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7. April 2007, 15:28 Uhr

Der große Bluff

Alle reden von Stress und Burnout. Dabei sind viele Menschen in ihren Jobs gelangweilt und unterfordert. Sie arbeiten nicht, sondern tun nur so, als ob - ein Verhalten, genauso verheerend wie das klassische Ausgebranntsein. Von Doris Schneyink

Nix zu tun im Job? Das gab es doch höchstens in der DDR. Falsch. Das gibt es auch im Turbokapitalismus© Mike Watson/F1 ONLINE

Szenen eines Arbeitsalltags: Alexander Kunstmann×, 33, bucht jeden Donnerstag für zwei Stunden einen Sitzungsraum. Aber die Sitzungen finden nie statt - außer im elektronischen Kalender der Firma, damit alle sehen, wie beschäftigt Kunstmann ist. "Ich bin zwar in dem Raum, treffe mich dort aber mit zwei Kollegen, und dann plaudern wir über Gott und die Welt", sagt Kunstmann. Die drei arbeiten in der IT-Abteilung einer Großbank.

Mit dem Zeigefinger auf der Tastatur rumhämmern

Anderes Beispiel: In einem Klinikum sitzen Verwaltungsangestellte vor ihren Computern und geben scheinbar Daten ein. Wenn man genau hinschaut, sieht man, dass sie mit dem Zeigefinger auf der Tastatur rumhämmern - eine typische Bewegung, wenn man sich die Zeit mit Onlinespielen wie Flashhuhn oder Pinguin vertreibt.

Für die Buchautoren Philippe Rothlin und Peter Werder sind das klare Fälle von "Boreout". Die Wortschöpfung bedeutet so viel wie "Ausgelangweiltsein" und ist das Gegenteil vom Burnout - dem Ausgebranntsein. "Stress zu haben ist sozial erwünscht", erklärt Peter Werder. "Wir wollten zeigen: Es gibt viele Menschen, die unterfordert sind, sich langweilen und stundenlang nichts tun." Weil das sozial nicht anerkannt ist, verstecken sie ihr Nichtstun mit großem Aufwand. Deshalb ähneln die Symptome des Boreouts denen des Burnouts: Man gibt sich unheimlich geschäftig, kommt früh ins Büro und geht spät, nimmt abends den Aktenkoffer mit, ohne ihn jemals zu öffnen. Man simuliert Engagement.

"Ein Schweißer kann nicht so tun, als würde er schweißen"

Im Handwerk und der Industrie ist das schlecht möglich. "Ein Schweißer kann nicht so tun, als würde er schweißen", sagt Philippe Rothlin. Der Boreout sei ein Phänomen der Dienstleistungsgesellschaft. Laut Umfragen identifizieren sich in Deutschland 87 Prozent der Arbeitnehmer nicht oder nur wenig mit ihrem Unternehmen; 69 Prozent machen lediglich Dienst nach Vorschrift, und 18 Prozent haben innerlich gekündigt. In den USA verbringen Beschäftigte in der Dienstleistungsbranche im Schnitt zwei Stunden am Tag mit privaten Dingen. Jeder dritte sagt, er fühle sich in seinem Job unterfordert, weil er zu wenig Arbeit habe oder zu wenig anspruchsvolle. Wie kann das sein? In der globalisierten Arbeitswelt, so die gängige Wahrnehmung, hat sich die Arbeit gnadenlos verdichtet, man muss den Job des entlassenen Kollegen mit erledigen und bewältigt sein Pensum nur mithilfe vieler Überstunden. Langeweile, das ist im Turbokapitalismus höchstens etwas für Beamte, reiche Erben oder Pförtner.

Langeweile ist etwas für viele. Peter Werder und Philippe Rothlin haben rund 100 Gespräche geführt - mit gut ausgebildeten Leuten aus den Bereichen Banken, Versicherungen, Werbung, PR und Verwaltung. Der "Boreout", so ihre Beobachtung, entwickelt sich vor allem im Schatten des Burnout. "In einem Team reißen ein oder zwei Leute die Arbeit an sich, für den Rest bleibt wenig übrig", sagt Philippe Rothlin. Anfällig für chronisches Gelangweiltsein sind Menschen, die sich nicht wirklich für ihren Beruf interessieren, die keinen Sinn in ihrer Arbeit sehen oder in der falschen Firma arbeiten. "Es sind Leute, die etwas leisten wollen. Sie sind nicht faul, sondern sie werden faul gemacht", sagt Peter Werder.

