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Kutte, Grill und "Dreiradmonster Die Triker von Beringstedt – Echte Kerle aus Schleswig-Holstein

Die Triker von Beringstedt – Echte Kerle aus Schleswig-Holstein
Bundesstraße 76 statt Route 66: Hansi, Gerhard und Helmut fahren Trike. Doch sie grillen auch gern
© Patrick Ohligschläger
Ihr Gefährt: halb Motorrad, halb Auto. Ihre Sehnsucht: die Weite Amerikas. Aber Schleswig-Holstein ist irgendwie gemütlicher, finden die Triker von Beringstedt.
Von Tobias Schmitz

Also Ralf hat sich jetzt festgelegt: Nächste Saison bekommt Mara eine eigene Kutte. Mara ist noch jung und ziemlich klein, klar, es heißt ja nicht umsonst Zwergspitz, aber auch ein winziges Tier muss angemessen gekleidet sein, wenn Herrchen mit ihm auf drei Rädern durch die Prärie knattert. Der Platz für Maras Transportbox ist schon vorbereitet, an der Seite, ein paar Zentimeter über dem Asphalt. Im Heck 101 Pferdestärken und rechts 1 Hund. Das wird ein Spaß.

Und genau darum geht's doch, oder? Das Leben endet mitunter abrupt, und niemand wird jünger, und solange Mann noch kann, muss Mann tun, was Spaß macht. Ralf, 54, zupft seine Lederweste zurecht, dreht den Zündschlüssel und bollert los, ein Grinsen im Gesicht. Ralf fährt Trike. Am liebsten in der Gruppe. Mit Gerhard, Dieter, Hansi und all den anderen. Gemeinsam sind sie die "Eulen", der Motorradklub "Eulen Trike & Bike Beringstedt", gegründet 2007, eigene Homepage. 14 Facebook-Freunden gefällt das.

Der letzte Schrei waren solche Fahrzeuge zuletzt in den Achtzigern

Die Eulen halten zusammen. Fast alle sind inzwischen in ihren Fünfzigern und Sechzigern. Langsam werden sie alt mit ihrer Leidenschaft, und sie wissen das. Deshalb genießen sie jeden Augenblick mit und auf dem Gerät, als sei es ihr letzter. An diesem Samstag sind sie aus ganz Schleswig-Holstein auf eine Wiese nach Klein-Waabs an die Ostsee gekommen. Für ein entspanntes Treffen mit Übernachtung bei Kaffee und Kaltgetränken. Ach ja, es soll zwischendurch auch noch gefahren werden.

Trikes sehen aus wie das Resultat einer stürmischen, aber kurzen Liebesaffäre. Als hätte sich eine nicht mehr ganz nüchterne Harley-Davidson mit einem ebenfalls nicht mehr ganz nüchternen VW Käfer gepaart: vorn eine lange Motorradgabel, hinten zwei Breitreifen und der Antrieb. Der letzte Schrei waren solche Fahrzeuge zuletzt in den Achtzigern. 1984 fuhren Thomas Gottschalk und Mike Krüger auf Trikes durch den Film "Zwei Nasen tanken super", womit eigentlich alles gesagt ist.

Das Leben ist zu kurz, um stillos durch die Gegend zu rasen. Triker cruisen, gern auch mit Wohnwagen im Schlepp
Das Leben ist zu kurz, um stillos durch die Gegend zu rasen. Triker cruisen, gern auch mit Wohnwagen im Schlepp
© Patrick Ohligschläger

Ein Trike ist das Gegenteil von dezent. Manche moderne Exemplare wirken wie ein Pornofilm auf drei Rädern. Nimm mich! Gib's mir! Härter! Der Motor liegt offen, stolz präsentiert der Besitzer seine stahlharten Auspuffrohre. Im Regelfall mindestens zwei, gern auch mal sechs. Manchen Motorradfahrern sind Trikes so peinlich, dass sie nicht mal grüßen, wenn man sich auf der Landstraße begegnet. "Zu blöd, um auf zwei Rädern zu fahren, und für vier Räder kein Geld", lautet der Standardwitz über Triker. Hat irgendwie gewirkt: In Deutschland gibt es nur noch zwei größere Serienhersteller und ein paar Tausend Fahrer. Das schweißt zusammen.

Und niemand kennt sich mit Zusammenschweißen so gut aus wie Dieter, den alle nur den "Blechdok" rufen. "Blechdok" oder "Präsi", weil er die Seele des Klubs ist und mit strenger Hand darüber wacht, dass alles mit rechten Dingen zugeht. "Einer muss den Laden ja zusammenhalten", sagt der Präsi. Wenn seine Triker zum Beispiel blöde Witzfilmchen in die Whatsapp-Gruppe posten, die nur für die Planung gemeinsamer Ausfahrten gedacht ist, dann gibt es vom Präsi einen Anschiss.

