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SCHEIBE: Wir verlieren Wörter

Beim Durchblättern eines Computerwörterbuchs aus dem Jahre 2000 stellte sich Scheibe stellt die Frage, ob es sich überhaupt noch lohnt, Computerwissen ins Langzeitgedächtnis zu übernehmen. Viele Einträge sind heute nur noch Vokabel-Leichen.

Letztens habe ich ein Computerwörterbuch aus dem Jahre 2000 in die Finger bekommen und interessiert durchgeblättert. Wußten Sie, dass wir die meisten Fachbegriffe, die wir gerade erst mühsam gelernt haben, heute schon wieder vergessen können? Ja, sie sind veraltet, Schnee von gestern, ausrangiertes Vokabelwerk. Da fragt man sich, ob es sich überhaupt noch lohnt, Computerwissen ins Langzeitgedächtnis zu übernehmen.

Damals, in den Anfängen der Computertechnik, waren wir froh, wenn unser XT oder 286er wenigstens eine 20-Megabyte-Festplatte hatte. Heute fängt überhaupt erst alles beim Gigabyte an, und der Pentium ist sowieso das unterste Maß aller Dinge.

Was sind ATM und After Dark?

Wissen Sie eigentlich noch, was Adobe Type Manager und After Dark sind? Nein? Dann sind Sie wahrscheinlich unter Dreißig. Der Adobe Type Manager kam unter Windows 3.1 zum Einsatz und erlaubte es, auf dem eigenen Rechner neben den Truetype-Schriften auch noch hochauflösende Postscript-Schriften zu verwenden. Heute gehört der Type Manager ins Museum und die Truetype-Schrift hat längst alle Konkurrenzen erdrückt, was das Format anbelangt. After Dark hingegen war nutzlos, aber Kult. Es handelte sich dabei um eine Sammlung mit animierten Bildschirmschonern von Berkeley Systems. Die über den Bildschirm fliegenden Toaster waren ein Jahr lang der Gesprächsstoff jeder Party und treiben noch heute so manchem PC-Oldie die Tränen der Nostalgie auf die Wangen.

Nur Insider trafen sich im BBS

Aber natürlich, Programme sterben, Festplatten werden größer und Prozessortypen wechseln einander ab. Das ist nichts Besonderes. Aber wussten Sie, dass die gängigen Lexika tatsächlich noch immer das Kürzel BBS erklären, als ob es eine ganz neue Erfindung wäre? Das bedeutet »Bulletin Board System«, und dahinter stand in den grauen Internet-Vortagen einmal eine so genannte Mailbox. Eine Mailbox war nichts anderes als ein ganz normaler Anwenderrechner, der über ein Modem an die Telefonleitung angeschlossen wurde. Diese Mailboxen wurden über eine in Fachmagazinen veröffentlichte Nummer angerufen. Sie stellten dem antiken Online-Besucher eine meist textbasierte Oberfläche zur Verfügung, in der sich jeder Besucher erst anmelden musste, bevor er Zugang auf die bereitgestellten Daten erhielt. In den angesagten Mailboxen wurden früher die ersten Programme zum Download angeboten. Außerdem wurde fleißig gechattet - im erlesen kleinen Kreis.

Ebenso überflüssig erscheint es, heute noch jemandem das Kürzel BTX erklären zu wollen. Das war doch der Online-Dienst der Telekom, noch vor Datex-J, oder? Richtig. Im Bildschirmtext konnte man über einen Nummerncode einzelne Bildschirmseiten aufrufen, die hier eingestellt waren. Damals lief das Homebanking vom eigenen PC aus noch über BTX. Außerdem gab es hier jede Menge Schmuddelfotos, die allerdings noch aus groben Pixelblöcken zusammengesetzt waren und viel Fantasie beim Betrachten erforderten, um in Fahrt zu kommen. Schade ist es nur um die BTX-Tickerforen. Hier konnte man sich innerhalb einer Community neckische Botschaften zuschicken und beim »Tickern« ordentlich Geld lassen. Heute ist das Flirten im Netz viel zu modern geworden, um richtig Spaß zu machen.

