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Gamescom: Menschen, Spiele, keine Sensationen

Zumindest bei den Videospiele-Fans scheint die Gamescom in Köln ihre Feuerprobe zu bestehen. Die Hallen sind voll, die Stimmung ist gut. Dabei setzen die Aussteller vor allem auf Bewährtes.

Von Ralf Sander, Köln

Die Fachbesucher fremdelten etwas zu Beginn der Gamescom. Nicht selten war zumindest im Tross der Aussteller, Handelsvertreter und Journalisten "In Leipzig wäre das nicht passiert" zu hören, wenn mal etwas nicht ganz rund lief. In der sächsischen Stadt war die Videospielemesse in den Jahren 2002 bis 2008 unter dem Namen Games Convention zur wichtigsten Veranstaltung ihrer Art in Europa gewachsen. Dann entschied der Bundesverband Interaktive Unterhaltungssoftware (BIU), die Spielemesse in die Rheinmetropole zu verlegen. Der Kampf zwischen Köln und Leipzig ist zumindest auf emotionaler Ebene bei einigen der Fachbesucher noch nicht ganz abgehakt. Doch fragt man ein paar Stunden nach Messebeginn noch einmal nach, lautet die Antwort in den meisten Fällen: Okay, Köln macht auch einen sehr guten Job. Hier lässt sich vernünftig arbeiten. Ostalgie weicht einer professionellen Betrachtung.

Die Besucher hingegen haben offensichtlich keine Berührungsängste: Wie formuliert es ein Jugendlicher pragmatisch: "Eine Messe besteht doch sowieso nur aus großen Hallen. Wo die stehen, ist mir ziemlich egal." Und so stürmen Spielefans gleich am ersten Besuchertag in großer Zahl das Kölner Messegelände und erfüllen es mit Leben - zur Überraschung vieler Skeptiker. Denn am Tag zuvor, als nur die Fachbesucher herumstromerten, hatten selbst die riesigen Stände von Sony, Nintendo, Microsoft und Electronic Arts seltsam verloren gewirkt in der Weite der Ausstellungsflächen. Denn die Koelnmesse nutzt mit 120.000 Quadratmetern mehr Platz als früher die Messe Leipzig, und die Verantwortlichen haben bewusst breite Gänge zwischen den Ständen angelegt. Die berühmt-berüchtigte Kombination aus Enge und Hitze, die vor allem an den Wochenenden ein Markenzeichen der Games Convention gewesen war, scheint in Köln vermieden zu werden. Sie wird auch niemand vermissen.

Köln, wie es singt und tanzt

Die ausgelassene Stimmung und freundliche Atmosphäre hingegen scheinen den Umzug nach Köln gut überstanden zu haben. Junge Männer sind zwar immer noch in der Überzahl, aber auch viele gestandene Erwachsene beiderlei Geschlechts, die mit Videogames groß geworden sind, ziehen zwischen den insgesamt 10.000 Spielstationen umher. Dabei setzen sich neue Trends der vergangenen Jahre - Musik- und Bewegungsspiele - fort: Überall wird gesungen und musiziert, was die Konsolen hergeben. Nachahmer zu Erfolgstiteln wie "Singstar" und "Guitar Hero" hat fast jeder Publisher im Programm. Und es wird vor dem Fernseher geturnt: Mit "Your Shape" zeigt Ubisoft eine Kamera mit entsprechendem Programm, das die Ausführungen von Fitnessübungen genau überwacht und bei Bedarf Korrekturanweisungen gibt. Für die Skater-Simulation "Tony Hawk: Ride" gibt es einen speziellen Controller in Form eines Skateboards.

Weniger auf Revolution als auf Evolution setzen die großen Hersteller mit ihren etablierten Spielemarken: Fortsetzungen bestimmen das Bild. Überraschende Innovationen, Nie-Dagewesenes sucht man auf der Gamescom vergeblich. Die Präsentation der schlankeren und günstigeren Playstation 3 ist in dieser Hinsicht schon die größte Überraschung. Das Bedürfnis nach echten Neuerungen ist aber eher ein Problem von Spielekritikern. Denn die Schlangen vor bestimmten Titeln, die auf der Messe erstmals gezeigt oder sogar angespielt werden können, sind lang, sehr lang. Die Fans lieben, was sie kennen. Geduldig stehen sie teilweise mehrere Stunden in der Schlange, um erstmals Hand an lang ersehnte Fortsetzungen wie beispielsweise das Action-Rollenspiel "Diablo III" oder den Strategie-Kracher "Starcraft 2" legen zu können. Das Motto ist klar: Da weiß man, was man hat.

Eine Zahl im Titel muss nichts Schlechtes sein

Zumal Fortsetzungen einfach hervorragende Spiele sein können: Das Historienabenteuer "Assassin's Creed 2" sieht fantastisch aus. "Mafia 2" wirkt wie ein ernsthafter und hübscherer Konkurrent zum legendären "Grand Theft Auto IV". "Black Mirror 2" könnte ein weiteres Beispiel sein, dass aus Deutschland die besten Adventures der Welt kommen.

Fairerweise sei außerdem hinzugefügt: Es gibt auch spannende neue Titel. "Star Wars: The Old Republic" und "Star Trek Online" haben das Potenzial, dem Genre der Mehrspieler-Online-Rollenspiele neue Facetten hinzuzufügen. Und "Scribblenauts", eine Art Wortpuzzle für den Nintendo DS, ist so abgedreht, dass man es gesehen haben muss. Nur dann kann man verstehen, wie dieses kleine Spiel Begeisterungsstürme auslösen kann.

Warten auf die Zahlen

Wie begeistert Veranstalter und die rund 450 Aussteller über die erste Gamescom sein werden, wird sich am Sonntag zeigen. Erst am letzten Messetag werden Zahlen veröffentlicht. Erwartet werden mindestens 200.000 Besucher. Und hier kommt wieder Leipzig ins Spiel: Bei der letzten Games Convention 2008 kamen 203.000 Besucher. Diese Zahl zu überbieten, ist eines der erklärten Ziele des verantwortlichen BIU für Köln gewesen. Daran werden die Kritiker des Umzugs die Gamescom messen.