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BMW 5er Touring: Einfach mal nicht die Klappe halten

Für gut betuchte Vielfahrer und Vielpacker empfiehlt sich der neue 5er Touring als Auto, das den Spagat aus Leistungsfähigkeit, Sportlichkeit und Komfort schafft. Und dann war da noch die Geschichte mit der Kofferraumabdeckung...

Nichts. Ich sehe nichts im Rückspiegel. Nichts außer einer Wand. Gerade erst bei BMW vom Hof gerollt, und schon müssen wir rechts ran. Aussteigen, zur Heckklappe wandern. Die Probefahrt mit den neuen 5er Touring beginnt mit Rätselraten. Kann man einen Kofferraum falsch bedienen? Haben wir etwas kaputt gemacht?

Nein, wir sind nur überfordert mit einem neuen Feature des Münchner Mittelklasse-Kombis.

Die widerspenstige Abdeckung

Von vorne: Wir stehen vor dem, was einen Kombi ausmacht: einer großen Heckklappe mit einem großen Kofferraum dahinter. Wie immer wird der Ladebereich von einer Abdeckung verschlossen. Ein Knopfdruck auf den Schlüssel lässt die Heckklappe sich elegant öffnen (Aufpreis: 520 Euro), während die Abdeckung in vorauseilendem Gehorsam von alleine, geführt von zwei Schienen in den C-Säulen, ein gutes Stück hochschnappt und den Weg zur Beladung frei macht. So weit, so gut. Nach getaner Arbeit führt ein Knopfdruck wiederum zum sanft schnurrenden Schließen der Heckklappe, die sich höflich, aber bestimmt jeglichem Beschleunigungsversuch durch Muskelkraft widersetzt. Das Signal ist deutlich: Handarbeit ist hier nicht nötig.

Irrsinniges Überholmanöver

Leider doch. Denn die Kofferraumabdeckung bleibt ungerührt in ihrer halboffenen Stellung stehen und versperrt die Sicht nach hinten, weil niemand daran denkt, dass er das gute Stück mit der Hand wieder nach unten hätte ziehen müssen. Als Krönung dürfen wir feststellen: Hat man die Abdeckung doch heruntergezogen, ist sie per Hand nicht wieder aufzuklappen. Das darf nur die Maschine. Wer noch einmal an die Ladefläche will, muss die Bedeckung komplett aushaken und wegschieben. Die Klappe zu halten, ist meistens eine Tugend, in diesem Fall nervt es nur.

Alles nur Gewöhnungssache?

"Die Kunden werden sich daran gewöhnen, dass sie die Abdeckung per Hand runterziehen müssen. Das geht ganz schnell", mühen sich die BMW-Herren tapfer, diese Eigenschaft des 5er Touring schönzureden. Die Vorteile lägen auf der Hand. Wer mit vollen Händen vor dem Wagen stünde, hätte es beim Beladen einfacher. Und der Zugriff durch die separat zu öffnende Heckscheibe - zweifellos eine gute Idee - sei auch viel einfacher geworden. Mag alles sein. Ich jedenfalls bin an diesem Tag mehrmals mit offener Abdeckung losgefahren und musste aussteigen, um sie auf den Platz zu schubsen, der ihr zusteht.

Irgendwann fahren wir auch noch...

Wir kommen dann doch noch auf die Straße und können die zweifellos vorhandenen Qualitäten des Touring würdigen. Äußerlich gleicht der Kombi bis zur B-Säule der Limousine, kommt also im markanten aber immer noch umstrittenen Falten-Design von Chris Bangle daher. In einem gelungenen Übergang schließt sich, mit leicht abfallender Dachlinie, das große Heck an, ebenfalls mit Kanten und den mandelförmigen Lampen versehen. Insgesamt gibt der Touring ein schönes, sogar dynamisches Gesamtbild ab. Er ist ein hübscher Lastesel.

Alte Stärken, alte Schwächen

Im Innenraum und der Fahrgastzelle hat sich im Vergleich zur Limousine optisch praktisch nichts verändert. Schlichtheit herrscht vor, die Bedienbarkeit ist tadellos. Die Steuerung der zahlreichen ausstattungsabhängigen Informations- und Entertainmentsysteme erfolgt über die Kombination aus Multifunktionsdisplay und dem "iDrive"-Steuerknopf, der sich immer noch etwas ungenau schieben, drehen und drücken lässt. Die Sitze sind sehr gut und entwickeln in der Komfortvariante (1950 Euro) mit einer Menge von Elektromotoren und Luftpolstern ein Eigenleben, das für jedes Wehwehchen des Fahrers die korrekte Einstellung bietet. Eine Speicherfunktion erspart bei wechselnden Fahrern ein umständliches Wiederherstellen der perfekten Position. Was umso angenehmer ist, als die zahlreichen Knöpfe an der Außenseite des Sitzpolsters angebracht und nur für schlanke Damenhände anstrengungsfrei zu erreichen sind. Aufgrund der weit gehenden Übereinstimmung mit der Limousine in punkto Ausstattung, Sonderzubehör und Fahr- und Sicherheitstechnik sei an dieser Stelle auch die Lektüre des Fahrberichts über die 5er Limousine empfohlen: "Münchner Edelfalte".

