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Jonathan Ive: Der Design-Guru

Dieser Mann bestimmt, wie Computer aussehen: Jonathan Ive hat für Apple den iMac und den Musikplayer iPod eingekleidet - und alle haben ihn kopiert.

"Hallo", sagt der unscheinbare junge Mann, wenn er sich vorstellt. "Hallo, ich bin Joni." So, als wäre er ein einfacher Angestellter von nebenan, ein Bürokaufmann oder Buchhalter und nicht der begehrteste Designer der Computerwelt, stilbildend wie kein Zweiter in der Branche, mit Preisen überhäuft. Was Jonathan Ive designt, bauen alle nach.

Bescheidener Star

Fragt man ihn nach seinem Beruf, murmelt der 38-jährige Stoppelkopf ausweichend, dass er "verschiedene Sachen gestaltet" habe. Verschiedene Sachen! Er hat den iMac designt und den iPod, Technik-Ikonen, die den Nischenhersteller Apple zu einer der bekanntesten Marken der Welt gemacht haben. Ohne sein Design wäre der iPod nur irgendein MP3-Player und der iMac nur irgendein Computer. Wegen seines Designs stehen die Regale der Elektronikmärkte voll mit Geräten, die ein durchscheinendes oder milchig-weißes Plastikgehäuse haben - und doch nicht entfernt so cool sind wie das, was Ive sich ausdenkt.

Will man Ive, der meist unauffällig Grau und Schwarz, Jeans und T-Shirt trägt, aus der Reserve locken, muss man mit ihm über seine Schöpfungen reden. Dann kann es sein, dass er zehn Minuten am Stück über nichts anderes spricht als die Oberfläche des iPod-Klickrads, die fingerfreundlich angeraut ist, über das lasergravierte Apple-Logo auf der Rückseite oder den Mechanismus, mit dem sich Power-PCs ohne Schraubendreher aufklappen lassen. "Ich weiß, dass keiner bewusst auf solche Details achtet", sagt Ive, "aber dass wir uns überhaupt über solche Sachen den Kopf zerbrechen - ich glaube, das macht unsere Produkte so kostbar."

Poetisches Design

Kostbar genug jedenfalls, dass Apple-Kunden gern ein bisschen tiefer in die Tasche greifen, um sich mit Technik zu schmücken, die nicht nach Technik aussieht. "Apple ist ein Leuchtturm des Designs in einer Branche, die viel zu sehr auf Bits und Bytes starrt", lobt Yves Béhar, Gründer der Agentur Fuseproject und selbst ein preisgekrönter Industriedesigner. U2-Sänger Bono entdeckte gar "etwas Poetisches" in Ives Kreationen, die oft von der Natur inspiriert sind: Die Apple-Maus ist geformt wie ein Wassertropfen, der auf einem Blatt sitzt. Der iMac der zweiten Generation, dessen flacher Bildschirm an einem Schwenkarm hängt, geht der Legende nach auf einen Spaziergang durch den Blumengarten von Ives Frau Heather zurück.

Als kleiner Junge nahm Ive alles auseinander, was ihm in die Hände fiel. "Das Interesse am Gestalten kam später", sagt Ive, der in London aufwuchs und in Newcastle Design studierte, wo sich seine "fanatische Besessenheit mit dem nicht so Offensichtlichen" schon beim Abschlussprojekt zeigte: Statt der üblichen fünf oder sechs Entwürfe bastelte Ive mehr als hundert. Anschließend widmete er sich Zahnbürsten, Toilettensitzen und anderen Alltagsgegenständen, ehe Apple ihn 1992 nach Kalifornien lockte.

Verkanntes Genie

Jahrelang aber wusste die Firma mit den radikalen Ideen des jungen Wilden aus England gar nichts anzufangen. Beige war die dominante Farbe im Silicon Valley und grau der Alltag des Jonathan Ive, dessen ausgefallene Entwürfe in der Schublade vergammelten - bis Steve Jobs, einer der beiden Apple-Gründer, zurückkehrte und von seinen Designern etwas Revolutionäres verlangte. Da machte Ive einfach seine Schublade auf - und veränderte das Aussehen der Technikwelt.

Karsten Lemm / print
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