HOME

Games Convention: Mach' uns die Lara!

Sie machen Virtuelles fühlbar. Oder wenigstens fotografierbar: Menschen, die sich als Computerspielhelden verkleidet unters Messevolk mischen - und dieses in ihren Bann ziehen sollen.

Von Ralf Sander

Wenn es dem Betriebswirt und Immobiliensachverständigen im Büro zu langweilig wird, dann wird René Bayer gerne mal zum "Mörder". Zum "Hitman", um genau zu sein. Wie sein Vorbild aus der gleichnamigen Computerspiele-Reihe ist auch Bayer ein Auftrags-"Killer". In Diensten steht er beim Publisher Eidos, und er steht tatsächlich nur. Auf einem Podest am Eidos-Stand auf der Games Convention. Erstarrt. Im schwarzen Anzug, kahlköpfig, mit einer schallgedämpften Pistole bewaffnet. Und dennoch wie eine Statue. Doch plötzlich bewegt er sich, ruckartig, rastet in einer neuen Pose ein. Immer wieder, stundenlang. Der Effekt ist vor allem aufgrund der frappierenden Ähnlichkeit Bayers mit der Spielfigur namens "47" beeindruckend. "Das lange unbeweglich Stehen ist für mich kein Problem", erzählt Bayer. "Ich senke meinen Puls auf 34 Schläge pro Minute herunter, das ist für mich wie Meditation." Übung hat er darin, er hat sich schon früher regelmäßig als "lebende Puppe" verdingt, als Eidos ihn vor zwei Jahren als Verkörperung des "Hitman 47" entdeckte. "Man nimmt die Welt dann wie durch eine dicke Scheibe dar", fügt Bayer hinzu. Aufmerksam ist er gegenüber den Messebesuchern dennoch. Wer ein Foto will, bekommt eines - oder mehrere, mit jeder Menge Auswahl aus dem Posenportfolio.

Wandernde Lockstoffe

Fotografiert werden und dabei eine Engelsgeduld haben, das ist das wesentliche Messeprogramm für die Promotionsmitarbeiter, die als Videospielhelden verkleidet oder zumindest auffällig kostümiert durch die Hallen der Games Convention stromern. Waren es im vergangenen Jahr vor allem Sternenkrieger verschiedener Galaxien, die waffenstarrend und doch freundlich die Besucher empfingen, geht es diesmal ein wenig bodenständiger zu: vor allem Piraten, orientalische Prinzen, babylonische Schönheiten und auch Anti-Terror-Kämpfer bevölkern das Leipziger Messengelände. Ihre Missionen sind identisch: die mehr oder weniger ziellos umher wandernden Menschenmassen zum Stand des Auftraggebers zu locken. Mit Turban und Pluderhosen und einer exotisch gewandeten schönen Frau an seiner Seite zieht Sebastian („nur Sebastian“) als persischer Wahrsager umher, die Kristallkugel immer im Anschlag: „Wenn wir mit den Leuten sprechen, erzählen wir ihnen, dass sie in der Zukunft am Stand von Ubisoft etwas Fantastisches entdecken werden.“ Soll heißen: das Spiel "Prince of Persia 3".

Geflügelte Worte

Gleich mit doppelten weiblichen Reizen bringen Claudia und Katrin das Fantasy-Rollenspiel "Heroes of Might & Magic 5" unters Volk. Als schwarzer und weißer Engel gibt’s die beiden auf dieser GC nur im Doppelpack. Die beiden sind schon im dritten Jahr dabei und auch sonst alte Promotionshasen. "Wenn man schon auf vielen Messen gearbeitet hat, ist das hier ein Job wie jeder andere. Allerdings einer der besseren", sagen die Flügelträger übereinstimmend.

Alles echt, irgendwie

Ganz und ganz unhimmlisch ist der Einsatzort von Thomas Faust. Er "spielt" das Mitglied einer Eliteeinheit, die im Taktik-Shooter "Ghost Recon 2" Terroristen in Mexiko bekämpft. Zwischen Plastikpalmen und einem mit Einschusslöchern übersäten VW Käfer steht er mit voller Kampfmontur und Sturmgewehr Wache. Ein Kostüm, in dem angesichts des Klimas in den Messehallen schnell mexikanische Temperaturen herrschen dürften. Faust nimmt’s mit soldatischer Härte und erzählt lieber, dass die Rüstung, die er trägt, tatsächlich eine derjenigen sei, die bei der Entwicklung des Spiels für Aufnahmen verwendet wurde. Und dann sind wir auch schon mitten in der Vorstellung des Spiels. "Beratung betrachte ich als Teil dieses Jobs", erklärt Faust.

Eine Ikone schaut vorbei

Beim Podest des Hitman hat sich inzwischen die Zahl der Schießprügel deutlich erhöht. Zwei Waffen einer Frau sind dazugekommen: die Pistolen von Lara Croft. Das neue "Tomb Raider"-Abenteuer "Legend", das im kommenden Jahr erscheinen soll, wird Diana Dorow auch in den kommenden Monaten viele Aufträge bescheren. Seit sechs Jahren gibt sie die Fleisch gewordene Version der agilen Pixel-Grabräuberin. "Der erste Auftritt war in irgendeinem Elektronikmarkt, ich musste mir einen künstlichen Zopf anhängen und das Kostüm mit einer Handytasche und anderem Zeug improvisieren", erzählt sie. "Danach kam ein Auftrag nach dem anderen". Und das Kostüm wirkt inzwischen auch authentischer.

Wie beim "Hitman" Bayer, der von sich sagt, er habe noch nie ein Computerspiel gespielt, gaben auch bei Dorow, die im richtigen Leben als BWL-Dozentin an Fachhochschulen arbeitet, sachdienliche Hinweise von außen den entscheidenden Impuls. "Freunde sagten zu mir damals, ich sähe aus wie Lara Croft", erinnert sie sich.

Ihre erste Reaktion war: "Ich sehe aus wie was?"

Themen in diesem Artikel