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Scheibes Kolumne: Der Dialer geht um

Stern.de-Kolumnist Scheibe weiß Bescheid: Dreh dich nicht um, der Dialer geht um. Das wohl verhassteste Zahlungsinstrument aller Zeiten ist im Internet noch immer allgegenwärtig. Vor allem nichts ahnende Ehefrauen und Kinder gehen dem Dialer in die Falle.

Der Dialer ist im Grunde genommen ein ganz legitimes Zahlungsmittel im Internet. Wer sich das meist 50 Kilobyte große EXE-Programm aus dem Internet herunterlädt und es startet, baut auf diese Weise eine neue Internet-Verbindung auf. Und zwar eine Verbindung über eine gebührenpflichtige Telefonnummer, die seit dem 14. Dezember 2003 nur noch mit der Kennung 0900-9 beginnen darf. Solange die neue Internet-Verbindung besteht, kassiert der Bereitsteller des Dialers einen gewissen Preis pro Minute, der über die ganz normale Telefonrechnung eingezogen wird. Vor allem hochpreisige Online-Erotikangebote lassen sich auf diese Weise ganz simpel und vor allem anonym bezahlen. Das klingt doch eigentlich ganz akzeptabel.

Die Software ist kostenlos, aber…

Das Problem ist, dass viele Betrüger und Abzocker längst erkannt haben, wie einfach es doch ist, mit den Dialern ordentlich Kapital aus den ahnungslosen Anwendern zu schlagen. Sie stellen deswegen einfach ein interessantes Angebot ins Internet und bitten den Besucher dann darum, doch bitte vor dem Besuch ein "kostenloses Update der Verbindungs-Software" zu installieren. Wer da Ja und Amen sagt und auf Okay klickt, hat den Dialer auch schon heruntergeladen und aktiviert. Denn natürlich ist der Dialer selbst kostenfrei. Nur die Verbindung eben nicht, die er herstellt.

Da sich die Betrugsfälle sehr gehäuft haben, wurde am 15. August 2003 das Telekommunikationsgesetz geändert. Jetzt ist es amtlich, dass der Anbieter eines Dialers seinem Opfer zwingend mitteilen muss, dass es sich bei seiner "Verbindungs-Software" um einen Mehrwertdienst handelt. Auch die exakten Kosten müssen genannt werden, sodass sich der Anwender ganz genau im Klaren darüber ist, welche Summen er ausgibt, wenn er den Dialer einsetzt. Mit den irrsinnigen Fantasiesummen von früher ist es auch aus. Maximal zwei Euro in der Minute oder einmalig 30 Euro pro Zugang dürfen die Dialer-Betreiber jetzt noch verlangen. Außerdem müssen sie die Verbindung spätestens nach einer Stunde automatisch trennen.

Abzocke nicht nur im Pornobereich

Soweit die Gesetzeslage, wie Sie etwa von Dialerschutz.de dargelegt wird. Die Wirklichkeit im Netz sieht leider ganz anders aus. Meine Frau sucht zurzeit nach Cliparts im Internet, um Vorlagen für Bastelarbeiten anzufertigen. Mithilfe von Google hat sie auch ganz schnell ein entsprechendes Clipart-Archiv gefunden, das tolle Bilder anbietet. Sie solle nur vorher noch rasch eine Software herunterladen. Das erste "OK" hat sie noch angeklickt, dann kam ihr die Sache bereits komisch vor und sie hat lieber "Abbrechen" gewählt. Gut so. Ein Klick weiter und sie hätte sich einen Dialer eingefangen, ohne auch nur einmal über die möglichen Folgekosten informiert zu werden.

