Kommentar Faustrecht der Straße


Es herrscht Krieg in Mitteleuropa. Über 5.000 jährliche Verkehrstote allein in Deutschland bezeugen die Härte einer Auseinandesetzung, die seit 110 Jahren tobt. Damals bezahlte Bridget Driscoll den Versuch, eine Londoner Straße zu überqueren, mit dem Leben.
Von Gernot Kramper

Das Leben scheint friedlich und normal, solange man hinter dem Steuer sitzt. Wer aber zu Fuß oder mit dem Fahrrad auf die Straße tritt, lernt schnell, das Recht des Stärkeren zu respektieren. Die mobile Gesellschaft hat den öffentliche Raum für "Vier-Räder" verplant, für den Rest der Menschheit gibt es kleine geschützte Reservate: Kinderspielplatz und Fußgängerzone. Wer sich heraustraut, sollte immer auf dem Sprung sein und stets mit dem Schlimmsten rechnen.

Damit rechnete die 44jährige Bridget Driscoll 17. August 1896 leider nicht, als sie am Londoner Crystal Palace die Straße auf dem Weg zum Ballett überquerte. Dabei wurde sie von dem Automobil des Kfz-Händlers Arthur James Edsal überrollt. Kurz darauf starb die Mutter dreier Kinder an ihren Kopfverletzungen. Augenzeugen berichteten, der Wagen sei mit einer "ungeheuerlichen Geschwindigkeit" gefahren. Knapp 6,4 Kilometer pro Stunde und damit doppelt so schnell, wie vom Hersteller vorgesehen.

Traurige Traditionen

Das Schicksal von Bridget Driscoll liest sich, wie aus dem Lehrbuch. Der Fahrer raste so schnell, weil er einer jungen Dame, seiner Beifahrerin, imponieren wollte. Der Untersuchungsrichter war geschockt. Befand aber fahrerfreundlich, es handele sich um ein Unglück, für das niemand zur Rechenschaft gezogen werden könne. Und hinterließ die Mahnung: "Dies darf nie wieder geschehen." Das kommt einem - 1,2 Millionen Verkehrstote später - seltsam bekannt vor. 2005 kamen in Deutschland 5.361 Personen im Straßenverkehr ums Leben. Die Fälle, dass Autofahrer von Fußgängern schwer verletzt werden, können dabei mit einer Hand abgezählt werden.

Sorglos und gefährlich

Ohne Zweifel kann ein Kfz eine gefährliche Waffe werden. Bezweifelt niemand. Aber wer schert sich darum? Niemand. Wann rangieren Lieferwagen in Wohngebieten, wie vorgesehen, rückwärts immer mit Einweiser, damit sie im toten Winkel niemand zerquetschen? Praktisch nie. Sollen die Kids doch selbst aufpassen. Denkt ein Falschparker daran, dass er Schulkinder vom Radweg auf die Fahrbahn zwingt? Oder beschäftigt ihn eher ein drohendes Knöllchen? Mit Sicherheit sind die Gedanken beim Knöllchen. Wann verdrängen Linksabbieger, dass sie in den meisten Fällen beim Abzweigen keine Vorfahrt genießen? Wenn ihnen Fahrradfahrer oder Fußgänger begegnen, werden lästige Grundregeln einfach vergessen, kommt aber ein Lkw daher, ist die Fahrschule plötzlich präsent.

Was passiert, wenn ein echter PS-Ritter die Geschichte von Bridget Driscoll hört? Ist er betroffen? Nein, er wird sich vor Lachen ausschütten. Ein Unfall mit 6 km/h - unglaublich. Ein Brüller. Dass Fußgänger diese Geschichte nicht so lustig finden könnten, wird er gar nicht für möglich halten. Zum Blut gibt es den Spott dazu.


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