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VW Polo G40: Der Wolfswagen

Klein, stark und blau. Nur wenig am Polo G40 deutet darauf hin, dass es dieser Klassiker Ende der 80er Jahre faustdick hinter den Ohren hatte.

Von wegen Schnauferchen. Der spanische Fahrer in seinem Ibiza kommt aus dem Staunen nicht mehr heraus, als der Polo ihn auf einer Landstraße nahe Valencia stehenlässt. Einfach so, als sei das moderne spanische Gefährt eine untermotorisierte Draisine ohne jeden Elan. Was der Mann mit der dunklen Sonnenbrille nicht ahnen kann, ist, dass der VW-Polo aus dem Jahr 1992 nicht irgendeine Variante des Kleinwagens ist, sondern die G-40-Version. Sozusagen der Athlet unter den Polos der zweiten Generation, die von 1981 bis 1994 gebaut wurde.

VW Polo G40: Der Wolfswagen
Der Motor war damals noch unverkleidet

Der Motor war damals noch unverkleidet

Der dunkelblaue Ibiza-Versäger stammt aus dem Jahr 1992 und fällt genauso wenig auf, wie seine zahmeren Brüder. Nur Details, wie das aufgepappte G40 Logo an Kühlergrill und Heck, der rote Zierstreifen in der Stoßstange und die serienmäßigen BBS-Felgen lassen die Potenz des Wolfswagens im Schafspelz erahnen. Dass man es in diesem Polo krachen lassen kann, wird anhand der Kombination aus 113 PS und 835 Kilogramm Gewicht schnell klar. In älteren Varianten waren es 115 PS, die man dem Vierzylinder entlocken konnte, doch der Katalysator reduzierte die Kraft etwas.

Wie die Modellbezeichnung andeutet, ist der Herzbeschleuniger des 1,3-Liter-Motors der G-Lader. Ein sogenannter Scrollverdichter, der wie eine spiralförmige Spirale (daher der Name) aufgebaut ist und einem Kompressor ähnlich die angesaugte Luft mit einem Druck von 0,72 bar über das verdichtet. "Das sogenannte Turboloch kennt der G-Lader nicht", jubelte die Volkswagen-Marketingmaschine. Unterm Strich führt dieses Zwangsbeatmung neben den 113 PS noch zu einem maximalen Drehmoment von 150 Newtonmetern, das von 3.600 U/min bis 4.000 U/min anliegt. Das Sprintvermögen ist mit 8,8 Sekunden von null auf 100 km/h allemal beträchtlich. Die Standfestigkeit des mechanischen Verdichters hatten die Wolfsburger Ingenieure schon 1985 bei einer 24-stündigen-Rekordfahrt mit drei Prototypen auf der hauseigenen Hochgeschwindigkeits-Teststrecke in Ehra-Lessien bewiesen. Ganze 208 km/h war der Polo im Durchschnitt damals schnell und pulverisierte die bisherige Bestmarke eines Ford Escort, die bei 168,63 km/h stand.

Nach diesem Härtetest hieß es auch auf deutschen Straßen "Feuer frei". 1987 legte VW die erste Serie des Kraftprotz-Polos auf. Nachdem diese 500 Exemplare auf reges Interesse stießen, brachte der Wolfsburger Autobauer ein Jahr später eine zweite Charge mit 1.500 Modellen auf den Markt, von denen rund ein Drittel nach Frankreich verkauft wurden. Also ausgerechnet in das Land, aus dem der Golf GTI-Konkurrent Peugeot 205 GTI kam. Das breite Grinsen der VW-Manager, als sie von diesem Export erfuhren, kann man sich lebhaft vorstellen.

Doch auch der Polo II blieb nicht von den Gesetzmäßigkeiten eines Autolebens verschont. Im Oktober 1990 gab es eine Modellüberarbeitung, die an den größeren Scheinwerfern und den breiteren Stoßfängern zu erkennen ist. Natürlich gab es auch von diesem Polo des Typs 86C 2F ein G40-Modell. Trotz des leicht gebremsten Schaums, will man nach einer Fahrt den Spaß mit diesem Polo nicht mehr vermissen. Der Ganghebel ist so dünn und lang, dass er scheinbar bei jedem ambitionierten Schaltvorgang des Fünfgang-Getriebes zu brechen droht. Dazu passen die zu klein geratenen Pedale, aber wer nicht mit extra-klobiger Fußmode an den Start geht, kommt blenden zurecht. Das Cockpit lässt es nicht an Selbstbewusstsein mangeln: Der Tacho reicht bis 240 km/h, tatsächlich ist bei knapp 200 km/ h Schluss, aber das ist auch heute noch schnell genug. Fragen Sie einfach mal den Ibiza-Besitzer.

