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Bäume für Klimagerechtigkeit Stiftung "Plant for the Planet": Spendengelder versenkt?

Pflanzgebiet auf der Halbinsel Yucatán
Pflanzgebiet auf der Halbinsel Yucatán im Osten des Landes. In dieser Region, im Bundesstaat Campeche, hat Plant for the Planet 6,3 Millionen Bäume gepflanzt. Die erste Pflanzfläche liegt in dieser Senke. Nach Hurrikans lief sie voll, sehr viele Bäume ertranken. Forstwirte kritisieren, man hätte wissen können, dass dies passiert
© Daniel Berehulak for Stern
Die Stiftung "Plant for the Planet" pflanzt mit Spenden Bäume, um den Klimawandel zu bremsen. Gute Idee – doch es gibt Zweifel.
Joachim Rienhardt

Seit Dezember 2019 hat der Verlag Gruner + Jahr, in dem der stern erscheint, die Stiftung "Plant for the Planet" und ihre Idee unterstützt, mit Baumpflanzungen die Klimaerwärmung zu bremsen. Die Organisation existiert seit fast 15 Jahren und wurde mit namhaften Ehrungen ausgezeichnet, unter anderem mit dem Internationalen Preis des Westfälischen Friedens. Gruner + Jahr hat Anzeigen veröffentlicht, auf denen der Verlag als Unterstützer der Organisation auftrat. In seiner Ausgabe vom24. September 2020 widmete sich der stern der Klimakrise, die Redaktion spendete in der Folge über Plant for the Planet Bäume. Ende vergangenen Jahres erschienen Medienberichte, in denen Kritik an der Stiftung laut wurde. Der stern hat daraufhin eigene Recherchen angestellt, Plant for the Planet in Bayern und auch das Pflanzprojekt in Mexiko besucht, Forst-, Klima- sowie Naturschutzexperten befragt. ­Dabei wuchsen Bedenken an der Arbeit von Plant for the Planet. Im Kern handelt es sich bei den Defiziten um die zweifelhafte Struktur der Organisation, die strittige wissenschaftliche Fundierung, die mangelnde fachliche Begleitung und die fehlende Nachprüfbarkeit von Erfolgsmeldungen. Gruner + Jahr hat daher beschlossen, die Unterstützung für Plant for the Planet vorerst ruhen zu lassen. Unseren Leserinnen und Lesern präsentieren wir an dieser Stelle die Recherchen, die zu dieser Entscheidung geführt haben.

Ertrunkene Bäume

"Hier haben wir unseren ersten Baum in Mexiko gepflanzt", sagt Felix Finkbeiner und schält seine 1,86 Meter von der Rückbank des Gelände-Pick-ups, der an einer Lichtung stoppt. Vier weiß gestrichene Holzbaracken stehen da, "Rancho Las Americas 1" genannt. "Willkommen", verkündet ein Plakat mit dem Logo der deutschen Stiftung "Plant for the Planet – Trees for Climate Justice", Bäume für Klimagerechtigkeit.

Finkbeiner, 23, ist das Gesicht von Plant for the Planet, einem Projekt, das das Pflanzen von Bäumen zur Wunderwaffe gegen den Klimawandel erkoren hat. Er war neun Jahre alt, als ihm die Idee kam. Daraus hat sich unter Ägide seines Vaters Frithjof eine Stiftung mit mehr als 30 Mitarbeitern entwickelt. Gemeinsam haben sie vor fünf Jahren zum "größten Aufforstungsprojekt der Menschheitsgeschichte" aufgerufen. 1000 Milliarden Bäume sollen weltweit gepflanzt werden, um so der Klimakatastrophe zu entkommen. Magazine ehrten Felix Finkbeiner als einen der 100 einflussreichsten Deutschen. Einmal hieß es: "Felix war Greta, bevor es Greta gab, der Donnerstag vor 'Fridays for Future'."

Felix Finkbeiner an der überschwemmten Senke auf Las Americas 1
Felix Finkbeiner an der überschwemmten Senke auf Las Americas 1
© Daniel Berehulak for Stern

"Rancho Las Americas 1" liegt im Süden der Halbinsel Yucatán, 100 Kilometer von der Grenze zu Guatemala entfernt. Es ist die Keimzelle des Projekts. Hier sollen 100 Millionen Bäume gepflanzt werden. Nach eigener Zählung passiert das alle 15 Sekunden. "Hier waren es eine Million", sagt Finkbeiner auf dem Weg zum Ufer des großen Gewässers, das unterhalb der Hütten liegt.

In den plätschernden Wellen dümpelt ein Kahn mit Außenbordmotor. An Land stehen ein paar dünne Jungbäume. Aus dem Wasser ragen nur dürre Stecken mit verkümmerten Ästen: abgestorbene Trompetenbäume, so weit das Auge reicht. Was Ende Januar 2021 aussieht wie ein See, war das erste Pflanzgebiet. Seit über einem halben Jahr ist es überschwemmt, rund zwei Meter tief. "Wie viele Bäume überleben, können wir erst sehen, wenn das Wasser abgelaufen ist", sagt Finkbeiner. Er befürchtet, dass fast alle verloren sind. "Jeder einzelne Baum ist ein Euro, den jemand gespendet hat. Jeder sollte über­leben. Das ist ein herber Schlag ins Kontor."

Das Wasser hat auch Vertrauen versenkt. Denn erst seit die "Zeit" im Dezember von der gefluteten Plantage berichtet hat, wird aus den sterbenden Bäumen kein Geheimnis mehr gemacht. Zuvor hatte Plant for the Planet seine Spender im Glauben gelassen, das Problem sei bald "gemeistert", wie es auf der Website hieß.

Inzwischen geht es um die Glaubwürdigkeit der Stiftung, die bis heute 27 Millionen Euro Spenden eingesammelt hat. Auch die Hoffnung von Kindern rund um die Welt steht auf dem Spiel. Nach aktuellen Angaben der Stiftung sind 91.000 junge Menschen in 75 Ländern als Klimabotschafter für Plant for the Planet aktiv.

Forstwissenschaftler werfen der Stiftung gegenüber dem stern dilettantisches Vorgehen beim Pflanzprozess vor. Stiftungsrechtler bemängeln die missbrauchs­anfällige Struktur der Organisation. Plant for the Planet selbst ist auf alleinige Entscheidungsgewalt der Gründerfamilie ausgelegt. Und ihre Erfolgsmeldungen sind kaum nachprüfbar.

Es geht um das Überleben einer Vision, die vielleicht zu schön klang, um wahr zu sein.

