", flüsterte der Bayern-Coach nach der bitteren Niederlage, die für die Münchener fast schon gleichbedeutend mit dem K.o. in der Gruppenphase ist, ins Mikrofon. Es war eine gespenstische Stimmung im Presseraum des FC Bayern. Das Licht im Saal wurde extra abgedunkelt, um den gebeutelten Trainer im besseren Licht oben auf der Bühne darstellen zu lassen. Franz Beckenbauer hatte Louis van Gaal nach der 1:2-Niederlage in Bordeaux vor 14 Tagen "ratlos" gesehen. An diesem späten Dienstagabend war nicht mal mehr Ratlosigkeit zu beobachten. Bayerns Trainer wirkte mutlos. Und hilflos. Das hatte er mit seinem Team übrigens gemein.

Starensemble ohne Selbstvertrauen

Das Münchner Starensemble agierte beinahe über die gesamten 93 Minuten ohne Selbstbewusstsein. Eine Charaktereigenschaft, die vor allem in der Königsklasse des Fußballs von Nöten ist, weil man dort eben nicht auf zitternde Mauertruppen wie Eintracht Frankfurt trifft. Da stehen einem Ballkünstler gegenüber wie die aus Bordeaux, die wissen, wie man Ball und Gegner laufen lässt und deren Pässe mit einer beeindruckenden Präzision und Sicherheit immer exakt die Füße der Teamkameraden finden. Bayern fehlen in Abwesenheit von Franck Ribéry und in halber Abwesenheit von Arien Robben genau solche Spielertypen. Noch so eine Erkenntnis dieses kalten Novemberabends von München.

80 Millionen Euro hat der Verein vor der Saison für Neuverpflichtungen ausgegeben. Und immer häufiger müssen sich die Herren Rummenigge, Hoeneß und van Gaal bohrende Fragen nach der Qualität dieser Spieler gefallen lassen. Das war schon vor der Partie gegen Bordeaux so - und dürfte jetzt weiter zunehmen. Edson Braafheid und Danijel Pranjic wirken wie Fremdkörper in dieser Mannschaft, Anatoli Timoschtschuk verkommt zunehmend zur Verschiebemasse und Mario Gomez scheint an der Last des Auswechselspielerdaseins langsam aber sicher zu zerbrechen. Vier Beispiele die zeigen, dass 1. die falschen Spieler verpflichtet wurden (Braafheid/Pranjic) und 2. es der Trainer immer noch nicht geschafft hat, internationale Spitzenspieler vom Schlage eines Gomez in diese, in seine Mannschaft, zu integrieren.

Van Gaals kleine Erleuchtung

Stattdessen weicht Louis van Gaal nicht von seiner Linie ab, alle Spieler gleich zu behandeln. Ein fast schon selbstmörderischer Plan, der bei einem beschaulichen Club wie Alkmaar aufgehen mag, bei einem europäischen Spitzenverein wie dem FC Bayern mit seinen vielen Stars aber niemals funktionieren wird. Das fußballerische Kunstgebilde FC Barcelona dient Louis van Gaal als Vorbild. Das betont der schrullige Kauz immer wieder. In zwei Jahren wollte er die Bayern soweit haben. Jetzt, nach dem 0:2 gegen Bordeaux, steht der Club vor dem viel zu frühen Aus in der Königsklasse. Und das lag nicht an "Kleinigkeiten".

Van Gaal versuchte im Dämmerlicht des Presseraums krampfhaft, die Niederlage an eben solchen festzumachen. Man konnte ihn sogar verstehen. Natürlich war es Pech, dass Schiedsrichter Pedro Proenca nach dem Schuss von Miroslav Klose und dem anschließenden Handspiel von Ciani auf der Linie nicht auf Elfmeter entschieden hatte. Aber: Das war nicht der Grund für diese Pleite. Es war der uninspirierte und konzeptlose Auftritt des FC Bayern, der es soweit kommen ließ. Plötzlich hat man das Weiterkommen nicht mehr selber in der Hand. Ein Horrorszenario für die sonst so erfolgsverwöhnten Münchener, die es eigentlich gewohnt sind, von der Spitze zu grüßen. Oder sollte man besser sagen: gewohnt waren?

Fakt ist: Der Trainer hat die fußballerischen Probleme in seinem Team noch immer nicht gelöst. Louis van Gaal muss erfolgreich sein und dabei schönen Fußball spielen lassen. Beides hat er bis zum heutigen Tag nicht geschafft - zumindest nicht im erwünschten Ausmaß. Und das Spiel gegen Bordeaux macht nicht eben Hoffnung, dass schon in naher Zukunft Besserung in Sicht sein wird. Den Ernst der Lage hat van Gaal wohl erkannt: "Wir hatten heute nicht das Glück auf unserer Seite", sagte er - und fügte hinzu: "Aber das darf ein Trainer seinem Team auch nicht immer sagen." Das war dann schon so etwas wie eine kleine Erleuchtung. Immerhin.

