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9. Februar 2010, 17:26 Uhr

Freut euch nicht zu früh!

Karlsruhe hat entschieden: Die Hartz-IV-Regelsätze sind verfassungswidrig. Leistungsempfänger sollten sich dennoch keine großen Hoffnungen machen: An der Höhe der Sätze rütteln die Richter nicht. Ein Kommentar von Roman Heflik

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Ist Hartz herzlos gegenüber Kindern? Zwei Stoffherzen als Zeichen des Protests vor dem Bundesverfassungsgericht© Ronald Wittek/EPA

Fraglos. Für das deutsche Sozialrecht und für Millionen Langzeitarbeitslose ist es die wichtigste Entscheidung seit Jahren, die Hans-Jürgen Papier, der Präsident des Bundesverfassungsgericht, am Mittwochvormittag verkündet hat: Die Hartz-IV-Sätze für Erwachsene und Kinder sind nicht verfassungsgemäß. Sie könnten nicht das Existenzminimum gewährleisten, auf das jeder Mensch in der Bundesrepublik einen Anspruch hat.

Die Verfassungsrichter halten die Berechnungsmethoden für undurchsichtig - und deshalb für unzulässig. Genau dieser Antwortteil war von den meisten Beobachtern auch erwartet worden. Zu offensichtlich war es, dass der Gesetzgeber den Bedarf vor allem von Kindern nur grob über den Daumen gepeilt hatte.

Papiers Anmerkungen waren Ohrfeigen für die Macher des Hartz-Regelwerks. Die Berechnungsweise der staatlichen Stütze müsse transparent sein, verlangte er streng, es dürfe dabei "keine Schätzungen ins Blaue hinein" geben. An anderer Stelle rügte der Verfassungsrichter den "völligen Ermittlungsausfall" des Gesetzgebers beim Bedarf für Kinder. Die Meinung des Gerichts zu den Hartz-Berechnungen könnte man auch in einem Wort zusammenfassen: Das ist Pfusch.

Kein Wort zur Höhe der Sätze

Hätten alle 6,5 Millionen Hartz-IV-Empfänger die Urteilsverkündung im Fernsehen gesehen, sie hätten wohl zuerst die Arme hoch gerissen und gejubelt. Denn die meisten von ihnen müssen nicht nur mit wenig Geld auskommen und den ständigen Mangel managen, sie müssen auch ihre Ansprüche in einem ständigen Ringen mit den Behörden durchsetzen. Würde man sie fragen, würden wohl fast alle Hartz IV als ungerecht bezeichnen. Und mit dieser Meinung stehen sie nicht alleine: Auch eine Mehrheit der Deutschen glaubt, dass Hartz IV zu niedrig bemessen ist.

Aber glauben die Richter tatsächlich, dass die Sozialleistungen nicht nur stümperhaft berechnet, sondern auch in der Höhe ungerecht sind? Mitnichten. Denn an der Höhe der Regelsätze rütteln die Richter in ihrem Urteil ausdrücklich nicht. Im Gegenteil. "Die geltenden Regelleistungen können zur Sicherstellung eines menschenwürdigen Existenzminimums nicht als evident unzureichend angesehen werden", heißt es in der Urteilsbegründung. Mit anderen Worten: Grob gerechnet reicht Hartz IV erstmal zum Leben.

Viel genauer wollen die Richter sich auch gar nicht einmischen: Die exakte Höhe solcher Leistungen zu berechnen, sei auch nicht ihre Aufgabe. Der Gesetzgeber habe durchaus einen Gestaltungsspielraum, "da das Grundgesetz selbst keine exakte Bezifferung des Anspruchs erlaubt". Spätestens an dieser Stelle hätten die Hartz-IV-Betroffenen ihre hochgerissenen Arme wieder sinken lassen müssen. Denn eines bedeutet das Urteil genau nicht: Einen zwangsläufigen Aufschlag bei den Regelsätzen.

Schwarz-Gelb kann sich Großzügigkeit nicht leisten

Denn dass die schwarz-gelbe Koalition in Berlin allen Betroffenen einen großzügigen Hartz-Nachschlag auftischt, obwohl Karlsruhe sie dazu gar nicht verpflichtet hat, darf bezweifelt werden. Lediglich bei den Sozialleistungen für Kinder dürfte die Sache anders aussehen. Zwar haben sich auch hier die Richter vor einer eindeutige Bezifferung eines Existenzminimums gedrückt. Doch beschreiben sie mehrere Einzelposten des kindlichen Bedarfs - darunter Schulbücher, Taschenrechner, Hefte - so detailliert, dass der Gesetzgeber nicht darum herum kommen wird, hier Geld in die Hand zu nehmen.

