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"John Woo Presents Stranglehold (dt. Version)": Tequila lässt die Tauben flattern

Krawallkino in digitaler Form: "Stranglehold" ist die virtuelle Fortsetzung von John Woos Actionfilm "Hard Boiled" von 1992. Der Maestro wird in den Credits der Multi-Millionen-Spieleproduktion sogar offiziell als Regisseur genannt.

"Stranglehold" trägt eine immens große Last auf seinen noch jungen Schultern. Da wäre zum einen die finanzielle Seite: Gigantische 30 Millionen Dollar hat der PC-, Xbox-360- und PS3-Titel in der Herstellung gekostet, wodurch er zu den teuersten Videospielentwicklungen aller Zeiten zählt. Auf der anderen Seite sind da die Fans. Für sie ist "Hard Boiled" mehr als ein gewöhnlicher Actionfilm. Vielmehr verkörpert der gnadenlose Streifen den Inbegriff des Heroic Bloodshed - ein Subgenre des Actionkinos, das John Woo mit seinen Werken wie kein Zweiter geprägt hat. Ein schmaler Grat also, auf dem "Stranglehold" wandelt und wohl auch der Grund, warum das Game vieles gut, aber leider nicht alles exzellent macht.

Die Geschichte des Spiels dreht sich John-Woo-typisch um Ehre, Rache und die alte Leier einer gegen alle. Skrupellose Ganoven haben Tochter und die alte Flamme von Inspektor "Tequila" Yuen (vollends digitalisiert: Schauspieler Chow Yun-Fat) gekidnapped, andere wiederum einen Polizeikollegen grausam hingerichtet. Wer aber dahinter steckt und was die Motive sind, kommt erst im Verlauf der sieben Kapitel allmählich ans Licht.

So zieht Tequila los, um auf seine unwiderstehliche Art für klare Verhältnisse zu sorgen. Sprich: Er lässt abseits jeder Regeln seine zwei besten Freunde, die Pistolen, sprechen. Dabei geraten die Schießereien zu visuellen Leckerbissen, die trotz der unrealistischen Komponente - die Schrotflinte trifft auf Distanz genauso gut wie das Sturmgewehr - unverkennbar die Handschrift von John Woos Stilistik tragen: Tequila rutscht akrobatisch über Tische, springt anmutig vor sirrenden Kugeln in Deckung oder erledigt im Hechtsprung drei bis fünf Schurken auf einmal.

Hilfreich ist in diesem Zusammenhang die "Tequila-Time", die das Geschehen in Zeitlupe ablaufen lässt, wodurch sich das Zielen um vieles einfacher gestaltet. Vor allem in späteren Levels ein dringend benötigtes Feature: Sind die Kontrahenten anfangs noch williges (und dummes) Kanonenfutter, das brav auf seinen Abschuss wartet, werden sie schweren Jungs später immer zäher und treffsicherer.

Damit Tequila stets Herr der Lage bleibt, verfügt der rüstige Inspektor über vier Spezialfähigkeiten, die mächtig Wumms machen und sinnvoll angewendet das Gameplay ungeheuer erleichtern. Um sie auslösen zu können, müssen Style-Punkte gesammelt werden. Je eleganter Gegner über den Jordan geschickt werden, desto mehr Punkte werden gutgeschrieben.

Zu diesem Zweck sind die Level mit Interaktionsmöglichkeiten regelrecht vollgestopft. Geländer können hinuntergerutscht oder hinaufgerannt, Rollwägen zweckentfremdet oder Lampen als Pendel missbraucht werden. Gelangt ein Schuft dabei in Tequilas Fadenkreuz, wird automatisch die Tequila-Time aktiviert. Oder aber es wird auf Leuchtreklame oder Felsbrocken geschossen, um die Gegner unter ihnen zu begraben.

Natürlich dürfen in einem John-Woo-Film zwei Dinge nicht fehlen: weiße Tauben und "Mexican Standoffs". Letztere lockern regelmäßig den späteren Verlauf auf. Der ist trotz temporeicher Inszenierung nämlich leider recht eintönig geraten und beschränkt sich auf ballern, ballern und ballern. Kein Grund zur Klage bietet das Leveldesign. Die Locations sind wunderschön gestaltet und mitsamt ihrem wertvollen Inventar komplett zerlegbar. Störend wirken nur die aufblinkenden Interaktionsmöglichkeiten wie Theken oder Geländer, genauso wie Tequilas manisch wirkender Zwang, automatisch über jeden im Weg stehenden Tisch zu rutschen. Immerhin sind die Animationen geschmeidig und gut gelungen, was man von den Klongegnern nicht behaupten kann: Sie fallen sichtbar ab im Vergleich zur restlichen Grafik, was auch für manche Elemente im Bildhintergrund gilt. Soundeffekte, Musik und Sprachausgabe hingegen können sich hören lassen, und bei den Zwischensequenzen zeigt sich John Woos ganzes Können.

John Woo Presents Stranglehold (dt. Version)

Hersteller/Vertrieb

Midway/Midway

Genre

Action

Plattform

PC, PlayStation3, Xbox 360

Preis

ca. 70 Euro

Altersfreigabe

ab 18 Jahren

Insgesamt ist "Stranglehold" ein solides Action-Spiel mit einigen guten Ansätzen, das aber alles andere als revolutionär geworden ist. Erwachsene Baller- und John-Woo-Fans können trotzdem zugreifen, obwohl die in der deutschen Version ums Blut befreite Gangsterhatz nach nur sieben Stunden schon wieder vorbei ist. Die europäische "Uncut"-Fassung wurde indes von der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien (BPjM) indiziert.

Jens-Ekkehard Bernerth/Teleschau / TELESCHAU
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