Die Idee

Sein Erweckungserlebnis ("Washington Post") hatte Felix Finkbeiner in der vierten Klasse an der Munich International School (MIS) in Starnberg, als er ein Referat zum Klimawandel erarbeitete. Inspiriert hat ihn die kenianische Umweltaktivistin Wangari Maathai. Die hatte 2014 den Nobelpreis unter anderem dafür bekommen, dass mithilfe der von ihr gegründeten Grüngürtel- Bewegung 30 Millionen Bäume in Afrika gepflanzt wurden.

Plakate "Stop talking, start planting"
"Stop talking, start planting" – Hört auf zu reden, fangt an zu pflanzen. Dies Kampagne ließ die Spenden sprudeln

Sein Referat beendete er damals mit der Forderung: "Lasst uns in jedem Land der Erde eine Million Bäume pflanzen." Das war am 8. Januar 2007. So steht es in seiner Streitschrift mit dem Titel "Alles würde gut". Zunächst pflanzten die Schüler der MIS, dann die der Nachbargemeinden, später der ganze Landkreis. Die Aktion benannte Felix Finkbeiner nach der Initiative, die das Umweltprogramm der Vereinten Nationen (Unep) 2003 für Kinder ins Leben gerufen hatte: Plant for the Planet.

Ein Jahr nach seinem Referat wurde ­Felix Finkbeiner mit der Bayerischen Staats­medaille für Verdienste um die Umwelt ­gekürt. 2018 ist das Bundesverdienstkreuz hinzugekommen. Im vergangenen Jahr wurde seine Organisation auch mit dem Internationalen Preis des Westfälischen Friedens bedacht, weil sie "einen beispielhaften und konkreten Beitrag im Rahmen der Bewegungen der Klimaziele in der Welt leistet", heißt es in der Begründung. Der ehemalige Bundesumweltminister Klaus Töpfer ist Schirmherr.

Der erste symbolische Baum auf dem Schulgelände ist 14 Jahre später immer noch ein kümmerlicher Zierapfelbaum. Er wurde zwei Monate nach dem Schulreferat gepflanzt, wächst versteckt hinter dem Pförtnerhäuschen. Davor ein Schild mit dem Schriftzug "Plant for the Planet" und dem Logo, das einst die Marketingabteilung der UN für deren eigene Kampagne entworfen hatte. Die Schuldirektorin hatte den Vater anlässlich der ersten Pflanzaktion um den Baum gebeten. "Ich habe den billigsten genommen. Ich konnte ja nicht ahnen, was sich daraus entwickelt", erinnert sich Vater Finkbeiner. Der Baum habe ihn 19 Euro gekostet. Damals tat er sich schwer, die hohen Gebühren für die Privatschule zusammenzukratzen. Ihn drücken nach eigenen Angaben bis heute rund 3,5 Millionen Euro Privatschulden – aber auch der Drang, die Welt zu verbessern.

Der Vater

Frithjof Finkbeiner empfängt im ehemaligen Wartesaal des umgebauten Bahnhofs von Uffing am Staffelsee. Hier ist der Sitz der Stiftung eingerichtet. Im Regal steht das Buch seines Sohnes, "Der Baum", übersetzt in 15 Sprachen.

Felix als 14-Jähriger mit seinem Vater bei einem TV-Auftritt
Felix als 14-Jähriger mit seinem Vater bei einem TV-Auftritt
© picture alliance / rtn - radio tele nord

Finkbeiner redet sich in Rage, als müsse er die Dramatik des Klimawandels noch verdeutlichen. Er wirft mit Zahlen um sich. "Jeder Baum kann jedes Jahr zehn Kilo CO² binden. Wir müssen jedes Jahr 100 Milliarden Euro mobilisieren. Dann können wir jedes Jahr 100 Milliarden Bäume pflanzen und in zehn Jahren 1.000 Milliarden." Fast die Hälfte des weltweit seit Beginn der Industrialisierung ausgestoßenen CO² könne so in zehn Jahren gebunden werden.

Von Beruf ist Frithjof Finkbeiner Kaufmann. Im Sommer 1994 stellte er mit einer Firma für Baustoffhandel in Berlin einen Konkursantrag. Auch die Firma seines Vaters in Augsburg, die er retten wollte, ging in die Insolvenz. Kurz nach der Pleite heiratete er seine wohlhabende Frau Karolin. Bei der Trauung 1994 bezeichnete ihn der Pfarrer als "Monopoly-Spieler". 2001 gründete er im Namen seiner Frau in Playa del Carmen, Mexiko, zusammen mit Raúl Negrete Cetina, die Firma Tankah Enterprise.

Negrete ist Grundstücksgutachter, Bauunternehmer und seit 2013 auch ehrenamtlicher Präsident der Plant for the Planet Asociación Civil México, des mexikanischen Arms von Plant for the Planet. Vor 20 Jahren hat die Firma Tankah Enterprise im damals noch verschlafenen Touristenort Tulum Bauland gekauft – 51 Hektar für rund 1,3 Millionen Euro. Jetzt gilt es als das größte Stadtentwicklungsgebiet der Boomtown und ist mehr als 100 Millionen Euro wert. Geschäftspartner Negrete sagt über Finkbeiner: "Frithjof hat einen guten Riecher."

Finkbeiner senior mag privat hoch verschuldet sein, doch nicht nur Tankah Enter­prise gibt der Familie finanzielle Sicherheit. Hinzu kommt das Erbe von Felix’ Mutter Karolin, die aus einer Unternehmerfamilie stammt. Mit ihrem Geld und Krediten wurde das Spekulationsgeschäft in Tulum finanziert. Ihr Vermögen verleiht der Finkbeiner Familien KG Kreditwürdigkeit bei ihrer Hausbank in Augsburg. Mit ihrer Hilfe investieren sie in deutsche Immobilien, was ihnen wiederum Mieteinnahmen in Millionenhöhe beschert. Auch Felix Finkbeiner und seine beiden Schwestern sind an der Finkbeiner Familien KG und auch an Tankah Enterprise beteiligt – Frithjof Finkbeiner selbst hingegen nicht, er hat in der Familien KG die Aufgabe des Prokuristen.

Frithjof Finkbeiner mit Mitstreitern seines "Marshall-Plans" für Afrika
© FOM

"Ich habe selten mehr als eine Stunde am Tag für Geld gearbeitet", sagt Finkbeiner senior. Seine Energie und Zeit widmet er Plant for the Planet. "Wir machen alles ehrenamtlich. Wir arbeiten hier zum Wohle der gesamten Menschheit. Eigentlich ist es ein Skandal, dass Altenpfleger und Weltenretter so schlecht bezahlt werden. Ich frage mich manchmal, wa­rum ich das tue. Vielleicht muss ich was kompensieren."

