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9. Februar 2010, 18:54 Uhr

Muss Hartz IV komplett auf den Prüfstand?

Karlsruhe kippt Regelsätze

Nach der Reform ist vor der Reform: Auf stern.de diskutieren der linke Ökonom Rudolf Hickel und der neoliberale Kollege Johann Eekhoff über die Folgen des Hartz-Urteils und menschenwürdige Jobs.

Ein Ende dem Lohndumping

Der Urteilsspruch lässt nichts an Deutlichkeit vermissen: Die Vorschriften, die die Regelleistungen im Rahmen von Hartz IV für Erwachsene und Kinder bisher definieren, sind ohne wenn und aber verfassungswidrig. Zugleich wird die Aufgabe des "Grundrechts auf die Gewährung eines menschenwürdigen Existenzminimums" nach Artikel 1 GG definiert: Es "sichert jedem Hilfsbedürftigen diejenigen materiellen Voraussetzungen zu, die für seine physische Existenz und für ein Mindestmaß an Teilhabe am gesellschaftlichen, kulturellen und politischen Leben unerlässlich sind". Dem Bundesverfassungsgericht sei großer Dank.

Während sich die Politik in dieser Frage blamiert hat, sorgen die Grundgesetzwahrer für Gerechtigkeit. Diese Ohrfeige sitzt. Denn die Politik hat bisher mit statistischen Pseudomethoden und veralteten Daten immer wieder versucht, dieses ableitbare Existenzminimum dem haushaltspolitischen Opportunismus zu opfern.

Mit dem heutigen Regelsatz von 359 Euro, dem Zahlungen für die Unterkunft hinzugefügt werden, ist das Minimum einer finanziellen Basis für ein menschenwürdiges Leben nicht gesichert. Bei den bisherigen Abschlägen für Kinder (unter sechs Jahren 60 Prozent (215 Euro), unter 14 Jahren 70 Prozent (251 Euro) und zwischen 14 bis 18 Jahren 80 Prozent (287 Euro) offenbart sich die Willkür allerdings nie durch Überschreitung, sondern Unterschreitung des durch einen angemessenen Warenkorb bestimmten Existenzminimums für Kinder.

Hartz IV muss auf den Prüfstand

Vielfach ist auf die Perversion in Folge dieser prozentualen Abschlagsarithmetik hingewiesen worden. In vielen Bereichen - vor allem der Teilnahme an den Bildungseinrichtungen - ist der Finanzierungsbedarf bei Kindern vergleichsweise höher als bei Erwachsenen. Ärgerlich ist auch, dass der Anteil an Ausgaben für Zigaretten mit einem Abschlag den Kindern zugerechnet wird. Diesem Zynismus der Politik hat das Bundesverfassungsgericht ein Ende gesetzt. Jetzt müssen zeitnah und angemessen die Bedarfssätze ermittelt und fixiert werden.

Dieses Urteil sollte zum Anlass genommen werden, die gesamte Hartz IV-Regulierung auf den Prüfstand zu stellen. Dabei stehen zwei Kritikpunkte im Vordergrund: Ist die Zumutbarkeit prekärer Jobs, die auch noch ein Lohndumping verstärken, mit der Menschenwürde vereinbar? Ist es verfassungsrechtlich zulässig, die Empfänger dieser sozialen Leistungen erst einmal durch einen Verzicht auf Vermögen - bis zu einem verleibenden Rest-Schonvermögen - arm zu machen? Jedenfalls hat dieses Urteil sozialer Vernunft Folgen für andere Vorgaben zum Existenzminimum. Zu überprüfen ist, ob der Grundfreibetrag bei der Lohnsteuer mit derzeit 8004 Euro (Alleinstehende) dem verfassungsrechtlich reklamierten Prinzip der Existenzsicherung entspricht.

