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"Paycheck": Die Abrechnung

Mit großem Erfolg verfilmt man in Hollywood die Science-Fiction-Romane von Philip K. Dick. John Woos Version eines Dick-Romans fand bei Kritikern jedoch nur mäßigen Anklang.

Philip K. Dick hat etwas Paranoides. Der schon lange verstorbene Schriftsteller gilt als einer der großen Visionäre der Science Fiction. Was der noch heute äußerst beliebte Autor aber in seiner erdachten Zukunft gesehen hat, macht keinen großen Mut auf das ferne Morgen: Globale Intrigen, Täuschungen und Betrügereien sorgen dafür, dass es die Helden in den Romanen sehr schwer haben, hinter die Fassade zu blicken und die düstere Wahrheit zu erkennen. Hollywood liebt Dick für seinen gut verfilmbaren Pessimismus. Verfilmungen von Dicks Romanen gehören eigentlich immer zu den Kinostreifen, die vom Publikum und von den Kritikern gleichermaßen geliebt werden. Schließlich gehören Filme wie "Blade Runner", "Total Recall" und "Minority Report" zu den SciFi-Streifen, die in keiner cineastischen Bibliothek fehlen dürfen. Jetzt setzte Kultregisseur John Woo mit "Paycheck" noch einen drauf. Ben Affleck darf im Film zusammen mit Kill-Bill-Heroin Uma Thurman versuchen, knapp zwei Stunden lang nonstop das eigene Leben zu retten.

Die Kritiker haben den Film nach dem Start im Kino als langweilig und hirnlos verrissen. Auch die Fans haben nicht halb so viele Tickets gelöst wie erwartet. In der Folge wurde "Paycheck" nicht der ganz große Blockbuster, den man erwartet hatte. Affleck war sogar so frustriert, dass er prompt schwor, nie wieder einen Actionfilm zu drehen. Betrachtet man "Paycheck" aber nicht durch die anspruchsvolle "Blade-Runner"-Brille, so kann er dem nicht ganz so denkfreudigem "Tomb-Raider"-Publikum eigentlich ganz gut gefallen.

Industriespionage vergessen

Der Film "Paycheck" verfolgt eine sehr interessante Idee. Der smarte Ingenieur Michael Jennings (Ben Affleck) kennt sich bestens mit den Computersystemen der Zukunft aus. Wird er engagiert, so haben seine Auftraggeber selten etwas Gutes im Sinn. In der Regel geht es darum, einen neuen Rechner der Konkurrenz auseinander zu nehmen, zu analysieren und dann gezielt zu verbessern und nachzubauen. Während seiner Arbeit verlässt Jennings seinen ihm zugewiesenen Platz im Labor nicht. Ist der Job getan, wird Jennings Gehirn selektiv gelöscht: Die letzten Wochen werden komplett aus seinem Kopf getilgt, sodass Jennings sich nicht mehr an sein eigenes Verbrechen erinnern kann. Ein interessanter Gedanke: Kann man eigentlich für ein Verbrechen bestraft werden, an das man sich überhaupt nicht mehr erinnert?

Das Drama beginnt mit einer ganz besonderen Offerte. Jennings soll an einem geheimen Projekt mitarbeiten, das sich nicht wie sonst üblich über einen Monat erstreckt, sondern gleich drei Jahre andauert. Jennings hat Angst vor der Konsequenz: So viel Hirn ist noch nie jemandem annulliert worden. Zugleich winken aber 90 Millionen Dollar in Aktienoptionen als Gewinn: Wer könnte da schon Nein sagen?

Die drei Jahre verfliegen im Film wie im Traum. Nach dieser Zeit wird Jennings Hirn erfolgreich gelöscht. Doch der Wechsel in die normale Realität verläuft für Jennings äußerst unangenehm: Einen "Paycheck" gibt es nicht. Man erklärt ihm stattdessen, dass er selbst vor seiner Gedächtnislöschung auf das gesamte Geld verzichtet habe. Außerdem wird ihm ein Umschlag mit mehreren alltäglichen Gegenständen überreicht, die Jennings zur Abholung durch sich selbst hinterlegt hat. Diese Gegenstände sich aber allesamt nichts wert. Soll die ganze Arbeit für die Katz gewesen sein?

Schon bald stellt sich heraus: Die Gegenstände im Briefumschlag sind gar nicht so unnütz, wie es scheint, sondern retten Jennings in vielen Situationen immer wieder das Leben oder weisen ihm den richtigen Weg aus der Gefahrenzone. Schon bald sieht zumindest der Zuschauer etwas klarer: Jennings hat für seinen Boss (Aaron Eckhart) einen Apparat erfunden, mit dem man in die Zukunft schauen kann. Anscheinend hat der Ingenieur selbst einen Blick in die Zukunft geworfen und dabei keine besonders fröhlichen Fakten gesehen. Damit sie nicht missbraucht wird, hat Jennings die Maschine blockiert. Kein Wunder also, dass auf einmal sämtliche Gorillas der Firma hinter ihm her sind. Nur die Wegweiser, die das gelöschte Ich seinem späteren Selbst übergeben hat, helfen dem verfolgten Ingenieur dabei, die Hatz zu überleben.

Uma Thurman spielt dabei übrigens seine Laborkollegin, die drei Jahre lang mit Jennings eine aufregende Liebesgeschichte hatte, an die sich dieser nun nicht mehr erinnern kann.

