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An Tagen wie diesem: Von 9.05 bis 23 Uhr mit Berlins regierendem Bürgermeister Klaus Wowereit

Klaus Wowereit kam am 1. Oktober 1953 als jüngster Sohn einer allein erziehenden Arbeiterin in Berlin zur Welt. Zusammen mit vier Geschwistern wächst er in Tempelhof auf. Er studiert Jura an der Freien Universität und durchläuft dann eine klassische West-Berliner Parteikarriere. Intern gilt Wowereit als "Kuschellinker". Seit Juni 2001 ist er Regierender Bürgermeister von Berlin. Kurz zuvor hatte er sich öffentlich zur eigenen Homosexualität bekannt. Sein Satz: "Ich bin schwul, und das ist auch gut so", wurde ein geflügeltes Wort. Wowereit gilt als Popstar unter den deutschen Politikern

Klaus Wowereit kam am 1. Oktober 1953 als jüngster Sohn einer allein erziehenden Arbeiterin in Berlin zur Welt. Zusammen mit vier Geschwistern wächst er in Tempelhof auf. Er studiert Jura an der Freien Universität und durchläuft dann eine klassische West-Berliner Parteikarriere. Intern gilt Wowereit als "Kuschellinker". Seit Juni 2001 ist er Regierender Bürgermeister von Berlin. Kurz zuvor hatte er sich öffentlich zur eigenen Homosexualität bekannt. Sein Satz: "Ich bin schwul, und das ist auch gut so", wurde ein geflügeltes Wort. Wowereit gilt als Popstar unter den deutschen Politikern

9.05 Uhr:

Fast pünktlich schält er sich kurz nach neun Uhr vor dem Grand Hyatt Hotel aus der Mercedes-Dienstlimousine mit den abgedunkelten Scheiben. Elastisch und gelassen zugleich, er lässt sich nicht hetzen. Der dunkle Anzug mit den feinen Streifen in Grau-Bleu knittert hinten schon leicht. Hier und da glänzt die Straße noch nass. Er schreitet nicht, er stampft auf beim Gehen, so als boxten die Füße den Boden. Um sechs Uhr dreißig sei er heute aufgestanden, sagt er. Kleines Frühstück: Espresso, Toast. Er ist viel unterwegs. Vorgestern hat er in Köln übernachtet, die ganze letzte Woche in Mexiko. Auch Bettlektüre kommt selten vor bei ihm. "Normalerweise lese ich nichts mehr, weil ich ins Bett falle", sagt Klaus Wowereit.

Im Tross der Sicherheitsleute die Treppe des Hyatt hoch zum Grand Ballroom A, hier und dort eine Hand geschüttelt. Die Teilnehmer der Tagung "China: die neuen Chancen" warten schon, Chinesen und Deutsche, hochkarätige Wirtschaftsleute, vor sich dicke Ordner und je ein Set mit Erfrischungsgetränken. Fast 2000 Euro hat jeder hier als Eintritt gezahlt.

10.00 Uhr:

Als Regierender Bürgermeister ist Klaus Wowereit am Pult der zweite Redner nach Stefan Baron, dem Veranstalter. Vor versammelter Mannschaft zieht der ihn ein wenig auf wegen der Mexikoreise. Doch Wowereit kontert ruhig: "Ich war auch in China, als es SARS gab." Unterm Pult hat er dabei das rechte Bein von sich gestreckt, als wollte er sich erden. "Ich würde mich freuen", sagt er ins Mikrofon, "wenn möglichst viele Chinesen nach Berlin kämen. Nur nicht alle auf einmal." Oder: "Geben Sie Ihr Geld hier aus, wir können es gebrauchen." Und lächelt verschmitzt. Heiterkeit im Saal. Von weitem verschwimmen die leuchtend-blauen Punkte auf seiner roten Seidenkrawatte.

