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Lenkhilfe: Automatisch vorbei

Eine neuartige Lenkhilfe soll dafür sorgen, dass Autos Fußgängern selbstständig ausweichen können. Der stern fuhr einen Forschungs-Mercedes mit dieser superschnellen Elektronik.

Von Peter Weyer

Wie aus dem Nichts taucht der Vorschulknirps zwischen den geparkten Autos auf. Blindlings stürmt er über die Fahrbahn, wenige Meter vor einem heranrollenden Auto. Für Reaktionen des Fahrers ist es zu spät. Doch plötzlich dreht sich das Lenkrad wie von Geisterhand geführt, und der Wagen schlägt einen fast rechtwinkligen Ausweichhaken - völlig selbstständig. Das Kind bleibt unversehrt.

Solche vollautomatischen Lebensretter sind keineswegs mehr Science-Fiction. Denn in einem Prototyp der Mercedes S-Klasse arbeitet diese Technik, von den Daimler-Forschern intern "Ausweichassistent" getauft, bereits im Testbetrieb. Der stern konnte den neuen Fußgängerschutz auf abgesperrter Strecke erproben.

Errechnen der wahrscheinlichen Bewegungsrichtung

Grundlage des "Assis" ist eine winzige Stereokamera. In dem Versuchswagen ist sie noch auf Höhe des Innenspiegels montiert, in der Serie wird sie im Stoßfänger integriert sein. Sie erfasst alle Objekte, die dann von einem Rechner in Bildpunkte zerlegt werden. Mit mathematischen Regeln (Algorithmen) und Millionen abgespeicherter Musterbeispiele wird daraus in Echtzeit die wahrscheinliche Bewegungsrichtung vorausgesagt. Dazu werden 15.000 Bildausschnitte etwa 15-mal pro Sekunde durchgerechnet. Gleichzeitig peilen Kameras und Elektronik, ob notfalls rechts oder links Platz zum Ausweichen wäre.

"Dann", erklärt Hans-Georg Metzler, Leiter Assistenzsysteme und Fahrwerk Forschung und Vorentwicklung der Daimler AG, "entscheidet der Rechner in einer Situationsanalyse, ob das Auto noch rechtzeitig bremsen kann oder automatisch ausweichen soll." Dazu übernimmt ein besonderer Elektromotor die Lenkung samt Lenkrad. In weniger als einer halben Sekunde ist die komplette Unfallverhütungsaktion gelaufen.

Das Ergebnis der stern-Probefahrten beeindruckt jedenfalls: Der Ausweichassistent zur Lebensrettung reagiert immer schneller und präziser als selbst ein hoch konzentrierter und trainierter Fahrer. Der hätte den plötzlich vorspringenden Dummy im Test meist schon bei Tempo 50 voll erwischt und einen Menschen im Ernstfall zumindest schwer verletzt.

Irrsinniges Überholmanöver

Angst vor der Entmündigung

Ein heikler Punkt für die Mercedes-Forscher indes ist die Psychologie ihrer Kunden. Die, so fürchtet man, könnten sich durch die "Lenkhilfe" entmündigt fühlen. Deshalb sagt Hans-Georg Metzler schon jetzt: "Wer will, wird das System ausschalten können."

Der neuartige Fußgängerschutz braucht allerdings noch mindestens fünf Jahre bis zur Serienreife. Den wichtigsten Grund nennt Bharat Balasubramanian, Direktor Konzernforschung und Vorentwicklung bei Daimler. Der Professor und Mathematiker indischer Abstammung, der sich meist verschmitzt mit "I bin a Schwob" vorstellt, sagt: "Wir müssen die Fehlerquote unbedingt auf null bringen."

Denn beim derzeitigen Entwicklungsstand meldet das System noch etwa einen falschen Kollisionsalarm pro Stunde Fahrzeit. Balasubramanian: "Nichts wäre schlimmer als alle 60 Minuten automatisch eine grundlose Vollbremsung oder ein scharfer Haken in Richtung Gegenfahrbahn."

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