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BMW i3 im Fahrtest: Schöne neue Welt

Amsterdam ist ein ungewöhnlicher Ort für Autotests. Eng, wuselig, viele Fahrräder. Der BMW i3 ist kompatibel mit dieser Stadt: Modern, grün, hip. stern.de hat den Elektroflitzer getestet.

Von Frank Janßen

Es sind 15 Grad, die Herbstsonne scheint, und die zahllosen Radfahrer summen herum wie ein Bienenschwarm - sie kommen aus allen Richtungen. Autofahren ist in der holländischen Großstadt anders als sonstwo. Die Straßen sind eng, die Ampelphasen kurz, die Konkurrenz aus Trams, Fietsen (Fahrräder) und Bromfietsen (Motorräder) ist gnadenlos. Gelegentlich klappt noch eine Brücke hoch, um ein Schiff durchzulassen, und dann steht alles - anders als in einer deutschen Großstadt ist man in Amsterdam am Steuer eines Autos bloß ein Mitbewerber im Verkehr. Die knappe Fläche zwischen den Grachten und vor den schützenswerten Häusern kann man nur gleichberechtigt nutzen - die komplette Innenstadt ist ein gigantischer open space.

Dennoch ist die wunderschöne Stadt am Wasser prima geeignet für eine erste Testfahrt mit dem neuen Elektroauto von BMW, dem i3. Gleich auf den ersten Metern in der Enge macht sich die gute Manövrierbarkeit bemerkbar. Der Elektro-BMW hat einen Wendekreis von unter zehn Metern. Nahezu rechtwinkliges Abbiegen ist überhaupt kein Problem.

Und auch aus einem weiteren Grund ist Amsterdam ein gutes Pflaster für Tests dieser Art: Holland ist in Europa Vorreiter für Elektromobilität, mit Steuervorteilen für Käufer dieser Fahrzeuge und mit einer Lade-Infrastruktur, die den Namen verdient. Das Navigationssystem zeigt Stromsäulen im Umkreis an - es sind ständig genug. 5000 sollen es bis Ende 2014 im ganzen Land sein. In der Tiefgarage parkt der Testwagen neben einem Tesla-Sportflitzer. Natürlich hat jeder Parkplatz in dieser Reihe seine eigene Starkstrom-Wallbox. Exoten wie eine Fisker-Limousine, die gerade am Straßenrand Strom aus einer Säule saugt, gehören zum Straßenbild. Dennoch verdrehen die Leute die Hälse nach dem i3, der mehr als auffällig durch die Stadt gleitet. Außen futuristisch, wie ein Mobil aus der Zukunft. Innen cool. Stoffe und Oberflächen wie frisch von der Mailänder Möbelmesse.

BMW geht aufs Ganze. Den i3 haben die Bayern "von einem weissen Blatt Papier" entwickelt, wie Projektleiter Andreas Feist sagt. Keine Einschränkungen, keine Tabus. Als die BMW-Leute Anfang 2008 damit anfingen, "Mobilität neu zu denken", war noch nicht einmal sicher, dass ein Auto dabei herauskommt.

Irrsinniges Überholmanöver

Für Kundschaft mit Reichweitenangst

Das ist es dann aber doch geworden. Bloß anders. Ungewöhnlich für eine Marke wie BMW. Doch warum soll ein Auto, das vor allem für die Stadt entwickelt wurde, mehr als 150 km/h schnell sein? Unfug. Sehr schmale Reifen (155 Millimeter) sorgen zum Beispiel für geringe Roll- und Luftwiderstände und ermöglichen große Lenkwinkel für den zuvor beschriebenen kleinen Wendekreis. Um dennoch genug Aufstandsfläche für eine gute Straßenlage zu erreichen, bekamen die Felgen große Durchmesser: 19 Zoll mindestens. So ist der Reifenabdruck unterm Strich genauso groß wie der eines breiten Reifens mit kleinerem Umfang. Auch die Karosserie hat mit herkömmlichem Auto-Rohbau kaum etwas zu tun: Sie besteht aus Kohlefaserkunststoff und Alu-Profilen statt aus Blech. Um Gewicht zu sparen, denn die Lithium-Ionen-Batterie, die 160 Kilometer weit reichen soll, wiegt 230 Kilo. Trotzdem bleibt der i3 insgesamt bei rund 1200 Kilogramm. Das macht sich in den Fahrleistungen bemerkbar. Der 125 kW-Motor (170 PS) beschleunigt den i3 in 7,2 Sekunden auf Tempo 100.

Für jene Kundschaft, die an der sogenannten "Reichweitenangst" leidet, wird der i3 in Zukunft allerdings auch mit einem Range Extender angeboten werden, einem 34-PS-Zweizylindermotor aus einem BMW-Motorrad, der bei leerer Batterie weiter Fahrstrom produziert. Doch auch wenn man diese Krücke schon kennt von Modellen wie dem Opel Ampera - der i3 ist noch weiter gedacht als Autos bisher gedacht wurden. Die spezielle Smartphone-App mit integriertem Navi zeigt nicht nur den Ladezustand der Batterie an der Säule an, sie weist dem Fußgänger den Weg zum geparkten Auto, es kennt sogar die Straßenbahnstationen. Das vernetzte Denken hat BMW mehr als bisher in dieses Projekt integriert.

Ein neues Fahrgefühl

Die nächste Etappe führt raus aus der Stadt, ans Meer. Schnell erlernt man am Steuer des i3 ein neues Fahrgefühl. BMW nennt es one pedal driving. Die Fußbremse wird beinahe überflüssig. Sie bleibt für Notfälle und Unvorhergesehenes. Man benutzt fast nur noch das Gas- beziehungsweise Fahrpedal. Nimmt man den Fuß weg, verzögert der i3 stärker als gewohnt, denn sogleich wird Energie zurückgewonnen. Ist die Ampel rot, bremst man nicht. Stattdessen geht man später vom "Gas", wird dennoch rasch langsamer - und freut sich über die zurückgewonnene Energie, die in die Batterie fließt. Ein neues Fahrgefühl entsteht.

Im November kommt der BMW i3 bei uns in den Handel, zu Preisen ab 34.950 Euro. Auf holländisches Fahren werden wir dagegen wohl noch etwas länger warten müssen.

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