Wie ein Erster unter gleichen Bürgermeistern sieht er gar nicht aus, er könnte auch der Zuarbeiter von jemand anderem sein. Ein Gesicht, das mehr versteckt als es zeigt. Fast ohne Konturen und ohne Mimik. Nur die Unterlippe schiebt sich trotzig hervor. Nichts flimmert oder glitzert an ihm. Klaus Wowereit ist der Junge aus Tempelhof und der ist er geblieben. Sein Charisma liegt in seiner Nahbarkeit. Er ist ansprechbar, nahezu jederzeit. "Das ist mein Stil", sagt er später, "ich kann und will mich nicht verschanzen." Es bedeutet nicht den Verzicht auf die Macht. Umfragen über sich kennt er genau. "Locker finden mich 87 Prozent, weltoffen 86 Prozent," weiß er, "faul sagen 6 Prozent, arrogant 20." Für kompetent halten ihn nur 61 von 100 Befragten. Klaus Wowereit, der kühle Rechner: "Natürlich", sagt er, "wird heute Politik über Medien gemacht." Wenn er spricht sagt er "am schlümmsten", wenn er "am schlimmsten" meint und: "ebend", statt eben, wie die meisten Berliner. 15 Minuten sitzt er noch ganz links auf dem Podium, stützt das Kinn in die rechte Hand, bohrt dabei den Zeigefinger fast in die Wange. Von weitem sehen die schmalen Augen wie Schlitze aus. "Wie läuft's?", fragt ihn einer der Teilnehmer beim Rausgehen. "Guut", antwortet er, freundlich wie knapp.

10.30 Uhr:

Auf der Fahrt ins Rote Rathaus im Osten liegen noch die gelesenen Zeitungen vom Morgen auf dem Boden, er liest drei bis vier am Tag. Akten zückt er keine. "In Berlin sind die Wege relativ kurz, da bleibt keine Zeit zum Arbeiten", sagt Klaus Wowereit, "ich mach aber auch viel Aktenarbeit, das sieht man nur nicht so. Ich kann das auch relativ schnell." Aus dem Mercedes in den Aufzug, Büro des Regierenden, erster Stock. Ein breiter roter Teppich führt bis in sein Büro. Die beiden Sekretärinnen begrüßt er mit Handschlag. "Na, wieder Heuschnupfen?", fragt er eine von ihnen. Sein Büro hat die Größe einer geräumigen Vierzimmer-wohnung, doch dafür kann er nichts. Rechts stehen zwei aufgerollte Flaggen in der Ecke, bei dem blau-schwarzen Monumentalbild hinter seinem Rücken kennt er den Namen des Künstlers nicht. "Hoffmann, glaube ich", sagt er. Auch im Vorzimmer hängen Originale - Leihgaben der Berlinischen Galerie. Die Sekretärinnen tragen Headsets. Auf ihn wartet ein Stapel Unterschriftenmappen. Die Tür schließt sich. Klaus Wowereit regiert. Draußen plätschert ein Springbrunnen auf dem Platz, hoch oben an einem Gebäude verkündet ein Coca-Cola-Schriftzug leuchtend-rot seine Botschaft.

11.50 Uhr:

Im Flur treffen drei Gesprächspartner in Sachen Flughafen Schönefeld für den Regierenden ein. Klaus Wowereit wünscht kein Foto davon. Keiner wagt zu widersprechen. "Manchmal", sagt er später, "muss man auch vorsichtig sein. Diskret eben." Seine fast kumpelhafte Art lässt Annäherung zu, doch nicht grenzenlos. "Jemanden in die Schranken zu weisen, das kann ich sehr gut," sagt er. Insider wissen, dass er fähig ist, eiskalt zu entscheiden. Draußen taucht die Sonne die Stadt in Glitzerlicht, Straßenlampen werfen lange schmale, Giacometti-Schatten.

12.45 Uhr:

Protokollchef Stocks holt ihn ab, für ein Grußwort an die Diplomatengattinnen des Berliner Diplomatenclubs beim Auswärtigen Amt. Im Wappensaal warten die Mitglieder schon. Damenprogramm. Er fordert die Damen auf, Geld auszugeben. Wo er spricht, wirbt er auch für seine Stadt. Aber er spricht auch von "der dunkelsten Zeit Deutschlands", und trifft beide Male den Ton. Auf die schmalen Karten in seinen Händen schaut er immer wieder hinab. Eine junge Blonde übersetzt ins Englische. Kaum hat er gesprochen, da umringen sie ihn schon wie einen Popstar. "Bitte ein Foto", und "bitte noch ein Foto", die meisten tragen einen Schal über einer Schulter. Wowereit beugt sich zu ihnen hinunter, die Hände unterm Bauch verschränkt.