Auch bei seinem Trike legt Dieter Wert auf Details
Auch bei seinem Trike legt Dieter Wert auf Details
© Patrick Ohligschläger

Blechdok Dieter sieht locker zehn Jahre jünger aus als seine 60, trägt zur blonden Vokuhila-Frisur Goldkettchen, hüllt seinen Bauch in ein hautenges schwarzes T-Shirt mit der Aufschrift "Powerpack" und stiefelt mit Cowboystiefeln in Größe 47 durch die Gegend wie Schleswig-Holsteins Antwort auf Chuck Norris. Wenn er überhaupt stiefelt. "Ein Triker läuft nicht weiter zu Fuß, als sein Trike lang ist", sagt er. Bei allerspätestens fünf Metern muss also im Prinzip Schluss sein.

"Ich hab'n Lüdden anner Murmel"

Dieter ist Karosseriefachmann. Irgendwann machte die Bandscheibe schlapp, und seitdem weiß Dieter manchmal nicht, wie er liegen oder sitzen soll. Da ist ein Trike sehr praktisch, weil man da weder liegt noch sitzt. Es ist eher ein Lümmeln mit gespreizten Beinen. Genau Dieters Ding.

Es gibt eigentlich nichts, was Dieter nicht kann. "Der spricht mit dem Blech", raunen seine Kumpel. Daher der Spitzname auf seiner Kutte. Der Blechdok kann schrauben, schweißen, basteln, grillen, Geschichten erzählen, blöde Witze machen und kernig lachen – auch über sich selbst. "Ich hab'n Lüdden anner Murmel", sagt er über sich, was auf Hochdeutsch so viel bedeutet wie "Ich habe nicht alle Tassen im Schrank".

Präsi Blechdok erklärt sein lila glitzerndes Trike: vor 19 Jahren als Bausatz gekauft, alles selbst gemacht, auch den Umbau auf 345er-Schlappen, 14 mal 20 Zoll, war kein Kinderspiel, musste alles raus, musste alles anders, sieht jetzt geil aus, nachts mit blauer LED-Beleuchtung, Käfermotor geht gut, alles kein Problem.

Dieter mit seinen Kumpels
Dieter mit seinen Kumpels
© Patrick Ohligschläger

Neben Dieter steht Hansi, eigentlich Hans-Jürgen, 66, und freut sich über die Spätsommersonne. Seit 46 Jahren ist Hansi jetzt mit seiner Astrid verheiratet. Sie trägt ein schwarzes T-Shirt mit der Aufschrift "Lethal Threat". Aber so eine tödliche Bedrohung ist Astrid gar nicht. Sie ist nur manchmal etwas streng. "Wenn du ein Trike haben willst, dann musst du dir die Haare wachsen lassen", sprach Astrid zu Hans-Jürgen. Das war 2010. Seitdem war Hansi nicht mehr beim Friseur. Er träumt davon, mal die legendäre Route 66 in Amerika zu befahren. Die Weite zu spüren.

Aber irgendwas ist ja immer. In diesem Fall: der lange Flug. Schreckt ihn schon sehr ab. Die Gesundheit muss schließlich auch mitspielen. Hansi und Astrid begrüßen die anderen, und Hansi erklärt einem Kumpel, wo es 230 Volt für das Schlafapnoe-Gerät gibt, das Schnarchköppen wie ihnen Luft bei Atemaussetzern schenkt und den Partnerinnen ruhige Nächte.

"ersmonschönkawwetrinkn"

Viele Eulen haben zum Treffen einen winzigen Wohnwagen der Marke QEK Junior mitgebracht. Die DDR-Modelle aus Plaste und Luft, ursprünglich für den Trabbi gedacht, wiegen so wenig, dass sie auch von Trikes gezogen werden dürfen. Der Blechdok hat aus einem schrottreifen QEK ein silbern schimmerndes Kleinod gemacht, mit polierten Breitreifenfelgen. Den Boden hat er tiefergelegt und den ganzen Wagen erst rundrum aufgeschnitten und dann sechseinhalb Zentimeter flacher gemacht. War ’ne Sauarbeit, nach 500 Stunden verlor Dieter die Lust am Zählen. Zahlen bedeuten ihm eher wenig. Wie lange ist er jetzt mit Ute verheiratet? 37 Jahre? "Schlimmer kann's nicht mehr kommen!", scherzt Dieter, er weiß ja, was er an ihr hat. Nur weil sie sich damals geweigert hatte, auf ein Motorrad zu steigen, hatte Dieter sein Trike überhaupt gekauft. Das hat sie jetzt davon, die Gute.