Abstimmung

Wieviel Zeit sollte man Louis van Gaal bei den Bayern noch geben?

Abstimmen Ergebnis anzeigen
Von Klaus Bellstedt, München
KOMMENTARE (10 von 38)
 
tatanuna (06.11.2009, 00:45 Uhr)
Fehleinkäufe
aber ja, 35 Mios für Gomez, da hätte man lieber Johannes Heesters verpflichtet, dann wäre man BL-Spitze. Es wird Zeit, das dieser Verein absteigt, icht weil mir der Verein unsymphatisch ist, sondern die Herren aus der Vorstandsetage.
bita87 (05.11.2009, 21:17 Uhr)
Was soll ich sagen??
Ich finde das, was hier gerade an Kommentaren geschrieben wird, einfach lächerlich. Es gab und wird nie einen Bayernbonus geben. Jeder, der sich halbwegs mit der Bundesliga beschäftigt, und auch nur einen Funken von Fußballverständis hat, der wird merken, dass es keinen Bayernbonus gibt - vielmehr muss man sagen, dass die Bayern jedes Jahr, obwohl sie Offensiv eine der stärksten Mannschaften der Liga sind, im Vergleich zu anderen Vereinen viel weniger Elfer für sich gesprochen bekommen - also bitte, erfindet nicht aus Neid grundlose Behauptungen.

Um zum eigentlichen Thema zurückzukommen, ist es nicht besonders verwunderlich, dass es bei den Bayern zurzeit nicht ganz rund läuft. Ribéry und Robben sind ständig verletzt, auch einem Toni fehlt die Spielpraxis und bei Mario Gomez läuft es einfach nicht so gut. Das ist einfach so, und kann, wie man sieht, ganz leicht dazu führen, dass man in der CL in der Gruppenphase ausscheidet. Ich denke nicht, dass das verwerflich ist - vielmehr ist es ein Beweis dafür, für wie stark die Münchner in den letzten Jahren waren, wenn man es als selbstverständlich ansieht, dass der FCB das Viertelfinale erreicht. So ist es eben, wenn einem Club 80 Millionen euro ausfallen(Ribéry, Robben u. Gomez). Die Bayern sind mit sehr großem Abstand der einzige deutsche Club, der die letzten Jahre regelmäßig International die Kohlen aus dem Feuer geholt hat, also sollten wir uns einmal darauf besinnen, was Hoeneß und Co geleistet haben.

Servus
vegefranz (04.11.2009, 16:59 Uhr)
@theobald: ich sehe da planmässiges Vorgehen

ich gehe auch nicht von bewussten Fehlentscheidungen aus. Allerdings sehe ich planmässiges Vorgehen von Wurst-Uli dahingehend, unliebsame Schiedsrichter per Bildzeitung tagelang an den pranger zu stellen.

ich erinnere mich gut an Kampagnen wie "der pfeift bei uns nie wieder ein spiel" via bildzeitungsschlagzeile. Unterbewusst haben die Schiedsrichter gegen München immer Angst vor diesem mobbing. resultat: der Bayern-Bonus.

In der CL fällt dieser vorteil weg. Resultat: Keine erfolge
Maddux (04.11.2009, 14:18 Uhr)
Die Zeit von Uli Hoeneß ist abgelaufen
Tolle Leistungen in den letzten Jahrzehnten, aber irgendwann ist halt mal Schluß. Dieses perfide Festhalten an immer noch mehr Geld investieren, reicht nicht aus. Hoeneß vergisst immer, dass bei Real Madrid oder Barca schon 10 Superstars vorhanden sind zu denen noch teurere dazukommen. Bei Bayern ist gar nichts vorhanden außer drei Mittelstürmer und zwei Außen, die meist verletzt sind. Das war's. Über Hoffenheim meckern und lästern aber von jedem deutschen Unternehmen die Mios einstecken und verpulvern. Wenn Bayern Spieler kauft, die vorher noch nicht in der Bundesliga beim Konkurrenten gespielt haben, kommt zu 95% Mist raus (Braafheid/Pranjic). Man sollte mal Geld in die Scoutingabteilung stecken als dauernd die Liga zu schwächen. Und vor allem mal EIGENE Kreativität entwickeln, das ist der Schlüssel zum Erfolg. Jeder drittklassige Jugendtrainer müsste mit dem Kader Meister werden, was trainieren die eigentlich die ganze Zeit???
R2D2 (04.11.2009, 13:40 Uhr)
Hoeness und Rumenigge feuern...
denn die haben mit Ihren 80 Mio Fehleinkäufen (Spieler und Trainer) das Debakel doch zu verantworten!

