HOME

Sicherheitsexperte für Motorräder: "Motorleistung und Unfallwahrscheinlichkeit hängen nicht zusammen"

Motorradfahren ist so sicher wie nie. Davon ist Dr.-Ing. Achim Kuschefski überzeugt. Der leidenschaftliche Motorradfahrer leitet das Institut für Zweiradsicherheit e.V. in Essen. Nach seiner Erfahrung kann jeder ein 200 PS-Motorrad fahren.

Herr Kuschefski, die Zeiten für Zweiradfahrer ändern sich: vor 20 Jahren war das Fahrwerk eines Motorrads mit 100 PS gnadenlos überfordert. Heute lassen sich selbst doppelt so starke Maschinen problemlos fahren.

Ich fahre seit 1963 Motorrad und habe alle Entwicklungen mitgemacht. Vor 20 Jahren brauchte ich bei Tempo 220 manchmal drei Fahrspuren, um die Maschine auf unebener Fahrbahn zu beruhigen. Heute halte ich den Lenker selbst bei deutlich höherer Geschwindigkeit locker in der Hand, denn die Maschinen halten ihre Spur. Motorräder sind heutzutage trotz ihrer hohen Leistung sicherer denn je.

Sie sind ein geübter Fahrer. Kann auch Otto-Normal-Biker ein Motorrad mit 200 PS beherrschen?

Die aktuellen Motorräder sind genau für diese Zielgruppe gebaut. Denn die Motorradindustrie hat an einer Überforderung seiner Kunden kein Interesse und stattet seit geraumer Zeit alle leistungsstarken Motorräder mit Fahrer-Assistenzsystemen aus. Dies ist vielen nicht bekannt, weil es nicht sonderlich propagiert wird. So sorgt beispielsweise die Anpassung der Kennfelder im Zentralrechner für Einspritzwerte für eine wesentlich reduziertere und sanftere Leistungsabgabe in den unteren Gängen, mittels Schaltern kann die abrufbare Leistung eingestellt werden und zunehmend werden Traktionskontrollen eingeführt. Motorräder mit weit über 100 PS sind mit einer solchen Leichtigkeit und Souveränität zu fahren, wie sie bisher nicht für möglich gehalten wurde.

Dennoch wird darüber diskutiert, zwangsweise Antiblockiersysteme an Zweirädern einzuführen.

Fast die Hälfte aller neu zugelassener Motorräder ist mit ABS ausgestattet. Und dieser Trend setzt sich fort. Damit hat sich diese Diskussion erübrigt. Was andere Sicherheitssysteme betrifft, darf man nicht vergessen, dass für Einspurfahrzeuge, wie Motorräder das sind, andere physikalische Gesetzmäßigkeiten gelten als für Autos. Deshalb gibt es für Zweiräder keine automatischen Stabilitätskontrollen, wie das in Autos seit Jahren Standard ist.

Trotz besserer Fahrwerke und modernster Sicherheitstechnik verunglücken Tag für Tag Motorradfahrer.

Das liegt nicht an den Maschinen, sondern an den Menschen. Da die meisten Unfälle hinsichtlich ihrer Ursache als multikausal bezeichnet werden können, ist es schwierig, eine Aussage darüber zu treffen, was die eigentliche Gefahrenquelle ist. Zu 50 Prozent werden Motorradfahrer unschuldig in einen Unfall verwickelt. In den anderen Fällen sind es vor allem mangelnde Konzentration und Selbstüberschätzung.

Unterliegen Fahrer superschneller Maschinen einem höheren Risiko als langsamer fahrende?

Eindeutig nein. Die europaweit durchgeführte Motorcycle Accident in Depth Study MAIDS belegt, dass zwischen der Motorleistung und der Unfallwahrscheinlichkeit kein Zusammenhang besteht. Dafür wurden fast 1000 Unfälle in fünf Ländern bis ins Detail ausgewertet.

Beschreiben Sie bitte den Typ Biker, der möglichst viel PS braucht?

Das ist schwer, denn selbst den typischen Motorradfahrer gibt es nicht. Beide Geschlechter fahren, alle Alters- und Berufsgruppen. Man kann aber Motorradfahren in unterschiedliche Stilrichtungen einteilen: Chopper, Gelände, Sport. Dann ist aber schon Schluss. Deshalb spreche ich nun für mich selbst: Ich bin nicht jung, habe eine fünfköpfige Familie und somit Kick genug, zudem bin ich schon lange aus dem Angeberalter heraus und trotzdem würde ich gerne und jederzeit ein Motorrad mit 200 PS fahren.

Sie sind offensichtlich kein Freund einer Leistungsbegrenzung.