Bevor es Plant for the Planet gab, hielt er Vorträge für den Club of Rome und seine selbst gegründete Organisation, die er ­Global Marshall Plan Foundation taufte. Es geht um die Grenzen der Globalisierung, eine gerechtere Weltordnung und die Idee, die Wüste Afrikas mit Solarpaneelen zuzupflastern, um von dort Europa mit Strom zu versorgen. Etwa ein Jahr nach der ersten Baumpflanzaktion von Felix Finkbeiner merkte der Vater, dass sein Sohn als Redner besser ankommt als er. Felix, damals zehn Jahre alt, gab im Literaturhaus in München eine Pressekonferenz. Der Saal war voll. "Felix hatte hinterher 500 Medienkontakte. Da habe ich gespürt, was da für eine Musik drinsteckt", sagt Frithjof Finkbeiner heute.

"Der Vater hat versucht, seinen Sohn als eine Art Heiland aufzubauen. Und das ist ihm ziemlich gut gelungen", sagt ein ehemaliger Mitarbeiter von Plant for the Planet, der hier Robert Brumm genannt werden soll. Der Stiftungsexperte fürchtet um die berufliche Existenz, falls er hier mit echtem Namen auftreten würde. Sein Engagement bei Plant for the Planet bezeichnet er als "schwarzen Fleck" seiner Karriere.

Finkbeiner sei ein Idealist, der tatsächlich an die Sache glaube, sagt Brumm. "Der wacht morgens auf mit einer Idee und denkt, das müssen alle gut finden." Er erinnert sich an einen Umtrunk, bei dem sich Frithjof Finkbeiner als der "Steve Jobs der Ökoszene" bezeichnet habe. Finkbeiner weist das von sich. Er sei kein Genie.

Keiner der Gesprächspartner, mit denen der stern über Frithjof Finkbeiner sprach, bezweifelt dessen gute Absicht. Auch Brumm nicht. Aber je länger er für Finkbeiner arbeitete, desto größer wurden seine Zweifel an Finkbeiners Stiftung und der Art und Weise, wie diese vorgeht.

Zweifelhafte Stiftungsstruktur

Derzeit gibt es etwa 24.000 rechtsfähige Stiftungen des bürgerlichen Rechts in Deutschland, statistisch kommen täglich knapp zwei neue hinzu. Das Stiftungswesen boomt, auch weil das Vertrauen in mächtige Institutionen wie Kirche und Staat bröckelt. "Stiftungen haben einen Heiligenschein", sagt Brumm. "Jeder denkt, das muss doch was Gutes sein."

Das gelte auch für Plant for the Planet. "Jeder weiß, da steht mit der Klimaerwärmung ein Monsterproblem vor uns. Und dann stellt sich da einer dieser gigantischen Herausforderung entgegen und sagt: 'Ich weiß, wie es geht. Ich führe euch da raus.'" In der Stiftungsszene gelte dies als "Ökokitsch". "Doch die Menschen vertrauen Stiftungen bedingungslos. Das ist ein Fehler. Denn da sind halt auch Menschen am Werk."

Brumm legt Wert auf die Feststellung, dass es viele sehr gute, sehr nützliche ­Stiftungen gibt. Stiftungen wie die Bosch- Stiftung zum Beispiel sind bestens organisiert. In diesen Fällen bringt der Stifter Kapital in beträchtlicher Höhe ein und holt Fachleute in Gremien, um gute und sinnvolle Ideen zu fördern.

Die Plant-for-the-Planet-Stiftung wurde im November 2011 als rechtsfähige Stiftung anerkannt. Der Vater fungierte als Gründer und Vorsitzender der Stiftung, bis sein Sohn den Vorsitz übernahm, als er volljährig wurde. Im Vorstand sitzen neben Felix Finkbeiner nur zwei Personen: Der Nepalese Sagar Aryal, ein Aktivist der ersten Stunde, sowie der Plant-for-the-Planet-Gönner Michael Durach, Deutschlands größter Senffabrikant, ein Freund der Familie. Im entscheidenden Gremium, dem Stiftungsrat, sitzen nach Angaben von Frithjof Finkbeiner nur Felix’ 25-jährige Schwester Franziska und deren gemeinsame Mutter Karolin.

Der Vater ist offiziell nur noch Sprecher des Vorstands. "Die Familie hat immer die Mehrheit und das Vetorecht in Sachfragen", sagt Ex-Plant-for-the-Planet-Manager Brumm. "Dadurch kommt es nicht zu Diskussionen. Die wollen die totale Macht. Die Finkbeiners haben die aus ihrer Sicht 100-prozentige Weltverbesserungsidee. Und die möchten sie verwirklicht sehen."

Finkbeiner sagt dazu, die Struktur sei ­beabsichtigt. "Wenn ich mich zurückziehe, ist die Gefahr groß, dass alles kaputtgeht. Ich muss dabeibleiben, bis die Idee flügge ist. Es ist wichtig, dass wir die Richtung ­bestimmen. Da steckt viel Herzblut drin."

Das Stiftungsgesetz erlaubt solche Führungsstrukturen. Von transparenten Stiftungen und auch vom Bundesverband würde dies als unmoralisch empfunden. "Aber Finkbeiner senior nutzt exzessiv aus, was gesetzlich zulässig ist", sagt Brumm.

Arbeiter von Plant for the Planet auf ihrem Versuchsfeld in Mexiko
Arbeiter von Plant for the Planet auf ihrem Versuchsfeld in Mexiko
© Daniel Berehulak for Stern

Die Organisation des mexikanischen Tochtervereins wäre hingegen mit deutschen Gesetzen nicht mehr vereinbar. Laut Gründungsakte von Plant for the Planet Asociación Civil México aus dem Jahr 2013 hat der Verein keine anderen Mitglieder als ihre drei Gründer: Bauunternehmer Raúl Cetina Negrete, Frithjof Finkbeiner sowie einen weiteren Deutschen, der sich in Finkbeiners Organisation kurzfristig engagierte. Dieser wurde später durch Felix Finkbeiner ersetzt. In der Gründungsakte wird die deutsche Stiftung Plant for the Planet nicht ein einziges Mal erwähnt.

"Da gibt es kein Kontrollgremium. Das öffnet Missbrauch Tür und Tor", sagt Professor Michael Stöber, Experte für Steuer- und Stiftungsrecht sowie Kenner der Rechtslage in Lateinamerika. Er stört sich vor allem an einer Klausel, wonach das Vereinsvermögen ohne Angaben von Gründen auch an andere gemeinnützige Organisationen weitergereicht werden kann – ohne jegliche Zweckbindung. In Deutschland, so Stöber, wäre diese Klausel rechtlich nicht durchsetzbar, weil so Geld in kaum nachvollziehbare Kanäle versickern könne.

