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Porsche Boxster: Sieger auch in der zweiten Runde

Harmonischer und ausgereifter zeigt sich die zweite Boxster-Generation. Beim Kurvenflug in den Kärntner Bergen beweist der Boxster, dass er ein echter Porsche ist.

Österreich nimmt's vom Touristen. Damit die Gelder fließen, erfindet der Öschi stets neue Einnahmequellen. Unter anderem hat er die Mautstraße in Naturschutzgebieten entdeckt. Vor dem stillen Wandern in unberührter Natur heißt es an der Nockalmstraße im Nationalpark Nockberge zunächst: Wegzoll bezahlen. Außerhalb der Wandersaison lässt sich die Strecke anders nutzen. Endlose Serpentinen, Pässe mit grandiosen Aussichten, Schwindel erregende Abfahrten, die in fiesen Haarnadeln münden. Ein Traum von 56 Windungen, dem sich jeder Porsche gern hingibt, ganz ohne Verkehr und nebenbei bemerkt ohne Verkehrskontrollen. Tief unten im Tal liegt schon weißer Reif auf den Tannen. Egal, das Stoffverdeck muss runter, bevor sich der Wagen in die Höhe über den Wolken schraubt. "Ready to burn!" Ein aufmunternder Appell an Reifen und Keramikbremsen und los geht es ins Land der Murmeltiere.

Hat sich der Boxster als echter Porsche etabliert?

Jedes Wetter ist Boxster-Wetter

Gebläse und Sitzheizung glühen, die richtige Kleidung ist dabei, und schon brüllt der Boxster durch Wald und Nebel. Einen besonderen Genuss verschafft die Sportabstimmung aus dem zusätzlichen Sport Chrono Paket. Unverzichtbares Zubehör für alle, die den Wagen nicht hauptsächlich zum Shoppen auf Nobelmeilen missbrauchen wollen. Das Fahrwerk geht auf Knopfdruck in eine ultra-harte Sportabstimmung, die Fahrwerksstabilisierung lauert unbemerkt im Hintergrund. Nur im äußersten Notfall wird ein Dreher oder ein komplettes Ausbrechen des Hecks verhindert. Zugleich wird die Ansprache des Gaspedals angeschärft. Damit ist nacktes Rallye-Feeling möglich, allerdings mit elektronischer Lebensversicherung für den Notfall. Auf der menschenleeren Straße schüttelt sich der Boxter S voller Kraft, wohltuend schwänzelt er durch die Kurven. Über den Weidegittern knallt das Fahrwerk, als würde ein Hammer über den Rost streichen. Vernünftig ist diese Fahrweise natürlich nicht, schneller und sicherer geht es ohne Rucken und Zucken auf der harmonischen Ideallinie bergauf. Aber mehr Spaß macht es halt andersherum. Der Boxster gibt sich dabei giftig, zeigt dabei aber keine gefährlichen Tücken. Nach zweimaligem Rundkurs auf der Strecke hat der Boxster den Fahrer mürbe gekurvt, zurück geht es ins Hotel und Garage. An der Nockalm liegen Österreichs größte Zirbelwälder. Hart verdient wurde der vom Wirt selbst angesetzte Zirbelkieferschnaps am Abend.

Platz nehmen und Porsche fühlen

Optisch gelang mit der zweiten Boxster-Generation das Kunststück, ein eigenständiges Fahrzeug zu schaffen, das die Reihe zugleich evolutionär fortführt. Der Käufer des Neuen hat durchaus nicht das Gefühl, einen gelifteten Alt-Boxster zu erhalten, und dennoch muss der Fahrer des Vorgängers seinen Wagen nicht zum alten Eisen zählen. Stolz sagt Porsche, man habe absichtlich "Nein" dazu gesagt, den Boxster erwachsen werden zu lassen. Erwachsen werden bedeutet bei Fahrzeuggenerationen meist barockere Formen und mehr Gewicht. Dem Boxster blieb diese Kur erspart, er wurde kräftiger und hat an Statur gewonnen. Breitere Spur und größere Räder sorgen für einen kräftigeren Stand, überdimensionierte Lufteinlässe verändern die Front. Insgesamt eine Revolution der kleinsten Schritte. Doch in keiner Weise wirkt die vertraute Form verbraucht oder angestaubt. Der Innenraum erscheint noch einmal wertiger und perfekter verarbeitet. Der Vorgänger verbreitete in Sport-Schwarz und mit Kanten-Design noch den Geist der späten Achtziger Jahre. Die Sitze umschließen einen mit der gewünschten Härte, doch insgesamt wohnt es sich im Innenraum für Sport-Puristen jetzt eher etwas zu komfortabel. Insbesondere die Zeitnehmer-Uhr auf der vorderen Ablage bleibt eine Geschmackssache. Spötter könnten vermuten, diese Zutat sei als dynamische Eieruhr für den Porsche-Design-Shop entwickelt worden. Als Weltneuheit und erster Roadster überhaupt bietet der Boxster Kopfairbags, die in den Seitenscheibenbrüstungen der Tür verborgen sind, und die den Kopf bei einem seitlichen Zusammenstoß schützen sollen. Das dreilagige Faltverdeck öffnet und schließt sich nun bis Tempo 50 in zwölf Sekunden. 150 Liter Kofferraum vorne und 130 Liter hinten sollten ausreichen, dafür gibt es aber nicht einmal mehr ein Notrad, sondern nur ein Pannenset.

