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GC-Tagebuch (Tag 3): Spiele, die Geschichte schreiben

Veröffentlicht Microsoft eine neue Xbox 360? "Wii" wird gespielt? Und was ist plötzlich so anders an Star-Entwickler Will Wright? Die Antworten liefert der dritte Tag auf der Games Convention in Leipzig.

Von Udo Lewalter, Leipzig

Der Morgen im Business Center startet mit einem ganz großen Moment; Will Wright betritt den Besprechungsraum auf dem Stand des Branchenriesen Electronic Arts. Er ist einer der wenigen Stars der Videospielindustrie. Seine Games "Sim City", "Sim Life" oder "Die Sims" gehören zu den innovativsten Produkten der Geschichte. Meilensteine der Games-Branche. Wright ist ein schlaksiger, mittelgroßer Amerikaner. Schwarzes, mittellanges Haar. Treuer Dackelblick. Aber etwas ist anders als sonst. Ganz gewaltig anders sogar. Wrights Markenzeichen sind ein Brillenkassengestell Marke 80er-Jahre und legere, zumeist vollkommen unmodische Klamotten Marke Grabbeltisch. Heute jedoch präsentiert sich dem Besucher ein ganz anderer Wright: Auf der Nase sitzt ein todschickes, metallenes Brillengestell. Er trägt einen dunklen Lederanzug, darunter ein modisches grau-schwarz gestreiftes Hemd. Die obersten Löcher sind nicht zugeknöpft. Sogar seine Haare hat Wright für den Termin schick zur Seite gefönt. Cool haut er sich auf die Couch, nimmt die Maus in die Hand und startet seine Präsentation. Die PC-Lebenssimulation "Spore" steht auf dem Programm. Bereits seit fünf Jahren arbeitet er daran.

Worum geht es in "Spore"? Kurz gesagt: Der Spieler startet mit einer einzigen Keimzelle und entwickelt daraus eine individuelle Lebensform, die einen Planeten besiedelt und schließlich die Kolonisation des Weltraums in Angriff nimmt. Klingt komplex? Ist es auch, aber die Evolution ist zum Glück in Dutzende fließend ineinander übergehende Abschnitte unterteilt. Als mickriger Einzeller schwimmt das Tierchen zunächst durch die Ursuppe und frisst andere Winzlinge auf. Je mehr Zellen es futtert, desto mehr genetische Informationen gewinnt das Pantoffeltierchen. Sind genügend davon gesammelt, kann eine neue, spezialisiertere Generation erschaffen werden. In einem Kreaturen-Editor setzt der Spieler im Baukastenprinzip einzelne Gliedmaßen des Zöglings zusammen, bestimmt, wo Mund, Nase und die Ohren sitzen und verändert mit ein paar Mausklicks die Größe einiger Körperstellen. Das Programm berechnet dann in Sekundenbruchteilen die Bewegungsabläufe des Nachkommens, legt Texturen - die Haut des Tieres - auf das Rohmodell und verändert ganz nach Spielerwunsch die Farbe. Im Verlauf der Evolution wird das Wesen immer größer und individueller. Das erleichtert das Besiedeln neuer Landstriche und Planeten. Unendlich viele Möglichkeiten stehen dem Spieler bei der Entwicklung des Tieres zur Verfügung. Sogar Gebäude, Bäume oder gar ganze Planeten können vom Spieler im intuitiv nutzbaren Baukasten zusammengesetzt werden.

Schwitzen bei "Big N"

Die ersten Nintendo-Wii-Gehversuche während der letzten Tage hinterließen bereits einen positiven Eindruck. Die Steuerung der Spiele mithilfe des neuen bewegungssensitiven Eingabegeräts ging gut von der Hand. Umso gespannter durfte man auf die bei Nintendo gezeigten Next-Generation-Spiele sein, schließlich reizt das japanische Unternehmen die eigenen Hardware erfahrungsgemäß am effektivsten aus. Erste Wehrmutstropfen jedoch am Stand im Business Center: "The Legend of Zelda: Twilight Princess" wird leider nicht gezeigt. Und auch von "Metroid Prime Corruption“ keine Spur.

Spielerische Highlights gab es trotzdem: Bei "Wii Tennis" wird der digitale Tennisstar teilweise vom Computer gesteuert, die CPU übernimmt das Laufen zum Ball. Geschlagen wird das Rund aber vom Spieler. Nicht wie gewohnt per Steuerkreuz und Aktionstaste, sondern per Handbewegung. Wie ein Tennisschläger liegt das bewegungssensitive Pad in der Hand und bemerkt beim virtuellen "Ballumdieohrenhauen" sogar, ob Rück- oder Vorhandhand geschlagen wurde. Und selbst angeschnittene Bälle können mit einer entsprechenden Handbewegung geschlagen werden. Natürlich ist auch ein Match zu weit möglich. Weitere Highlights: das Fußballspiel "Mario Strikers Charged" und das Geschicklichkeitsspiel "Wario Ware Smooth Moves".

