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Volkswagen Golf VI: Reifenappell an der Golfschanze

Schwarze, endlose Steinwüste, fleckige, unermessliche Gletscher und raue, unbefestigte Pisten. Beim Norden Islands denkt man an alle möglichen Autos, aber nicht an den Golf. Doch unverdrossen zeigte Volkswagen den Neuaufguss des Massenautos im Land der Wikinger.

Von Gernot Kramper

Wäre er nur eine CD und hätte keine Räder, würde man bei "neuen" Golf von einem "Servicerelease" sprechen, beim Wolfsburger trifft der Begriff "umfassende Produktaufwertung" den Kern der Sache. Damit die Marketingidee der "sechsten Generation" irgendwie glaubwürdig rüberkommt, verfrachtete man die Präsentation des "Butter und Brot"-Boliden ins ferne Island. Städte und Dörfer waren noch zu belebt, mitten in die Wildnis des abgelegenen Nordens wurde eine echte "Golfschanze" für das Event errichtet. Die Abteilung "Messebau" leistete Großes. Nächstens wird das monolithische Bierzelt stilgerecht an- und umstrahlt von einer ganzen Batterie von Scheinwerfern. Die Wirkung von Flakscheinwerfern hat nichts an Faszination eingebüßt. Protz macht immer Spaß und kommt in der Steinwüste besonders auffällig daher.

Stell Dir vor: Der Golf ist neu und keiner kriegt es mit

Golf Nummer Sechs behagt es dabei gar nicht im Scheinwerferlicht, er ist der unauffällige Verstecker geblieben, der er schon immer war. Jeder kann sich mal wieder selenruhig den funkelnagelneuen Golf kaufen und der Nachbar wird den Unterschied zum alten gar nicht bemerken. Dabei hat sich im und unterm Blech doch mehr getan, als man zuerst denkt. Den neuen Golf ziert der vom Scirocco bekannte Schlitzmund. Die Scheinwerfer wurden angeschärft und die Haube zieren zwei markante Linien. Zu einem wirklichen, echten Charakter werden diese Grundzutaten erst in den auffälligeren Ausbaustufen auflaufen. Als nächstes wird der zukünftige Golf GTI gezeigt. Bei ihm wirkt der Wegfall des barocken Chromleckers besonders auffällig. Am Heck sind die Veränderung weniger markant, zwischen den Reifen sieht der Wagen schlichtweg stocklangweilig aus.

Lifestyle in der Brotdose

Wer praktisch denkt, den wird es nicht stören, denn das dröge Mittelstück beherbergt die Fahrgastzelle und darin geht es – wie beim Vorgänger – fürstlich zu. Auch hinten kann gut sitzen. Wenn man Kinder und Jugendliche als Passagiere im Sinn hat, sogar sehr gut. Wer hier mäkelt, vergisst offensichtlich, dass ein Wagen der Kompaktklasse nicht als Promishuttle für den Limousinenservice gedacht ist. Anmutung und Verarbeitung des Innenraums erreichen das Niveau der oberen Mittelklasse. Die Anleihen beim Prunkstück Passat CC können den Golfkunden nur freuen. Damit ist weniger gemeint, dass der neue Golf aufpreispflichtige Fahrassistenzsysteme anbietet, die es bislang nicht in dieser Klasse gibt. Es sind ganz schlicht die Kleinigkeiten, die man täglich berührt, an denen Volkswagen wirklich gearbeitet hat. Wer mag, kann sich zudem eine automatischen Abstandsregelung, eine Rückfahrkamera oder die elektronische Dämpferregelung ordern. Etwas merkwürdig ist, dass die näherliegende Aufrüstung mit Xenonscheinwerfer und Kurvenlicht nicht vorgesehen ist. Dafür flüstert sich der Golf nur so über die Straßen. Roll - und Windgeräusche wurden auf ein Minimum reduziert. Das große Geräuschdämmpaket kostet übrigens nichts extra. Gemeinsam mit der überzeugenden Verarbeitung des Innenraums fährt man tatsächlich auf einem anderen Niveau als zuvor, auch wenn man es nicht auf den ersten Blick erkennt.