1999 wurde nach rund 20 Jahren die freiwillige Selbstbeschränkung der Hersteller und Importeure auf 100 PS aufgehoben. Die Entscheidung der EU-Kommission, kein Leistungslimit einzuführen, basiert nicht zuletzt auf der Tatsache, dass - wie gesagt - zwischen Leistung und Unfall kein Zusammenhang besteht. Außerdem wäre eine 100-PS-Begrenzung ein Eingriff in die Entscheidungsfreiheit der Motorradfahrer. Jeder der glaubt, mit 100 PS sicherer fahren zu können, kann sich ja eine solche Maschine kaufen. Ich warne jedoch davor zu glauben, mit 100 PS wäre Motorradfahren sicherer.

Was halten Sie von Fahrertrainings?

An unseren umfangreichen Aktivitäten bezüglich der Fahrsicherheitstrainings erkennt man gut, welchen Stellenwert wir diesem Thema einräumen. Die Trainings sind nach wie vor ein wesentlicher Bestandteil zur Erhöhung der Sicherheit im Straßenverkehr. Aber: Jeder Fahrer, und der ist letztendlich für sein Leben und eventuell für das der anderen Verkehrsteilnehmer verantwortlich, sollte seine Fähigkeiten im öffentlichen Straßenverkehr zu jeder Zeit reflektieren und sich dementsprechend verhalten. Bedachte, defensive und vorausschauende Fahrweisen sind die wichtigsten Verhaltensregeln. Wer die beachtet, kommt auch sicher an. Leider geraten diese Regeln manchmal in Vergessenheit. Deshalb führen wir Aufklärungskampagnen wie zum Beispiel 'Schärft eure Sinne! - Motorradfahrer werden leicht übersehen' unter allen Verkehrsteilnehmern durch, um auf die Gefahren im öffentlichen Straßenverkehr hinzuweisen.

Interview: Peter Ilg
Themen in diesem Artikel

Wissenscommunity

Oldtimer gekauft - bei Instandsetzung Unfallschäden entdeckt
Hallo, ich habe mir vor ein paar Wochen einen amerikanischen Oldtimer gekauft - ein Import aus den Staaten, bekam hier eine Vollabnahme und H-Gutachten. Aufgrund der Entfernung konnte ich den Wagen jedoch lediglich auf Fotomaterial besichtigen und auf den Fotos sah er aber sehr gut aus - hatte wenig Laufleistung und wurde auch beim Gespräch mit dem Verkäufer am Telefon mit einem guten Zustand beworben. Nach der Lieferung fielen mir dann sofort 2 Roststellen auf, wo ich mir noch sagte "Hey - das Auto ist 40 Jahre alt - darf es haben, also reparierst du es einfach". Bei der Reparatur stellen sich dann jedoch weitere Roststellen heraus, die sogar zur Demontage der Innenverkleidungen, Kotflügel und Windschutzscheibe führten. Aber Ok - altes Auto. Der Wagen ging daraufhin zum Lackierer und wurde dort weiter behandelt. Dabei kamen dann weitere Mängel zum Vorschein: Die Beifahrertüre wurde bereits im unteren Bereich dick mit Spachtel überzogen - die Unterkante wurde ausgetauscht und von innen nicht versiegelt - das Blech rostete durch. Jedoch war das gesamte untere Türdrittel komplett verbeult - dazu braucht es schon einen recht großen Hammer. Ca. 8mm dicke Spachtelbrocken musste ich abschlagen. An einer Stelle wurde das Blech der Seitenwand bereits ausgetauscht. Durch die schlechte Arbeit waren Blechteile vollständig durchrostet. Auf der anderen Seitenwand hatte der Wagen einen weiteren Treffer kassiert - das Blech war eingedrückt und wurde mit massig Spachtel übergetüncht. Von außen nur anhand sehr schlechtem Lackbildes zu sehen und von innen sind deutlich Schweißpunkte vom Blechzughammer erkennbar. Auch die Seitenscheiben waren stümperhaft montiert. Diese wurden nicht mit Scheibenkleber, sondern einer kaugummiartigen Substanz montiert und fielen bei der Demontage der Zierleisten dem Lackierer bereits entgegen. Laut Verkäufer wurden die Seitenwände zwar überlackiert (was man auch sehen konnte), ein Grund wurde jedoch nicht genannt - angeblich schlechter Lack oder Kratzer. Nun meine Frage: Im Kaufvertrag ist der Wagen wie folgt beschrieben: "Keine Unfallschäden laut Vorbesitzer" "Dem Verkäufer sind auf andere Weise keine Unfallschäden bekannt" Weitere Regelungen gibt es im Kaufvertrag nicht. Durch die Beseitigung der Durchrostungen an den unfachmännisch ausgeführten Blech- und Spachtelarbeiten ist der Preis für die Lackierung deutlich gestiegen. Kann man beim Verkäufer hierfür mitunter Schadensersatz geltend machen? Gekauft wurde das Fahrzeug Mitte Dezember 2018, geliefert in der 2ten KW im Januar. Danke im Voraus für eure Antworten.