Was das Urteil im Detail für Hartz-IV-Familien bedeuten wird, ist in weiten Teilen noch unklar. Denn dem Staat bliebe eine weitere Möglichkeit: Statt den Leistungsempfängern einfach mehr Geld für Bildung und Schulmaterialien aufs Konto zu überweisen, könnte er Sachleistungen anbieten: Billige Kita-Plätze, kostenloses Schulmittagessen oder subventionierter Nachhilfeunterricht. Die finanzielle Lage der Sozialhilfe-Empfänger würde sich damit zunächst nicht verbessern - die Zukunftschancen ihres Nachwuchses dagegen schon.

Ein Kommentar von Roman Heflik
KOMMENTARE (10 von 60)
 
Nojiko (09.02.2010, 21:57 Uhr)
Hartz-Rechner, hmm
@topas: Zunächst mal, der Rechner stimmt nicht! Er berechnet nämlich artig Deine Wohnkosten - und zwar komplett - als fertig bewilligte Leistung mit ein! Wohnkosten aber sind nach oben gedeckelt: Hier (NDS, 40 km von der nächsten Kreisstadt) sind das 287 EUR für Singles, für jeden weiteren ca 60 EUR dazu - macht rund 460 Euro Warmmiete für vier Leute. Mit Heizung. Den Abtrag für das eigene Haus bezahlt man vom Regelsatz - also weniger essen, dünner anziehen oder nicht so oft die guten Schuhe benutzen ;) wie Leute ohne Haus. Fände ich auch OK -wenn da nicht der Fall des im bezahlten Eigenheim lebenden Rentners wäre, der unter HartzIV genau da wieder abgezogen kriegt, was er sich seinerzeit vom Essen abgeknapst hat. Aber das ist ein anderes Thema. Hoffe ich zumindest. Wenn man zur Miete wohnt, finanziert Hartz IV ebenfalls das Haus - aber eben für den Vermieter, der so auch seinen Abtrag erstattet bekommt - feine Sache, oder? Für Strom z.B. sind 25,84 bzw. für Kinder ab 15 Jahren 22,96 pro Monat im Regelsatz - eventueller Mehrverbrauch ist ebenfalls selbst zu tragen. Praxisgebühr und Medikamente: Alles mit voller Zuzahlung - das wurde früher zumindest bei Sozialhifeempfängern freigestellt! Bis zum letzten Jahr wurden Maßnahme-Anfahrten erst ab einer Strecke von über 6 EUR bezuschusst - also wenn man Pech hatte, 20 Tage im Monat Fahrkosten von 5,90/einfache Strecke selbst tragen!
Wer versucht, seine "unangemessenen" Wohnkosten durch Untervermietung auf den "angemessenen" Betrag zu drücken, bekommt - zwar nach wie vor nur seine angemessenen Kosten berücksichtigt, die Mieteinnahme aber brutto für netto als Einkommen angerechnet - also vom Regelsatz abgezogen (bis auf 30 Euro Bereinigungspauschale, da es sich nichtmal um Einkünfte aus ...Arbeit handelt, gibt's hier auch nicht den Freibetrag von 100 EUR) Wird jetz zu lang, wen mehr REALE Beispiele und Berechnungen interessieren, der wird mit minimaler Geduld im Netz schon fündig!
Ob sich Arbeit lohnt, liegt
an der Bezahlung
am Arbeitsinhalt
daran, wie ich mich mit dieser Arbeit fühle.
Dass sehr viele Berufsgruppen mittlerweile rettungslos unterbezahlt sind, ist relativ neu und MUSS endlich behoben werden - kein Zweifel! Aber mit acht Kindern mußte fast jeder auch schon früher kräftig auf KiG-Zuschuss, Wohngeld und anderes zurückgreifen, vom eigenen Einkommen schafften das höchstens Leute wie Ernst Albrecht (Frau v.d. Leyens Vater)
Sozimod (09.02.2010, 21:32 Uhr)
Es gibt auch Missbrauch
@topas:
Aber das sind die wenigen. Ich könnte dir einen 3 Stundenvortrag halten, wer von diesem System profitiert. Wer die Verlierer dieses Systems sind. Welchen Zweck man befolgt. Die oberen 20 Prozent lachen sich ins Fäustchen über soviel Dummheit.