"Die Leute sind nicht faul, sie werden faul gemacht": Die Schweizer Unternehmensberater Peter Werder (r.) und Philippe Rothlin schreiben in ihrem Buch über ein Tabu© Mike Watson/F1 ONLINE

Alexander Kunstmann war "enttäuscht", als er merkte, wie anspruchslos seine Aufgaben in der Bank waren. Täglich blieben ihm drei, vier Stunden, in denen er definitiv nichts zu tun hatte. "Anfangs ist das noch ganz schön, Zeit für private Dinge zu haben, aber irgendwann fehlt die Anerkennung, man fühlt sich wie ein Schmarotzer", sagt Kunstmann. Mehrmals schlägt er seinem Chef neue Projekte vor. Aber der ist überarbeitet und winkt ab. "Sicher hat er sich zu wenig um mich gekümmert, aber ich wurde auch faul", gesteht Kunstmann. So wie der Gestresste sich an sein hohes Arbeitspensum gewöhnt, so gewöhnt sich der Unterforderte an sein niedriges. Viele Betroffene halten sich ab einem gewissen Punkt die Arbeit systematisch vom Leib. Effektiv ist die "Komprimierungsstrategie": Man klotzt zu Beginn eines Projektes richtig ran und ist schnell fertig. Das verrät man aber nicht, sondern liefert erst kurz vor dem Abgabetermin. So gewinnt man ein paar freie Tage, in denen man über die Gründung einer eigenen Firma nachdenken kann, im Internet den nächsten Urlaub organisiert oder bei Youtube Videos anschaut. "Es gibt ein wahnsinnig attraktives Angebot, mit dem ich mich am Arbeitsplatz vergnügen kann", findet Peter Werder. Das Internet sei aber nicht die Ursache für den Boreout, sondern nur ein Beschleuniger.

Eine ebenfalls populäre Methode, Arbeit vorzutäuschen, ist die "strategische Verhinderung": Man ruft seinen Kollegen, den man für die Erledigung einer Aufgabe braucht, genau dann an, wenn er mit Sicherheit in einem Meeting sitzt. "Dahinter steckt die Mär vom süßen Nichtstun, die Illusion, es sei toll, im Büro freie Zeit zu haben", sagt Rothlin. Ist es aber nicht. Die Betroffenen fühlen sich sehr schnell schlecht, sie sind gereizt und abends müde, obwohl sie nicht gearbeitet haben.

Vermutlich ist es einfacher zuzugeben, dass man Alkoholprobleme hat, als dass man seine Arbeit nur vortäuscht. Langeweile im Job ist ein Tabu. "Es gab bisher keine Diagnose für dieses Phänomen wie für Mobbing oder den Burnout", sagt Peter Werder. Wer sich eingesteht, dass er chronisch gelangweilt ist (s. Fragebogen), sollte sich die Gründe klarmachen und dann gucken, was tue ich jetzt? Den Job wechseln oder das Team, sich selbstständig machen oder noch mal weiterlernen? Alexander Kunstmann bewarb sich schließlich in der Bank um eine neue Stelle. Außerdem macht er ein Zusatzstudium und will nach dem Examen die Branche wechseln. Für die Sitzungen am Donnerstag hat er jetzt keine Zeit mehr.

x Name geändert

Philippe Rothlin, Peter R. Werder: "Diagnose Boreout - warum Unterforderung im Job krank macht", Redline Wirtschaftsverlag, 144 S., 17,90 Euro

Test

Ödet Ihr Job Sie an?

Wenn Sie auf die folgenden Fragen mehr als viermal mit Ja antworten, leiden Sie am "Boreout" oder sind auf dem Weg dahin. Ein Ja setzen Sie immer dann ein, wenn Sie mehrmals im Monat die abgefragten Dinge tun oder empfinden

JaNein
1. Erledigen Sie private Dinge während der Arbeit?
2. Fühlen sie sich unterfordert oder gelangweilt?
3. Tun Sie ab und zu so, als ob Sie arbeiten würden - tatsächlich haben Sie aber nichts zu tun?
4. Sind Sie am Abend müde und erschöpft, obwohl Sie überhaupt keinen Stress hatten?
5. Sind Sie mit Ihrer Arbeit eher unglücklich?
6. Vermissen Sie den Sinn in Ihrer Arbeit, die tiefere Bedeutung?
7. Könnten Sie Ihre Arbeit eigentlich schneller erledigen, als Sie dies tun?
8. Würden Sie gerne etwas anderes arbeiten, scheuen aber den Wechsel, weil Sie dabei zu wenig verdienen würden?
9. Verschicken Sie während der Arbeit private E-Mails an Kollegen?
10. Interessiert Sie Ihre Arbeit nicht oder wenig?

Gefunden in ... Stern Stern
Ausgabe 14/2007

Von Doris Schneyink
 
 
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