Frithjof Finkbeiner sagt, das sei nur für den Fall so geregelt, dass der mexikanische Verein liquidiert werden müsse. Bei der Plant-for-the-Planet-Stiftung in Deutschland ist für den Fall der Auflösung der Stiftung verfügt, dass ihr Vermögen an die Umweltorganisation der Vereinten Nationen fallen würde. Auch für Mexiko hätte es laut Stöber eine sauberere Lösung gegeben: "Man hätte eine Art GmbH gründen können, die sämtliche Geschäfte in Mexiko im Namen der Stiftung hätte wahrnehmen können." Frithjof Finkbeiner sagt dazu: "Wenn man immer schon wüsste, was in zehn Jahren passiert, würde man vieles anders machen."

Unhaltbare Versprechen

Ein Meilenstein des Aufstiegs von Plant for the Planet ist der Auftritt von Felix Finkbeiner bei der UN in New York 2011. Vater Finkbeiner bezeichnet ihn gern als Rede vor der Generalversammlung. Die findet immer im September statt. Felix Finkbeiner sprach in Wahrheit am 2. Februar 2011 anlässlich der Eröffnung des Internationalen Jahrs des Waldes. Damals forderte er zum ersten Mal, die Welt müsse 1.000 Milliarden Bäume pflanzen. Felix Finkbeiner sagt heute: "Diese Zahl hat alles verändert."

Seinem Vater zufolge haben sie sich die 1.000 Milliarden auf dem Weg im Flugzeug einfach ausgedacht. "Wir mussten also erst einmal beweisen, dass so viele Bäume auf der Welt überhaupt Platz haben", sagt Finkbeiner senior. Den Beweis hat der Brite Tom Crowther geliefert, inzwischen Professor der Eidgenössischen Technischen Hochschule Zürich. Crowther ist Ökologe mit Schwerpunkt Mikrobiologe. Er scannte die ganze Erde mithilfe von Satellitenbildern nach Bäumen und freien Flächen ab – und lieferte eine Erhebung, die besagt, dass es auf der Erde genügend Platz für weitere 1.000 Milliarden Bäume gäbe.

Als 13-Jähriger hält Felix Finkbeiner im Februar 2011 eine Rede vor der UN
Als 13-Jähriger hält Felix Finkbeiner im Februar 2011 eine Rede vor der UN
© via Youtube

"Das war damals die weltweit am dritthäufigsten zitierte Studie, noch vor jener der Nasa, wonach es Wasser auf dem Mars gibt", sagt Finkbeiner senior. Damit stand die erste Säule des "Glaubenskonstrukts von Plant for the Planet", wie Ex-Mitarbeiter Brumm es nennt. Frithjof Finkbeiner sagt: "Jetzt mussten wir nur noch herausfinden, wie viel CO² 1.000 Milliarden ­Bäume kompensieren können." Dies hat er ebenfalls dem Ökologen Tom Crowther zu verdanken. Die Finkbeiners vermittelten ihm 1.199.166 Euro Fördergeld vom Bundesministerium für Wirtschaftliche Zusammenarbeit für eine Studie über das CO²-Minderungspotenzial von Aufforstung. Crowther rechnete dann vor, dass zwei Drittel sämtlicher, bislang menschengemachter CO²-­Belastung mit 1.000 Milliarden Bäumen im Laufe deren ­Lebens kompensiert werden könnten. Das ­Ministerium betont zwar, dass Aufforstung eine wichtige Voraussetzung für Klimaschutz und nachhaltige Entwicklung sei. "Die Studie wies aber bedauerlicherweise Defizite auf", sagt ein Ministeriumssprecher. "Das Potenzial der verfügbaren Flächen, wie schnell Bäume CO² absorbieren können und wie lange sie überhaupt stehen bleiben, wurde deutlich überschätzt."

Internationale Experten qualifizierten Crowthers Thesen als wissenschaftlich falsch, schädlich und irreführend ab. Fünf Fachleute publizierten im Wissenschaftsmagazin "Science" kritische Kommentare zur Crowthers Thesen. Inzwischen räumte der gegenüber dem "Spiegel" ein, man habe schlecht kommuniziert, "unsere Botschaft hätte viel nuancierter sein müssen".

"Die Folgen von über zwei Jahrhunderten industrieller Entwicklung mit einer derart simplen und wenig kontroversen Maßnahme zum größten Teil ausgleichen zu können – das klingt wie ein Wunschtraum", sagt etwa Stefan Rahmstorf, Professor am Potsdam-Institut für Kli­ma­folgenforschung. "Und natürlich wurde das umgehend begrüßt von jenen, die von Klimaschutz träumen, der niemandem wehtut. Leider ist es auch zu schön, um wahr zu sein."

Auch Rahmstorf ist dafür, Bäume zu pflanzen, und glaubt an die Sinnhaftigkeit von Aufforstung. "Aber hier wurden die positiven Einflüsse massiv überschätzt. Da waren offenbar ­Experten am Werk, die vom Kohlenstoffkreislauf im Erdsystem wenig verstehen." Der Klimaforscher spricht von "einfachen Denkfehlern und sehr optimistischen ­Annahmen", die zu "sehr überzogenen Aussagen führen, die Schlagzeilen machen". Eines der Beispiele, die er nennt: "Bis ein Baum sein Speicherpotenzial entfaltet, dauert das 50 Jahre. Viele Bäume werden viel früher gefällt, fallen Dürre oder Borken­käfer zum Opfer."

Finkbeiner senior sagt dazu: "Es ist doch geschenkt, ob die 1.000 Milliarden ein oder zwei Drittel der Emissionen kompensieren. Es bringt der Menschheit Zeit."

Nach der heftigen Kritik an der wissenschaftlichen Fundierung bezeichnet Plant for the Planet die Aufforstung nur noch als "eines der effektivsten Mittel gegen Klimawandel". "Und ich sage bei jeder Rede, dass es ohne Reduzierung der Emissionen nicht geht", sagt Felix Finkbeiner. Aber eben auch nicht ohne seine Bäume.

100 Millionen will er auf der Projekt­fläche in Mexiko pflanzen. Doch den Platz müssen sie sich mit vielen anderen Bäumen teilen. Denn bei einem Großteil der 22.344 Hektar des Projekts, so unabhängige Forstexperten vor Ort, handelt es sich nicht um "degradierte Wälder", wie die Stiftung behauptet. Der größte Teil ist bewaldet.

Baumschule von Plant for the Planet nahe dem mexikanischen Constitución
Baumschule von Plant for the Planet nahe dem mexikanischen Constitución. Hier züchtet die Organisation die Setzlinge für die Anpflanzungen
© Daniel Berehulak for Stern

Vor allem Firmen engagieren sich bei Plant for the Planet. In Mexiko hat man ihnen einen eigenen Spendenwald angelegt. Rewe hat dort eineinhalb Million Bäume spendiert, Alnatura bringt es auf 1.054.719, Ritter Sport auf 274.456.

