Wie gefährlich ist die Frucht in Pillen?

8. August 2007, 12:02 Uhr

Vitaminpräparate seien nicht nur unnötig, sondern mitunter sogar ungesund, warnen Wissenschaftler nach neueren Forschungsergebnissen. Wann sind Nahrungsergänzungsmittel sinnvoll - und wann schädlich? Eine Bestandsaufnahme. Von Kirsten Reinhardt

1 Bewertungen

Ein paar Vitamine mehr können ja nicht schaden. Oder doch? In jüngster Zeit haben negative Schlagzeilen die Vitamingewissheit erschüttert©

"Esst Vitamine, denn sie sind gesund!" Den Glauben an die Kraft der Vitamine kann uns niemand nehmen. Sie sind lebenswichtig. Der Körper benötigt sie zur Stimulierung und Steuerung von Stoffwechselvorgängen wie zum Beispiel der Energiegewinnung. Sie stärken die Leistungskraft und Abwehr. Vitamine stecken in unserem täglich Obst und Gemüse, in Milch, Fleisch und Korn, aber: Reicht das? Den meisten Menschen ist nicht klar, welches Vitamin sich worin in welcher Menge verbirgt - und ob sie sich ausgewogen genug ernähren, um aus­reichend versorgt zu sein.

An dieser Unsicherheit verdienen die Hersteller von Nahrungsergänzungsmitteln. Sie empfehlen, zum Wohle der Gesundheit Vitaminzusatzpräparate zu schlucken. Kein schlechtes Geschäft: Gut ein Drittel der Bundesbürger greift regelmäßig zu Vitaminzusätzen. Mehr als 465 Millionen Euro wurden im Jahr 2006 mit Nahrungsergänzungsmitteln umgesetzt, sagt der Branchendienst IMS Health - die Brausetabletten, die in Discountern gekauft werden, nicht mitgerechnet.

Ein paar Vitamine mehr können ja nicht schaden. Oder doch? In jüngster Zeit haben negative Schlagzeilen die Vitamingewissheit erschüttert. Bereits mehrfach kamen wissenschaftliche Arbeiten zu dem Schluss, dass einzelne der Vitalstoffe in Tablettenform schädlich sein können. Anfang des Jahres erregte der serbische Forscher Goran Bjelakovic Aufsehen, als er zusammen mit dänischen Kollegen Ergebnisse einer Übersichtsstudie veröffentlichte, wonach Zusatzpräparate mit Vitamin A, dessen Vorstufe Beta-Carotin und Vitamin E das Sterberisiko erhöhen.

Forschungsergebnisse nicht allgemeingültig

Unerwartete Forschungsergebnisse finden schnell den Weg in die Medien. Doch nicht alle sind allgemeingültig. Wird eine Reaktion im Reagenzglas beobachtet, lässt das nicht darauf schließen, dass sie im komplexen System des Körpers genauso abläuft. Machen große Mengen eines Stoffes den Menschen krank, lässt das nicht automatisch darauf schließen, dass auch schon kleinere Dosen davon schädlich sind. Bei genauerer Betrachtung ist auch das, was Goran Bjelakovic mit seiner Untersuchung herausgefunden hat, nicht so einfach zu übertragen.

"Die Ergebnisse der erwähnten Metastudie stammen zum Teil aus klinischen Studien mit Patienten", sagt Regina Brigelius-Flohé, Professorin für Biochemie der Mikronährstoffe am Deutschen Institut für Ernährungsforschung in Potsdam-Rehbrücke. "Durch hohe Vitamingaben kann es zu Wechselwirkungen mit Me­dikamenten kommen, was eine höhere Sterblichkeitsrate erklären würde. Man kann nicht zwangsläufig daraus schließen, dass der Effekt bei Gesunden der gleiche ist."

Der Mythos der verarmten Böden

Weil der Körper Vitamine - mit Ausnahme von D - nicht selbst herstellt, müssen wir sie mit der Nahrung aufnehmen. Idealerweise geschieht das mit tierischen wie pflanzlichen Lebensmitteln, die neben den Vitaminen Stoffe in unterschiedlichen Konzentrationen enthalten. "Die verschiedenen Nährstoffe ergänzen sich in ihrer Wirkung und müssen in einem bestimmten Verhältnis zueinander stehen, um einen positiven Effekt zu erzielen", sagt Brigelius-Flohé. Tabletten fehlt das Zusammenspiel mit anderen Inhaltsstoffen, darum können sie nicht dasselbe leisten wie Obst, Gemüse, Milch oder Getreide.