Ungewohnter aus heutiger Sicht ist die Tatsache, dass der Polo weder über eine Servolenkung noch über ein ABS-System verfügt. Von einem ESP ganz zu schweigen. An die fehlende Servo-Unterstützung gewöhnt an sich schnell und wer ein bisschen auf die Signale hört, die der verlängerte Rücken aussendet und dann noch schnell reagiert, hat richtig Spaß mit dem Kraft-Polo. Der Kompressor erhöht die Fahrfreude gegenüber den regulären Modellen gewältig. Für ein Auto, das gut 20 Jahre auf dem Buckel hat, hängt der 3,73 Meter lange Wolfsburger gut am Gas und vermittelt allzeit die Bereitschaft noch eine Geschwindigkeitsschippe draufzulegen.

Rein in die Kurve, präzise den Scheiten anvisieren, mit gefühlvollem Gaseinsatz raus aus der Kurve und dabei keine hektischen Lenkbewegungen. Wer diese Grundlagen der Querdynamik beherzigt, geht mit dem Polo auch 2015 eine freudenspendende Beziehung ein, die durchaus Suchtpotenzial hat. Ob unser spanischer Ibiza-Freund das genauso sieht, darf bezweifelt werden. Im Rückspiegel ist zu erkennen, wie er rechts ran fährt, aus dem Auto springt und zur Motorhaube eilt. Für genauere Beobachtungen bleibt keine Zeit. Da vorn fährt schon das nächste Polo-Opfer.

Press-Inform / pressinform
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Hallo, ich habe mir vor ein paar Wochen einen amerikanischen Oldtimer gekauft - ein Import aus den Staaten, bekam hier eine Vollabnahme und H-Gutachten. Aufgrund der Entfernung konnte ich den Wagen jedoch lediglich auf Fotomaterial besichtigen und auf den Fotos sah er aber sehr gut aus - hatte wenig Laufleistung und wurde auch beim Gespräch mit dem Verkäufer am Telefon mit einem guten Zustand beworben. Nach der Lieferung fielen mir dann sofort 2 Roststellen auf, wo ich mir noch sagte "Hey - das Auto ist 40 Jahre alt - darf es haben, also reparierst du es einfach". Bei der Reparatur stellen sich dann jedoch weitere Roststellen heraus, die sogar zur Demontage der Innenverkleidungen, Kotflügel und Windschutzscheibe führten. Aber Ok - altes Auto. Der Wagen ging daraufhin zum Lackierer und wurde dort weiter behandelt. Dabei kamen dann weitere Mängel zum Vorschein: Die Beifahrertüre wurde bereits im unteren Bereich dick mit Spachtel überzogen - die Unterkante wurde ausgetauscht und von innen nicht versiegelt - das Blech rostete durch. Jedoch war das gesamte untere Türdrittel komplett verbeult - dazu braucht es schon einen recht großen Hammer. Ca. 8mm dicke Spachtelbrocken musste ich abschlagen. An einer Stelle wurde das Blech der Seitenwand bereits ausgetauscht. Durch die schlechte Arbeit waren Blechteile vollständig durchrostet. Auf der anderen Seitenwand hatte der Wagen einen weiteren Treffer kassiert - das Blech war eingedrückt und wurde mit massig Spachtel übergetüncht. Von außen nur anhand sehr schlechtem Lackbildes zu sehen und von innen sind deutlich Schweißpunkte vom Blechzughammer erkennbar. Auch die Seitenscheiben waren stümperhaft montiert. Diese wurden nicht mit Scheibenkleber, sondern einer kaugummiartigen Substanz montiert und fielen bei der Demontage der Zierleisten dem Lackierer bereits entgegen. Laut Verkäufer wurden die Seitenwände zwar überlackiert (was man auch sehen konnte), ein Grund wurde jedoch nicht genannt - angeblich schlechter Lack oder Kratzer. Nun meine Frage: Im Kaufvertrag ist der Wagen wie folgt beschrieben: "Keine Unfallschäden laut Vorbesitzer" "Dem Verkäufer sind auf andere Weise keine Unfallschäden bekannt" Weitere Regelungen gibt es im Kaufvertrag nicht. Durch die Beseitigung der Durchrostungen an den unfachmännisch ausgeführten Blech- und Spachtelarbeiten ist der Preis für die Lackierung deutlich gestiegen. Kann man beim Verkäufer hierfür mitunter Schadensersatz geltend machen? Gekauft wurde das Fahrzeug Mitte Dezember 2018, geliefert in der 2ten KW im Januar. Danke im Voraus für eure Antworten.