Die Konkurrenz investiert mit geringerem Einsatz viel intelligenter. Siehe HSV oder Werder Bremen. Die beiden Werksclubs aus Wolfsburg und Leverkusen haben sich ebenfalls sehr gut entwickelt. Dort funktioniert die eigene Talentförderung wesentlich besser und dort schießen die Spieler die Tore, die für Hoeness und Co nicht gut genug waren. Wie lange dürfen diese Chefstrategen den Verein eigentlich weiter in die Sch... reiten, bis was passiert? Sind Hoeness und Rumenigge denn wirklich unantastbar?
butcher99 (04.11.2009, 13:34 Uhr)
so schnell
wird aus einem Louis van Gaal ein Loisl von Blamage
rynaldo (04.11.2009, 13:22 Uhr)
Tempi passati
... wenn juckt denn noch, was vor 100 Jahren gegen Frankfurt passiert ist ?
theobaldtiger (04.11.2009, 13:10 Uhr)
@vegefranz:
Frankfurt ist höchstwahrscheinlich in München um den Sieg gebracht worden, aber von SR-Bevorzugung würde ich da nicht reden wollen. Ein war ein dummer Fehler des Mannes an der Seitenlinie.
@figaro: Wenn Sie alle Beiträge hier gelesen hätten, wäre Ihnen klar geworden, dass es eben k e i n Elfmeter war. Das Thema ist durch.
vegefranz (04.11.2009, 12:02 Uhr)
Schiedsrichterbevorzugung im Spiel gegen Frankfurt ....


ist nur ein Beispiel für den von den Seppls gerne geleugneten Bayernbonus.

In den letzten 20 Jahren gibt es eine nicht zählbare Anzahl von Fehlentscheidungen der Schiedsrichter zu Gunsten der Bayern.
figaroo (04.11.2009, 12:00 Uhr)
herr Bellstedt
"Man konnte ihn sogar verstehen. Natürlich war es Pech, dass Schiedsrichter Pedro Proenca nach dem Schuss von Miroslav Klose und dem anschließenden Handspiel von Ciani auf der Linie nicht auf Elfmeter entschieden hatte. Aber: Das war nicht der Grund für diese Pleite. "

vielleicht als info für Sie: die anderen können auch fußball spielen.. Juve hat sich zuhause zu einem 1:1 gegen bordeaux gerettet...

selbstverständlcih kann man besser spielen als gestern abend..

aber genauso selbstverständlich entscheiden eben doch kleinigkeiten.. und dazu gehört ein elfer ebenso wie der ausfall der beiden mit abstand besten spieler...und natürlich sind das auch gründe für diese niederlage!

schaut man sich spiele wie gegen Juve, gegen köln, gegen stuttgart und auch gestern gegen bordeaux an - dann liegt es halt nicht immer nur an der leistung - sondern eben auch an den berühmten 2,3 zentimetern, die fehlten....

ein neuer trainer, ein neues team, schlüsselspieler verletzt, schlicht pech - das erklärt nicht alles - aber es gehört zum thema dazu..

etwas mehr differenzierung würde ihnen deshalb gut tun - aber auflage ist offensichtlich wichtiger...
MEHR ZUM ARTIKEL
Champions League Bayern kassiert Heimpleite

Bitterer Abend in der Allianz Arena: Im entscheidenden Spiel gegen Girondins Bordeaux hat Bayern München im eigenen Stadion eine Schlappe kassiert. Nun droht das vorzeitige Aus in der Champions League. Der deutsche Meister Wolfsburg war erfolgreicher. mehr...

 
 
 
Aktuelle Extras
 
Adobe Flash Player

 
 
Fotocommunity
Fotocommunity

Treffpunkt für ambitionierte Amateurfotografie. Bilder hochladen und bewerten, sich mit anderen Austauschen. mehr...

Weblogs bei stern.de
Weblogs bei stern.de

Die Online-Tagebücher bei stern.de: Freie Autoren schreiben hier persönlich, direkt und eigenständig. mehr...

Information und Unterhaltung mit Günther Jauch
sternTV - Information und Unterhaltung mit Günther Jauch

Vertiefende Informationen zu der aktuellen und den vergangenen Sendungen von sternTV. mehr...