HOME

Wok-WM: Rasante High-Tech-Schüssel

Studenten der Hochschule Aalen ppräsentieren Stefan Raab einen Super-Renn-Wok aus Hochleistungskunststoff. Das Sportgerät ist nicht nur stabiler, sondern auch viel schneller als die ordinären Reisschüsseln aus Blech.

Von Peter Ilg

Es ist soweit. Am 8. März 2008 steigt zum sechsten Mal Stefan Raabs spektakuläres Reisschüsselrennen, die Wok Weltmeisterschaft 2008. Sie findet erstmals auf der Rennschlitten- und Bobbahn Altenberg im Erzgebirge statt. Der amtierende Wok-Weltmeister Georg Hackl tritt an, wie auch Ex-Skiadler Sven Hannawald, Boxweltmeister Sven Ottke, Hausmeister Krause und Stefan Raab höchstpersönlich. Sie kämpfen neben anderen Teilnehmern um die Goldmedaille im Einer- und Vierer-Wok - und vielleicht rutschen sie schon in diesem Jahr nicht mehr in japanischen Kochschüsseln die Bahn hinunter, sondern in einem Wok aus Hochleistungskunststoff. Heute Abend stellen Studenten der Hochschule Aalen gemeinsam mit ihrem Professor das High-Tech-Produkt in der Sendung TV total vor. "Unser Ziel ist es, Stefan Raab davon zu überzeugen, dass die kommende Weltmeisterschaft mit unseren Sportgeräten ausgetragen wird", sagt Georg Fengler, einer der Studenten, die das Gerät mitentwickelt haben. Raab könnte das entscheiden, schließlich ist er der Vorsitzende der World Wok Union.

Professor Dr.-Ing. Achim Frick überließ seinen Studenten die Entscheidung: "Frontalunterricht oder Projektarbeit", fragte er in die Runde von zwölf Studenten. Sie alle sind eingeschrieben im Fach Maschinenbau mit Schwerpunkt Fahrzeugtechnik an der Hochschule in Aalen. Frick ist Professor für Kunststofftechnik, die Studenten saßen in seiner Lehrveranstaltung Fahrzeugwerkstoffe. Klar, dass sich die engagierte Gruppe für eine lebendige Projektarbeit entschied. Mehrere Ideen wurden diskutiert, der Wok machte schließlich das Rennen. "Fachlich würde ich ihn zu den Schienenfahrzeugen zählen", sagt der Professor.

Keine Dellen während der Fahrt

Die Studenten wurden auf drei Gruppen aufgeteilt mit jeweils einem Verantwortlichen. Die eine Gruppe kümmerte sich um Werkstoffe, die andere war für die Werkstoffuntersuchung zuständig und die dritte hatte mit den Themen Entwicklung und Simulation zu tun. Deren Sprecher ist Georg Fengler. Wie verhält sich das Material, wenn der Wok durch die Steilkurve rast, welche Kräfte treten auf, was passiert, wenn die Schüssel mit der Seitenkante aufprallt, bricht das Material dann, entsteht dadurch eine Quelle für Verletzungen?, diesen Fragen ging der 27-jährige mit seiner Gruppe nach. "Wir haben das Sportgerät auf einen Fahrer mit einem Gewicht von 100 Kilogramm ausgelegt. Es hält aber deutlich mehr aus", verspricht der angehende Ingenieur - und untertreibt damit maßlos.

Als die Schüssel in einer Computer-Simulation mit einer Tonne Gewicht frontal belastet wurde, hat sie sich lediglich um 2,7 Millimeter verformt. Ein Kantenaufprall wurde mit 400 Kilogramm simuliert. "In keinem der beiden Fälle hat das Material versagt", freut sich Fengler. Dabei wiegt die Schüssel gerade einmal 3,2 Kilogramm. Das wesentliche gegenüber dem bisherigen Renngerät aber ist, dass die Ingenieurs-Schüssel während der Fahrt keine Dellen bekommt. Die Schüssel aus Faserverbund verhält sich elastisch. Bei den Reisschüsseln aus Blech ist das nicht der Fall. Sie werden mit jeder Delle langsamer.

Irrsinniges Überholmanöver

Unschlagbare Qualität

Die Rennbahn im Erzgebirge gilt unter Wintersportlern als eine der schwierigsten in ganz Europa. Der Startabschnitt ist extrem steil, das Gefälle insgesamt liegt bei 15 Prozent, 18 Kurven und 122 Meter Höhenunterschied auf einer Länge von 1413 Metern. Die Viererbobs erreichen Höchstgeschwindigkeiten von weit über 100 Kilometern pro Stunde. "Obwohl die Bahn geglättet wird, hat sie Unebenheiten", weiß der Professor. Diese drücken die leichten Blechschüsseln ein und mit jeder Delle verlieren sie an Fahrt. "Es kann doch nicht der Sinn eines Rennens sein, dass das Material die Sportler bremst", so Professor Frick. Deshalb war von Anfang an das Ziel des Projekts, Raab von der unschlagbaren Qualität ihrer Renn-Schüssel zu überzeugen.

Im November 2007 stellten die drei Gruppensprecher mit ihrem Professor bei der Produktionsgesellschaft der Sendung TV total ihr Sportgerät in Köln vor - und mussten unverrichteter Dinge den Heimweg ins Schwäbische antreten. Das Modell der Tüftler war zu groß. Als einzig zulässige Größe gelten die ordinären Blechschüsseln. Doch die Aufgabe war nicht mehr schwierig, weil das Grundkonzept bereits stand. "Wir Ingenieure arbeiten nach einem Pflichtenheft", erklärt der Professor. Punkt für Punkt wird jede einzelne Aufgabe abgearbeitet und die Ergebnisse penibel dokumentiert, bis schließlich das fertige Produkt oder in dem Fall ein Prototyp fertiggestellt ist. Und der entsteht folgendermaßen: Eine Negativform aus Holz wird gefüllert, so sagen Fachleute zum Glätten der Oberfläche, anschließend mit einem Trennlack besprüht, ähnlich dem Fetten der Form beim Kuchenbaken, damit sich Form und Inhalt leichter trennen. Dann wird die Form mit Hybridfasermatten aus Kohlenstoff und Glasfasern ausgelegt, acht Lagen folgen in unterschiedlichen Richtungen übereinander. Durch die Längs- oder Querausrichtung kann dem Gerät Stabilität an den gewünschten Stellen gegeben werden. Schließlich wird Harz aufgesprüht. Nach einer Stunde Trockenzeit ist der Faserverbundkunststoff ausgehärtet. Nun wird die Schüssel geglättet und lackiert. Fertig ist der neue Renn-Wok.

Das hat die Gruppe der Produktionsgesellschaft mitgeteilt und vor wenigen Tagen Post erhalten. "Wir wurden in die Sendung eingeladen, um das Ergebnis unserer Arbeit zu präsentieren", sagt Fengler. Vielleicht, so hoffen die Studenten und ihr Professor, steigt Raab auf ihr Sportgerät um. Sie wollen die Chance nutzen und ihn von der Qualität ihrer Entwicklung überzeugen.

Wissenscommunity