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Ungenaue Unfallstatistik: Radfahren gefährlicher als angenommen

In Deutschland steigen immer mehr Leute aufs Rad - mit Risiken und Nebenwirkungen. Eine Studie aus Münster hat die offiziellen Unfallzahlen überprüft und festgestellt: In Wirklichkeit verunglücken dreimal mehr Radfahrer, als erfasst werden. Helfen soll nun eine Kampagne, die auf Schick und Schock setzt.

Von Lisa Reggentin

In Deutschland gibt es etwa 70 Millionen Fahrräder. Allein 2009 kamen vier Millionen neue Räder für rund fünf Milliarden Euro hinzu. Radfahren liegt voll im Trend und macht nach einer Umfrage des Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Clubs sogar mehr Spaß als Autofahren.

Aber: Fahrradfahren ist auch gefährlich, und das Risiko wird sogar noch unterschätzt. Die offiziellen Unfallzahlen basieren auf der Statistik der Polizei. Doch es gibt eine riesige Dunkelziffer. Eine Studie in der Fahrradhochburg Münster zeigt, dass sich dort dreimal mehr Radunfälle ereignet haben, als die Polizei registriert hat. 2250 Unfälle mit Personenschäden ereigneten sich laut der Studie innerhalb eines Jahres, aber nur 723 Unfälle wurden von der Polizei aufgenommen. Die Studie wurde von dem Universitätsklinikum Münster (UKM), sechs weiteren Kliniken in Münster, der Polizei, der Stadt Münster und der Unfallforschung der Versicherer in Berlin erstellt. Michael Raschke, Direktor der UKM-Unfallchirurgie, war selbst von der Anzahl der Fahrradunfälle überrascht: "In der Studie wurden nur die Unfälle aufgenommen, bei denen sich der Radler in die Unfallchirurgie begeben musste. Bagatellverletzungen, mit denen man zum Hausarzt hätte gehen können, wurden nicht erfasst." Daher geht Raschke davon aus, dass sich tatsächlich noch weit mehr Fahrradunfälle als die 2250 aus der Studie ereignet haben, wenn auch nur solche ohne schwerwiegende Folgen.

Dunkelziffern gibt es überall

Münster gilt als Fahrradhauptstadt Deutschlands. Die absolute Zahl der Unfälle dürfte hier höher liegen als in anderen Städten. Eine Dunkelziffer gibt es aber überall. Raschke erklärt das so: "Wegen der Versicherung wird bei der Kollision mit einem Pkw immer die Polizei gerufen. Stößt ein Radfahrer aber mit einem Fußgänger zusammen oder prallt gegen eine Ampel, muss man nicht unbedingt die Polizei alarmieren." Dass sich bundesweit mehr Unfälle ereignen, als die Statistik aussagt, vermutet auch Bettina Cibulski, Sprecherin des Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Clubs. "Diese Dunkelziffer wird sich so oder so ähnlich in allen anderen Städten finden. Wenn ein Fahrradfahrer ohne Unfallgegner stürzt oder einfach die Böschung hinunterfährt und sich dabei verletzt, weiß die Polizei nichts davon." 38 Prozent der Unfälle in Münster ereigneten sich durch Zusammenstöße mit Fußgängern oder anderen Hindernissen. Bei fast einem Drittel (27 Prozent) kamen Radfahrer ganz ohne fremde Einwirkung zu Schaden, sie stürzten etwa beim Aufsteigen oder in einer Kurve.

Zehn Prozent der verunglückten Radfahrer mussten stationär behandelt werden, drei sind an den Unfallverletzungen gestorben, ergab die Studie. Dabei handelten viele Opfer fahrlässig und waren ohne Helm unterwegs. "Besonders bei Schädel-Hirn-Traumata können die Unfallfolgen dramatisch enden," sagt Michael Raschke. "13 der aufgenommenen Patienten hatten so schwere Kopfverletzungen, dass Blutungen im Gehirn aufgetreten sind. Dann besteht Lebensgefahr - ein Patient ist an der Schwere seiner Verletzungen verstorben." Nur jedes zwanzigste Unfallopfer trug einen Helm. "Die Risiken beim Radfahren werden unterschätzt. Viele haben nicht verstanden, dass sie bei einer Kollision mit einem Pkw immer die schlechteren Karten haben", sagt Raschke.

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Das Bewusstsein der Radfahrer für ihre eigene Sicherheit soll mit einer "Schick und Schock"-Kampagne geschärft werden. Das Universitätsklinikum Münster will die Hersteller dazu bringen, neue, modische Radhelme anzubieten. "Coole" Modelle sollen entwickelt werden, die die Jugendlichen gerne tragen, anstatt sie peinlich zu finden. Zusätzlich sollen Schock-Plakate die Radler wachrütteln. Plakate, so wie sie an den Autobahnen vor den Folgen der Raserei warnen, sollen an den Straßen in Münster aufgestellt werden. Auch Spots im Kino sind geplant.

Das Rad als Autoersatz nach der Party

Münster ist eine Studentenstadt, deshalb sind auch besonders viele junge Leute hier mit dem Rad unterwegs. Dabei ist die Gruppe der 20 bis 29-jährigen auch besonders häufig in der Unfallstatistik vertreten. "Über 40 Prozent der Unfälle ohne äußere Einwirkung ereignen in sich der Nacht" sagt Michael Raschke. "Wir gehen davon aus, dass Alkohol dann eine entscheidende Rolle spielt." Beim Thema "Alkohol am Lenker" gilt inzwischen das Motto: null Toleranz. Um das Radeln unter Alkoholeinfluss zu bekämpfen, wurden die Kontrollen extrem verschärft. Raschke: "Mittlerweile werden Fahrradfahrer in Münster genau so häufig kontrolliert wie Autofahrer."

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