Geht auch ne Nummer kleiner

Mit 16.500 Euro legt der Golf VI einen akzeptablen Einkaufspreis hin und der bislang stets sehr gute Werterhalt eines gebrauchten Golf macht die hohen Listenpreise bei einem Wiederverkauf erträglich. Dennoch ist der Golf alles andere als ein Preisschnapper. Ein Beispiel: Der Diesel mit 110 PS kommt in der zweiten Ausstattungslinie "Comfort" auf über 22.000 Euro. Dafür gibt es keinen sechsten Gang sondern nur einen Fünf-Gang-Handschalter. Der Wagen hat natürlich zwei Türen. Hintere Türen kosten 750 Euro extra, mit elektrischen Fensterhebern gar 945 Euro. Zwar liefert die Comfortlinie Leder an Handbremse, Schalter und Lenkrad und legt sogar einen Satz Textilfußmatten aus. Dafür steht der Wagen aber auch für 22.000 Euro noch auf Stahlfelgen, für Leichtmetallräder fallen mindestens weitere 860 Euro an. Die Metalliclackierung kosten ebenfalls extra und selbst die erweiterte MediaIn-Buchse für den iPod schlägt mit 165 Euro zu Buche. Bei der Grundausstattung werden gar 297 Euro für die Datenpumpe verlangt. Über den Daumen gepeilt wird also ein Diesel-Golf mit übersichtlichen 110 PS kaum unter 25.000 Euro zu konfigurieren sein. Wohlgemerkt bei mittelprächtige Ausstattung und einer Alltagsmotorisierung. Wer sich wacker am DSG-Getriebe und anderen tollen Ausstattungsoptionen vergreifen will, wird die 25.000 Euro weit hinter sich lassen. Bei aller Freude über Platzverhältnisse und Wertigkeit wird damit eins klar: Die Rolle als preiswertes Jedermansfahrzeug bei privaten Käufern hat der Golf an den Polo verloren.

Verkehrssünder benutzen verbotenerweise den Standstreifen.

Innovationen kommen später

Die zunächst erhältlichen Motoren muss man leider als Lückenfüller bezeichnen. Die Basistriebwerke mit 80 PS und 102 PS werden im September 2009 durch zwei moderne 1,2-Liter-TSI-Motore ersetzt. Der kleine 2,0-Liter-Diesel wird noch früher durch zwei 1,6-Liter-Motoren (90 PS und 105 PS) ausgetauscht. Die sparsamen Bluemotion-Modelle die beiden BlueMotion-Modelle kommen dafür erst im Herbst 2009.

Endlich bleibt etwas in der Kasse

Das wirkliche Kunststück wurde beim Modellwechsel nicht für den Kunden, sondern für die Konzernkasse vollführt. Der spürbare Mehrwert im Endfinish soll bei gesunkenen Produktionskosten erreicht worden sein, damit der Golf nicht nur Top-Verkäufe bringt, sondern auch für Top-Gewinne gut ist. Angesichts der Endpreise wird sich die spontane Begeisterung des Kunden für diesen Spagat in Grenzen halten.

So wurde aus dem geplanten Facelift Ende 2008 der "Neue Golf". Die fünfte Golfgeneration hat sich im Markt achtbar geschlagen, aber keineswegs alle Verkaufsrekorde gebrochen. Nummer sechs ist wiederum sehr solide, der große Urknall wurde es aber mal wieder nicht. Kunststück, bei einer Version 5.5. war auch nichts anderes zu erwarten. Wirklich etwas Neues gibt es im Jahr 2012, dann kommt die "wahre" Nummer Sechs, die jetzt zur "Sieben" aufgestiegen ist.

Unauffällig war der Golf schon immer, Größe und Qualität des Innenraums definierten bereits beim Vorgänger den Klassenstandart und das Fahrwerk war weit agiler, als es die meisten Kunden je am eigenen Leib erproben wollten.

Sicher wird der Qualitätsdruck, den der neue Golf auf alle Mitbewerber und die preislich höher angesiedelten Marken und Segmente ausübt, enorm sein. Das ist beste Golf-Tradition. Mit spektakulären Designideen hält man sich zurück, dafür werden in den Kernbereichen von Qualität und Wertigkeit Marken gesetzt, die der Konkurrenz zu denken geben.

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