Im Fußball-Himmel, fast

6. April 2013, 18:28 Uhr

So viel Dominanz gab es in der Bundesliga nie: Angetrieben von den Misserfolgen der Vorsaison spielen die Bayern Rekordfußball. Und finden Erlösung wohl erst, wenn sie die Champions League gewinnen. Von Tim Schulze

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Jupp Heynckes genießt den Augenblick: Die Bayern lassen den Meistertrainer fliegen.©

Ausgerechnet in der Jubiläumssaison. Im 50. Jahr seit der Gründung hat der erfolgreichste Club Deutschlands der Bundesliga einen prägenden Stempel aufgedrückt wie noch kein Club zuvor. Der Platzhirsch hat sich national also genau zum richtigen Zeitpunkt zurückgemeldet. Das kann man stilsicher nennen. Und angemessen. Die Bayern sind Meister, aber nicht nur das: Sie haben den Titel am 28. Spieltag so früh gewonnen wie noch kein Team zuvor. Fast schon selbstverständlich ist es, dass sie ihren eigenen Rekord geknackt haben. Die bislang frühesten Meisterschaften der Bundesliga-Geschichte gelangen ihnen in den Spielzeiten 1972/73 und 2002/03 jeweils am 30. Spieltag.

Überhaupt haben die Bayern in 50 Jahren Bundesliga fast die Hälfte aller Meisterschaften geholt. Mit der aktuellen sind es 22 seit 1969. Nur die erste, 1932, fällt in die Vor-Bundesliga-Zeit. Die Roten regieren Fußball-Deutschland, in der aktuellen Spielzeit so stark und mächtig wie nie.

Jagd nach Rekorden geht erst in die heiße Phase

Und die Saison ist nicht zu Ende. Die Jagd nach neuen Bestmarken geht jetzt erst in die heiße Phase. Mit elf Siegen in Folge haben sie den Rekord von Dortmund und Wolfsburg geknackt. Man kann so weitermachen mit Zahlen, Statistiken, Daten – die Bayern sind sportlich überall spitze. Nur in einer Kategorie liegt der stärkste Konkurrent vorn. In der vergangenen Spielzeit holten die Dortmunder insgesamt 81 Punkte. Die Wahrscheinlichkeit ist groß, dass die Bayern auch diesen Rekord brechen.

Die Gründe für die neue Dominanz sind vielfältig, aber sie speisen sich letztendlich aus einer Quelle. Uli Hoeneß hat es so formuliert: "Für uns war es gut, dass so ein Verein wie Borussia Dortmund gekommen ist. Er hat uns auf ein anderes Level geführt", sagte der Bayern-Präsident nach dem Pokalsieg im Februar über den einzigen ernstzunehmenden Rivalen. Ein Sieg, der nicht nur den Einzug in das Halbfinale bedeutete, sondern einer „Befreiung“ (Dante) gleich kam. Es war der bisher wichtigste Sieg der Bayern in dieser Saison. Er war Balsam auf die geschundene Seele.

Zu groß war die Schmach, zwei Jahre lang vom aufstrebenden Rivalen vorgeführt zu werden. Sechs Duelle ohne Sieg setzte es in dieser Zeit, darunter die schmerzhaften Niederlagen im Saisonschlussspurt und Pokalfinale vergangenes Jahr. Zwei Meistertitel in Folge wanderten nach Dortmund, der aufstrebende Rivale gewann sogar das Double. Verstärkt wurde die empfundene Demütigung durch die öffentliche Stimmung. Die Bayern waren zwar geachtet, die Dortmunder aber wurden für ihren modernen Powertempofußball geliebt. So funktioniert Fußball im Jahr 2012, war die Botschaft an die Münchner, die taktisch hinterherhinkten.

Der unbedingte Wille, es allen zu zeigen

Hinzu kam die bittere Niederlage im Champions-League-Finale "dahoam" gegen Chelsea. Drei Titel waren möglich und am Ende standen die stolzen Münchner wie einst Leverkusen anno 2002 drei Mal ohne Titel da. Schlimmer hätte es nicht kommen können.

Also handelt Hoeneß. Holt Matthias Sammer für den glücklosen Christian Nerlinger. Blättert über 72 Millionen Euro hin, um den ohnehin schon starken Kader zu verstärken. Javier Martinez (40 Millionen Euro), Mario Mandzukic (13 Millionen Euro), Xherdan Shaqiri (11,8 Millionen Euro) und Dante (4,7 Millionen Euro) werden eingekauft. Höhere Qualität, ein forcierter Konkurrenzkampf und ein Sportdirektor, der Willens- und Charakterstärke als Erfolgsgaranten predigt wie eine Glaubenslehre. Die Bayern pushen sich selbst – und es funktioniert. Vom ersten Tag an übernehmen sie die Tabellenführung. Im Pokal sowieso, aber auch in der Champions League sind sie Favorit. Dahinter steckt der unbedingte Wille, es allen zu zeigen – den Dortmundern und dem Rest Europas. Bislang haben sie alles richtig gemacht. Und sie machen mit einem attraktiven Fußball. Das Spiel gegen Juventus unter Woche war ein taktisches und spielerisches Meisterstück.

Der Mann, der dabei alle Fäden in den Händen hält trotz Sammer und Hoeneß, ist der Trainer. Jupp Heynckes ist der große Steuermann des FCB. Am Saisonende wird er 68 Jahre alt sein. Es ist seine letzte Saison bei den Bayern, dann kommt Pep Guardiola, der Wundertrainer vom FC Barcelona. Heynckes ist es, der das Starensemble mit seiner ganzen Erfahrung führt. Mit aller Konsequenz. Er degradierte Mario Gomez und Arjen Robben vorerst zu Bankdrückern. Sportdirektor Sammer, der sich gerade zu Beginn seines Wirkens zu forsch einmischte, wies er in die Schranken. Die Machtstatik im Club ist stabil, weil Heynckes ein starker Trainer ist. Und: Er hat die Mannschaft sportlich und taktisch weiterentwickelt.

Jetzt soll das Triple her

Heynckes wollte nicht nur die Schale wieder nach München holen. Das ist Pflicht und Ehre zugleich. Heynckes will mit den Bayern das zweite Mal in seiner Karriere die Champions League gewinnen. Und als Trainer zum ersten Mal den DFB-Pokal. Sollte ihm das Triple gelingen, dann wäre das ein weiterer Rekord für die Geschichtsbücher. Doch bis dahin ist es noch ein steiniger Weg. Die Niederlage gegen Arsenal zuletzt hat gezeigt, dass die Bayern nicht nachlassen dürfen, im Gegenteil, sie müssen noch besser werden.

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