Zwei Mädchen hat sie ihm geboren, und die Mädchen haben wiederum drei Mädchen bekommen. "Wenn du mal abkackst, verkauf ich als Erstes dein Trike", hat eine Tochter mal gedroht. Aber noch überblickt Dieter die Runde seiner Mannen wie ein freundlicher Wikingerkönig. Sein kleiner Wohnwagen bildet den Mittelpunkt des Treffens – von hier aus wird nun ein Campingtisch an den nächsten gestellt.

"Triky ist unser Schatzi", sagt Susi

Fahren sie jetzt los? Nee, noch nicht. Denn jetzt ist "ersmonschönkawwetrinkn", wie Kumpel Gerhard, 66, in reinstem Norddeutsch sagt. Natürlich mit Ehefrauen. Denen bleibt ansonsten nur die Rolle als Beifahrerinnen, hinter ihren Männern eine Ebene höher sitzend. Sicherheitsgurte sind nicht vorgesehen. Ein Triker-Scherz geht so: Bei einer Vollbremsung fliegt die Frau schon mal vor und schaut nach, ob vorn alles in Ordnung ist. Die riesigen Lenker und die vergleichsweise winzige Gangschaltung bedient traditionell der Mann.

Kaffee oder Bier? In dieser Reihenfolge, bitte. Im Basislager begrüßt Gerhard den Harley-Triker Rainer
Kaffee oder Bier? In dieser Reihenfolge, bitte. Im Basislager begrüßt Gerhard den Harley-Triker Rainer
© Patrick Ohligschläger

Helmut, 59, hat seine Kutte mit einem Che-Guevara-Button verschönert. Sein Verhältnis zur Technik ist einfach:"Einmal Ventile eingestellt – läuft! Wenn läuft, dann läuft, und gut is." Auf Helmuts Trike prangt neben dem Nummernschild ein "Nix Sylt!"-Aufkleber. Auch Gerhard teilt am Heck seines Gefährts etwas mit: seine Liebe zu Schleswig-Holstein. Ein Schild zeigt die Landesfahne und Teile einer lokalen Straßenkarte. Dazu das Emblem der berühmten "Route 66" – nur dass die Straße bei Gerhard "Bundesstraße 76" heißt. Die liegt direkt vor der Haustür. Warum in die Ferne schweifen? Das Gute liegt ... Genau.

Thorsten, 55, Halbglatze, langes graues Haar und geflochtener Bart, Spitzname Thorleif, heizte früher mit diversen Motorrädern durchs Land und hatte mal eine Computerfirma. Vor 16 Jahren kam Susi in seinen Laden, Thorsten fand, sie war eine nette Kundin. Als er später Stress mit seiner damaligen Partnerin hatte und im Auto übernachtete, bot ihm Susi ihr Gästezimmer an. Das fand Susis Mann auf Dauer suboptimal. Thorsten sollte gehen. Wenn ich gehe, nehme ich aber die Susi mit, sagte Thorsten. Und Susis Mann sagte: Macht ihr mal. Das taten Susi und Thorsten dann auch. In guten wie in schlechten Zeiten.

Nach jeder Fahrt bekommt das Gefährt einen zärtlichen Klaps

Nach einem Jahr des Glücks hatte Thorsten einen Schlaganfall. Motorradfahren wurde unmöglich. Susi blieb. Zur Hochzeit 2006 legten die Freunde für ein Wahnsinnsgeschenk zusammen: ein gebrauchtes Trike vom Typ Schreier Rassler, 28 Jahre alt. Da saßen Thorsten und Susi in ihren Lederklamotten und heulten Rotz und Wasser.

Seitdem sind sie etwa 150.000 Kilometer mit dem Dreirad durch die Gegend gefahren – einmal sogar bis in den Spreewald. Nach jeder Fahrt bekommt das Gefährt einen zärtlichen Klaps aufs Blech. "Triky ist unser Schatzi", sagt Susi. "Unser Leben", brummt Thorsten. Die ziemlich hässliche Alukiste im Heck über dem Motor würde Thorsten niemals abschrauben. Gehörte mal einem Freund, der Trucker war und darin seine Spanngurte aufbewahrte. Dann knallte dem Trucker bei einer Vollbremsung eine ungesicherte Werkzeugkiste in den Rücken. Jetzt ist er behindert. Und Thorsten fährt seine olle Alubox durch die Gegend. Aus Solidarität. Und zum Gedenken.

