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Kaufen, plündern, wegwerfen

Ob die Kaufhauskette Hertie, der Modelleisenbahnbauer Märklin oder der Nähmaschinenhersteller Pfaff - immer wieder geraten deutsche Unternehmen, die von Heuschrecken-Investoren aufgekauft wurden, in die Krise. Leidtragende sind vor allem die Arbeitnehmer.

Von Rolf-Herbert Peters

Vor einigen Jahren war Auto-Teile-Unger (ATU) ein Unternehmen mit Zukunft. Wenn Firmengründer Peter Unger durch die Zentrale im oberpfälzischen Weiden oder eine der Werkstätten strich, klopfte er Schultern, hatte für jeden ein aufmunterndes Wort. Mitarbeiter fördern und fordern, so einfach funktionierte sein Management. Am langfristigen Erfolg ließ Unger keinen Zweifel: "A Birnl, a Rücklicht, a Lackspray - des braucht man doch immer!"

Dann überfiel Unger die Panik, keinen Nachfolger zu finden. Er verkaufte ATU überraschend an einen Finanzinvestor. 2004 stieg dann die US-Firma Kohlberg Kravis Roberts (KKR) ein. Die Mutter aller "Heuschrecken", wie Frank Müntefering, damals SPD-Chef, die rücksichtslosen Finanzinvestoren 2005 charakterisiert hatte. Sie interessierten sich wenig für Birnl und Lackspray, klopften keine Schultern, wollten nur Rendite. Den Kaufpreis, 1,45 Milliarden Euro, bürdeten sie zu einem Großteil ATU auf - das Unternehmen musste sich entsprechend verschulden. Die bis dahin erfolgreiche Firma geriet ins Straucheln, die Ratingagentur Standard & Poor's stufte ATU bei Anleihen auf CCC+ runter - das Prädikat für Pleitekandidaten. KKR musste 140 Millionen Euro nachschießen, um eine peinliche Pleite zu verhindern. Die Mitarbeiter sind entsetzt. Bis zu 600 sollen nun gefeuert werden.

Der Lack ist ab - nicht nur bei ATU. In den vergangenen Monaten gerieten außergewöhnlich viele deutsche Firmen, die mehrheitlich Heuschrecken gehören, in die Bredouille: die Kaufhauskette Hertie, die Fernsehgruppe Pro- Sieben-Sat-1, der Edelschneider Hugo Boss, der Brillenproduzent Rodenstock, der Nähmaschinenhersteller Pfaff, die Strumpffabrik Kunert, der Modelleisenbahnbauer Märklin, der Autobahnraststättenbetreiber Tank & Rast, die Textilkette Wehmeyer - um nur die Bekanntesten zu nennen.

Das 6,6-Fache des Jahresgewinns an Schulden

Wenig investieren, kräftig kassieren - das funktioniert offenbar nicht mehr, wenn Konjunktur und Konsum einbrechen. Laut Standard & Poor's laden die von Finanzinvestoren erworbenen Gesellschaften im Durchschnitt das 6,6-Fache des Jahresgewinns als Schulden auf. Bei sinkenden Einnahmen geraten Unternehmen wie ATU, die solch hohe Darlehen tilgen müssen, genauso sicher an den Rand des Ruins wie die Ich-leb-auf-Pump-Klientel von RTL-Schuldenberater Peter Zwegat. Hertie und Wehmeyer, von denen die Besitzer horrende Mieten verlangten oder den Markt falsch einschätzten, mussten jüngst sogar Insolvenz anmelden.

Die Zahl der Pleiten dürfte weiter steigen. Die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich in Basel hat ausgerechnet, dass von Finanzinvestoren gekaufte Firmen in den nächsten zwei Jahren weltweit Darlehen von einer halben Billion Dollar, rund 350 Milliarden Euro, umschulden müssen. Das dürfte viele die Existenz kosten, denn seit der globalen Bankenkrise sind Kredite sehr viel teurer geworden. So fürchtet selbst Jon Moulton, Chef der britischen Heuschrecke Alchemy Partners: "Es wird Zusammenbrüche von großen Unternehmen geben, in diesem Jahr und im nächsten Jahr. Das ist absolut sicher."

Die Übernahmeparty ist vorbei, die Stimmung gekippt. Auch Heuschrecken kommen nur noch schwer an Bankkredite. Sie müssen bei ihren Einkaufstouren deshalb mehr Geld aus der eigenen Tasche lockermachen - privates Kapital, genannt "Private Equity", das sie etwa bei kanadischen Pensionskassen, englischen Versicherungen oder schwedischen Millionären zum Zwecke der Unternehmensbeteiligung eingesammelt haben.

Buy it, strip it, flip it

Höherer Einsatz - weniger Rendite: Der Trend gefällt den Finanzinvestoren überhaupt nicht. Sie erstreben den "Super-Return", eine Verzinsung des Kapitals von 25 Prozent und mehr. Ihr Leitsatz lautete lange: "Buy it, strip it, flip it" - Kaufen, plündern, weg damit. Nach vier, fünf Jahren, so die Spielregel, verkaufen die Investoren ihre Beteiligungen wieder. Doch dieses Geschäft wird jetzt schwieriger. Manche Geldjongleure wie die TPG Texas Pacific Group oder Candover wollen ihr Glück künftig verstärkt in Osteuropa und Asien suchen, wo die Wirtschaft stärker wächst. Andere organisieren den schnellen Ausstieg aus teuren Investments, warten auf bessere Zeiten oder geben sich vorübergehend als Minderheitsgesellschafter ertragreicher Unternehmen zufrieden.