Geschickt haben einige Marketing­leute der Nahrungsergänzungsbranche den Mythos lanciert, unsere Böden seien an Nährstoffen verarmt und natürliche Lebensmittel enthielten nicht mehr so viele Vitamine wie früher.

Tat­sächlich ist wohl das Gegenteil wahr: Laut der Deutschen Gesellschaft für Ernährung finden sich sowohl in pflanzlichen als auch in tierischen Lebensmitteln heute im Vergleich zu früher eher höhere Nährstoffgehalte.

Für Schwangere und Alte können Präparate sinnvoll sein

Die Bundesrepublik ist jedenfalls kein Vitaminmangelland. Die Mehrheit der Menschen erreicht die empfohlenen Mengen mit normaler Kost oder überschreitet sie sogar. Nur für bestimmte Risikogruppen kann es sinnvoll sein, Vitaminpräparate zu nehmen: Menschen, die unterversorgt sind, weil sie sich sehr einseitig ernähren oder zu wenig essen; Schwangere sollten auf ihre Vitamin-D-Versorgung achten und unbedingt zusätzlich Folsäure einnehmen. Die Vitamingabe verringert das Ri­siko, dass das Baby mit offenem Rücken zur Welt kommt; bei Leistungssportlern kann es zu einem Defizit an B-Vitaminen kommen; Veganer müssen auf ihre Versorgung mit Vitamin B12 achten.

Auch alte Menschen sind gefährdet, vor allem durch einen Mangel an Vitamin D. "Ein Großteil der Menschen über 75 Jahre ist mangelernährt", sagt Hans Konrad Biesalski, Professor für Ernährungsmedizin an der Universität Hohenheim. "Eine normal dosierte Multivitamin-Supplementierung muss dann sein."

Zusammensetzung oft mangelhaft

Viele der angebotenen Produkte sind jedoch nicht empfehlenswert. "Vitaminpräparate sind oft hoch dosiert und in ihrer Zusammensetzung nicht sinnvoll", warnt Sabine Häberlein, Ernährungsreferentin der Verbraucherzentrale Bayern in München. Mit den Vitaminen aus der Nahrung könnten schnell zu große Mengen zusammenkommen. Das kann unangenehme bis gefährliche Folgen haben.

Zu viel Vitamin A kann Kopfschmerzen, Veränderungen der Haut und Leberschäden auslösen. In der Schwangerschaft führt es zu kindlichen Fehlbildungen. Eine Überdosis Beta-Carotin steigert bei Rauchern das Lungenkrebsrisiko. Zu große Mengen Vitamin D bewirken Kalziumablagerungen in der Niere. Vitamin C im Übermaß kann zu Durchfall und bei Veranlagung zur Bildung von Nierensteinen führen. Viel hilft eben nicht viel.

Dass Vitaminpräparate als Nahrungsergänzungsmittel frei verkauft werden dürfen, macht es den Herstellern leicht: Sie müssen nur die Bestimmungen des Lebensmittelrechts einhalten und - anders als für Medikamente - weder einen Wirksamkeits- noch einen Unbedenklichkeitstest für die Produkte durchführen.

Vitamin C im Übermaß kann zu Durchfall und bei Veranlagung zur Bildung von Nierensteinen führen©

Eine Recherche von stern GESUND LEBEN ergab: Die in Apotheken am häufigsten verkauften Präparate enthalten von einigen Nährstoffen nur einen Bruchteil der Referenzmengen der DGE, bei anderen - etwa Vitamin B6 oder Biotin - liegen die Dosen mehrfach über den empfohlenen Mengen. Auch die Zeitschrift "Ökotest" bewertete im Dezember 2006 etliche Vitaminpräparate als ungenügend, weil die Inhaltsstoffe teilweise weit über oder unter dem empfohlenen Tagessatz lagen. Dabei war der Preis kein Kriterium für Qualität.

Obst und Gemüse sind die beste Wahl

"Es ist unbedingt nötig, dass einheitliche Höchstmengen für Nahrungsergänzungsmittel in Europa fest­gelegt werden", fordert Rolf Großklaus, Leiter der Fachgruppe Diätetische Lebensmittel, Ernährung und Allergien vom Bundesinstitut für Risikobe­wertung in Berlin. Er rät dringend von einer Selbstmedikation mit hohen Dosen ab.

Man solle das Essen von Obst und Gemüse ritualisieren wie das Zähneputzen, empfiehlt der Ernährungsmediziner Biesalski, denn "Obst und Gemüse sind die besten Nahrungs­ergänzungsmittel". Habe man sich, aus welchen Gründen auch immer, eine Zeit lang unausgewogen ernährt, könne man durchaus zu Vitaminzusatzpräparaten greifen - aber nicht wahllos. "Achten Sie auf die Prozentzahl, die angibt, wie viel des Tagesbedarfs mit der Dosierung erreicht wird: Sie sollte für alle Vitamine 100 betragen. So besteht kein Risiko und im Zweifel der größte Nutzen."

