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Rinspeed Bedouin: Der Wüstensohn, der aus den Alpen kam

Wüstenvölker erfreuen sich bei Autoherstellern größter Beliebtheit. Nach dem Touareg von VW hat sich nun auch die kleine Autoschmiede Rinspeed den Namen eines nordafrikanischen Nomadenvolkes zugelegt. "Bedouin" (Beduine) heißt der radikale Porsche-Umbau, mit dem die Schweizer Autobauer auf dem Genfer Automobilsalon Aufsehen erregen wollen.

Wüstenvölker erfreuen sich bei Autoherstellern größter Beliebtheit. Nach dem Touareg von VW hat sich nun auch die kleine Autoschmiede Rinspeed den Namen eines nordafrikanischen Nomadenvolkes zugelegt. "Bedouin" (Beduine) heißt der radikale Porsche-Umbau, mit dem die Schweizer Autobauer auf dem Genfer Automobilsalon Aufsehen erregen wollen.

Ausgefallene Auto-Träume

Alles Käse in der Schweiz? Von wegen. Wenn's um feinste Ingenieurleistungen geht, brüstet sich das Alpenländchen gerne mit seinen Errungenschaften. Nur in Sachen Automobilbau haben die fleißigen Eidgenossen bisher kaum einen Fuß auf die Erde gebracht. Einzige Ausnahme: Frank Rinderknecht. Mit seiner Rinspeed AG verleiht der Schweizer edlen Schlitten seit Jahren den letzten Schliff. Und da der 47-Jährige damit scheinbar kaum ausgelastet ist, beglückt er Fans und Fachwelt seit einiger Zeit mit immer ausgefalleneren Auto-Träumen.

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Zuffenhausener Organspender

Einen vorgezeichneten Weg scheint der Autobauer dabei kaum zu gehen. Ungewöhnlich muss so ein Rinspeed sein. Und natürlich schnell. Rinderknechts Prototypen legen sich in die Kurve, sind faltbar oder haben ein Luftkissenboot an Bord. Dabei hat der Schweizer immer die Grenzen des technisch Machbaren im Visier. So auch bei seiner jüngsten, automobilen Hausgeburt. Technisch basiert der Bedouin auf einem Allrad-911er und auch unter der Haube kommt Porsche-Technik zum Einsatz. Allerdings wurde der Bi-Turbo-Boxer auf Gasbetrieb umgestellt. 420 PS leistet das kleine Kraftwerk und ist damit das stärkste, in einem Auto eingebaute Erdgas-Triebwerk der Welt. Ob der Boxer dabei mit Bio- oder Ergas gefüttert wird, spielt keine Rolle. So oder so werden die 1.640 Kilo Bedouin in schlappen 5,9 Sekunden auf Tempo 100 katapultiert. Da bleibt jedem Rennkamel die Spuke weg...

Porsche-Laster

Nun macht so ein 911er auch im Serien-Trimm keine schmächtige Figur und auch die Fahrleistungen geben durchaus keinen Anlass zur Klage. Lediglich die eintönige Nutzung trübt das Porsche-Vergnügen. Ein 911 ist schnell, eng und praktisch nicht variabel. Das müsste nicht sein, meint Frank Rinderknecht. Sein Bedouin ist schnell, geräumig und schluckt sogar große Umzugskisten.

Mit dem Hausrat durch die Wüste

Rinderknechts Porsche ist viersitziger Kombi und zweisitziger Pickup in einem. Möglich wird die Mutation durch eine variable Dachkonstruktion und zwei kräftige Elektromotoren. Bei angehobenem Dach bietet der Bedouin Platz für Vier und außerdem noch eine trockene Unterbringung fürs Reisegepäck. Zehn Sekunden später ist vom rasanten Kombi aber kaum noch etwas übrig. Die Heckscheibe klappt herunter und verlängert die Ladefläche, während das vordere Dachteil zur neuen Heckscheibe und das hintere Dachteil zur restlichen Ladefläche wird. Übrig bleibt eine 185 Zentimeter lange Ladefläche. Nur für den Fall, dass so ein Beduine samt Hausrat durch die Wüste pflügen möchte...

