40 Jahre Computermaus Aus die Maus?

Die Computermaus feiert ihren 40. Geburtstag - eine Erfolgsgeschichte. Doch hat das allgegenwärtige Eingabegerät auch eine Zukunft? Eine Menge Forscher wollen der Maus an den Kragen - mit Touchscreens, Sprachsteuerung oder Bedienung per Gedankenkraft. Sitzt die Maus in der Falle?
Von Sven Stillich

Gute zwei Jahrzehnte ist es her, da beamte sich die Besatzung der Enterprise zurück ins Jahr 1986 - und verzweifelt an der damaligen Technik: "Computer", sagt Scotty, doch der Mac vor ihm reagiert nicht. Lächelnd reicht Schiffsarzt "Pille" McCoy ihm die Maus - und Scotty ruft wie in ein Mikrofon hinein: "Hallo, Computer!". Der Mac bleibt still. Schließlich benutzt der Ingenieur widerwillig die Tastatur. In seiner Zeit, dem 23. Jahrhundert, gibt es also keine Computermaus mehr. Es ist sogar in Vergessenheit geraten, was das war.

2008 sieht das noch anders aus. Noch vermehren sich die Computermäuse wie ihre Kollegen aus Fleisch und Blut - Zubehörhersteller Logitech hat vor ein paar Tagen sogar das milliardste Exemplar ausgeliefert. Mehr denn je ist die Maus das Arbeitswerkzeug von Millionen Bildschirmarbeitern, sie ist Sportgerät für Computer-Athleten und Navigator im Internet. Und das, obwohl sich an ihr in den vergangenen 40 Jahren nichts Entscheidendes geändert hat: Am 9. Dezember 1968 stellte Douglas Engelbart seinen "X-Y-Positionszeiger für ein Bildschirmsystem" der Öffentlichkeit vor, einen klobigen Holzkasten mit Metallrädern und einem roten Knopf - und seitdem ist zwar das Kabel verschwunden, die Räder wurden durch einen Ball ersetzt, der inzwischen optischen Sensoren weichen musste, einige Tasten kamen hinzu, aber das Prinzip blieb gleich: Die Maus bewegt den Mauszeiger auf dem Bildschirm, und ein Klick auf eine Maustaste macht "Klick" auf dem Monitor.

Die Maus ist ein konservativer Alt-68er

Doch die Revolution gegen das Establishment ist in vollem Gange: "In den nächsten drei bis fünf Jahren wird die Maus vom Schreibtisch verschwinden", sagt Steve Prentice, Analyst der Marktforschungsfirma Gartner. Er stützt seine Einschätzung auf aktuelle technische Entwicklungen wie berührungsempfindliche Monitore oder neue Interfaces, wie sie zum Beispiel die "Wii" nutzt, Nintendos aktuelle Spielkonsole. Deren Controller bestimmen ihre Position im Raum per Sensorleiste am Fernseher: Ohne dass eine feste Unterfläche nötig wäre, kann der User somit Objekte auf dem Bildschirm verschieben und manipulieren wie mit einer 3D-Fernbedienung. Diese Technik wäre, den Gegebenheiten angepasst und verfeinert, vor allem für mobiles Arbeiten am Notebook geeignet. Ein Team von Studenten des Polytechnischen Instituts von Worcester (Massachusetts) hat 2007 bereits einen nach diesem Konzept arbeitenden 3D-Maus-Prototypen vorgestellt, der so klein ist, dass die User die "MagicMouse" als Ring am Finger tragen könnten.

Ein nachweisbarer Trend und die größte Konkurrenz zur Maus sind derzeit Touchscreens: Bildschirme, die auf Berührungen reagieren. Das iPhone von Apple arbeitet auf diese Weise, und der "TouchSmart"-Rechner von HP nutzt die Technik ebenso: Will der Benutzer eine Datei öffnen, tippt er mit dem Finger auf den Bildschirm, will er ein Bild zuschneiden, formt er mit seinen Fingern einfach ein Rechteck. "Don't just touch - feel" lautet der Werbespruch für das Gerät, "berühre es nicht nur, fühle es." Microsofts Konzept eines Computertischs namens "Surface" geht sogar noch weiter: Das Unternehmen hat in den Tisch einen Rechner eingelassen, dessen Bildschirm nicht nur Berührungen erkennt, sondern sogar Geräte, die auf ihm abgestellt werden. Legt der Nutzer zum Beispiel seine Digitalkamera auf die Oberfläche des "Surface", werden die Bilder sofort auf den Rechner übertragen und angezeigt. Legt er sein Handy daneben, kann er diese Bilder mit den Fingern auf das Mobiltelefon schieben, worauf der Windows-Rechner sie drahtlos auf das Handy lädt.

Bleibt die Frage: Wollen das so viele wirklich? Wollen Millionen Angestellte und Privatleute mit den Händen in der Luft herumfuchteln, statt eine Maus zu benutzen? Wollen sie ihre Fingerabdrücke auf Bildschirmen verteilen und über die Abdrücke anderer Leute schmieren - und ist das wirklich praktischer, oder sieht es nur cooler aus und ein wenig nach "Minority Report"? Sicherlich gibt es Situationen, in denen User ihre Maus verfluchen und sich eine "MagicMouse" wünschen - aber reichen diese Momente aus, Abermillionen Mäuse aus den Arbeits- und Kinderzimmern zu verdrängen?

Bereits die Sprachsteuerung hat sich nicht am Markt durchgesetzt, und die war früher die große Hoffnung der Mäusejäger. Schon dass Hollywood 1986 in "Star Trek IV" davon ausging, dass Menschen und Rechner im 23. Jahrhundert so kommunizieren würden, zeigt, wie lange daran bereits geforscht wird. Heute wird Spracherkennung in einzelnen Berufen eingesetzt - seinen privaten Computer jedoch bedient kaum jemand damit. Obwohl das möglich wäre und Bill Gates davon ausgeht, dass ihre Bedeutung ständig wachsen wird. An der Technischen Universität Berlin - und nicht nur dort - wird daran geforscht, wie der Computer per Gedankenkraft gesteuert werden könnte. Und noch einmal: Selbst, wenn diese Technik massentauglich wäre - wollen das genügend Leute? Wollen sie ihr Gehirn mit einem PC verbinden - bei all den Viren und Würmern, und obwohl sie schon Angst davor haben, ihre Kreditkarte im Internet zu benutzen?

Die Maus ist so schlecht nicht, und ihre Zeit ist noch nicht vorbei. Eines Tages, ja, da wird es etwas Besseres geben, das sie ersetzt. Vielleicht sogar eine Technik, die heute bereits entsteht. Bis dahin: einen Dreifachklick auf ihren Geburtstag!


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