BMW M3 Cabrio Oben ohne geht da einiges


BMW stellte die Topless-Version des M3 nicht an einem sonnenüberströmten Strand vor, sondern - durchaus passend - auf der Grand Prix-Rennstrecke des Lausitzrings. Bei schlechtem Wetter.
Von Helmut Werb

Manchmal kann’s einem gar nicht kräftig genug blasen. Das hatten sich wahrscheinlich auch die bei BMW fürs Marketing zuständigen Mitarbeiter gedacht, als sie vor ziemlich genau 20 Jahren ihrem hauseigenen Kraftmeier, dem M3, das Dach abschnitten, um ihn als Cabriolet ins alltägliche Strassenrennen zu schicken. Die Erwartungen wurden - zumindest im Jahr 1988 - heftig enttäuscht. Nicht einmal 800 Stück konnte BMW vom heftig offenen Fahrvergnügen an den Mann bringen. Das hat sich geändert und zwar mächtig, sehr zur Freude der oben angeführten Marketing-Experten. Immerhin vierzig Prozent der gesamten, in der Zwischenzeit recht beachtlichen M3-Produktion verkaufen die Münchner inzwischen oben ohne, weshalb es nicht verwundert, dass BMW nach nur einem Jahr Produktionszeit des Neuen Emms die offene Version nachschiebt.

Dass die Präsentation des schnellen Sonnenbrandes nicht im schicken Süden Frankreichs oder an einer trendigen Costa stattfand, sondern auf der eher nüchtern-tristen Rennstrecke des Lausitzrings, tat dem Spass nicht den geringsten Abbruch. Im Gegenteil, bei BMWs M-Modellen hat man eh das Gefühl, dass sie sich ein klein wenig wohler fühlen auf einer abgestreckten Strecke, auf der kein schnöder Gegenverkehr das driftende Heck zerbügeln könnte, als auf den Stop&Go Boulevards der Cote d’Azur. Nichts gegen den alltäglichen Gebrauchswert des flottesten Dreiers zu sagen - nichts klappert, nichts verzieht sich, selbst die wenigen östlichen Kopfsteinpflasterstrassen, die dem Solidaritätszuschlag noch nicht zum Opfer gefallen sind, rütteln die Sonnenbrille nicht von der Nase, und die Zahnfüllungen bleiben da, wo sie hingehören. Vorausgesetzt jedenfalls der hehre Pilot drückt nicht auf einen der vielen Knöpfe, die die Fahrwerkseinstellungen auf Marqui de Sade-hart und renntauglich verstellen.

Schaltvorgänge rasend schnell

Bei geschlossenem Verdeck fühlt sich das Cabrio an wie ein steifes Coupe. Und wer offenes Visier bevorzugt, beginnt schnell die Gewalt des Fahrtwinds bei 250 zu fürchten. Darunter haben die Aerodynamiker vergleichsweise zugfrei gearbeitet, aber all das kennt man ja schon von den, na sagen wir mal regulären Dreier-Cabrios, selbst wenn die gegen die 420PS-Version des M wie Rotkäppchen im Wald daherkommen. Was man noch nicht kannte in der M-Serie, ist der Wolf in Gestalt des neuen Doppelkupplungsgetriebe, das gleich mit vorgestellt wurde und die bisher verwendeten Sequenziellen ersetzt. Und das ist gut so.

Konkurrenz, man muss es sich immer wieder eingestehen, ist etwas Schönes. Weil die Mitbewerber mit ihren Doppelkupplern den Münchnern doch ein wenig den Schneid abgekauft hatten, sah sich BMW gezwungen, das eigene Wundergetriebe zu entwickeln. Das war sicherlich nicht einfach, denn der urbayrische Achtzylinder dreht locker in den Achttausendern, eine Drehzahl, die anderen DSG-Schaltern die Zahnräder aus dem Gehäuse schleudern würde, und ist mit einem Drehmoment gesegnet, von dem herkömmliche Schwerlaster nur träumen können, wenn die Steigung des Aichelbergs naht. Sowas hassen Doppelkuppler ebenfalls. Das mysteriös Doppelkupplungsgetriebe mit Drivelogic genannte Getriebe jedoch macht seine Sache prima. Die Schaltvorgänge sind so rasend schnell, so gnadenlos übergangsfrei und ohne merkliche Zugunterbrechung, dass einem jeder leid tun kann, der noch den Knüppel mit der Hand bewegt. Von der Möglichkeit ganz zu schweigen, sieben Gänge einzusetzen - anstelle der sechs beim Handschalter - und damit das Motorverhalten optimaler auf alle möglichen Verhältnisse abzustimmen.

Schüchtert grössten Sadisten ein

Kein vernünftiger Mensch, selbst die Wii-Generation mit wundersamer Hand-Eye-Koordination nicht, kann sich durch ein Schaltschema mit sieben Gängen durchwursteln. Die Formel 1-Strecke des Lausitzrings hat eine lange, mittelschnelle Rechtskurve. In der bei Volllast hochzuschalten, hatte einem bis dato sowohl gesunder Menschenverstand, als auch die eigene Lebensversicherung verboten. Der M3 mit Doppelkupplung schafft das locker, und das selbst in waffenscheinpflichtigen Grenzbereichen. Das Vergnügen sollte selbst den Puristen unter den M-Kunden den saftigen Aufpreis von 3.800 Euro wert sein, den die Bayern - wie gewohnt - potenziellen M-Junkies abverlangen. Dazu kommt noch der Aufschlag von runden 12.000 Euro für das Ablegen des Oberteils. Die Zeiten, als ein M3 im Verhältnis zur gebotenen Kraft ein wahres Schnäppchen darstellte, sind wohl im Zeichen des Dollarverfalls endgültig vorüber

Sei’s drum. Topless macht das alles einen Heidenspass, obwohl die Geräuschentwicklung der geplagten Reifen bei der Kraft angemessener Kurvenfahrt selbst die grössten Sadisten einschüchtern dürfte. Weg von der Rennstrecke, vor der Dresdner Frauenkirche etwa - oder der örtlichen Eisdiele - macht das Flanieren mit den vielen Pferden Freude, obwohl der M-Buckel auf der Fronthaube zu manch heiterem Kommentar der Beistehenden einlädt, aber ein bisschen Protz muss wohl sein. In Anlehnung an das berühmte Zitat des Chefs eines schwäbischen Sportwagenherstellers braucht dieses Auto wohl wirklich kein Schwein, aber Mannomann, es ist schon toll. Und - ich wiederhole mich gerne - das ist gut so.


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