Napoleon sagte:

Das gute an den Deutschen ist, lieber gegenseitig die Köpfe einhauen, bevor sie gegen den gemeinsamen Feind vorgehen.

Mehr ist dazu nicht mehr zu sagen.
Schluss, aus!
topas (09.02.2010, 21:14 Uhr)
Mal bisschen Sachlichkeit
Wie wär's denn, wenn all die Gutmenschen hier sich einfach mal eine ihnen selbst bekannte H4 Familie als Beispiel nehmen. Sucht Euch 'nen H4 Rechner im Netz. (Ich glaube der Stern hat auch einen.) Gebt mal nach bestem Wissen die Verhältnisse ein und schaut mal, was dabei rauskommt. Vielleicht trägt das zu einer Versachlichung der Diskussion hier bei, die zugegebenermaßen spannend, aber durch wenig Sachverstand geprägt ist, bei. Wer dann noch sagt, dass es für einen Handwerker (Hochachtung vor dieser Gesellschaftgruppe) mit sagen wir mal 2-3 Kindern, und bisschen Schwarzarbeit nebenher noch lohnt regelmäßig zur Arbeit zu gehen, der ist in meinen Augen weltfremd. Da hilft auch kein Mindestlohn! Keiner sieht jedoch die Sprengkraft der weiteren Entwicklung: Sind die Blagen, die man prima ausnehmen kann für Handys, neuste Unterhaltungselektronik etc. aus dem Haus (vielleicht auf der Straße) wird sich sicher wieder jemand finden, der gegen die niedrigen Rentensätze bei H4 klagt. So wie die Familie mit Eigentumswohnung im Allgäu. Sorry, ich habe hier täglich Anschauungsunterricht. Ich wohne auf einen kleinen Straße. Wir selbst haben 3 Kinder. H4ler mit 5 Kindern mir gegenüber in einem vergleichbaren Haus. Der kleine Unterschied: Ich hab meins selbst bezahlt. Falsch: Nicht nur meins, das gegenüber mit. Irgendwer hier hat behauptet, dass man alles ausser seiner Altersvorsorge verkaufen muss, bevor man H4 bekommt. Kann nicht so ganz stimmen. Die Menschen gegenüber haben auch natürlich ein Auto. Ok, ist zwar ein 10 Jahre alter Opel. Aber so ganz stimmen kann hier doch was nicht, oder?
Nojiko (09.02.2010, 20:24 Uhr)
Korrektur
*sich zu Dumpinglöhnen widerspruchslos verkaufender
-so muss es heißen - ich rege mich schon wieder nur noch auf hier!
mupfeline (09.02.2010, 20:17 Uhr)
Was für ein sinnfreier Titel
"... Freut Euch nicht zu früh"

Wer freut sich hier? Die meisten die ich kenne die Hartz IV erhalten würden nichts lieber als wieder arbeiten. Sie arbeiten mangels Möglichkeit und anderer Jobs bei den Kommunen, im Pflegebereich, in der Kindererziehung und im Dienstleistungsgewerbe. Als Ein-Euro-Jobber, als Bürgerarbeiter, für 160 Euro usw, und auch nur ein Teil davon hat einen "Plasmafernseher" ... woher kommt nur das Vorurteil der Plasmafernseher und Zigaretten? Selbst wenn ein Teil der Leute raucht oder einen Plasmafernseher hat - das werden die Beschäftigten der Unternehmen die Zigaretten oder TV-Geräte herstellen sicher anders sehen ... die werden nämlich froh sein dass jemand den Kram kauft. Von der Tabaksteuer ganz abgesehen ...

Über eine Million Menschen die Hartz IV erhalten gehen arbeiten, sie verdienen jedoch so wenig dass es weder zum Sterben noch zum Leben reicht, Aber das ist doch nicht ihre Schuld.

Es gibt schlicht und einfach keine 6 - 7 Mio Jobs um diese Leute in Lohn und Brot zu bringen. Ich verstehe nicht dass dies nicht endlich zur Kenntnis genommen wird. Es wird auch niemals wieder Vollbeschäftigung geben. Was also tun mit den Menschen? 7 Mio Bürgerjobs? Da bricht jede Wirtschaft zusammen. Auf die Gefahr hin soziale Unruhen zu erzeugen - die Regierung/der Staat kann gar nicht anders als die Menschen zu unterstützen. Eine andere Möglichkeit gibt es nicht um 7 Mio nicht regelrecht zum Barrikadenbau zu "verleiten" oder auf die Idee zu bringen dass sie sich holen was ihnen verwehrt wird ...