Susi und ihr Goldstück Thorsten sind stolz auf ihren eigenhändig restaurierten Wohnwagen. Und ein bisschen auch darauf, dass sie sich vom Leben nicht unterkriegen lassen
Susi und ihr Goldstück Thorsten sind stolz auf ihren eigenhändig restaurierten Wohnwagen. Und ein bisschen auch darauf, dass sie sich vom Leben nicht unterkriegen lassen
© Patrick Ohligschläger

Ihren QEK Junior haben Thorsten und Susi seinerzeit für 650 Euro geschossen. "Da haben wir erst mal alles rausgerissen", sagt Susi. "Da müssen früher Hühner drin gelebt haben." Danach strich Susi den QEK mit der Farbrolle und pappte pfundweise Unterbodenschutzpudding drunter. "Jetzt ist der Wagen so dicht, dass wir damit tauchen gehen können. Dachhimmel und Isolierung muss noch neu, aber alles der Reihe nach, wir haben es finanziell nicht so dicke." Thorsten ist schon länger arbeitslos, zum Glück hat Susi wieder eine Stelle gefunden. Wird schon wieder.

Gerhard blickt in die Runde. Wie spät isses denn? Was, schon Mittag? Gerhard hat sich eine kleine gemeinsame Tour, Fachsprache: "Rundflug", ausgedacht, 40 Kilometer vielleicht, schön mit Kawwetrinken. Gerhard will los. Also alles ma feddichmachen, bidde. 14 Triker lassen die Motoren an. Schleswig-Holstein erbebt.

Und so cruisen sie los, die alten Käfermotor-Trikes und die hochglanzpolierte Harley Tri Glide für 40.000 Euro. Die Leidenschaft fürs Dreirad überwindet Klassen und Gegensätze. Vor dem TÜV, dem lieben Gott und Präsi Blechdok sind alle gleich. Wo kommst du her? Egal. Hast du Schulden oder Millionen? Egal. Willst du Kaffee oder Bier? In dieser Reihenfolge, bitte! Danke!

Rundflug mit Kulturprogramm: Die „Eulen“, 20. Jahrhundert, bewundern das Herrenhaus Gut Ludwigsburg, 18. Jahrhundert
Rundflug mit Kulturprogramm: Die „Eulen“, 20. Jahrhundert, bewundern das Herrenhaus Gut Ludwigsburg, 18. Jahrhundert
© Patrick Ohligschläger

Der Rundflug in gemächlichem Tempo wird dann wirklich schön. Man muss nicht in die weite Welt hinaus, um bei sich anzukommen. Das geht auch auf der Landstraße und bei einem kleinen Kulturprogramm mit Gutshausbesichtigung und Pflaumenkuchen zwischendurch.

So soll es sein, so soll es bleiben

Zurück auf dem Platz erinnert sich Susi an eine alte Lebensweisheit: Im Magen ist es dunkel. Deshalb kann auch niemand sehen, dass so ein Kuchen nicht lange vorhält. Her mit der Kohle, schmeißt den Grill an!

Während der Präsi die Lage überwacht ("Andersrum die Wurst!"), werden Kaltgetränke bereitgestellt. Dosenbier und Pflaumenschnaps, der Blechdok bevorzugt Cola mit Rum.

Bauchfleisch zischt. Glückliche Gesichter. Geht's uns gut! So soll es sein, so soll es bleiben. Leise Erinnerungen. Schade, dass Wolfgang das nicht mehr miterlebt. Ging ja nicht zum Arzt, der sture Bock, Darmkrebs, Ende.

Formationsflug zurück ins Basislager. Zeit, den Grill anzuwerfen
Formationsflug zurück ins Basislager. Zeit, den Grill anzuwerfen
© Patrick Ohligschläger

Ganz allmählich dunkelt es, aus dem Lautsprecher singt Andrea Berg von der Sehnsucht.

"Is der Dings eigentlich noch mit Anja zusammen?"

"Nee, Anja is weg."

"Seit wann?"

"Seit Juni."

"Wie? Haus is fertig, und Frau is weg?"

"So is das wohl."

"Hatter ne Neue?"

"Weiß man nicht."

Der Blechdok nimmt noch einen Schluck Cola-Rum. Betrachtet sein Trike. Er fährt jetzt schon so lange durch die Gegend. Aber das Haus, in dem er wohnt, liegt von seinem Geburtsort genau drei Kilometer entfernt. Gern würde er mal in den Süden, in die Berge. Aber der Süden ist weit. "Ich könnte den Autoreisezug nehmen", sinniert Dieter, "aber das wäre schon sehr uncool." Sein lila glitzerndes Dreirad, in der Dämmerung illuminiert von unzähligen blauen LEDs, sieht jetzt aus wie ein Raumschiff. Als könne es fliegen. Vielleicht, überlegt der Blechdok, sollte er es mit noch breiteren Reifen versuchen. Alles umbauen. Irgendwas ist ja immer. Gut so. Die Grillkohle verwandelt sich langsam in Asche und Staub.

Kutte, Grill und "Dreiradmonster: Die Triker von Beringstedt – Echte Kerle aus Schleswig-Holstein

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