HOME

Renntaxi: Zwei Minuten Hölle

Als Beifahrer im Renntaxi von Opel war stern-Redakteur Harald Kaiser weniger vom Tempo beeindruckt als von den Irrsinnsbremsen.

Von Harald Kaiser

Hoffentlich haben die Dinger die richtige Temperatur. Der Gedanke schießt mir durch den Kopf, als wir mit knapp 270 Sachen auf die erste Spitzkehre zurasen. Noch etwa 300 Meter, bevor es in der Haarnadelkurve scharf nach links geht - und wer da mehr als 55 km/h drauf hat, fliegt raus.

Besagte Dinger sind die Bremsen. Zwei fingerdicke Scheiben aus Kohlefaser, die erst ab 500 Grad Celsius "funktionieren", wie die coolen Techniker sich ausdrücken. Gemeint ist jedoch beißen. Am wohlsten fühlen sie sich zwischen etwa 500 und 920 Grad. Das nennen die Ingenieure emotionslos "Arbeitsfenster". Unterhalb und oberhalb dieser Grenzen sind sie schlapper als jede Bremse in einem x-beliebigen Normalauto.

Wir, das sind der Testfahrer Marcel Tiemann, das Opel-Renntaxi und ich. Wobei der Begriff Taxi in zweierlei Hinsicht nur sehr entfernt ans Sich-chauffieren-Lassen erinnert. Erstens handelt es sich um einen High-Tech-Rennwagen, zweitens jagen wir über die buckelige Piste des Norisrings in Nürnberg. Vergangenes Jahr wurde das fast ganz aus Kohlefaser bestehende Astra-Coupé noch bei den Deutschen Tourenwagen Masters (DTM) eingesetzt. Jetzt dient es, mit einem zweiten Sitz ausgestattet, als eine Art VIPRakete für Opel-Gäste auf Kicksuche. Noch 200 Meter, schätze ich, dann müssen wir runter sein auf Stadttempo. Tiemanns rechter Fuß steht jedoch noch immer auf dem Gas. Vor wenigen Sekunden hat er mit einem zackigen Drücken am Schalthebel sogar den sechsten Gang reingedonnert. Ohne vom Gas zu gehen. Ich suche mit den Händen Halt, obwohl mein Körper mit der engen Sitzschale verwachsen zu sein scheint. Ich kann kaum die Schultern bewegen, so fest wurde ich verzurrt. Und das Atmen fällt einem nicht deswegen schwer, weil man vom Gurt halb erwürgt würde, sondern weil das Erlebnis den Atem stocken lässt.

Endlich! Tiemann bremst. Ich sah uns schon an die Leitplanke klatschen. Aber was heißt hier bremsen? Was hier geschieht, hat etwas vom Gegen-die-Mauer-Fahren. Mein Kopf wird nach vorn geschleudert, die schwachen Nackenmuskeln versuchen gegenzuhalten. Hätte ich nicht den Helm auf, meine Backen wären jetzt Beutel. Innerhalb von 100 oder 120 Metern schaltet Tiemann nicht nur fünfmal runter bis in den ersten Gang, der Pilot vernichtet durch die Brutalbremse auch mehr als 200 Stundenkilometer. In diesem Moment, erfahre ich hinterher, zerrt das Dreieinhalbfache des Eigengewichts am Auto, am Fahrer, an mir. Macht bei mir 270 Kilo.

Mein Oberhemd, das ich blöderweise unter dem feuerfesten Rennanzug trage, hat sich in einen nassen Lappen verwandelt. Draußen sind es 26 Grad im Schatten, keine Wolke am Himmel. Hier drinnen brennen etwa 60 Grad. Zwar kommt Luft aus einem dicken Schlauch, der auf den Fahrer gerichtet ist, doch Kühlung ist das keine. Die Wirkung ist die eines Föhns, der auf höchster Stufe bläst. Die ohnehin aufgeheizte Umgebungsluft wird am Motor vorbei und dann ins Cockpit geleitet. "Aber wenigstens etwas Luftbewegung im stickigen Innenraum", sagt Marcel Tiemann später.

Der Pilot reisst am Lenkrad. Der Wagen, etwa 1100 Kilo schwer, hat gerade den Scheitelpunkt der Kurve passiert, bekommt wieder volles Feuer und versetzt dabei wild auf der unebenen Piste. Zwischen meinem linken Bein und dem rechten des Fahrers hämmert der 470 PS starke V8-Motor mit vier Liter Hubraum. Über uns und rechts wie links der Stahlrohr-Überrollkäfig. Übertragen auf ein Straßenauto, sitzen wir auf der Rückbank, mit dem Motor zwischen Armaturenbrett und Vordersitzen. Durch diese Mittellage lastet auf der Vorderachse genauso viel Gewicht wie auf der Hinterachse. Das bringt neutrales Fahrverhalten in Kurven. Zumindest theoretisch.

Auf dem Lenkrad entdecke ich einen Knopf, über dem irgendwas mit "BrakeÉ" steht. Weil während des Ritts eine Verständigung unmöglich ist, erfahre ich den Sinn später: "Wenn die Bremswirkung nachlässt, drücke ich da drauf, dann werden die Bremsscheiben mit Wasser gekühlt", sagt Tiemann. Wie spürt man, dass die Bremsen schlapper werden? "Am längeren Pedalweg."

