Motorradtour 3 - Mongolei Die Erben Dschingis Khans


Die Mongolen von heute sind bitterarm, das Leben in Dorfern gleitet dahin wie ein langsamer Fluss. Es fällt schwer sich vorzustellen, dass sie die Nachfahren von Dschingis Khan sind.
Von Matthias Schepp

Am Mittag passieren wir Fuxin, die Millionenstadt, die gestern unser Tagesziel war. Mit Tempo hundert brausen wir über die Landstraßen. Manchmal springen die alten Seitenwagen-Motorräder hoch wie Grashüpfer. Wir werden heute 560 Kilometer fahren. Bald hinter Fuxin geht die raue Berglandschaft langsam in Steppe über. Hier gibt es mehr Schafe als Menschen und mehr Eselsgespanne als Autos.

Sandstürme bis nach Peking

Auf einer Strecke von hundertfünfzig Kilometern zähle ich sechsunddreißig ausgetrocknete Flussbetten. Der größte Fluss, der Liu, führt seit zwei Jahren kein Wasser mehr. Soldaten der Volksbefreiungsarmee spielen im Sand des ausgetrockneten Flusses Fußball, ihre roten Fahnen markieren das Feld. Chen, ein alter Mann mit sonnengegerbtem Gesicht, erzählt, dass das Wasserproblem immer schlimmer werde. Wir passieren Sanddünen. Die Aufforstungsprogramme der Regierung haben den Vormarsch der Wüste nicht stoppen können. Von Peking, der Hauptstadt, ist sie gerade vierzig Kilometer entfernt. Jedes Frühjahr fegen Sandstürme durch die Hochhausschluchten.

Umweltkatastrophe vorprogrammiert

China muss auf gerade sieben Prozent der landwirtschaftlich-nutzbaren Fläche 20 Prozent der Weltbevölkerung ernähren. Die Umweltkatastrophe hervorgerufen durch Überbevölkerung und gnadenlosem Raubbau an der Natur, ist eine tickende Zeitbombe - nicht nur für das 1,3 Milliarden Menschen Volk. Sondern für den ganzen Erdball. Würden die Chinesen so viel Fisch essen wie die Japaner, würde gesamte Weltjahresfangmenge gerade ausreichen. Ein Zug mit vierzig Waggons, vollgeladen mit Holz aus Sibirien, rollt vorbei. China ist inzwischen der größte Abnehmer für Holz aus der russischen Taiga.

Am Ende liefern sich Rick, Peter Schaumburg und unser Fotograf Gerd George ein Wettrennen mit ihren Motorrädern. Spitzengeschwindigkeit 110. Wir erreichen Tongliao, eine der größten Städte der Inneren Mongolei. Wir haben 1052 Kilometer zurückgelegt, seit wir vor drei Tagen Peking verlassen haben.

Minderheit im eigenen Land

Am nächsten Tag raubt uns die Schönheit der mongolischen Grasslandschaft regelrecht den Atem. Wie übergroße Wellen ergießen sich die Hügel in den Horizont. Dreißig, vierzig Kilometern liegen zwischen den kleinen Dörfern. Viel Land, wenig Menschen, ewiger Horizont.

Vereinzelt stehen Jurten am Straßenrand, die Rundzelte der Mongolen. Sie sind aus Beton und von geschäftstüchtigen Chinesen errichtet worden. Die Mongolen sind inzwischen eine Minderheit auf ihrem eigenen Territorium. Sie machen nur etwas fünfzehn Prozent der Bevölkerung aus, mehr als achtzig Prozent sind Han-Chinesen.

Die armen Erben der Weltbezwinger

Die Mongolen von heute sind bitterarm, das Leben in Dorfern gleitet dahin wie ein langsamer Fluss. Es fällt schwer sich vorzustellen, dass die Mongolen die Nachfahren von Dschingis Khan und Kublai Khan sind. Die beiden Herrscher überrannten vor sechshundert Jahren die chinesische Mauer und errichteten ein Reich, das von Vietnam bis Ungarn reichte und China und Russland einschloss.


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