Wenn das Lachen vergeht…

Wie es der Zufall so möchte, erhalte ich innerhalb kürzester Zeit weitere Mails, die mich auf ähnliche Fälle hinweisen. Betroffen sind vor allem Homepages, die sich nicht etwa an den versierten PC-Kenner richten, der den Dialer-Trick schon kennt, sondern an Hausfrauen, Kinder oder Schüler. Wer etwa das Wort "Witz" bei Google eingibt, landet schnell beim Jokeserver.de, der unter unzähligen ähnlichen Web-Adressen auf Kundenfang geht und auf allen Präsenzen die gleichen witzigen Fotos, Cartoons, PowerPoint-Präsentationen etc zum Download anbietet. Der Jokeserver fragt "Heute schon gelacht?" Und bietet dann an: "Wenn nicht, dann lade dir doch einfach unser kostenloses Zugangstool herunter, um mal wieder kräftig abzulachen…" Wer an dieser Stelle ein "OK" eintippt, bekommt eine Sicherheitswarnung präsentiert, die er mit einem weiteren "Ja" bestätigen soll. Die Worte "Dialer", "Mehrwertdienst" oder gar "Gebühren" fallen nicht. Nach dem Download des Zugangs-Tools muss man der Installation mit "OK" zustimmen; noch immer ist keine Rede von einem Geldbetrag jeglicher Art. Erst jetzt werde ich gefragt, ob ich die aktuelle Verbindung trennen und zum angezeigten Tarif neu verbinden möchte. Welcher Tarif? Ich schaue mit zusammengekniffenen Augen auf die kleine Dialogbox und entdecke in der Statusleiste ganz klein eine Telefonnummer und den Text "max 30. Euro". Erklärt wird mir aber immer noch nichts. Kein Wunder, dass viele Kinder und Jugendliche sich da "verklicken" und später über horrende Telefonrechnungen schockiert sind.

Hausaufgaben nicht gemacht

Auf der Homepage von Hausaufgaben.de ist es nicht anders. Ich möchte mir als vermeintlicher Schüler Informationen über das menschliche Auge herunterladen. Kein Wort ist hier zu lesen von Kosten, Gebühren oder Moneten. Klicke ich auf den Augen-Link, wird sofort eine neue Seite geöffnet, die mich willkommen heißt und mir verklickert: "Damit Sie den Inhalt dieser Website uneingeschränkt nutzen können, tippen Sie in das folgende Feld OK ein". Darunter steht auch noch: "Durch Ihre Bestätigung stimmen Sie dem Bezug und der Einrichtung des Anwählprogrammes zu." Immerhin gibt es hier im Anschluss daran einen kleinen, leicht zu übersehenden Link, der mir "weitere Informationen" verspricht. Immerhin: Hier lese ich die Einwahlnummer des Dialers, den Minutenpreis (1,99 Euro pro Minute) und sogar die vollständigen Kontaktdaten des Betreibers ab. Was ein Dialer ist, wie er funktioniert und dass mir der Minutenpreis gleich in Rechnung gestellt wird, sobald ich "OK" eingebe, das erfahre ich aber nicht. Als seriös ließe sich Hausaufgaben.de eigentlich nur dann bezeichnen, wenn der Dienst das Prinzip des Dialers und die anfallenden Kosten gleich auf der Homepage erläutern würde. So würde ich stark vermuten, dass viele Schüler sich einfach durch die Dialogboxen durchklicken und gar nicht mitbekommen, um was es eigentlich geht. Aber Hausaufgaben.de stellt mit seinem Infotext zumindest den Gesetzesgeber zufrieden, so vermute ich.

Von wegen Tierliebe

Trotzdem: Es ist so ärgerlich. Da geht man etwa auf die Seite von Tierheime.de und wird wie folgt begrüßt: "Rette die armen putzigen Viecher aus ihren Käfigen". Anrührende Babybilder von Hunden und Katzen verleiten zum hemmungslosen Draufklicken. Schließlich hofft man ja vielleicht, einem der kleinen Tiere ein neues Zuhause geben zu können. Gerade Kinder sind da doch sofort mit Feuereifer bei der Sache. Aber jeder Mausklick auf welches Foto auch immer lädt umgehend wieder den Ladedialog für einen Dialer, der 1,99 Euro in der Minute kostet. Wenn all die Tierheime, die da auf der Homepage vorgestellt werden sollen, diese knapp 120 Euro Gebühren pro Stunde bekommen würden, wäre ja bereits etwas Sinnvolles mit dem Geld geschaffen worden. Die zahllosen Tipp- und Kommafehler auf der Seite zeigen mir aber doch nur, dass eher Geld- als Tierliebe Pate beim Einrichten dieser Seite gestanden hat.

Vorschlag

Beispiele wie diese lassen sich im Internet inzwischen zu Tausenden finden. Das bedeutet doch: Das neue Gesetz geht einfach noch nicht weit genug, weil sich die geforderten Informationen einfach zu gut verstecken lassen. Die Betreiber im Web sollten dazu gezwungen werden, direkt auf der Homepage ein einheitliches Dialer-Icon, eine Erklärung zum Prozedere und ihre Preise zu veröffentlichen, sodass jeder Besucher sofort weiß, was Sache ist. So lange es dazu noch nicht gekommen ist, werden immer wieder Kinder, Jugendliche und ahnungslose Erwachsene Opfer der "kostenlosen Verbindungs-Software" werden.

Eine Glosse von Carsten Scheibe, www.typemania.de

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