. .
Mensch - Hintergründe und Wissen
Schlagzeilen Themen Mobil iPad Blogs Investigativ Hefte
 
Fotocommunity
Fotocommunity

Treffpunkt für ambitionierte Amateurfotografie. Bilder hochladen und bewerten, sich mit anderen Austauschen. mehr...

Weblogs bei stern.de
Weblogs bei stern.de

Die Online-Tagebücher bei stern.de: Freie Autoren schreiben hier persönlich, direkt und eigenständig. mehr...

Information und Unterhaltung mit Steffen Hallaschka
sternTV - Information und Unterhaltung mit Steffen Hallaschka

Vertiefende Informationen zu der aktuellen und den vergangenen Sendungen von sternTV. mehr...

stern Investigativ
stern Investigativ

Das Recherche-Team des stern. Erfahren Sie mehr über die Recherchespezialisten und ihre Enthüllungen von Terrorismus bis Wettmanipulation. mehr...

 
30. Januar 2010, 04:06 Uhr

Wieso Homöopathen nicht besser als Pharmakonzerne sind

Der Arzt und Journalist Ben Goldacre kritisiert Pharmaindustrie und Alternativmedizin gleichermaßen. Jetzt ist aus seiner Kolumne im britischen "Guardian" ein Buch entstanden. Im Interview spricht er über die Tricks der Mediziner und sagt, was sich ändern muss.

Ben Goldacre Ben Goldacre arbeitet als Arzt für die englische Gesundheitsbehörde. Seine Zeitungskolumne im Guardian und die Website badscience.net nehmen aktuelle Medizinprobleme aufs Korn. Das Buch, das daraus entstand, ist in England ein Bestseller. "Die Wissenschaftslüge" ist am 18. Januar auf deutsch erschienen. (Fischer Taschenbuch Verlag, 420 Seiten, 9,95 Euro)

Herr Goldacre, inwiefern lügt die Wissenschaft?

Wissenschaftliche Veröffentlichungen sollen zeigen, ob ein Mittel wirkt oder nicht. Aber die Darstellung ist oft irreführend. In der Medizin entscheidet man, ob man ein Medikament gibt, aufgrund der verfügbaren Daten. Sind diese Daten unvollständig und einseitig, dann ist die Entscheidung, die der Arzt trifft, falsch. Er wählt das falsche Medikament und das kann ernste Konsequenzen haben - bis hin zum Tod. Es fällt vielen schwer, dazu eine adäquate emotionale Reaktion zu entwickeln, denn das Verdrehen von statistischen Daten passiert in einer sehr trockenen, statistischen Art und Weise.

Meinen Sie, die Pharmafirmen verfälschen die Daten in böser Absicht?

Aber ja. Die Pharmaindustrie ist böse. Sie unterdrückt unvorteilhafte Informationen. Wenn Sie zehn Tests mit einem Medikament machen und davon nur zwei zu dem Ergebnis kommen, dass es wirksam ist, werden nur die zwei veröffentlicht. Das ist in bösartiger Weise irreführend.

Wie lässt sich das verhindern?

Die Lösung ist so technisch wie das Problem: ein Register, in das jede klinische Studie eingetragen werden muss. Wenn man vor Beginn der Studie angeben muss, was man wie testet, welche Parameter gemessen werden, wie viele Testpersonen mitmachen und wann die Studie beendet sein wird, können sie nachschauen: Was ist aus Studie Nummer 24.572 geworden? Dann könnte man keine unliebsamen Resultate still unter den Tisch fallen lassen. 2005 haben viele medizinische Zeitschriften versprochen, nur noch die Ergebnisse von Studien zu veröffentlichen, die vorher registriert wurden. Aber das geschah sehr halbherzig, weniger als die Hälfte war registriert.

Zwei Krebsforscher haben geprüft, was aus 2028 Studien geworden ist, die die US-Gesundheitsbehörde auf clincaltrials.gov bis 2007 registrierte: 17,6 Prozent wurden veröffentlicht; bei Studien von Pharmafirmen waren es 5,9 Prozent.

Und wir werden nie erfahren, was bei restlichen 94 Prozent der klinischen Studien herausgekommen ist. Schlimmer als kein Register für klinische Studien zu haben, ist die Illusion, eines zu haben. Manche glauben, das Problem sei gelöst, die Leute sind beruhigt und kümmern sich nicht weiter. Dabei geht es in der Medizin um Leben und Tod.

Können Sie ein Beispiel geben?

Sie verschreiben ein Medikament aufgrund irreführender Zahlen und retten am Ende nur 1,8 statt 2 Millionen Leben. Die 200.000, die unnötig gestorben sind, können sie nicht finden. Es ist nur Statistik. Es gibt keinen Agatha-Christy-Moment; es läuft kein Mörder herum. Sie können auch keinen Menschen finden, von dem sie sagen können: Er ist gestorben aufgrund einer unpassenden Verschreibungsentscheidung aufgrund einer großen Masse ungeeigneter Evidenz. Das ist so böse daran.

In Ihrem Buch kommt die Alternativmedizin nicht besser weg. Warum?

Viele Menschen entwickeln eine kindische Haltung: Die Pharmaindustrie ist böse, also lasse ich mein Kind nicht impfen. Die Pharmaindustrie ist böse, deshalb nimm lieber Vitaminpillen oder geh zum Homöopathen. Nur weil "Big Pharma" böse ist, heißt das noch nicht, dass Zuckerpillen wirken. Die evidenzbasierte Medizin hat Millionen Leben gerettet.

Gibt es keine seriösen Daten darüber, ob Methoden wie die Homöopathie wirken?

Ich nenne die Argumente für Homöopathie Zombie-Argumente. Sie wurden schon tausendmal widerlegt, und trotzdem stehen sie wieder auf und laufen weiter. Nach dem Motto: In der Studie wirkt es kein Deut besser als Placebo, aber bei mir hat es geholfen, also muss doch etwas dran sein. Ein Placebo hat ja auch eine Wirkung.

Seite 1: Wieso Homöopathen nicht besser als Pharmakonzerne sind
Seite 2: Warum fallen vernünftige Menschen auf so etwas herein?
 
 
MEHR ZUM ARTIKEL
Homöopathie Gleiches mit Gleichem vergelten

Bei keiner anderen alternativen Methode scheiden sich die Geister so sehr wie bei der Homöopathie. Trotzdem setzen heute viele Ärzte die Kügelchen ein: Möglicherweise unterstützen sie die Selbstheilungskräfte des Körpers. Bei Kindern soll das besonders gut anschlagen. mehr...

Ratgeber Alternativmedizin Hauptsache, es hilft?

Die Wirkungen von Homöopathie beruhen mit allergrößter Wahrscheinlichkeit auf dem Placeboeffekt. Der reicht nicht, um die Methode auf breiter Ebene einzusetzen. mehr...

Ratgeber Alternativmedizin Leichtsinn, der ansteckt

Viele Homöopathen sprechen sich gegen das Impfen aus. Leider fehlen brauchbare Belege dafür, dass ihre Alternative - die "Homöoprophylaxe" - wirkt. Schlimmer: Es gibt Grund zu der Annahme, dass sie enorm schaden kann. mehr...

 
stern testen, Serie sichern

Jetzt den stern inklusive der aktuellen Gesundheits-Serie testen! Jetzt sichern!

 
 
 
 
 
stern - jetzt im Handel
stern (7/2012)
Unser täglich Fleisch