Die Bilanz der Heuschrecken fällt ziemlich erschreckend aus. Es überrascht, wie oft deren Managern Fehler unterlaufen. Bei Hertie redeten sie sich die Marktentwicklung schön. Bei Pro-Sieben-Sat-1 verkannten sie, dass Fernsehen ohne Kreativität nicht funktioniert - und die ihren Preis hat. Bei ATU überhitzten sie die Expansion. Ihre riskanten Strategien, die sie öffentlich als Selbstreinigungsprozess verstaubter Firmen verkaufen, kosten am Ende fast immer Arbeitsplätze. "Fabelrenditen", sagt Johann Rösch, Arbeitnehmervertreter im Hertie-Aufsichtsrat, "lassen sich nur durch ein extrem hohes Risiko erzielen. Geht es schief, leiden immer die Beschäftigten." Wie bei Hertie, wo mehr als 4100 Mitarbeiter nach der Pleite nicht wissen, wie es für sie weitergeht.

Aber auch wenn alles glattläuft, muss in der Regel die Belegschaft bluten. Nach einer Studie der renommierten Harvard Business School in Boston beschäftigen Private-Equity-Gesellschaften zwei Jahre nach der Übernahme einer Firma sieben Prozent weniger Mitarbeiter als vergleichbare Unternehmen. Das gleicht sich statistisch nach vier bis fünf Jahren wieder aus. Aber dann sind die meisten Investoren ja auch längst wieder über alle Berge.

Die Loyalität gegenüber dem Arbeitgeber geht flöten

Bei den Beschäftigten, die bleiben durften, geht oft die Loyalität gegenüber dem Arbeitgeber flöten, sagt Alexandra Krieger, Private-Equity-Expertin bei der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung: "Wer haut denn volle Pulle rein, wenn er weiß, dass sein neuer Arbeitsvertrag nach drei Jahren schon wieder Makulatur ist?"

Betriebsräte dringen zu den Heuschrecken häufig gar nicht durch. Die Investoren bestimmen zwar das Tagesgeschäft, setzen sich aber nicht an den Verhandlungstisch. Ihr Argument: Sie seien Eigentümer und keine Arbeitgeber. Arbeitnehmervertreter müssen mit dieser Zermürbungstaktik erst einmal klarkommen. Thomas Schmidt, Betriebsratschef bei der Logistiktochter von Neckermann.de, die Sun Capital Partners gehört, sehnt sich nach "einem strategischen Investor mit Interesse am Markt für Versandhandel. Wir brauchen dringend eine Perspektive, die länger währt als die zwei bis drei Jahre, die Sun Capital Partners vielleicht noch hier ist".

Mehr Stabilität fordert auch Professor Uwe Schneider, Direktor des Instituts für Kreditrecht an der Universität Mainz. Es wundert ihn nicht, dass viele mit Private Equity finanzierte Firmen in der Krise als erste ins Wanken geraten. "Eigenkapitalräuber" nennt er die gefräßigsten Heuschrecken wie KKR oder Blackstone: "Da fließt kein neues Kapital für Investitionen. Im Gegenteil: Sie saugen es aus den Unternehmen ab, um Kredite zu finanzieren und Sonderausschüttungen einzustreichen." Wie beim Modemacher Hugo Boss: Im Frühjahr ließ Haupteigner Permira die Schulden kräftig aufstocken, um die Dividende auf 450 Millionen Euro aufzublasen. Ein Skandal? Für Permira ein ganz normaler Kniff.

Dennoch: reichlich Übernahmekandidaten

Ein Ende der Heuschreckenplage ist trotz aller Fehlgriffe, Flops und Pleiten nicht in Sicht. Im Gegenteil: In Deutschland gibt es reichlich Übernahmekandidaten, die durch fallende Börsenkurse immer billiger werden. Nach einer Studie, die unter anderem von der Universität des Saarlandes durchgeführt wurde, horten die 127 führenden Unternehmen Deutschlands sagenhafte 100 Milliarden Euro Liquidität. Firmen mit gut gefülltem Geldspeicher - das sind genau die Gelegenheiten, auf die weltweit mehr als 6000 Beteiligungsfonds warten. Schließlich müssen schätzungsweise rund 900 Millionen Euro Kapital irgendwie vermehrt werden.

Die Finanzinvestoren haben aus ihren Fehlern auf eigene Art gelernt: Wenn es mehr Pleiten gibt, dann versuchen sie eben daran zu verdienen. Derzeit legen sie Fonds auf, die Kredite angeschlagener Schuldner aufkaufen. Und sie stellen Beraterteams zusammen, die den Gestrauchelten gegen hohe Gebühren wieder auf die Beine helfen sollen. So lässt sich noch einmal bei Unternehmen kassieren, die schon kräftig ausgenommen wurden. Hauptsache, der Profit stimmt.

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