BMW Sportler im Tarnanzug


Er ist das wichtigste Modell bei BMW. Mit dem neuen dreier hoffen die Bayern, den Zeitgeist zu treffen. Seine Technik jedenfalls überzeugt.

Einige Herren der oberen BMW-Ränge quält derzeit gehöriger Bammel. Das Design ihres neuen Dreier-Modells, so fürchten sie insgeheim kurz vor der Weltpremiere Anfang März, könnte floppen. Sie sind nicht sicher, ob die Linienführung der Karosserie bei der Kundschaft ankommt oder vielleicht seelenlos wirkt.

Vorne sieht der Neue wie eine Fünfer-Kopie aus. Im leicht pummeligen Heck glauben einige Spötter fernöstliche Design-Gene ausmachen zu können. Für Martin Landtau sind derlei Bissigkeiten aber totaler Quatsch. Der Marketingleiter der Dreier-Serie ist nach umfangreichen Tests und Studien der Meinung, dass der Wagen den Zeitgeist trifft und gleichwohl unverwechselbare BMW-Qualitäten erhalten bleiben.

Schließlich, so der Vertriebsprofi, "haben wir aus unseren Fehlern gelernt". Im Klartext: Beim Dreier können sich die Bayern keine abgedrehten Experimente leisten, weil er allein für fast die Hälfte des Umsatzes sorgt. Klemmt der Dreier-Verkauf, klemmt es auch in der Kasse des gesamten Konzerns.

Was die neue Mittelklasse von BMW wirklich draufhat, klärt ein stern-Fahrbericht.

GLANZ & GLORIA:

hoch. Autos aus München gelten ungebrochen als gut und teuer, leiden nicht so heftig unter Qualitätsmacken wie Konkurrenten. An der Begehrlichkeit für Weiß-Blau konnten auch die Design-Schocker mit ihrer Hängebauch-Optik aus der hauseigenen Oberklasse nichts ändern. Im vergangenen Jahr legten die Bayern das beste Geschäftsjahr der Firmengeschichte hin. Wer BMW fährt, so die Botschaft der Fans, setzt auf technische Schmankerl und kann dafür auch etwas mehr Kohle als unbedingt nötig auf den Tisch legen.

GLEITEN & GENIESSEN:

mittelprächtig. Fahrgeräusche nerven nicht, Umluft- und Klimasteuerung sind prima, jeder Schalter sitzt perfekt. Das aufpreispflichtige Bediensystem iDrive mit dem dicken Drehknopf in der Mittelkonsole wurde entrümpelt und damit auch für weniger schnelle Durchblicker benutzbar. Sogar der Kunststoff auf Armaturentafel und Fenstereinfassung sieht nicht mehr abgenutzt und billig aus. Dennoch ist der neue Dreier kein rollendes Kuschelsofa in Übergröße. Sitze, Raum- und Beinfreiheit sind zwar für fettarme Nordic Walker wunderbar auf Maß geschnitten, aber pfundige Rücksitzpassagiere sollten, wenn sie Enge nicht gemütlich finden, ohne vorherige Diät keine Langstreckentouren starten. Orthopädische Sensibelchen auch nicht, denn das Fahrwerk meldet mit zackigen Stößen jedes Schlagloch. Da hilft auch nicht die Sitzpolsterung, die ist ebenfalls reichlich stramm.

GAS & SPASS: großartig. Das Zusammenspiel zwischen der beispielhaft präzisen Lenkung mit dem leichtfüßigen und enorm spurtreuen Fahrwerk macht aus dem Bayern ein Sportgerät, für das auch die teils neuen Motoren und das serienmäßige Sechsgang-Schaltgetriebe mit hohem Spaßfaktor punktgenau abgestimmt sind. Gewissermaßen gefährlich sind nur die Bremsen. Deren kraftvolles und gut dosierbares Zubeißen könnte manchen Dreier-Fahrer verführen, den Bremspunkt übermütig immer weiter hinauszuzögern. Mehr wieselige und zugleich gutmütige Fahrdynamik in einer Familienlimousine ist derzeit ohne Allradantrieb kaum zu haben.

GELD & WERT:

grausig. Für happig viel Geld (geschätzte 27500 Euro für die Basisversion) liefern die Münchner ein Auto, das zwar für die Insassen- und Fahrsicherheit alles an Bord hat, aber ansonsten äußerst mager bestückt daherkommt. Selbst Cupholder kosten extra. Unverständlich, warum es die hilfreiche Aktivlenkung für weniger Kurbelei in Kurven nicht für Vierzylinder-Modelle gibt.

FAZIT:

Einer der besten Mittelklasse-Sportwagen, als Limousine getarnt. Für Markenfans, die nicht auf den Euro gucken müssen und Design-Diskussionen den Volkshochschulen überlassen.

Peter Weyer print

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