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Auto-Austellung: "Fetisch und Leidenschaft"

"Prominente Chromjuwelen, bei denen das Hirn aussetzt." So beschreibt Alexandra Kuhn die Beziehung zwischen den automobilen Pretiosen und ihren charakterstarken Vorbesitzern, die sie als Leiterin des Projekts "Chromjuwelen" zusammentrug. Zu sehen im Bildband, im Technischen Museum Wien und bei stern.de .

Von Christoph M. Schwarzer

Heck gegen Heck, Rücken gegen Rücken. Herbert von Karajans Ferrari 250 GT Lusso steht dem ordinären 78er Mercedes 230 des Schriftstellers Thomas Bernhard so gegenüber, wie es die Besitzer zu Lebzeiten taten. Sie mochten sich nicht. Und doch sind sie jetzt versammelt: Real bis März in der Sonderausstellung "Chromjuwelen" des Technischen Museums Wien und fotografisch von Bernhard Angerer auf das Papier des gleichnamigen Bildbands gebannt.

Annäherung ans Phänomen Auto

"Wir wollten uns dem Phänomen Auto von drei Seiten nähern", erklärt Projektleiterin Alexandra Kuhn. Diese drei sind der internationale Rennsport, Prominenz- und Staatskarossen sowie als drittes Designlegenden. Das Ergebnis ist eine Ballung an Exklusivität von 1908 bis zur Gegenwart, die dem automobilen Gourmet das Wasser im Mund zusammenlaufen lässt.

Kalter Nazi-Schauer

Wie zum Beispiel beim Horch 951 A Cabriolet von 1939. Mit einer Karosserie der Berliner Schmiede Erdmann & Rossi versehen, war dieser Wagen zu seiner Zeit mindestens so edel wie ein Mercedes 500 Kompressor. Mit vier Ringen im Kühler, der geflügelten Weltkugel obendrauf und dem laufruhigen Achtzylinder fuhr der Horch vor. In ihm saß Baldur von Schirach, erst Reichsjugendführer und später als Reichsstatthalter und Gauleiter von Wien verantwortlich für die Ermordung von mindestens 185.000 Juden.

"Weil von Schirach Gauleiter war, haben wir quasi unser eigenes Ex-Direktorenfahrzeug in die Sammlung geholt. Eine Erkenntnis, bei der uns ein kalter Schauer den Rücken runter lief", sagt Projektleiterin Kuhn. Die heutige Firma Audi unterdessen dürfte froh sein, dass Hitler nie in einem Horch fotografiert wurde.

Der Fahrer des Ford Mustang macht ganz schön auf dicke Hose

Der Staat zahlt die Versicherung

Dass die versammelten Oldtimer – jeder auf seine Weise – etwas Besonderes sind, ist auch am Versicherungsproblem erkennbar: Die zu bezahlenden Raten hätten das Budget des Museums weit überschritten. Darum sprang der österreichische Staat ein.

Ohne Diebstahl- oder Beschädigungsrisiko sind die Fotos im Bildband zu betrachten. Der Bugatti Royale Typ 41 Coupé de Ville "Binder" ist eins von vier Exemplaren des extravertierten Automachers Ettore Bugatti: "Das war ein Künstler", wie Marcello Mastroianni es in Film "Das große Fressen" so treffend beschrieb. Dieser Wagen erzielte auf Auktionen Höchstpreise, bevor ihn Volkswagen kaufte. Der Vergleich der Profilfotos von 1932 und heute zeigt, warum: Lang, würdig, Extraklasse.

Eine Legende reiht sich an die nächste

Blass werden die anderen Wagen darum nicht. Jeder hat seine Geschichte. Der Jaguar E-Type von Jochen Rindt als Stilikone. Der Mercedes 300d Pullmann-Landaulet als frühes Segensmobil für Papst Johannes XXIII. Oder der 72er Porsche 911 Carrera RS. Er gehörte Michael Piech, einem Mitglied des Porsche-Piech-Clans. Bei den oberen Zehntausend durfte man offenbar schon immer ein wenig aus der Rolle fallen. Die Außenfarbe ist Leuchtorange – eine Farbe, die eigentlich der Feuerwehr vorbehalten ist. Im Innenraum setzen braune Blümchenmuster den speziellen Akzent.

Früher Aerodynamiker

Den ersten Preis für Formeneleganz bekommt der Austro-Daimler "Prinz-Heinrich-Wagen" von 1910. Ferdinand Porsche senior, der später Käfer und Panzer konstruierte, erdachte diesen frühen Rennwagen. Ein Flugzeugbauer half ihm, die Karosserie nach aerodynamischen Gesichtspunkten zu gestalten. Mit Fischform, Tulpenquerschnitt und Wespenheck reichten die 100 PS für 140 Kilometer pro Stunde und den Sieg auf der 2.000 Kilometerdistanz quer durch Europa. Die 5,7 Liter Hubraum kommen einem vom ur-amerikanischen "Small Block" bekannt vor. Beim Austro-Daimler sind sie aber auf nur vier Zylinder im Eimerformat verteilt. Wie sehr der Sportflitzer seiner Zeit offenbar voraus war, beweist auch die Farbe, die vor schwarzem Hintergrund fotografiert kalt zu Geltung kommt und in den Großstädten die Audi TT und Mercedes ML schmückt: Schneeweiß.

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