Zur Person Rudolf Hickel war bis 2007 Professor Politische Ökonomie mit dem Schwerpunkt Öffentliche Finanzen an der Universität Bremen und ist seit 2001 Direktor des Instituts Arbeit und Wirtschaft (IAW). Der Ökonom ist Mitglied im Wissenschaftlichen Beirat von Attac.

Zur Person Johann Eekhoff ist ist Professor für Wirtschaftspolitik an der Universität zu Köln. Er ist Mitglied des Kronberger Kreises, dem wissenschaftlichen Beirat der Stiftung Marktwirtschaft, sowie Botschafter der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft.

KOMMENTARE (10 von 35)
 
brigitteramsau (09.02.2010, 23:33 Uhr)
Stell Lohndumping unter Strafe...
Sperrt die Ministerpraesidenten die in China auftauchen um deutsche Arbeitsplaetze dort hinzuverlagern vor Gericht.

Schmeisst die Nichts leistenden Eliten aus dem Land, sollen sie doch in ihr gelobtes Land ohne Apanage ihr Glueck versuchen und beendet endlich die NATO-Mitgliedschaft und daemliche Einsaetze wie in Afghanistan.

Westerwelle und die anderen Schurken finden es mittlerweile gut das man gegen den Iran vorgehen muesste, u. a. auch mit einem Boykott der deutsche Arbeitsplaetze abbaut.

Schluss damit!
aretana (09.02.2010, 23:32 Uhr)
Über einen Punkt wird selten geredet,
nämlich den, dass Hartz 4 das grösste Subventionspotenzial für die Arbeitgeber ist.
Wieso bezahlt der Steuerzahler den Arbeitgebern Geld für Angestellte, die ja offensichtlich benötigt werden?
In meinen Augen ist das völlig verrückt , denn wie wir gesehen haben, werden dadurch die Gehälter gesenkt.
Das muss erst einmal abgeschafft werden.

confused (09.02.2010, 22:39 Uhr)
harz IV rauf
heisst dann für viele Zeitarbeiter - den job hinschmeissen da sie dann genausogut zu hause bleiben können und H vier beantragen , oder wer ist nicht lieber zuhause anstelle für minimalstundenlohn arbeiten zu gehen ??
schöne gesetze in D-Land so schön sozial... nieder mit der arbeit her mit H vier heisst es wohl in dem Land
knilch_59 (09.02.2010, 21:54 Uhr)
@medienbeaobachter: Lohnabstandsgebot
Die logische Konsequenz aus der Prügel, die das BVerfG ausgeteilt hat, wäre wirklich mal die Trennung zwischen Arbeitenden und Nichtarbeitenden. Kinder, die die Schule ordentlich hinbekommen und Eltern, die das managen, arbeiten!!!! Nur bekommen sie kein Geld dafür.
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Also: Mindestlohn PLUS ein Ersatz für diesen Mindestlohn für diejenigen, die eben nicht ERWERBSarbeiten können.
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Und Sozialhilfe / ALGII für die, die ERWERBSarbeiten könnten, es aber trotzdem nicht tun. Und schon hätten wir mit diesem blöden "Lohnabstandsgebot" (das nicht in unserem Grundgesetz steht) kein Problem mehr.
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Diese Begrifflichkeit wurde von Kreisen eingeführt, die ein Interesse an einer Neiddebatte haben. Divide et impera!
Medienbeobachter (09.02.2010, 21:48 Uhr)
Feige, dreckig und gemein, ja so muss ein Cowboy sein
Ach ja, es war Schröder und die SPD, die alleine für Hartz IV verantwortlich sind. Und FDP und CDU waren dagegen, haben im Bundesrat dagegen gestimmt? Die CDU hat in den letzten Jahren nichts anderes getan, als die Situation der Arbeitslosen zu verbessern. Herr Koch fordert die Erhöhung der Hartz IV ?Sätze und die FDP engagiert sich für Sozialhilfeempfänger? Und die Erde ist ein Scheibe.
Sicherlich ist es von Vorteil, wenn man den Dummen in Deutschland solche Geschichten erzählen kann, den nur mit dem Stimmen der Reichen, wird sich die FDP, CDU und CSU wohl kaum an der Macht halten können.

