Mittlerweile soll Stuttgart 21 6,8 Milliarden Euro kosten - die Riesensumme hat die Bahn nun eingestanden. Nicht das einzige, was häppchenweise ans Licht gekommen ist. Beendet das Projekt, fordert Arno Luik.

Wasser auf den Mühlen der Gegner: Das umstrittene Bahnprojekt S21 wird nun sehr viel teurer als gedacht. Auf 5,6 Milliarden beziffert die Bahn nun die Kosten.© Franziska Kraufmann/DPA
Es war im Frühjahr 2011, es waren die Wochen vor der Geißlerschen Schlichtungsrunde zu Stuttgart 21. Bahnchef Rüdiger Grube war im Sondereinsatz für das umstrittene Großprojekt, er besuchte Redaktionen, sprach auf Veranstaltungen, verteidigte S21 bei Diskussionen. Seine Worte: S21 werde etwas über 3 Milliarden Euro kosten, mehr wohl kaum. Alles andere seien unverantwortliche Kassandrarufe. Vor genau einem Jahr gab der Bahnchef ein großes Versprechen ab. Er erklärte "eine Sollbruchstelle in den Verträgen wäre erreicht, wenn die Kosten 4,526 Milliarden übersteigen". Aber diese Gefahr bestehe überhaupt nicht: "Wir haben da noch einen Puffer von mehreren hundert Millionen Euro."
Die Botschaft an die Kritiker, die diese Zahlen für geschönt hielten, war: "Glaubt uns, wir haben alles im Griff, teurer wird's garantiert nicht. Habt euch nicht so, winkt S21 bei der Volksabstimmung durch!" Schließlich, so Grube, sei S21 "das am besten geplante Projekt."
Puffer. Sollbruchstelle. Im Klartext: Wenn die Kosten für S21 über diese 4,526 Milliarden hinausgehen, dann bedeutet dies das Aus des Unterfangens. Aus kaufmännischer Sicht ist dieser Kostendeckel ein kluges Verhalten. Denn ab 4,7 Milliarden Euro, so Grube damals, wäre das Projekt unwirtschaftlich. Und welcher Unternehmenschef kann schon ein unwirtschaftliches Projekt ernsthaft rechtfertigen? Ist diese Einsicht nun Geschichte?
Denn nun will Grube, egal, was das Projekt kostet, den Bau durchziehen. Jetzt gibt Grube bekannt: die Kosten des Projekts werden um mindestens 1,1 Milliarden Euro in die Höhe schnellen – auf mindestens 5,6 Milliarden Euro. Diese Zahl wirft für den Bahnchef, aber auch für Politiker, die S21 befürworten und immer noch verteidigen, sehr viele und sehr unangenehme Fragen auf.
stern und stern.de hatten im Frühjahr 2011 in mehreren Artikeln enthüllt, dass bei S21 überaus schlampig geplant wird, dass etwa Tunnel ohne vollständige eisenbahntechnische Ausrüstung konzipiert waren, und dass die öffentlich kommunizierten Kostenzahlen deutlich von dem abweichen, was den Planern intern bekannt war. Eine "Chancen- und Risikoanalyse" der DB Projektbau GmbH vom 25. März 2011 etwa listete 121 planerische und kostenintensiven Risiken auf, aber nur eine positive Chance. Exakt 1,264 Milliarden Euro Mehrkosten führten die Planer an. Also ziemlich genau die Summe, die Grube jetzt verkündete.
Allerdings: Vielen Risiken bewerteten die Planer nicht mit konkreten Zahlen. Es gab die Anweisung, so ein Insider damals zum stern, die Kosten nicht zu hoch zu treiben. Die S21-Befürworter hatten schlicht Angst, dass die wahren Zahlen den Unmut über das Projekt unkontrollierbar werden ließen. Vom Stern beauftragte Bahnexperten rechneten damals die möglichen Mehrkosten auf zusätzlich gut eine Milliarden Euro hoch – so ziemlich genau die Summe, die nun Bahn-Vorstandsmitglied Volker Kefer als weitere "Risiken" einschätzt.
Die Bahn wies damals die stern-Enthüllungen als absolut haltlos zurück. Allerdings: Der damalige S21-Projektleiter Hany Azer verließ kurz nach der Veröffentlichung seinen Posten.