Davon dass der Verfasser des Beitrages eine große Bevölkerungsgruppe duzt einmal abgesehen. Wie kommt der Verfasser dazu? Mich beschleicht schon des längerem der Verdacht dass gerade der Stern ziemlich Stimmung betreibt - gegen diese Bevölkerungsgruppe übrigens. Nur den Grund, den kann ich nicht nachvollziehen. Kaufen diese Leute zuwenig Zeitungen oder was?
Nojiko (09.02.2010, 20:11 Uhr)
@mats123, Nachtrag
Mein Sohn IST Student - und hat unterm Strich mehr als wir! 648 BaföG, 185 Kindergeld, familienversichert bei mir - und darf noch hinzuverdienen (aber nicht mehr allzuviel) Hier hatte er weniger: rund 497 Euro incl. Wohnen, Heizen, Strom, Zug, Lernmittel und alles.
Sozimod (09.02.2010, 20:01 Uhr)
Stimmt nicht ganz
@Prologo:
Meines Wissens entstand schlecker nicht 2005. Dieses System wurde durch die Discounter hoffähig. Plus, KIK, Tedi, Aldi, Lidl ect. Achten Sie mal darauf welche Gesetze wann erlassen wurden, wer davon profitiert hat.

Alle die meinen Hartz IV Empfänger erhalten zuviel, haben sich gegen ihren Arbeitgeber nicht durchgesetzt um mehr Lohn zu erhalten, als ein ALG II Empfänger als Existenzminimum.
Statt gegen diese Menschen zu schießen, sollten sie lieber über ihre eigenen Ansprüche und Versagen nachdenken.

Wenn 45 Std/Woche nicht ausreichen, um ein angemessenes Leben zu führen, stimmt was nicht am System.
Nojiko (09.02.2010, 19:59 Uhr)
@mats123
Erstens: ICH mache, im Gegensatz zu Ihnen, auch nicht die anderen hier im Board für meine Situation verantwortlich - Sie mich für Ihre aber offensichtlich schon (indem Sie HartzIV-Empfänger angreifen)
Zweitens, von den 1600verdiene ich immer noch über 1000 selbst - incl. Kindergeld
Drittens: Von Steuergeldern wird höchstens der Wohnkostenanteil finanziert, den die Kommunen/die Länder zu tragen haben. Der Rest kommt aus der Arbeitslosenversicherung. Viertens: Auch Ich zahle immer noch Steuern, ja - welche Ironie! Und als Pech würde ich es nicht bezeichnen, dass ich im Normalfall und bei guter Gesundheit etwa doppelt so viel verdient habe und mit etwas Glück auch bald wieder verdienen werde wie die lautesten Schreihälse und Nach-unten-Treter hier! Aber vergessen, dass Menschen die weniger Glück oder Qualifikation haben als ich, meine volle Solidarität und Unterstützung brauchen und verdienen - einfach weil sie Menschen sind, werde ich auch dann nicht!
tvc64 (09.02.2010, 19:58 Uhr)
@stern.de
guter Kommentar, Überschrift..naja...
Das Bemessungssystem ist ein uraltes Problem. Schon im alten Sozialhilferecht war das Warenkorbmodell sehr umstritten, das Statistikmodell ist auch nicht der Weisheit letzter Schluss. Das Grundübel ist, dass nach der Abschaffung aller Sonderbedarfs-Ansprüche alle Kosten auf den Regelsatz umgelegt wurden, also nicht nur der tägliche Bedarf, sondern auch beispielsweise die Kosten für eine neue Waschmaschine. Das System sollte damit unkomplizierter werden. Dabei wurden die verfassungsrechtlichen Grenzen überreizt.
Die Regierung wird nun im Zuge der erzwungenen Reform jeden Euro vorrechnen müssen, dabei kann nur unterm Strich ein Mehr an Leistung - nicht nur für Kinder - herauskommen. Daher : schon ein Grund zur Freude.
ganzbaf (09.02.2010, 19:43 Uhr)
Roman Heflik

Zahlt du da irgend was aus eigener Tasche oder woher die Schmäh?

"Arbeit für alle"? Freut euch mal nicht zu früh...Ojemine.
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