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Scheibes Kolumne: Alptraum beim Powernapping

stern.de-Kolumnist Scheibe kommt noch nicht so richtig mit dem frühen Aufstehen nach dem Ende der Schulferien zurecht. Kaum ist die Familie aus dem Haus, kommt es im Büro zum ersten Powernapping. Mit schlimmen Folgen.

Ich sitze gerade am PC, tippe ein paar Texte, da klingelt es an der Tür. Das sehe ich auf dem Bildschirm schon früher als dass die Klingel anschlägt. Die 92 leuchtet in meinem ISDN-Anrufmonitor auf. Das bedeutet, dass jemand im Büro klingelt. Sicherlich ein Paketbote. Ich mag solche Störungen beim Arbeiten nicht so gerne und wanke murrend zur Tür, um den Summer zu betätigen. Dann rufe ich auch schon nach oben: "Wir sind hier unten!". Die meisten gehen dann doch nach oben zu unserem privaten Hauseingang. Ein Mann brummelt etwas, dann kommt er auch schon die Kellertreppe herunter. Er hat kein Paket für mich dabei, dafür eine Aktentasche unter dem Arm.

"Sind Sie Herr Scheibe?"
Ich nicke. "Ja, der bin ich. Haben Sie ein Paket für mich?"
"Nein, ich komme von der Berufsgenossenschaft."
"Aha? Und was kann ich für Sie tun?"
"Sie haben nicht bezahlt."
"Uh. Au weia. Wofür denn?" Ich kratze mich am Kopf. Was will der denn?
"Für Ihre Mitarbeiter müssen Sie Beiträge abführen. Unfallversicherung. Und die Umlage für die Insolvenzüberbrückungsgelder."
Ich nicke schon wieder. "Ja, kenn ich alles. Aber ich habe doch gar keine Mitarbeiter, die fest angestellt sind."

Der Mann schaut mich schief an. "Ja, kennen Sie denn die neue Bestimmung nicht? Ab sofort zahlen Sie auch für alle Personen, die wirtschaftlich von Ihnen abhängig sind, weil sie ab und zu für Sie arbeiten und etwas für Sie tun. Wir haben Sie durchleuchtet. Das trifft für zehn Personen zu. Da wäre der Postbote, fünf Paketboten von unterschiedlichen Diensten, der externe Web-Master, die Studentinnen, die für Sie jobben - und natürlich der Pizzamann, der Ihnen einmal in der Woche die Pizza ins Büro liefert."

Ich stottere. "A-a-a-ber. Davon weiß ich ja gar nichts." "Unwissenheit schützt vor Strafe nicht. Das macht für 2008 2555 Euro mal zehn, also 25.555 Euro. Plus Strafe. 50.000. Macht zusammen 75.555 Euro. Zahlen Sie bar?"

Ich bin kalkweiß geworden. Ich bitte den Mann erst einmal hinein. Der freut sich: "Sehr gut. Kann ich mich an den Schreibtisch da setzen? Ich muss etwa zweihundert Formulare ausfüllen."

Überraschungsinspektion

Ich stehe noch an der Eingangstür, da kommt schon der nächste unter meinem ausgestreckten Arm durchgehuscht. Es ist so ein kleiner, dünner Mann mit Schnauzer.
"Hallihallo, Überraschungsinspektion. Ich muss prüfen, ob Ihr Büro den DIN-Vorschriften entspricht." Für mich ändert sich nicht viel. Ich verstehe nur Bahnhof. "Hä?"
"Sie sind eine Firma. Sie sind verpflichtet, Ihre Geräte zu warten. Zeigen Sie mir doch einmal die Wartungsprotokolle."
"Wartungsprotokolle?" Ich muss schon wieder am Kopf kratzen. Die Stelle tut schon weh.
"Ja, einmal im Jahr muss der Feuerlöscher geprüft und geeicht werden. Alle Elektrogeräte müssen überprüft werden. Und da haben Sie ja so einiges rumstehen, wenn ich mich mal umschaue. Kommen Sie, das geht ganz schnell. Die Prüfprotokolle - her damit, und ich bin wieder weg."
"Protokolle?" Ich wiederhole mich. "Hab ich nicht."
"Uh-oh, dann wird das aber richtig teuer. Wie viele Mitarbeiter haben Sie denn?"
"Keinen", sage ich. "Nur Studentinnen."
"Zehn hat er". Das ist der andere Mann. "Die meisten Post- und Paketboten arbeiten für ihn. Die sind jeden Tag hier."
"Dann kostet das 10.000 Euro Strafe. Und ich muss jetzt alle Messungen selbst durchführen. Das müssen Sie auch bezahlen. Zunächst muss ich alle Kabel und Stecker prüfen. Könnten Sie bitte die Kabel einmal abziehen und mir vorlegen?"
Ich schaue auf das heftig verknotene Kabelknäuel unter dem Rechner. "Naja, weiß nicht so recht."

Vergnügungssteuer

Da klingelt es schon wieder. Eine junge Frau stürmt an mir vorbei ins Büro.
"Aha", schreit sie. "Alles voll mit Video-DVDs."
"Die brauch ich für die Arbeit", rufe ich ihr hinterher.
"Vergnügungsteuer. Das wird teuer! Ich sag nur: Vergnügungssteuer."

Eine Wagenladung Polizisten springt in den Flur, alle in schusssicherer Weste, mit Helm und mit entsicherter Waffe. Ein Mann im Trenchcoat hält mir einen Ausweis unter die Nase.
"Mettmann, Deutscher Biologischer Seuchendienst. Wir hören, Sie haben einen gefährlichen Keimträger im Haus. Sind Sie ein Terrorist?"
"Wie? Was? Wer? Ich?" Ich versteh' gar nix mehr.
"Eine Maus? Haben Sie eine Maus?"
"Ja, Amy. Sie lag halb verhungert und ausgekühlt vor der Bürotür. Wir päppeln sie gerade auf."
"Aha, Kollaboration mit dem Feind. Wissen Sie, wie viele Keime in so einer Maus stecken? Wollen Sie das ganze Land auslöschen? Los, Männer, abführen, diesen Spinner. Und das Büro - abfackeln. Merzt alles aus. Aber zackig."

"Moment", ruft da der dünne Mann. "Erst muss ich die Kabel vermessen."
"Moment", ruft da der erste Mann. "Erst müssen die Formulare fertig geschrieben sein."
"Moment", ruft da die Frau: "Vergnügungssteuer! Er muss bezahlen."

In dem Moment, als die Polizisten den Flammenwerfer zücken, wache ich in meinem Schreibtischstuhl auf, die Füße auf dem Schreibtisch. Puhh, alles nur geträumt. Noch mal Glück gehabt. Ein Alptraum.

Da klingelt es an der Tür….

Eine Glosse von Carsten Scheibe

Scheibe@typemania.de, www.typemania.de

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