Trickreiches Puzzlespiel

Keine Frage: Der Film verfolgt eine sehr ungewöhnliche Idee: Wie kann ein Mann, dessen Erinnerungen gleich gelöscht werden, seinem späteren Ich den rechten Weg weisen, ohne dass es der misstrauische Firmenboss mitbekommt? John Woo versteht es sehr gut, dieses Rätsel auch für den Zuschauer bedeutsam zu machen. Der ist schon bald sehr neugierig darauf, wie die völlig harmlos wirkenden Utensilien aus dem Briefumschlag wohl zum Einsatz kommen werden und wie es Jennings gelingen mag, seine lieb gewonnene Laborkollegin noch ein zweites Mal kennen zu lernen - und dieses Mal für immer.

Woo hat als Regisseur nur zwei Fehler gemacht. Nummer eins: Ben Affleck ist einer von den Schauspielern, die gut aussehen und wunderbar verwegen grinsen können. Vor allem heroische Rollen liegen dem jungen Mimen. In diesem Film muss er allerdings mit seiner Mimik den ganzen Film tragen und genau zeigen, wie verwirrt, misstrauisch, enttäuscht, wütend oder grenzenlos deprimiert er ist. Das gelingt Affleck nicht - er sieht immer gleich aus. Hier wäre der Film an einem besseren Schauspieler sicherlich gewachsen.

John Woo muss das bereits geahnt haben und so hat er seinen Fehler Nummer 2 begangen. Anstatt sich mehr um die faszinierende Story zu kümmern und mehr Augenmerk auf das so intelligente Spiel mit den eigenen Erinnerungen zu legen, baut der Regisseur viel zu viele Actionszenen in den Film ein. Rasante Verfolgungsjagden, die sich über endlose Minuten erstrecken und keinen Sinn haben außer Millionen Dollar Filmkosten zu fressen, hatten wir bereits bei "Terminator 3", "Matrix 2" und in jedem "Lara-Croft"-Film zur Genüge. Viele Actionszenen aus "Paycheck" hätte man vielleicht lieber gegen ein paar geschickte Gehirnakrobatik-Szenen eingetauscht.

Hinzu kommen diverse Logikfehler, die bei einem Film, der so intensiv mit der Logik spielt, verheerend sind. Doch trotz aller Kritik, die der Film bereits massenhaft auf sich ziehen konnte: So schlecht ist der Streifen nun auch wieder nicht.

Spannendes Action-Kino

Die Kritik zeigt bereits, dass "Paycheck" nichts für die Intelligenzia des Kinos ist, die sich für Dramen und kulturell wichtige Filmen begeistert. Da bleibt dann die immer noch recht große Fraktion der Actionkino-Liebhaber, die auf einen krachenden Sound, tolle Effekte und viele Kampfszenen abfährt.

Viele Anhänger von feisten Actionstreifen trauern schon lange den alten Zeiten hinterher. Klassiker des Genres wie "Alarmstufe: Rot" überraschen im Vergleich mit modernen Streifen mit einer erstaunlich tiefschürfenden Hintergrundgeschichte. Schaut man sich dagegen einen aktuellen "Lara-Croft"-Streifen an, so passt die schlappe Story glatt auf einen Bierdeckel: Das Drehbuch ist dann eh nur noch dafür da, um den Film geschickt von einer Action-Szene zur nächsten zu führen.

Im Vergleich mit diesen aktuellen Action-Krachern weist "Paycheck" eine überraschend vielseitige Geschichte auf, die es dem Zuschauer nicht erlaubt, trotz der vielen Action das Gehirn vollständig auszuschalten. Schaut man sich "Paycheck" als reinen Actionstreifen an und nicht als anspruchsvolles Science-Fiction-Drama, so hat der Film durchaus Potenzial und mit Ben Affleck und Uma Thurman auch noch zwei bekannte Gesichter zu bieten.

Woo inszeniert die Action-Sequenzen mit Schmackes und Esprit. Zum Glück verzichtet er größtenteils auf Special-Effekte, die aus dem Rechner kommen. Das gibt dem Film etwas Bodenständiges.

Ein gestochen scharfes Bild und ein solider Sound mit vielen Subwoofer-Einsätzen machen "Paycheck" auf jeden Fall zu einem Kandidaten fürs Heimkino. Viele DVDs von Filmen, die im Kino nicht gut liefen, entwickeln sich ja plötzlich zu Kassenschlagern, weil die Kunden DVDs lieben, die das eigene Soundsystem einmal so richtig zum Brummen bringen. Ganz in diesem Sinne kann man den Film durchaus empfehlen. Es gibt viele Actionfilme auch aus dem SciFi-Genre, die deutlich schlechter sind. Ein Klassiker seines Genres wird "Paycheck" aber nicht.

Kleine DVD-Extras

Die DVD bietet viele Extras an. So stehen Audiokommentare vom Regisseur John Woo und von Drehbuchautor Dean Georgaris zur Verfügung. Dokumentationen zeigen außerdem auf, wie die Zukunftswelt des Films entworfen wurde und wie John Woo die Stunts für den Film inszenierte. Für die Kinofreunde sind natürlich die Sammlungen mit den unveröffentlichten und den erweiterten Szenen aus dem Film ein echtes Muss.

Carsten Scheibe Verleih: Universal
Ton: DD 5.1
Bild: 2,35:1
FSK: ab 16 Jahren
Laufzeit: ca. 114 Minuten