»Format C:« war Allgemeinbildung

Haben Sie schon einmal tagelang über die richtige Programmierung der DOS-Boot-Dateien Autoexec.bat und Config.sys nachgegrübelt? Wir alten DOS-Prompt-Ritter kannten damals noch jeden Befehl, der unter DOS zum Einsatz kommen konnte. Und bei verschiedenen Schulungen zwang ich erbarmungslos arme Grundschullehrerinnen dazu, all diese Befehle auswändig zu lernen, damit sie zur Not einmal wissen, wie man eine Diskette formatiert oder eine Datei mit dem Copy-Befehl kopiert.

»Aber Herr Scheibe«, hieß es damals, »müssen wir das denn wirklich lernen?«

Die verzweifelten Seelen, sie mögen mir verzeihen. Heutzutage muss das wirklich niemand mehr lernen. DOS ist tot, und all die vielen Kommandos von ATTRIB über MOVE bis XCOPY sind keinen einzigen Pfennig mehr wert. Und da es den Pfennig auch nicht mehr gibt, streichen wir auch gleich noch ein geflügeltes Wort aus unserem Vokabular.

Toll: farbige Floppy Discs

Apropos Diskette formatieren: Kennen Sie eigentlich noch die gute alte Floppy? Richtig, das war diese alte Wabbelscheibe, die es als Double-Density- und als High-Density-Speicherdisk gab. Ich weiß noch, wie stolz ich auf meine ersten farbigen Floppies war. Jetzt gibt es bei uns im ganzen Haus keinen einzigen Rechner mehr, der noch dazu in der Lage ist, die alten Floppies aus dem Schrank zu lesen. Sind zum Glück eh nur DOS-Programme wie Commander Keen und Duke Nukem 1 drauf, die ich inzwischen eh längst auf CD archiviert habe.

Streichen Sie übrigens auch den Matrixdrucker aus Ihrem Vokabular. Der alte Rasenmäher ist inzwischen klammheimlich ausrangiert worden. Die modernen Tintenstrahldrucker sind so billig, dass es sich einfach nicht mehr lohnt, an die Anschaffung eines Druckers zu denken, der laut wie ein Preßlufthammer war und von der Qualität her immer an so etwas wie den vierten Durchschlag eines Durchschlages erinnerte. In diesem Zusammenhang kann man auch gleich das Wort Endlospapier aus dem deutschen Wortschatz streichen. Obwohl Herr Franz gerade im Nebenzimmer anmahnt, dass es den Nadeldrucker noch immer in deutschen Ärztepraxen gibt. Das muss doch wohl ein Scherz sein? Ich dache, auch das letzte Nadelkissen wäre inzwischen ausgebaut und an die einheimischen Tätowierstudios weiter verkauft worden.

Gestorben: Apfelmännchen und Handscanner

Haben Sie in den letzten Jahren eigentlich einmal wieder etwas von Fraktalen gehört? Schade. Es war einmal richtig »in«, Programme zu nutzen, die wunderschöne Fraktale aus Julia-Mengen und Mandelbrot-Formeln generierten. »Apfelmännchen« nannte man das auch. Eine aussterbende Spezies, der ich doch ein wenig hinterher weinen muss. Ganz im Gegensatz zum Handscanner. Das schmale Ding konnte ein Bild immer nur streifenweise abscannen. Und am Ende passten die einzelnen Streifen dann doch nie richtig zusammen. Das war meine Fehlinvestition des Jahrzehnts. Denken wir auch kurz mit der Mütze an der Brust an Rechner-zu-Rechner-DFÜ-Direktübertragungen mit einem Modem, das zuvor durch Hayes-Kommandos zum Parieren gebracht wurde. Wer kann heute noch mit Z-Modem oder Kermit umgehen? Das sind übrigens keine Tauschbörsen oder MP3-Subformate, sondern antike Übertragungsprotokolle.

Umsonst das Gehirn gefüllt?

Immerhin wird manchmal auch etwas Antikes in die aktuelle Zeit gerettet. Die Video CD war eigentlich schon tot, nachdem es ihr nie gelungen ist, die VHS-Videokassette zu beerben. Heute ist sie auf einmal wieder megamäßig angesagt und liegt voll im Trend. Und warum? Weil Raubkopierer nun dazu in der Lage sind, DVD-Filme zu rippen, um sie dann auf eine billige CD-R zu schreiben - eben im Video-CD-Format. Der Wahnsinn. Mich ärgert nur, dass ich all die schöne Genetik aus meinem Biologie-Studium vergessen habe, um mein kleines Hirn stattdessen mit Computer-Latein zu füllen. Und jetzt war alles umsonst.

Carsten Scheibe