13.35 Uhr:

Im Dienstwagen sind die Zeitungen vom Morgen vom Boden verschwunden. Auf Wowereit wartet schon die nächste Ansprache: im Palais der Stiftung Preußischer Kulturbesitz im Westen. Während der Fahrt geht er nochmals den Ablauf durch. Das Ehepaar Newton wird an diesem Tag seinen Nachlass in Form einer Stiftung nach Berlin einbringen. "Der Newton ist auch schon 83", staunt er beim Lesen. Helmut Newton, die Füße in großen weißen Turnschuhen, wirkt ein wenig geschminkt. Ehefrau June zückt die Handkamera und schießt zurück, wenn Fotografen auf sie anlegen. Newton fotografiert Wowereit, der nimmt es locker: "Ich kenn das schon, ein echter Newton." Der nennt ihn später Wolwereit, und bleibt unkorrigiert, wohl aus Respekt. "Jetzt sind die ganzen Moneten weg", sagt Newton zu seiner Frau. Im Foyer warten schon die Journalisten. Seelenruhig beantwortet er die immerselben Fragen.

14.30 Uhr:

Ab nach Hamburg zu den World Awards, Klaus Wowereit gehört zur Jury. Sein Smoking hängt schon seit dem Morgen im Wagen für die abendliche Gala. Auch die Polizisten, die ihn begleiten, haben einen Smoking mit. Übernachtung im Kempinski Hotel Atlantic. "Das zahle ich selbst," sagt er. Knapp drei Stunden brauchen Limousine und Polizeifahrzeug bis nach Hamburg ins Hotel.

19.32 Uhr:

Vor dem roten Teppich zur Musikhalle am Johannes-Brahms-Platz ballen sich Fans wie Fotografen hinter Absperrgittern. Fast unbemerkt verlässt Klaus Wowereit in schwarzem Smoking und schwarz-weiß gestreifter Fliege sein Dienstfahrzeug. Kaum im Lichterkegel angelangt, da schreien sie schon. "Wowi, bitte hierher!" "Wowi ein Autogramm bitte." Er bedient erst die jungen Leute im Halbdunkel mit Autogrammen. Dann wendet er sich der Wand aus Fotografen zu, dem Blitzlichtgewitter. Er genießt es, aber es ist ihm kaum anzumerken. Zwei Schritt weiter schreien sie ohrenbetäubend nach ihm. "Wowi, Wowi." Nach Ole von Beust schreien längst nicht so viele. Wowi, der Bürgermeister-Superstar. "Weiß ich nicht, warum die so begeistert sind", sagt er, "dass ich der Erste war, der sich offen bekannt hat, das war bestimmt ein Faktor." Drinnen im engen Treppenhaus der Musikhalle drängt sich Promi an Promi. Die Bussi-Gesellschaft, die, immergleich, bei jedem Event aufeinander trifft. "Man kennt die meisten", sagt Klaus Wowereit. Wolfgang Joop mit Tochter Jette hier, Til Schweiger dort. Plötzlich tritt eine Drag Queen ein, ein baumlanger Kerl, schrill geschminkt und in Frauenkleidern. Keiner im Umkreis tuschelt. Es feiert auch niemand die große Schöne, kaum einer nimmt sie weiter zur Kenntnis. Da ist kein Tabu mehr. Wowereits Bekenntnis zum Schwulsein hat auch das öffentliche Leben verändert.

20.25 Uhr:

"Jetzt steht er ihr schon wieder auf der Schleppe", rügt Wowereit spöttisch Wolfgang Joop. Ein anderer Tross drängt plötzlich die Prominenten unsanft beiseite: Michael Gorbatschow mit Tochter. Er sieht ungesünder aus, als später im großen Licht. "Mein Verleger", ruft Wowereit, als er im Keller "Spiegel"-Chef Aust begegnet, es ist rein scherzhaft gemeint. Der Regierende wünscht sich den Umzug des Verlags nach Berlin.Vor der VIP-Lounge im Keller fällt ihm plötzlich Verona Feldbusch um den Hals, drinnen stehen sie dicht an dicht in dem schmucklosen Kellergewölbe. Wowereit nimmt einen Cocktail. "Ich brauche die Leute", sagt er, "ich brauche mein Netzwerk."

23.00 Uhr:

Ende der Vorstellung. Im regenfeuchten Dunkel winkt sich Lech Walesa, der ehemalige Präsident Polens selbst ein Taxi herbei. Weiter oben steigt Klaus Wowereit in seinen Dienstmercedes. Ins Atlantic zum Mitternachtsdinner. Dazu wird es nicht kommen. Eine Stunde warten die Promis vorm verschlossenen Bankettsaal. Klaus Wowereit gibt dann auf. Geht mit Johannes B. Kerner und Til Schweiger um die Ecke in St. Georg was essen. Beide kennt er sehr gut. Der Tag dauert bis zwei Uhr morgens. Für Berliner kein Thema.

Edith Kohn