Übernommen aus ... GesundLeben Ausgabe 4/2007

Mitarbeit: Corinne Benzing
 
 
MEHR ZUM THEMA
KOMMENTARE (2 von 2)
 
Sterndeuter1 (10.08.2007, 20:11 Uhr)
Merci
Dieser Artikel hat mir richtig gut gefallen. Erst wurde mit dem dickgedruckten Text Appetit gemacht, dann servierte die Autorin ein wissenschaftlich fundiertes, abwechslungsreiches Menü mit viel Brain food. Garniert ist das ganze mit praktischen Rezepten zu einer gesunden Ernährung. Nur bei dem Tip, dass die Vitamindosis 100% der Präparate betragen solle, habe ich mich gefragt, was man dann noch essen soll, ohne die empfohlene Tagesmenge zu überschreiten.
Vielleicht mag einiges schon bekannt sein, der Text ist auf jeden Fall in einer Woche noch viel aktueller als so manche brandneue, schnelllebige Tagesnachricht.
screne (10.08.2007, 15:58 Uhr)
Ist das neu?
Ich weiß es nicht. Aber dass einige Vitamine in Überdosis gesundheitsschädlich sind, wusste ich schon, hatte ich schonmal "irgendwo" gelesen. So neu kann das eigentlich nicht sein denke ich. Sowas bilde ich mir ja nicht ein :)
Wissenstests
Wie gut ist Ihr Allgemeinwissen? Wie gut ist Ihr Allgemeinwissen? Kniffliges für Ihr Hirn: Quizzen Sie sich zum Allgemeinwissens-Champion! Mit diesen Fragen und Antworten sammeln Sie zudem genug Stoff für jeden Party-Smalltalk. Zu den Wissenstests
 
"Naturwunder Erde"
Markus Mauthe bereist die Welt Markus Mauthe bereist die Welt Zwei Jahre, vier Lebensräume, 17 Reiseziele: In einem einzigartigen Langzeitprojekt bereist ein Fotograf die Welt. Zu den Fotostrecken
 
Noch Fragen?

Neue Fragen aus der Wissenscommunity

  von bh_roth: VPN-Server erkennbar?

 

  von Gast 92508: Welche Kühlschranktemperatur ist richtig

 

  von Gast 92503: Warum habe ich nach meiner Privatinsolvenz immer noch einen sehr schlechten Scorwert bei der Schufa...

 

  von Gast 92501: gibt es ökologische Fahrradbekleidung?

 

  von Gast 92499: Rechtsfrage

 

  von rocky1703: mein sohn ist 21 jahre und hat seine ausbildung abgebrochen abgebrochen muss ich weiter unterhalt...

 

  von Amos: Warum heißt es häufig "Freiheitsstrafe" statt "Gefängnisstrafe"? Klingt das...

 

  von Gast: Haben Sie Behindertenrabatte?

 

  von Amos: Was ist dran am möglichen Ende von AC/DC? Alles nur Spekulationen?

 

  von Gast 92465: ich habe bei meinem Nissan Pixo den Lüftungsmotor wegen Geräusche vor 1 Jahr austauschen lassen.

 

  von getachew: Wie kann man die Monatskarte der Bvg steuerlich absetzen?

 

  von Amos: Warum trägt der BVB auch ein VW-Logo auf dem Trikot? Aus Sympathie für Wolfsburg? Bisher hatten sie...

 

  von bh_roth: Zwei Windows Betriebssysteme auf einer Festplatte möglich?

 

  von Gast 92439: Temperatur schwankt im Kühlkombie von -20 bis - 12 Grad. warum?

 

  von Anoukboy: Ich bin Französin, habe mehrere Jahre in Deutschland gewohnt une gearbeitet. Ich ziehe nach...

 

  von Gast 92418: Daten von externer Festplatte auf PC laden?

 

  von Amos: Deutsche Spitzengastronomie wird zu 95% von männlichen Köchen dominiert. Köchinnen kenne ich...

 

  von Amos: Woher stammt die Unsitte, vieles als "vorprogrammiert" zu bezeichen? Statt...

 

  von Gast 92411: wie stelle ich meine e-mail adresse um?

 

  von gerti: suche eine alternative Pfanne zu Aluguss für Induktionsherd welche nicht so schwer ist...

 

 
 
stern - jetzt im Handel
stern (17/2014)
Der Schicksalsflug