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Elektro-Roller Niu MQI GT Evo im Test: Mit maximal 100 km/h durch und um die Stadt – und kein bisschen weiter

Niu MQI GT Evo Frontansicht
Gewohnt unauffällig: Der Niu MQI GT Evo ist schlicht, bietet optisch wenige Besonderheiten, aber auch keine Angriffsflächen.
© stern / Christian Hensen
Elektro-Roller sind voll im Trend – doch mit 45 km/h will fast niemand mehr auf die Straße. Erste Modelle schaffen die vollen 100 km/h – wie der Niu MQI GT Evo. Das hat durchaus Vor- und Nachteile.

Ein Roller ist für die Stadt wohl eines der besten Fortbewegungsmittel, gleich nach einer U-Bahn-Haltestelle direkt vor der Haustür. Die Vorteile liegen auf der Hand: Günstig in der Anschaffung, viel Stauraum für Einkäufe oder den Helm und super wenig Verbrauch. Der Niu MQI GT Evo bietet allerdings nichts davon. Trotzdem gibt es Gründe, sich den Elektro-Roller genauer anzuschauen.

Denn der Niu MQI GT Evo beherrscht eine bislang sehr seltene Disziplin unter den elektrischen Scootern – er fährt (laut Tacho) 109 Kilometer pro Stunde. Für Fahrten durch die Stadt, über die Stadtautobahn und durchs Umland ist das die perfekte Leistungsspanne.

Die Fahrt mit dem Niu MQI GT Evo ist ein Genuss

Vor der Fahrt ein kurzer Blick auf den Tacho. Wenn der Roller nicht in direkter Sonne parkt, sind dem digitalen Display folgende Informationen zu entnehmen: Fahrmodus, Ladezustand der Batterien, aktuelle Geschwindigkeit und Angaben zur letzten, beziehungsweise aktuellen Fahrt, etwa die zurückgelegte Strecke. Ein Knopfdruck auf "Ready" weckt den Niu MQI GT Evo auf und es kann losgehen. 

Niu MQI GT Evo Display
Wer auch immer dachte, es wäre eine super Idee, ein gebogenes Glas über das Display zu legen, lag leider daneben. Bei direktem Licht lässt sich das Tacho nur mit Mühe ablesen.
© stern / Christian Hensen

Dabei reicht es übrigens, den Schlüssel für den Roller in der Tasche zu haben – das Zündschloss dient maximal der Öffnung der Sitzbank. Eigentlich geschieht aber alles über drei Knöpfe am Funksender. Richtig: Selbst das Lenkradschloss rastet automatisch ein, sobald man sich vom Roller entfernt. Das ist noch mehr Komfort, als ihn viele schlüssellose Motorräder bieten, das leuchtende Schloss braucht man nicht.

Vor und während der Fahrt kann man den Niu MQI GT Evo in drei Modi bewegen: "E-Save", "Dynamic" und "Sport". Diese Modi bestimmen sowohl die Beschleunigung des Rollers, als auch dessen Endgeschwindigkeit. "E-Save" entspricht einem 50er-Roller und limitiert die Fahrt auf 50 Kilometer pro Stunde, "Dynamic" setzt das Limit auf 80 km/h rauf und "Sport" lässt den Niu MQI GT Evo fliegen – auf besagte 109 km/h laut Tacho. Ein Dreh am Beschleunigungsgriff lässt Freude aufkommen – also im "Sport"-Modus, versteht sich. Die Geschwindigkeit lässt sich prima dosieren, bei ausreichender Selbstbeherrschung sind konstante 30, 50 oder 70 km/h kein Problem. Notfalls hilft ein Tempomat.

Welchen Führerschein benötigt dieser Roller?

Der Niu MQI GT Evo ist ein Leichtkraftrad. Früher genannt: 125er. Für eine Fahrt benötigt man daher mindestens den Motorradführerschein der Klasse A1 oder die Schlüsselzahl B196, die man ab 25 Jahren und einigen Theorie- sowie Praxisstunden in der Fahrschule erhält.