Kraft und Anmut

Ein Möbelpacker mit der Eleganz eines Ballett-Tänzers - das wäre ein Spektakel. Während sich ein Mensch bei dieser Aufgabe eher schwer tun würde, schwirrt der Touring anmutig über die Fahrbahn. Besonders der große Diesel kann in dieser Disziplin überzeugen. Der Anteil der Selbstzünder bei den verkauften 5er Kombis beträgt 70 Prozent, also tut BMW gut daran, Spitzenmotoren einzubauen. Das ist gelungen. Der 530d mit 3,0 Litern Hubraum und 218 PS (Einstieg bei 44.050 Euro) ist schnell im Antritt und entspannt beim Kilometerfressen, die ausgezeichneten Automatikschaltungen verrichten ihre Arbeit angenehm unauffällig. Und über den serienmäßigen Rußpartikelfilter (kommt ohne Wartung und Additive aus) und den akzeptablen Verbrauch von 7,2 Litern freuen sich Umwelt und Geldbeutel.

Motorisierung525i545i525d530d
Triebwerk6-Zylinder-Benzinmotor8-Zylinder-Benzinmotor6-Zylinder-Dieselmotor6-Zylinder-Dieselmotor
Hubraum2494 ccm4398 ccm2497 ccm2993 ccm
Leistung141 kW/192 PS245 kW/333 PS130 kW/177 PS160 kW/218 PS
Länge/ Breite/ Höhe4843 mm/1846 mm/1491 mm4843 mm/1846 mm/1491 mm4843 mm/1846 mm/1491 mm4843 mm/1846 mm/1491 mm
Leergewicht1655 kg1795 kg1750 kg1760 kg
BremsenScheibenbr. rundum, ABSScheibenbr. rundum, ABSScheibenbr. rundum, ABSScheibenbr. rundum, ABS
0-100 km/h8,2 Sekunden5,9 Sekunden8,3 Sekunden7,2 Sekunden
Höchstgeschw232 km/h250 km/h (abgeregelt)225 km/h242 km/h
Durchschnittsverbr.9,9 Liter11,3 Liter7,0 Liter7,2 Liter
Grundpreis40.400 Euro60.400 Euro40.950 Euro

Mit mehr Krawall unter der Haube treibt uns das Top-Modell unter den Benzinern über die Straßen. Im 545i kommt der 4,4-Liter-Achtzylinder (333 PS, Einstieg: 60.400 Euro) zum Einsatz, der auch in anderen BMW-Modellreihen seinen Dienst verrichtet. Die Leistung, die das Aggregat auf die Straße bringt, ist beeindruckend und macht den Touring auch voll beladen noch zum Flitzer, dessen Niveau sich übrigens je nach Belastung selbstständig regelt.

Wohin mit dem ganzen Zeug?

Apropos voll beladen: Das wesentliche Merkmal eines Kombis ist seine Transportfähigkeit, und zu diesem Thema gibt es zum Glück mehr zu berichten als nur die eingangs erzählte Anekdote mit der Kofferraumabdeckung. Im Normalzustand fasst der Laderaum mit 500 Litern sogar weniger als die Limousine (525). Durch Umklappen der Rückbank - die sich dann stufenlos in die Ladefläche einfügt - erreicht man aber schnell stattliche 1615 Liter, immerhin 90 Liter mehr als beim Vorgänger. Wer auf die Sitze im Fond nicht verzichten will, kann den Ladebereich immerhin bis zum Dach voll packen, ein aus der Rücklehne zu ziehendes Sicherheitsnetz schützt die Insassen vor tief fliegenden Salatköpfen, Sporttaschen oder Schoßhunden.

Weiteren Stauraum hat BMW geschickt versteckt: Standardmäßig ist der Boden des Kofferraums eine abschließbare Klappe, unter der sich besonders Kleinkram gut verstauen lässt, verschiebbare "Raumteiler" verhindern dabei das totale Durcheinander. Wer gerne sortiert, sollte auch den Erwerb des "Ablagepakets" in Betracht ziehen. Für 270 Euro extra gibt es einen zweiteiligen Ladeboden, dessen vordere Klappe sich im 90-Grad-Winkel arretieren lässt und zwei Stützen zum Ausklappen bereithält. Ein System, das das leidige Umkippen von Taschen und Einkaufstüten im Kofferraum verhindern soll. Im Paket sind außerdem zusätzliche Gepäcknetze und Halteösen enthalten.

Fazit

Trotz der bösen Geschichte am Anfang: Der Touring ist insgesamt ein schöner Kombi, keine Frage. Aber als echter Münchner verlangt er mindestens 40.400 Euro (Grundversion 525i) für seine Dienste, wozu sich ausstattungsbedingt noch viele, viele weitere Tausender gesellen können.

Ralf Sander
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