Tiemann hat in den fünften Gang hochgeschaltet, wir donnern auf die S-Kurve in der Gegengeraden des nur 2,3 Kilometer langen Kurses zu. Diese Rechts-links-Schikane verhindert, dass nur Vollgas gegeben wird, und erzeugt im Rennen spektakuläre Ausbremsmanöver, die das Publikum verzücken. Angenehmer wird der Trip allerdings nicht. Wieder beißen die Mörderbremsen zu. Parallel macht es "klack, klack, klack". Dass der Fahrer runtergeschaltet hat, habe ich nur gehört. Meine Augen sind geschlossen, weil ich das Unheil nicht sehen will. Denn gleich nach der Linkskurve steht die mehrere Meter hohe Steinmauer der Monstertribünen aus dem "Dritten Reich", an der schon große Könner im Eifer des Gefechts ihre heißen Kisten geplättet haben. Ich denke an den Haftungsausschluss, den ich vor dem Höllenritt unterschrieben habe.

Mein Pilot weiß um das Risiko, aber er sieht auch die Chance, mächtig zu beeindrucken. Also lässt der Hund den Wagen ganz dicht an die Mauer driften. Manche fahren sich nur den Außenspiegel ab, manche mehr. Zwischen Spiegel und Stein passte kein Finger mehr. Respekt. Mein Puls hämmert wie der Motor. Zwei Runden und knapp 120 Sekunden lang geht das so - unvorstellbar beschleunigen auf drei Geraden, ebenso hart bremsen vor zwei Spitzkehren und einer S-Kurve. Der leichte Linksknick vor Start und Ziel wird dank Ideallinie als Gerade gefahren.

Aussteigen geht nur mit merkwürdigen Verrenkungen und schon gar nicht ohne Hilfe von außen. Wenn dann das Adrenalin noch volles Rohr kreist, man sich den Overall aufreißt, um auszudampfen, stoppt das Renntaxi schon wieder in der Boxengasse, und der nächste Opel-Gast schält sich heraus. Da gibt es schön was zu beobachten. Jene zum Beispiel, die obercool davon reden, dass das ja "so doll nicht war". Andere sind benommen, auf wackligen Beinen, und wissen nicht recht, was gerade passiert ist. Oder auch Männer mit vollen Backen - wegen der enormen Kräfte, die auf den Körper einwirken, mussten sie sich das Essen noch mal durch den Kopf gehen lassen. Austrainierte Burschen wie Marcel Tiemann müssen bei 60 Grad Innentemperatur 72 Rennrunden konzentriert sein - und verlieren bis zu zwei Liter Körperflüssigkeit. Außerdem gibt es mehr als 20 Konkurrenten, die keinen Zentimeter nachgeben und im Zweifel auch mal mehr als nur Tuchfühlung suchen. Letzte Frage eines Normalschlaffis: War die Taxifahrt rennmäßig? Tiemann: "Etwa 80 Prozent."

Von Harald Kaiser / print

Wissenscommunity

Oldtimer gekauft - bei Instandsetzung Unfallschäden entdeckt
Hallo, ich habe mir vor ein paar Wochen einen amerikanischen Oldtimer gekauft - ein Import aus den Staaten, bekam hier eine Vollabnahme und H-Gutachten. Aufgrund der Entfernung konnte ich den Wagen jedoch lediglich auf Fotomaterial besichtigen und auf den Fotos sah er aber sehr gut aus - hatte wenig Laufleistung und wurde auch beim Gespräch mit dem Verkäufer am Telefon mit einem guten Zustand beworben. Nach der Lieferung fielen mir dann sofort 2 Roststellen auf, wo ich mir noch sagte "Hey - das Auto ist 40 Jahre alt - darf es haben, also reparierst du es einfach". Bei der Reparatur stellen sich dann jedoch weitere Roststellen heraus, die sogar zur Demontage der Innenverkleidungen, Kotflügel und Windschutzscheibe führten. Aber Ok - altes Auto. Der Wagen ging daraufhin zum Lackierer und wurde dort weiter behandelt. Dabei kamen dann weitere Mängel zum Vorschein: Die Beifahrertüre wurde bereits im unteren Bereich dick mit Spachtel überzogen - die Unterkante wurde ausgetauscht und von innen nicht versiegelt - das Blech rostete durch. Jedoch war das gesamte untere Türdrittel komplett verbeult - dazu braucht es schon einen recht großen Hammer. Ca. 8mm dicke Spachtelbrocken musste ich abschlagen. An einer Stelle wurde das Blech der Seitenwand bereits ausgetauscht. Durch die schlechte Arbeit waren Blechteile vollständig durchrostet. Auf der anderen Seitenwand hatte der Wagen einen weiteren Treffer kassiert - das Blech war eingedrückt und wurde mit massig Spachtel übergetüncht. Von außen nur anhand sehr schlechtem Lackbildes zu sehen und von innen sind deutlich Schweißpunkte vom Blechzughammer erkennbar. Auch die Seitenscheiben waren stümperhaft montiert. Diese wurden nicht mit Scheibenkleber, sondern einer kaugummiartigen Substanz montiert und fielen bei der Demontage der Zierleisten dem Lackierer bereits entgegen. Laut Verkäufer wurden die Seitenwände zwar überlackiert (was man auch sehen konnte), ein Grund wurde jedoch nicht genannt - angeblich schlechter Lack oder Kratzer. Nun meine Frage: Im Kaufvertrag ist der Wagen wie folgt beschrieben: "Keine Unfallschäden laut Vorbesitzer" "Dem Verkäufer sind auf andere Weise keine Unfallschäden bekannt" Weitere Regelungen gibt es im Kaufvertrag nicht. Durch die Beseitigung der Durchrostungen an den unfachmännisch ausgeführten Blech- und Spachtelarbeiten ist der Preis für die Lackierung deutlich gestiegen. Kann man beim Verkäufer hierfür mitunter Schadensersatz geltend machen? Gekauft wurde das Fahrzeug Mitte Dezember 2018, geliefert in der 2ten KW im Januar. Danke im Voraus für eure Antworten.