Ist man auf entsprechenden Straßen unterwegs und darf den Niu MQI GT Evo von der Leine lassen, ist es ein Genuss, wie gut der Elektro-Roller im Verkehr mitschwimmt. Roller-Fahrer kleinerer Kaliber werden es kennen: Ohne genug Dampf wird man schnell zum Hindernis und auch Vierzigtonner kennen keine Gnade bei knappen Überholmanövern. Bei diesem Geschoss passiert das nicht.

Hoher Komfort bis zum Ende der Fahrt

Komfortabel ist die Fahrt ebenfalls, sogar in vielerlei Hinsicht. Der Blinker hört bei ausreichend Schräglage automatisch auf, die Sitzbank ist nicht zu hart, nicht zu weich. Alle Instrumente sind gut erreichbar, einzig das Display können Sie, wie bereits erwähnt, im Sonnenlicht getrost vergessen. Lesbar ist allenfalls die Geschwindigkeit, der Rest verschwimmt. Die Spiegel erlauben zwar einen guten Blick nach hinten, setzen aber auch stets die Schultern der fahrenden Person in Szene. Etwas mehr Abstand von der Lenkermitte hätte nicht geschadet.

Niu MQI GT Evo Heckansicht
Die Sitzmöglichkeit für den Beifahrer ist leicht erhöht und bietet zwei solide Haltegriffe. Insgesamt ist der Niu MQI GT Evo ein sehr bequemes Fahrzeug.
© stern / Christian Hensen

Durch die großen 14-Zoll-Reifen ist es kinderleicht, den Roller durch die Straßen zu manövrieren und die Bremsen sind à la bonne heure. Die Federung, man muss es mögen, ist etwas straff. Wenn die Straße nicht gut ist, ist es die Fahrt auch nicht – Bodenwellen sind unabhängig vom Reifendruck (2 bar im Test) stets spürbar. Niu-Fahrer empfehlen einen raschen Reifenwechsel, offenbar liegt es auch an der Serienbereifung.

Im Alltag fallen einige Mängel auf

Die echten Mängel des Niu MQI GT Evo beginnen dort, wo die Fahrt endet. Entweder weil man angekommen ist, oder weil den Akkus der Saft ausgeht. In letzterem Fall zeigt sich leider eine echte Schwäche des Rollers. Angetrieben von zwei Akkus mit jeweils 26 Amperestunden und einer Spannung von 72 Volt ist der Niu MQI GT Evo zwar schnell auf Endgeschwindigkeit, leider aber auch schnell leer. 

Bei gutem Wetter und durchgehend aktivem Sportmodus mit längeren Passagen bei Höchstgeschwindigkeit schaffte der Roller knapp 50 Kilometer, bevor es bei 15 Prozent Restkapazität in den Notbetrieb ging. Dieser setzt bei geringer Restreichweite ein und limitiert das Geschoss auf gähnend langsame 50 Kilometer pro Stunde, wobei die letzten fünf Prozent sich nochmal extra zäh anfühlen. Da hilft auch die automatische Rekuperation, also die Energierückgewinnung durch Bremskraft, nicht wirklich. Viel mehr als 60 Kilometer sind mit dem Roller einfach nicht drin, wenn man die gesamte Leistung häufig abruft. Und die sind schneller gefahren, als einem lieb ist.

Das Aufladen ist auch so eine Sache, die einfach nicht perfekt gelöst ist. Zwar lassen sich Akkus und Netzteil unter der Sitzbank problemlos mitnehmen, aber öffentliche Ladesäulen fallen raus, sofern man nicht in Sichtweite bleibt. Das liegt daran, dass das Netzteil zum Ladevorgang wegen der Belüftung aus dem Roller genommen werden muss. Das Schließen der Sitzbank fällt somit aus – und damit auch jegliches Gefühl von Sicherheit. Das Aufladen der Batterien dauert rund fünf Stunden, also 2,5 Stunden pro Akku.

Kraftsport dank Elektro-Roller

Hat man keine Steckdose nahe am Roller, muss man beide 14-Kilo-Blöcke rauswuchten und wegtragen. Kein einfaches Unterfangen. Immerhin: Wer einen Roller kauft, bekommt einen Y-Adapter dazu, der es erlaubt, beide Batterien gleichzeitig zu laden. In unserem Test war dieses Kabel leider nicht dabei, sodass immer nur ein Akku geladen werden konnte. Übrigens: Lädt man nur eine Batterie und nutzt den Roller auch nur damit, fährt der Niu ausschließlich im "E-Save"-Mods. Die Fahrt mit einem Akku ist also möglich, aber sinnlos.

