19. Februar 2005, 10:00 Uhr

Kapitalismus brutal

Gewinne rauf, Mitarbeiter raus - milliardenschwere Firmenjäger und börsenverliebte Bosse kennen nur noch ein Ziel: Rendite. Wie die Herren des Geldes ticken.

Wenn Managergiganten die Renditekeule schwingen, müssen Arbeitnehmer um ihren Job zittern. Von links: von Pierer (Siemens), Ackermann (Deutsche Bank), Ricke (Telekom), Hambrecht (BASF), von Schimmelmann (Postbank), Samuelsson (MAN)©

Josef Ackermann hätte es besser wissen müssen: Als der Chef der Deutschen Bank vor die Presse trat, glaubte er, eine freudige Nachricht zu verkünden. So kann man sich täuschen. Stattdessen ist er mal wieder der Buhmann der Nation. Und ganz Deutschland fragt sich: Muss Kapitalismus so sein?

Der Bank-Boss hatte zunächst Erfolge vermeldet. Gewinn: 4,1 Milliarden Euro! Veränderung gegenüber dem Vorjahr nach Steuern: plus 87 Prozent! Dann, wenige Sätze später, hatte Ackermann versichert, die "organisatorische Weiterentwicklung" des Instituts komme gut voran: Man werde weitere 6400 Stellen streichen! Die Eigenkapitalrendite - Ackermanns selbst erklärtes Maß aller Dinge - müsse von 17 auf 25 Prozent steigen.

Das saß. Seit zwei Wochen haben sich beinahe alle bedeutenden Politiker, führende Gewerkschafter und sogar Industrieboss Jürgen Thumann mehr oder weniger abwertend über Ackermann geäußert. "Unakzeptabel", "zynisch", "verantwortungslos", "gewissenlos" sind die Wörter der Wahl. Sogar Kanzler Gerhard Schröder sah sich genötigt, den Banker daran zu erinnern, dass Unternehmslenker auch gegenüber der Gesellschaft in der Pflicht stehen.

Nicht einmal unter seinesgleichen fand Ackermann Anerkennung. Eigentlich sollte das Renditeversprechen die Kapitalmärkte beeindrucken, um den Aktienkurs der Deutschen Bank in die Höhe zu treiben. Der ist lausig. Unterbewertete Unternehmen locken erfahrungsgemäß Investoren, die den Laden übernehmen - und in der Regel als Erstes die Manager feuern. Hunderte Milliarden privates Kapital lauern auf solche Chancen. Doch der erhoffte Kurssprung blieb aus.

Stattdessen ist sie da, die Diskussion um die Skrupellosigkeit von Gewinnmaximierern und die gesellschaftliche Verantwortung von Unternehmen. Darf der Ertrag über allem stehen, fragen kopfschüttelnd die Bürger? Wie viel Gewinn ist moralisch zu vertreten, fragen sich Arbeitnehmer, die zum Spielball des Managements geworden sind. Die Bürger beweisen hier feines Gespür. Laut einer Forsa-Umfrage sehen 98 Prozent in sicheren Arbeitsplätzen die Hauptaufgabe von Unternehmen - weit dahinter folgt erst die Gewinnsteigerung. Neun von zehn Deutschen haben kein Verständnis dafür, Leute rauszuwerfen, um die Gewinne weiter zu steigern.

Den Bürgern ist Ackermanns Welt, in der zuerst die Gewinne kommen und dann die Menschen, fremd. Die Sichtweise des Bankchefs mit dem Feingefühl eines gepanzerten Geldtransporters ist aber in der Wirtschaft kein Einzelfall. Auch bei anderen Unternehmen steigen die Gewinne und sinken die Mitarbeiterzahlen. Siemens verdiente 2004 rund 3,4 Milliarden Euro und baute 6000 Stellen ab. Daimler-Chrysler machte 5,8 Milliarden Euro Gewinn und will Stellen bei Mercedes streichen. MAN legte beim Gewinn um 62 Prozent zu und baute 1500 Mitarbeiter ab. Die Liste lässt sich beliebig fortsetzen: Schering, BASF, Postbank, Deutsche Telekom und RWE.

Übernommen aus ... Stern Ausgabe 08/2005

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