Dass man in der Schweiz trotz Design-Ansprüchen auch ein offenes Ohr für praktische Ansätze hat, zeigen die im Dach verbauten Materialien. So viel der Grundwerkstoff Glas auch hermacht - scharfen Gepäck-Kanten hätte wäre die trickreiche Klapp-Konstruktion schutzlos ausgeliefert. Abhilfe schaffen die polierten Aluminium-Profile, die das empfindliche Glas schützen. Mit dem daraus resultierenden Stall-Look muss der moderne Beduine leben.

Rinspeed Bedouin

Motor

Vierzylinder-Boxer-Triebwerk mit zwei Turboladern

Hubraum

3,6 Liter

Leistung

420 PS

Kraftstoff

Erd- oder Biogas

Länge/Breite/Höhe

4.458/1.975/1.458 Millimeter

Leergewicht

1.640 Kilo

0-100 km/h

5,9 Sekunden

Höchstgeschw.

250 km/h (elektronisch abgeriegelt)

Karosserie

Kunststoff-Verbundmaterial

Preis

ca. 400.000 Euro

Viel Raum unterm Geläuf

Keine Probleme beim brachialen Wüsten-Ausflug dürfte der Zustand des Fahrbahnbelages machen. Im Vergleich zum Serien-Porsche fegt der Bedouin 15 Zentimeter höher über den Boden. Unterstützt vom permanenten Allrad-Antrieb und den speziellen Dunlop-Pneus sollten auch übelste Pisten keinen Ärger machen.

Funkeln in der Lederhöhle

Soweit alles recht bodenständig. Richtig zugelangt hat das Team um Frank Rinderknecht bei der Ausstattung des Wüstensohnes. Entstammt die Innenraumgestaltung noch weitgehend den Zuffenhausener Werkstätten - die Materialien sind wesentlich exklusiveren Ursprungs. Die edlen Rinderhäute sind obligatorisch, wenn auch nicht sonderlich originell. Sowas bekommt man heute bei jedem Hersteller auf Wunsch eingebaut. Anders sieht die Sache mit den funkelnden Accessoires des Bedoin aus.

Um den rechten Glanz in die edle Lederhöhle zu zaubern, konnte Frank Rinderknecht die Firma Svarovski gewinnen. Kristall-Kitsch in einem Auto? Da kippt selbst der gelassenste Wüstenbewohner von der Düne. Sollte man meinen. Allen Befürchtungen zum Trotz konnte Rinderknecht seinen Sandkasten-Porsche jedoch vor übermäßigem Funkel-Ramsch bewahren. Eine gewisse Extravaganz kann man dem guten Stück jedoch nicht absprechen.

Glitzersteinchen

So verbirgt sich der Firmenschriftzug der Schweizer Autoschmiede unter einem dicken Kristall-Brocken, der Schaltknauf und das nach oben hin offene Lenkrad schmücken sich mit kleinen Funkelsteinchen und sogar der Lack blieb nicht von kristallinen Beimischungen verschont. Ein Hammer sind jedoch die Türverkleidungen. Wo üblicherweise robuste Materialien den alltäglichen Belastungen trotzen, ist das eigentlich schon sündhaft teure Alcantara zusätzlich mit Svarovski-Steinchen besetzt. Wer da noch aufs Kamel steigt, ist selbst Schuld...

Ein Einzelstück. Basta!

Auf keiner Straße und schon gar nicht zwischen irgendwelchen Dünen wird man so einem 400.000 Euro teuren Beduinen begegnen. Rinspeed-Prototypen sind Einzelstücke und absolut unverkäuflich. Die eine oder andere Extravaganz wird aber dennoch den Weg in real erhältliche Automobile finden. Pünktlich zur Bedouin-Präsentation erweitert Rinspeed die Produktpalette um Porsche-Tuning-Kits. Ganz schön geschäftstüchtig, die Schweizer Beduinen.

Jochen Knecht
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