Drängler wird von Polizei überrascht.

Das verschärfte "S"

Vom Geräusch überzeugen beide Boxster-Varianten, der 2.7 Liter in der Normal-Ausführung und der 3.2 Liter aus dem S-Modell. Wirklich leise geht es im Boxster nie zu. Unterm Boxster-Blech steckt eine wahre Wohlklang-Orgel: Vom sonorem tiefen Grollen bis hin zum heiseren Brüllen erstreckt sich das Organ über mehrere Oktaven. Ein einziger Genuss. Besonders patent: Schon bei Orts-Tempo neigen die Maschinen zum Belcanto. Man zuckelt mit 50 Sachen dahin und fühlt sich trotzdem sportlich bewegt. So etwas ist angewandte Psychologie, die das Punkte-Konto schont. Der Sechszylinder-Boxer des Standard-Boxsters gewinnt aus 2,7 Liter Hubraum 240 PS - das sind 12 PS mehr als zuvor. In 6,2 Sekunden ist der Wagen damit von 0 auf Tempo 100 gebracht, die Höchstgeschwindigkeit liegt 256 km/h. Im Boxster S arbeiten 3,2 Liter Hubraum und sorgen für 280 PS. Das reicht für 5,5 Sekunden für den Sprint auf 100 km/h, die Höchstgeschwindigkeit liegt bei 268 km/h.

Schon der 2.7 Liter-Motor bewegt den Wagen flott, wie es sich für einen Sportwagen gehört, man kann sagen: "wie ein richtiger Porsche". Aber wer einmal von den 3.2 Litern Hubraum gekostet hat, wird vom scharfen "S" nicht lassen wollen. Im Drehzahlkeller lässt der "Kleine" etwas Biss vermissen, bei scharfer Serpentinenfahrt mit 15 bis 20 Grad Steigung agiert der Wagen zwar überzeugend untückisch, aber auch ohne den gewünschten Kraft-Überschuss. Unverständlich bleibt auch, dass im normalen Boxster der sechste Gang nur gegen Aufpreis zu haben ist. Der 3.2 Liter hingegen schwitzt auf Wunsch in jeder Situation Power aus den Fugen. Steilste Hangkurven quittiert er mit dem ersehnten Beben im Heck. Bevor also gutes Geld für Ledersessel und Komfortschmu ausgegeben wird, sollte zunächst die richtige Maschine unter der Haube wirken.

Geiler Porsche-Geiz

Der Einstiegspreis des Boxsters liegt bei 43.000 Euro, für den S werden 51.000 Euro verlangt. Dafür gibt es größere Räder, Sechsgang-Getriebe, 40 PS mehr Leistung und 50 Newtonmeter mehr Drehmoment. Mit einigen notwendigen Zutaten gelangt man über die 60.000-Euro-Schwelle, Statusbringer wie die Keramikbremsen für 7.830 Euro sind dann noch nicht an Bord. Billig ist ein Porsche also auch als Boxster nicht. Doch auf der Kostenseite spricht der traditionell niedrige Wertverlust für die Marke, überdies errechnete Porsche um 13 Prozent niedrigere Unterhaltskosten als beim Vorgänger.

Wieviel "S" darf es sein?

Der Boxster ist alles andere als ein "Einstiegsmodell", er ist ein vollwertiger Porsche, der es im Punkt "Sportlichkeit" mit jedem Fahrzeug seiner Preisklasse aufnehmen kann. Besonders gefallen Kurventreue und Einlenkverhalten des Fahrzeugs, überzeugend das sichere Handling ohne plötzliche Überraschung auch bei extremer Fahrweise. Die zweite Boxster-Generation ist noch harmonischer und ausgereifter als die erste. Wer allerdings die Boxster-Power wirklich hautnah spüren möchte, sollte zum teureren "S" greifen und auch nicht auf das optionale Sport Chrono Paket verzichten.

Gernot Kramper

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