Das beste Mittel, damit sich Arbeit lohnt, ist höhere Löhne zu zahlen.
Berlin will Griechenland retten (FTD). Dafür ist Geld da. Geschenke an Großverdiener zu verteilen, dafür reicht es, den Banken Milliarden hinterherwerfen, das geht, aber den Kindern von Arbeitslosen bessere Unterstützung zu bieten, das übersteigt den Staatshaushalt.
knilch_59 (09.02.2010, 21:48 Uhr)
@h.morun - Zur Geschichte der Hartz-Gesetze:
Um die Maastricht-Kriterien einhalten zu können (3%-Staatsdefizit) musste etwas getan werden. Die Hartz-Gesetze waren ein Kompromiss zwischen Bundestag und Bundesrat. Im Bundestag hatte Rot/Grün die Mehrheit, im Bundesrat Schwarz/Gelb.
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Es ist historisch falsch, dieses Machwerk Rot/Grün zuzuschreiben. Es war der Kompromiss aller Parteien - mit Ausnahme der PDS.
h.morun (09.02.2010, 21:31 Uhr)
Hartz und sie SPD
Bei allen Diskussionen darf nicht vergessen werden, wer dieses schlechte Gesetz auf den Weg gebracht hat. Es war Schöder und seine SPD. Wem soll der Wähler denn noch trauen? Wenn selbst die sogenannte Arbeiter Partei die Arbeiter verrät?Schröder hat seine Posten. Und der Wähler muss zusätzlich zu seinem Job noch Hartz beziehen, damit er leben kann.
topas (09.02.2010, 21:31 Uhr)
Zensur?
Wüsste gern, was an meinem Beitrag von eben so unsachlich war, dass dieser innerhalb von 20 Minuten gelöscht wurde.
Medienbeobachter (09.02.2010, 21:25 Uhr)
Arbeit muss sich lohnen, fragt sich für wen ?
Süddeutsche: Ein Mensch, der arbeitet, soll mehr Geld zur Verfügung haben als jemand, der nichts tut oder nichts tun kann, weil er arbeitslos ist. Ökonomen nennen dies das Lohnabstandsgebot. Sollte die Bundesregierung auf Grund des Urteils des Bundesverfassungsgerichts in Zukunft die Hartz-IV-Sätze erhöhen, wird dieses Gebot jedoch weiter untergraben.
Klettern die Hartz-IV-Sätze, lohnt sich die Arbeit für Geringverdiener immer weniger.

Für viele Geringverdiener lohnt sich die Arbeit eh nicht. Egal wie hoch der Hartz-IV-Satz ist.
Wenn ein Mensch der arbeitet, weniger hat, als einer der nicht arbeitet, liegt es dann daran, dass der Arbeitslose so viel bekommt, oder das der Arbeitnehmer so wenig bekommt? Klar man gibt dem Arbeitslosen 100,- Euro im Monat, dem Arbeitnehmer 200,- Euro. Damit lohnt es sich dann wieder zu arbeiten.

Aber vielleicht ist das wirklich die beste Lösung. 100,- Euro im Monat für Arbeitslose. Mal schauen, wie sicher das Leben in Deutschland dann noch wäre?
knilch_59 (09.02.2010, 21:23 Uhr)
@mats123 - Träumer oder Lügner?
Ich buche, bis zum Beweis des Gegenteils, Ihren Beitrag unter gezielte Desinformation. Siehe 2. + 3. Absatz meines Postings von 20:07.
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Und ich hoffe doch sehr, dass das ein, wenn auch missglückter, Versuch von Täuschung war. Ansonsten müsste ich von einem gravierenden Intellektdefizit Ihrerseits ausgehen.
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