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Auto-Tuning: Garagenparty bei Opa Pimp

Jahrzehnte bevor MTV dran dachte, lange, lange vor Bling, gab es schon George Barris, der Autos aufmotzte und sich damit ein Denkmal setzte. stern.de-Autor Helmut Werb machte sich auf den Weg zum "King of Kustomizer" in North Hollywood.

Der Mann kennt keine Scham. Nicht einmal vor einem voll ausgepimpten Toyota Prius schreckt George Barris zurück. "Unser neuestes Modell", rückt der über achtzigjährige Greis die überdimensionale Pilotenbrille zurecht und grinst. "Schick, nicht? Wir gehen eben mit der Zeit." Dabei streicht er fast im Vorübergehen über den senfgelbgrünen Lack des Japaners. Seit mehr als 60 Jahren macht George Barris solchen Blödsinn schon. "Kar Kustomizing" nennt er das ("With a K! Schreib’s auf!"), und - da ist er stolz drauf - er hat den Begriff erfunden. Überhaupt: "Das ganze MTV-Ding ist auf meinem Mist gewachsen!"

Monster der TV-Serien

Da kann er recht haben, der George Barris, bei aller Unbescheidenheit, denn für den Teil der Welt, der was von chromblitzenden 22-Zoll-Felgen versteht und von 20.000 Dollar teuren Leder-Jobs, ist George Barris wirklich der "King of Kustomizers", der Granddaddy aller Ride Pimper und Car Blinger, und selbst die Jüngsten seiner Klientel, die locker seine Urenkel sein könnten, bewundern die Arbeit des Old Man in der leicht heruntergekommenen Garage in North Hollywood. Seit über 60 Jahren macht er das schon, kraxelt unter Autos rum und baut sie um, macht sie schöner. Begonnen hatte er zusammen mit seinem Bruder mit einem 1925er Buick "…in Dunkelgrün - da wo der Rost die Karre noch nicht braun verfärbt hatte".

1944 eröffneten die Barris Brothers ihren ersten Shop in Los Angeles, und der Rest ist, wie es so schön heißt, Geschichte. Erst verwandelten sie Rostlauben in atemberaubende Cruisers, legten sie so tief, dass der Auspufftopf Funken sprühte. Dann kam Hollywood, und George Barris, perfekter Selbstdarsteller, wurde zum Autolieferanten von TV-Shows wie "The Monkees" oder den "Munsters", für die er einen, na sagen wir mal vergoldeten Achtzylinder als "Drag-U-La" kreierte, eine geschmacksverwirrte Mischung aus Leichenwagen und prähistorischem Pimp-Mobil. David Hasselhofs KITT aus der Serie "Knight Rider" kam aus seiner Werkstatt, und der General Lee von "Dukes of Hazard". Und er baute das erste Batmobil, heute noch fahrbar - und zugelassen! Customizer-Legenden wie Von Dutch, Bill Hines oder Hershel "Junior" Conway lernten bei Barris. Die Stadtverwaltung von North Hollywood, einem verstaubten Stadtteil im heißen "Valley" von Los Angeles, der langsam zum hippen Künstlerviertel verkommt, benannte neulich den Platz vor seiner legendären Garage nach ihm, und die gesamte C-Liste gealterter Hollywood-Stars tauchte zur Party aus der Versenkung auf.

Der Pate einer Industrie

Jeden Tag sitzt der rüstige Alte, umgeben von Tochter, Schwiegertochter und Enkeln, im leicht schäbigen Büro und schiebt Papier von rechts nach links, während in der Garage seine Jungs fleißig Flügeltüren an Chryslers schrauben und fußlahme Mustangs in blitzende Straßenkreuzer verwandeln. Oder schlichte Hybrid-Japaner als Mega-Blings verkleiden. Trotzdem: das ganz große Geld macht er nicht mehr im "Car Customizing", diesmal mit 'nem C, das haben seine Nachfolger übernommen, Firmen wie West Coast Customs, die eng mit MTV oder dem Discovery Channel zusammenarbeiten. Aber selbst für die Generationen nach ihm ist George Barris immer noch der Altmeister. "Er hat wirklich den Weg bereitet für uns", sagt Big Dane, der kreative Kopf hinter West Coast Customs. "Ohne George gäbe es kein Pimp My Ride, eigentlich hat er eine ganze Branche ins Leben gerufen." Die "off-the-wall"-Ideen des spinnerten George werden sogar von etablierten Designern bewundert. "Leute wie Barris haben einen eigenen Stil entwickelt", sagt Freeman Thomas, Leiter des Westküsten-Designzentrums von Ford. "Wenn es so etwas wie "California Cars" gibt, dann kommen sie von den Customizern."

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Die Kohle kommt aus dem Spielzeugregal

Heute verdient Barris mehr Geld mit Auftritten bei Conventions und Autoshows als mit dem wahrhaften Veredeln von schnöden Fahrmaterial. Sein Deal mit einem Spielzeughersteller, der die Barris Modelle im Maßstab 1:84 verkauft, zahlt mehr als die Miete. Und für die paar Extras, die George noch braucht (die neue Sonnenbrille, zum Beispiel) kommt ja noch Geld rein aus der Barris-Fashion Line, einer Mode-Kollektion, die man allerdings mögen muss. George jedenfalls präsentiert sie zum Fototermin. "Gelb ist meine Lieblingsfarbe", strahlt er, checkt im Autospiegel, ob das Haupthaar sitzt und erteilt strenge Vorschriften an den Fotografen, wie er sich gerne geknipst hätte. "Ich stand selber oft genug hinter der Kamera", grummelt er und müht sich zu lächeln.

Hinter ihm, in der Garage, holt einer gerade den Mustang ab. "He is the King", staunt der leicht ergraute Meteorologe eines lokalen Fernsehsenders. "Immer noch!"

Von Helmut Werb
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