Wer zusätzlich Ablass leisten möchte, dem verkauft Plant for the Planet über die Plant for the Planet Service GmbH auch CO²-Zertifikate. Hier fungiert die Organisation als Händler. Sie kauft die Zertifikate etwa bei TÜV-geprüften Klimaschutzprojekten ein, die nachweisen können, dass durch ihre Arbeit Emissionen gesenkt werden. Manche Projekte setzen auf Biogasanlagen, andere haben es sich zur Aufgabe gemacht, mit Kerosin betriebene Lampen in Indien durch Solarlampen zu ersetzen. Jede eingesparte Tonne CO² bringt als ­Zertifikat zurzeit etwa einen Euro. Die Firmen zahlen und rechnen sich so freiwillig ­klimaneutral.

Doch an diesem Prinzip üben Fachleute Kritik. Sie fürchten, dass die Zertifikate dazu führen, dass sich die Firmen so günstig vom öffentlichen Druck befreien ­können, nennen es "Greenwashing" und bemängeln, dass es sich um einen weit­gehend unregulierten Markt handelt.

Finkbeiner senior sieht sich selbst als Kampfgefährte von Greta Thunberg und Fridays for Future, die inzwischen bekannter sind als seine Organisation. Plant for the Planet profitiert von der Popularität der demonstrierenden Schüler – dabei sagt Greta ausdrücklich, es brauche weit mehr als neue Bäume, um die Erderwärmung zu bekämpfen. Entscheidend sei der Abbau von Emissionen, der nur erreicht werden kann, wenn Industrien umgebaut werden und die Menschen ihren Konsum anpassen. "Die Finkbeiners kommen aber nicht mehr davon weg", sagt Brumm. "Baumspenden sind die Haupteinnahmequelle. Sie sind gefangen in ihrer Losung."

Fragwürdige Investitionen

Plant for the Planet hat in insgesamt 22.344 Hektar Land in Mexiko investiert. Knapp die Hälfte davon ist gekauft, der Rest ist gepachtet von sogenannten Ejidos, Gemeinschaften von Bauern, die vom mexikanischen Staat Nutzungsrechte für Land übertragen bekommen haben. Sämtliche Grundstücke liegen im Bundes­staat Campeche, nahe dem Dorf Constitución. Dort unterhält Plant for the Planet seine Basis für den Aufforstungsbetrieb. Sämtliche 22.344 Hektar sind Teil von Naturschutzgebieten. Eines ist das staatliche Schutzgebiet Balam-Kú. Ein anderes ist das von der UN anerkannte Biosphärenreservat Calakmul, das den staatlichen Bundesbehörden untersteht. Hier stehen die besterhaltenen Wälder der Halbinsel Yucatán, das Herz der sogenannten Selva Maya.

Sämtliche Grundstücksgeschäfte wurden vom mexikanischen Verein abge­wickelt in Person von Präsident Raúl ­Negrete Cetina. Insgesamt flossen laut Finkbeiners Angaben über die deutsche Stiftung Plant for the Planet 2.628.254 Euro zum Landerwerb nach Mexiko – der größere Teil davon als Darlehen, der kleinere als zweckgebundene Spenden.

Ursprünglich war explizit geplant, das Land in Mexiko auch forstwirtschaftlich zu nutzen. "Bereits in 17 Jahren können die ersten Bäume geerntet und als Möbelholz verarbeitet werden", war von der Organisation im Jahr 2013 noch kommuniziert worden. Im Sinne des Klimas würde es durchaus Sinn ergeben, Bäume zu ernten, bevor sie absterben. Denn wenn ein Baum verrottet, gibt er das gebundene CO² zurück in die Atmosphäre. Wird Holz zum Bauen verwendet, bleibt das CO² gespeichert. Doch dieser Plan wurde revidiert, denn während zwar Finkbeiner senior an die Idee glaubt, hat sich Felix Finkbeiner gegen jegliche Abholzung entschieden, weil es Spendern offenbar schwer zu vermitteln ist, dass eine Aufforstungsorganisation Bäume fällt.

Felix Finkbeiner und ein Mitarbeiter im offiziellen Stiftungsshirt ­prüfen Jungpflanzen
Felix Finkbeiner (l.) und ein Mitarbeiter im offiziellen Stiftungsshirt ­prüfen Jungpflanzen
© Daniel Berehulak for Stern

Um für die Zukunft zu verhindern, dass das Vermögen des mexikanischen Vereins stiftungsfernen Zwecken dient, wurde eine Verfügung vereinbart. Sie besagt zweierlei: Werden Gewinne aus Holznutzung erwirtschaftet, stehen sie der Stiftung in Deutschland zu. Und zweitens: Einem eventuellen Verkauf der Grundstücke in Mexiko muss die deutsche Stiftung zustimmen. Doch existieren hier entscheidende Einschränkungen: Der Präsident der Stiftung kann laut Verfügung den Verein durch Weisung an seinen Vertreter (Negrete) von der Verpflichtung befreien und damit bestimmen, was mit erwirtschafteten Gewinnen geschieht. Und er kann jederzeit grünes Licht geben für den Verkauf der Grundstücke. Profite, etwa aus eventuellen Wertsteigerungen, würden dann im mexikanischen Verein verbleiben. Die Stiftung hat nur das Recht, die zur Verfügung gestellten Darlehen zurückzufordern. "Man muss hier feststellen", sagt Stiftungsexperte Michael Stöber, "dass wieder alles, aus meiner Sicht unnötig, auf ganz bestimmte Personen ausgerichtet ist." Finkbeiner senior räumt dies ge­genüber dem stern ein und kündigt an, das ändern zu wollen. Man habe aber nie da­ran gedacht, Grundstücke überhaupt zu verkaufen.

Nur von einer Instanz bleiben die Verantwortlichen abhängig: dem mexikanischen Staat und seinen Behörden. Denn diese genehmigen, wie die Grundstücke überhaupt genutzt werden dürfen. Ohne sie ist auch Aufforstung nicht erlaubt.

Welche Nutzung beantragt worden ist und welche bewilligt wurde, lässt sich derzeit nicht mit Gewissheit sagen. Entsprechende Unterlagen sind beim zuständigen Agrarregister wegen der Corona-Pandemie momentan nicht zugänglich. Bislang kann Finkbeiner senior nur für etwa 3.000 der über 22.000 Hektar die Genehmigung für die bis 2019 gültige Aufforstung nachweisen, unter anderem für das Ende 2013 als Erstes erworbene Grundstück Las Americas 1.