Niu MQI GT Evo Batterien
Der Niu MQI GT Evo läuft mit zwei 26-Amperestunden-Akkus. Jede Batterie wiegt 14 Kilogramm, der Tragegriff biegt sich beim Transport merklich. Wohl dem, der eine ebenerdige Steckdose erreichen kann.
© stern / Christian Hensen

Es empfiehlt sich, mit dem Lieferumfang zu leben, den Niu dem Roller zugedacht hat. Denn das Zubehör ist richtig teuer. Ein zweites Netzteil (etwa, um den Stauraum unter der Sitzbank zu gewinnen) schlägt mit 700 Euro zu Buche. Ebenso unsinnig wäre im Übrigen die Anschaffung weiterer Batterien. Erstens gibt es noch keine Angebote, zweitens liegt der Preis für einen Akku des Vorgängers Niu MQI GT bei 1400 Euro.

Kein Platz in der Hütte

Doch angenommen, das Ziel wird mit genug Restpower erreicht. Auch dann zeigt der Vergleich mit herkömmlichen Rollern Schwächen auf Seiten des Niu MQI GT Evo. Denn durch die riesigen Batterien und das Ladegerät bleibt absolut kein Fingerbreit Platz unter der Sitzbank. Ohne Topcase, welches mit Trägerplatte rund 200 Euro kostet, ist also weder Platz für den Helm, noch für Gepäck. Ein kleiner Haken zwischen den Beinen erleichtert immerhin den Transport von Einkaufsbeuteln oder Rucksäcken.

Apropos Restpower: Wer den Niu MQI GT Evo zu lange stehenlässt, sollte sich nicht wundern, wenn der Akkustand nach wenigen Tagen signifikant niedriger ist, als es beim Abstellen der Fall war. Das ist vor allem dem GPS-System und der App-Anbindung geschuldet, die den Roller auch aus der Ferne erreichbar machen, aber eben Kraft kosten. Wer den Niu länger abstellt, sollte daher unter der Sitzbank die Kabel von den beiden Akkus trennen.

Niu MQI GT Evo Staufach
Der größte Vorteil eines Rollers – das meist großzügige Helmfach – existiert beim Niu MQI GT Evo quasi nicht. Transportiert man Batterien und Ladegerät, reicht der Platz nicht einmal für eine Flasche Wasser.
© stern / Christian Hensen

Niu MQI GT Evo: Das Testfazit

Womit wir zum Fazit kämen: Der Niu MQI GT Evo ist ein wahnsinnig schneller und wendiger Roller für die Stadt und nahe Peripherie, am besten für Menschen mit einer Garage, die obendrein eine Steckdose bietet. Und für Fahrten ohne viel Gepäck und eine Möglichkeit, am Ziel den Helm abzulegen. Oder eben mit Topcase.

In nahezu allen anderen Aspekten muss sich der Elektro-Roller wohl einer vergleichbaren 125er Vespa oder deutlich günstigeren Rollern geschlagen geben – auch wenn der Strompreis für 100 Kilometer rund zwei Drittel unter dem Äquivalent an der Zapfsäule liegt. Denn der Anschaffungspreis von rund 5000 Euro ist eine echte Ansage – und der Roller muss sich damit diesem Vergleich stellen. Wobei sich – fairerweise – Teile des Kaufpreises durch die THG-Quote auch bei einem E-Roller nachträglich zurückholen lassen. Wie das geht, schreibt zum Beispiel Niu Nürnberg.

Besonders störend fiel im Test der fehlende Stauraum und die Schlepperei der Batterien auf. Da der Roller aufgrund seiner Reichweite bei vielen Pendelstrecken wohl jeden Tag geladen werden muss, fällt letzteres besonders ins Gewicht. Nur wenn es die Lebensumstände und das Fahrerprofil erlauben, ist der Niu MQI GT Evo ein wirklich guter Alltagsbegleiter, der sein Geld wert ist.


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