Der Arzt und Journalist Ben Goldacre kritisiert Pharmaindustrie und Alternativmedizin gleichermaßen. Jetzt ist aus seiner Kolumne im britischen "Guardian" ein Buch entstanden. Im Interview spricht er über die Tricks der Mediziner und sagt, was sich ändern muss.
Wissenschaftliche Veröffentlichungen sollen zeigen, ob ein Mittel wirkt oder nicht. Aber die Darstellung ist oft irreführend. In der Medizin entscheidet man, ob man ein Medikament gibt, aufgrund der verfügbaren Daten. Sind diese Daten unvollständig und einseitig, dann ist die Entscheidung, die der Arzt trifft, falsch. Er wählt das falsche Medikament und das kann ernste Konsequenzen haben - bis hin zum Tod. Es fällt vielen schwer, dazu eine adäquate emotionale Reaktion zu entwickeln, denn das Verdrehen von statistischen Daten passiert in einer sehr trockenen, statistischen Art und Weise.
Aber ja. Die Pharmaindustrie ist böse. Sie unterdrückt unvorteilhafte Informationen. Wenn Sie zehn Tests mit einem Medikament machen und davon nur zwei zu dem Ergebnis kommen, dass es wirksam ist, werden nur die zwei veröffentlicht. Das ist in bösartiger Weise irreführend.
Die Lösung ist so technisch wie das Problem: ein Register, in das jede klinische Studie eingetragen werden muss. Wenn man vor Beginn der Studie angeben muss, was man wie testet, welche Parameter gemessen werden, wie viele Testpersonen mitmachen und wann die Studie beendet sein wird, können sie nachschauen: Was ist aus Studie Nummer 24.572 geworden? Dann könnte man keine unliebsamen Resultate still unter den Tisch fallen lassen. 2005 haben viele medizinische Zeitschriften versprochen, nur noch die Ergebnisse von Studien zu veröffentlichen, die vorher registriert wurden. Aber das geschah sehr halbherzig, weniger als die Hälfte war registriert.
Und wir werden nie erfahren, was bei restlichen 94 Prozent der klinischen Studien herausgekommen ist. Schlimmer als kein Register für klinische Studien zu haben, ist die Illusion, eines zu haben. Manche glauben, das Problem sei gelöst, die Leute sind beruhigt und kümmern sich nicht weiter. Dabei geht es in der Medizin um Leben und Tod.
Sie verschreiben ein Medikament aufgrund irreführender Zahlen und retten am Ende nur 1,8 statt 2 Millionen Leben. Die 200.000, die unnötig gestorben sind, können sie nicht finden. Es ist nur Statistik. Es gibt keinen Agatha-Christy-Moment; es läuft kein Mörder herum. Sie können auch keinen Menschen finden, von dem sie sagen können: Er ist gestorben aufgrund einer unpassenden Verschreibungsentscheidung aufgrund einer großen Masse ungeeigneter Evidenz. Das ist so böse daran.
Viele Menschen entwickeln eine kindische Haltung: Die Pharmaindustrie ist böse, also lasse ich mein Kind nicht impfen. Die Pharmaindustrie ist böse, deshalb nimm lieber Vitaminpillen oder geh zum Homöopathen. Nur weil "Big Pharma" böse ist, heißt das noch nicht, dass Zuckerpillen wirken. Die evidenzbasierte Medizin hat Millionen Leben gerettet.
Ich nenne die Argumente für Homöopathie Zombie-Argumente. Sie wurden schon tausendmal widerlegt, und trotzdem stehen sie wieder auf und laufen weiter. Nach dem Motto: In der Studie wirkt es kein Deut besser als Placebo, aber bei mir hat es geholfen, also muss doch etwas dran sein. Ein Placebo hat ja auch eine Wirkung.