Das Grundstück ist mit 1.000 Hektar vergleichsweise klein, zu ihm zählt auch die Senke, in der die Bäume bis vor wenigen Wochen unter Wasser standen. Eigentlich sollte der Bereich einen modellhaften Charakter bekommen. Man habe absichtlich diese vollkommen gerodete Fläche aus­gesucht, so Raúl Negrete Cetina, um den Vorher-nachher-Effekt gut auf Bildern zu dokumentieren. Keiner habe mit solch ausgeprägten Hurrikans rechnen können, die das Gebiet acht Monate lang unter Wasser setzten. "Hätte es die Überschwemmung nicht gegeben, dann gäbe es die ganze Aufregung nicht", sagt Raúl Negrete Cetina.

Raúl Negrete Cetina
Raúl Negrete Cetina ist ehrenamtlicher Präsident der "Plant for the Planet Asociación Civil Mexico"
© Daniel Berehulak for Stern

Dann hätte wohl auch der stern nicht den Rechtsanwalt Rodolfo Bernardo Ma­­co­­ssay Cuevas beauftragt, alle zugänglichen Verträge und Vorverträge zu prüfen. "Es existiert ein sehr starker Widerspruch zwischen dem, wofür die Organisation in Deutschland für Spenden wirbt, und dem, was in Mexiko gemacht wird", schreibt er in seiner schriftlichen Stellungnahme.

Das beste Beispiel dafür ist das Grundstück Las Americas 3. Mit mehr als 10.000 Hektar ist es das größte Grundstück von allen, nahezu die Hälfte der gesamten Projektfläche. Auch dort lautete die offizielle Ankündigung im Pflanzbericht 2019: Die "Wiederaufforstung startet voraussichtlich im Jahr 2021". Tatsächlich hat sich die Organisation bereits nach dem Kauf 2015 durch von ihnen beauftragte Forstingenieure einen Plan zur Nutzholzgewinnung ausarbeiten lassen. Eine Genehmigung zur Aufforstung wurde dagegen bis heute nicht beantragt.

"Die wird es nicht geben", sagt José Zuñiga Morales, der Direktor des Biosphärenreservats Calakmul. "Wir haben die Hoheit über das Gebiet. Was hier geschieht, entscheidet der mexikanische Staat. Hier gilt die oberste Schutzzone. Hier wird man nie einen Baum pflanzen, geschweige denn einen fällen können. Hier bleibt alles der Natur überlassen. Der Wald ist höchstens für Forschung und Lehre nutzbar."

Die Plant-for-the-Planet-Grundstücke liegen im Biosphärenreservat. Die Hälfte davon soll dessen innerstem Kern zugeschlagen werden. Per amtlicher Bekanntmachung wurde es 2014 der direkten ­Verwaltung des Direktors unterstellt. ­Dennoch kaufte Plant for the Planet ein Jahr später die Grundstücke.

Konfrontiert mit den juristischen Einschränkungen, um die Plant for the Planet wissen musste, widerspricht Finkbeiner senior seiner eigenen Ankündigung aus dem Jahr 2019, wonach auch auf diesem Grundstück gepflanzt werden sollte. "Wir wussten, dass das ein Naturschutzgebiet ist. Wir hatten nie vor, dort zu pflanzen." Für das Gebiet habe er ganz andere Ideen, er wolle aus ihm ein Paradebeispiel für den Erhalt der Bäume machen. "Waldschutz ist wichtiger als Aufforstung", sagt er. Er schwärmt jetzt davon, dass "die Reichen der Welt" sich künftig mehr über die Größe ihres eigenen Waldes statt über die ihres Vermögens profilieren sollten. "Wir müssen eine Forbes-Forest-Liste aufmachen. Das kann die Reichen motivieren, Geld für die Zukunft der Menschheit zu investieren."

Fehlende Expertise

Klimaaktivisten und ausgewiesene Forstwissenschaftler von REDD-Monitor, die Maßnahmen zur Verringerung von ­Emissionen durch nachhaltige Waldbewirtschaftung in Entwicklungsländern überwachen, haben Frithjof Finkbeiner im Februar per Mail viele Fragen gestellt und per Twitter öffentlich gemacht. Warum hat sich Plant for the Planet gerade Mexiko ausgesucht? Warum auch noch den Süden der Halbinsel, wo die besterhaltenen ­Wälder des ganzen Landes stehen?

REDD-Monitor hat von Frithjof Finkbeiner keine Antwort erhalten. "Ich verstehe nichts von Bäumen. Ich bin Kaufmann. Ich bin für den Euro zuständig", sagt ­Finkbeiner senior dem stern. Er delegiert die Standortfrage an Negrete. Der sei als Immobilienfachmann verantwortlich für die Ortswahl. Negrete zeichnet mit einem lila Filzstift die Grundrisse Mexikos und die Grenze zu den USA auf ein Blatt Papier. "Aus Sicherheitsgründen sind wir im ­Süden", sagt er. "Je weiter nördlich man kommt, umso größer die Gefahr von Entführungen durch Drogenkartelle."

Fachleute wie der promovierte Forstwirt Bernd Neugebauer wundern sich über diese Erklärung. "Vor allem im nördlichen Teil der Halbinsel gibt es Hunderttausende Hektar von abgeholzten Flächen, die sich zur Aufforstung eignen. Doch die von Plant for the Planet ausgewiesene Fläche liegt an dem für Aufforstung ungeeignetsten Ort, den man sich aussuchen kann", sagt Neugebauer, 69, der jahrelang an der Universität Freiburg gelehrt und Aufforstungsprojekte der Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) in Mexiko betreut hat.

Forstwirt Bernd Neugebauer
Forstwirt Bernd Neugebauer, selbst in der Aufforstung in Mexiko tätig, zweifelt am Vorgehen von Plant for the Planet
© Daniel Berehulak for Stern

Er selbst betreibt etwa 300 Kilometer nördlich vom Pflanzgebiet von Plant for the Planet sein eigenes Aufforstungsprojekt. Vor 30 Jahren schon pflanzte er nahe einer alten Maya-Siedlung, die er in Eigeninitiative ausgräbt, seine ersten Mahagonibäume. Heute sind sie 30 Meter hoch. Er hat den höchsten Wald der ganzen Halbinsel, eine Referenz. Derzeit bildet er Führungskräfte des staatlichen Aufforstungsprogramms Sembrando Vida bei sich aus. Über 100.000 Kleinbauern auf der ganzen Halbinsel sollen davon profitieren. Neugebauer wundert sich, warum Finkbeiner senior und Plant for the Planet ihn nie kontaktiert haben. "Wir kennen uns aus Deutschland. Sie wissen, wo ich bin", sagt der Forstwissenschaftler. "Sie haben sich fachlicher Begleitung in sträf­licher Art entzogen. Offenbar wollen sie ihr Ding ganz allein durchziehen – ohne dass ihnen jemand in die Karten schaut."