Großes Kino bei Midway

Der aus Honkong stammende Erfolgsregisseur John Woo ist bekannt für knallharte Action-Kost. Mit Filmen wie "A better tomorrow" oder "Hard Boiled" begründetet er das Genre des "Heroic Bloodshed", das heroisches Blutvergießen also. Eine passende Beschreibung für den Inhalt seiner melodramatischen Actionfilme.

Woo hat ein neues Spielfeld gefunden, Games. Sein erstes Projekt ist der Anfang 2007 erscheinende Action-Titel "Stranglehold". Im Abenteuer kämpft sich der Spieler durch die Häuserschluchten Hongkongs und durch düstere Gassen Chicagos. Dabei geht es genauso hart her wie in Woos Filmen: Feuergefechte, die wie ein Ballett inszeniert sind, grandiose Zeitlupenstudien von minutenlangen Schießereien und unendlich viel Kanonenfutter. Während der Auseinandersetzungen ist fast alles zerstörbar oder kann als Waffen eingesetzt werden. Weiteres Highlight: "Unreal Tournament 2007".

Microsoft schaut Spielern in die Augen

Gerüchte um eine neue Xbox-360-Konsole machten die Runde während der letzten Wochen. Sie soll unter anderem mit einer 250 Gigabyte fassenden Festplatte, einem HD-DVD-Laufwerk und einem neuen Controller ausgestattet sein. Doch Microsoft dementiert. "Ja, es wird Erweiterungen geben. Aber die liegen ausschließlich im Bereich der Software", sagt Boris Schneider-Johne, Xbox Platform Manager bei Microsoft. Gemeint sind damit zusätzliche Optionen im Bereich des Xbox-Live-Systems.

Anfang Oktober erscheint eine Kamera für die Xbox 360, die in erster Linie den Video-Chat ermöglichen soll. Darüber hinaus ergeben sich jedoch auch für Spieleentwickler neue Möglichkeiten durch das künstliche Auge. So wird der Spieler beispielsweise sein mit der Kamera abgelichtetes Gesicht in ein Spiel einbauen können. Drei Schnappschüsse reichen aus, um dem Helden auf dem Bildschirm das eigene Konterfei zu verleihen. Besonders für den Mulitplayer-Modus dürfe das eine tolle Sache sein. Hier spielt man dann gegen beziehungsweise mit den virtuellen Abbildern seiner Freunde. Als eines erstes Spiel wird Ubisofts "Rainbow Six Vegas" dieses Feature nutzen. Leider wurde im Business Center der Action-Shooter "Gears of War" nicht gezeigt. Ein Engagement auf der Messe hätte den Entwicklern sehr viel Zeit gekostet, was im schlimmsten Fall sogar zur Verschiebung des Veröffentlichungstermins hätte führen können, so Schneider-Johne. "Gears of War" soll Ende November in den Regalen der Kaufhäuser stehen. Weitere Highlights: das Xbox-360-Strategiespiel "Viva Pinata" und Capcom Xbox-360-Shooter "Lost Planet".

Bei Konami rollt der Ball

König Fußball regiert Konamis Besprechungszimmer im Business Center der Games Convention. Die im Oktober für Xbox 360, Playstation 2, PSP, Nintendo DS und PC erscheinenden Fußballsimulation "Pro Evolution Soccer 6" umfasst deutlich mehr Originallizenzen als die Vorgängerversionen. So laufen in diesem Jahr unter anderem erstmals die "echten" Bayern aus München auf den virtuellen Rasenplätzen auf. Optisch hat man an den Animationen der Digi-Kicker gefeilt.

Auch für Nintendos neue Wii-Konsole entwickelt Konami ein Spiel. Einen Namen hat man für das Spiel zwar noch nicht gefunden, spielbar ist es aber schon. Kleine Unruhestifter, die Elebits, verstecken sich in den Ecken und Nischen eines Hauses. Mit dem Steuerkreuz auf der Nunchuk-Erweiterung des Wii-Controllers läuft der Spieler aus der Ego-Ansicht durch die Bleibe. Hat er ein Elebit ausgemacht, so zielt er mit der Wii-Remote-Steuereinheit, die er in der anderen Hand hält, auf die Störenfriede und macht sie somit unschädlich. Sind alle Elebits innerhalb des Zeitlimits ausgeschaltet, wartet schon die nächste Bude auf den Kammerjäger. Weitere Highlights: die beiden PSP-Action-Adventure "Metal Gear Solid: Potable Ops" und "Silent Hill Origins"