Ortskundige Forstexperten hätten etwa davor warnen können, in der Senke zu pflanzen, die sie sich als erstes Pflanzgebiet ausgesucht haben und die später unter Wasser geriet. "Es ist bekannt, dass es dort immer wieder zu Überschwemmungen und auch langen Perioden der Trockenheit kam", sagt Neugebauer. Fachleute erkennen das an den Bäumen namens Palo Tinto, die am Rand der Senke wachsen und sie als Feuchtgebiet ausweisen.

Bauunternehmer Negrete hat Elder de la Cruz als Chef des Pflanzbetriebs eingesetzt, einen ehemaligen Vorarbeiter seiner Baustellen. Frithjof Finkbeiner selbst sagt: "Elder versteht von Bäumen so viel wie ich – nämlich nichts." Raúl Negrete wollte "einen Mann, auf den ich mich verlassen kann". Er versteht nicht, dass es Expertise braucht. Er sagt: "Wer konnte damit rechnen, dass wir sechs Hurrikans in einem Jahr und so viel Regen bekommen?"

Finkbeiner senior sagt zur Kritik: "Man muss doch Fehler machen dürfen. Wir ­suchen den richtigen Weg und lernen dankbar. Wenn man jetzt auf uns einprügelt, schadet man nur. Nicht nur uns, sondern der ganzen Aufforstungsbewegung."

Über die vergangenen Jahrzehnte hat Forstwirt Neugebauer mit angesehen, wie sämtliche Aufforstungsaktionen der mexikanischen Regierung scheiterten, weil einfach nur Bäume in die Erde gesetzt wurden. Er schätzt die Überlebensrate auf zwei Prozent. Allein im Bundesstaat Campeche werden jährlich illegal 22000 Hektar Wald geschlagen, hauptsächlich für Viehweiden, so Alberto Julian Nava von der Nationalen Forstkommission Mexikos Conafor.

"Wald überlebt nur, wenn die Menschen vor Ort eingebunden werden", sagt Neugebauer. "Kleinbauern müssen von ihm ­leben können. Sonst haben sie kein Interesse, Wald zu schützen." Das habe schon Kaiserin Maria Theresia gewusst, die im 18. Jahrhundert die Wiederaufforstung in Österreich und später in Deutschland prägte – unter Einbindung der Kommunen und der lokalen Bevölkerung. "Wenn man es richtig macht, kann man dem Klima nachhaltig Gutes tun", sagt Neugebauer.

Unüberprüfbare Erfolgsmeldungen

Ursprünglich hatte sich die Stiftung das Ziel gesetzt, die 1.000 Milliarden Bäume bis 2020 zu pflanzen. Inzwischen haben die Finkbeiners und ihre Leute dies auf 2030 vertagt. Von 100 Millionen, die man bis 2020 in Mexiko gepflanzt haben wollte, ist man auch heute noch weit entfernt. Nach eigener Zählung sind dort erst 6.332.664 Bäume gepflanzt. Wie viele davon tatsächlich noch stehen, weiß aber niemand.

Jungpflanzen
Mit Jungpflanzen wie diesen wollen zahlreiche Aufforstungsprojekte in aller Welt die Erderwärmung bremsen
© Daniel Berehulak for Stern

Denn wer zählt die Bäume? Brumm sagt, er habe bereits zu seiner aktiven Zeit sehr früh ein schlechtes Gefühl gehabt. Es sei vorgekommen, dass man kurz vor Ablauf der Zweijahresfrist, in der zweckgebundene Spenden ihrem Zweck zugeführt werden müssen, einem Schuldirektor in Malaysia über 100.000 Euro geschickt habe. "Der hat dann eine entsprechende Anzahl gepflanzter Bäume gemeldet, ein Foto geschickt und eine Urkunde mit der Unterschrift vom Dorfbürgermeister. Kein Mensch hat das jemals nachgeprüft", sagt Brumm. Was immer aus der Ferne gemeldet wurde, sei als Erfolg veröffentlicht worden. Zweifel räumt auch Finkbeiner senior ein und sagt: "Dieses Problem kennen wir seit Jahren." Auch ihn habe immer "das Gefühl" geplagt und die Frage beschlichen: Woher weiß ich das ?" Es sei aber das erklärte Ziel von Plant for the Planet, die Zahlen nachprüfbarer zu machen.

Zahlen machen Eindruck. Auf ihnen gründet die ganze Idee des Bäumepflanzens. Mit Zahlen imponierte schon das Umweltschutzprogramm der Vereinten Nationen Unep, als es die Erfolge ihrer Billion Tree Campaign feierte. Die begann 2006, also schon bevor die Finkbeiners die Bäume für sich entdeckten. Die Unep erfand einen Baumzähler als zentrales Werbeinstrument ihrer Tätigkeit. Eingang fanden ungeprüft dabei nicht nur gepflanzte Bäume, sondern auch welche, die teilnehmende Länder nur ankündigten zu pflanzen. So kam man bis 2011,laut Tim Christopherson von der Unep, auf 14 Milliarden Bäume. Der Erfolg erschien riesig, die Unep beendete stolz ihr Engagement und übergab Ende 2011, auf der Klimakonferenz der UN in Durban, ihren Baumzähler an Finkbeiners Organisation, die damals in aller Welt bekannt geworden war. Übergeben wurden auch "die Rechte zur Logo-Nutzung und die Webseiten", wie das Unep-Büro in Nairobi dem stern bestätigt. Auch Fürst Albert von Monaco wechselte als Schirmherr der Unep zu Plant for the Planet. Vor allem aber ging der Datenbestand über – und damit die Zahl der Bäume, die angeblich gepflanzt worden sein sollen.

Plant for the Planet vermittelt seither ­öffentlich den Eindruck, Kinderaktivisten hätten "mit Hilfe von Erwachsenen in 193 Ländern" 14 Milliarden Bäume gepflanzt.

Auch die neueren Zahlen aus Mexiko sind zweifelhaft. So sind etwa die drei Millionen gepflanzten Bäume, die die Nationale Forstkommission Mexikos (Conafor) der deutschen Stiftung im Jahr 2018 bestätigte, nicht nachprüfbar. Auf der Webseite wird das zwar mit einer behördlichen Urkunde bestätigt. Darauf prangt ein Stempel mit Unterschrift. Auf Nachfrage erfährt man jedoch, dass nur einmal ein Vertreter der Forstbehörde bei Plant for the Planet zu Besuch war. "Ich weiß nicht, was da ­genau gemacht wird", sagt der örtliche Direktor von Conafor, in Campeche am Telefon. "Wir haben kein Geld, keine Zeit und kein Personal, um das zu überprüfen."

Mit der bisherigen Behauptung von Plant for the Planet, dass 94 Prozent ihrer gepflanzten Bäume überleben, verhält es sich ebenso. Nur einmal wurde bei etwa 4.000 Bäumen nachgezählt, was ein Jahr nach der Pflanzung noch am Leben war. Eine relative Sicherheit, dass die Setzlinge es schaffen, gibt es erst nach fünf Jahren. Felix Finkbeiner entschuldigt sich heute, aus der Stippvisite die ­forsche Behauptung einer 94-prozentigen Überlebensrate gemacht zu haben.

"Wir hatten nicht die Leute, das zu überprüfen, wir wollten sparen. Das war ein Fehler", sagt er beim Gang durch einen Wald, in dem Arbeiter mit Macheten Gras und Unkraut mähen, um Licht für junge Setzlinge zu schaffen. Dafür, dass nicht einmal zu den Spendern durchdrang, dass Hunderttausende von Bäumen in der überfluteten Senke starben, macht Felix Finkbeiner Sprachbarrieren verantwortlich. Die Mitarbeiter vor Ort sprächen nur Spanisch, die Botschaft sei in Deutschland nicht richtig angekommen. "Das war natürlich Scheiße", sagt er. Als er später selbst mit einem Boot über das Überflutungsgebiet fuhr, hoffte er noch, dass das Wasser bald abfließen würde.

Um Vertrauen zurückzugewinnen, soll von diesem Juli an die selbst entwickelte "Tree-Mapper-App" zum Einsatz kommen. Mit ihrer Hilfe kann jeder neu gepflanzte Baum samt genauer Koordinaten und Foto dokumentiert werden. "Das bringt uns die Transparenz, die man uns abspricht", sagt Frithjof Finkbeiner. Schon von Ende April an sollen auch Pflanzberichte und Kostenaufstellungen des mexikanischen Vereins online gestellt werden. Darüber hinaus will Finkbeiner junior sein Kommunikationsteam aus- und ein zehnköpfiges Monitoring-Team aufbauen. Auch ein wissenschaftliches Team soll entstehen.

"Wahrscheinlich werden wir bald mehr als einen Euro für einen Baum nehmen müssen", sagt Felix Finkbeiner. Plant-for-the-Planet-Botschafter Fürst Albert von Monaco fordert bei seinem Aufforstungsprojekt sechs Euro pro Baum, um verlässliche Zahlen zu liefern und auch Bäume nachpflanzen zu können, wenn die es nicht schaffen. Andere verlangen bis zu 69 Euro pro Baum.

Inzwischen gibt es eine ganze Reihe von Aufforstungsorganisationen. Plant for the Planet konkurriert mit ihnen um Spendengeld. Nimmt der Ruf Schaden, kann es um die Existenz gehen. Mit dem Getränkehersteller Eckes-Granini hat sich der erste Großspender nach den öffentlichen Anschuldigungen zurückgezogen. Man habe "das Weite gesucht", so ein Firmensprecher, "um mögliche Imageschäden zu vermeiden", zumal sich die Firma ohnehin überlegt hatte, ihr Engagement im Klimaschutz auf andere Projekte zu konzentrieren. Ein paar Dutzend andere Großspender wurden von Frithjof Finkbeiner in Gesprächen überzeugt, an Bord zu bleiben.

Das gilt auch für Schirmherr Klaus Töpfer, zumindest vorerst. "Ich habe mich damals dafür bereit erklärt", sagt er, "die ­Sache aber leider nicht weiterverfolgt. Ich werde mich mit der Frage eingehend beschäftigen, ob die Art und Weise, wie dort gearbeitet wird, noch dem entspricht, was wir heute brauchen."

Die Kritik von Fachleuten wie Neugebauer an Plant for the Planet wird massiver, die Zweifel wachsen. Neugebauer stellt gar die Frage, ob es noch einen anderen Grund geben könnte, warum die Finkbeiners ausgerechnet in dieser Gegend investiert haben.

Seit bekannt ist, dass hier bald die Bahnstrecke des Tren Maya vorbeiführen wird, haben sich in derselben Region Investoren eingekauft. Der Tren Maya ist ein Mammutprojekt der mexikanischen Regierung, das insgesamt 1.500 Kilometer Gleisstrecke über die ganze Halbinsel umfasst. Es soll auch den Tourismus fördern. Nur wenige Kilometer südlich liegt eine der heiligsten, wegen ihrer Abgeschiedenheit bis heute wenig besuchten Stätten der Mayas: die Ruinen von Calakmul, einst eine der größten Siedlungen der ehemaligen Hochkultur, genannt das "Manhattan der Mayas".

Ein Gesetz, das Grundstückskäufe in diesem Gebiet verbietet, soll kurz vor der Verabschiedung stehen. Allein die Ankündigung hat die Spekulation auf steigende Preise angeheizt. Die Nationalparkverwaltung liegt bereits im Streit mit Investoren, die mutmaßlich in der Absicht kauften, in Tourismusprojekte zu investieren. Die Arbeiten an manchen Streckenabschnitten des Tren Maya haben bereits begonnen. Der Zug soll in drei Jahren den Betrieb ­aufnehmen. Er soll bis zu 3,5 Millionen Passagiere jährlich befördern. Für jeden Landeigentümer eine verlockende Zahl.

Frithjof Finkbeiner, der mit Negrete einen ausgewiesenen mexikanischen Grundstücksgutachter an seiner Seite hat, sagt, er habe von dem Großprojekt Tren Maya erst durch den stern erfahren.

Nach der kritischen Berichterstattung im Dezember hat er angekündigt, sein ­Aufforstungsprojekt vom Wirtschafts­prüfungsunternehmen Pricewaterhouse ­Cooper unter die Lupe nehmen zu lassen. Dabei geht es nicht um mögliche Spekulation oder die Frage, wie sinnvoll Plant for the Planet handelt. Die Prüfer sollen sich auf Kosten der Stiftung durch ein halbes Dutzend Kisten mit Lieferscheinen und 1352 Pflanzberichten wühlen und die korrekte Verbuchung von Ausgaben prüfen.

Bis heute haben sie ihre Arbeit noch nicht aufgenommen.

stern-Reporter ­Joachim Rienhardt recherchierte mehrere Wochen in Deutschland und in Mexiko. Daniele Berehulak fotografierte. Der Text wurde vom Dokumentar Andreas Mönnich verifiziert

Erschienen in stern 18/2021

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