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SCHEIBE: Dreh dich nicht um, der Dialer geht um

Einst ein legitimes Online-Zahlungssystem, sind Dialer-Programme durch den Missbrauch durch gierige Geldschneider zum Synonym für Abzocke im Internet geworden.

Das absolut Böse im Internet, es gibt es wirklich. Gefährlicher als jeder Skriptvirus und skrupelloser als jede Spyware geht der Dialer an den Start. Das ominöse Etwas, das zur Zeit die Medien so sehr beschäftigt, lauert im Internet auf ahnungslose Surfer, springt sie unvermittelt an und saugt ihnen das Geld aus der Telefonrechnung. Die Panikmache geht einmal mehr über jedes Maß hinaus und ist dennoch völlig berechtigt.

Dialer - raus aus dem Sexghetto

SAT.1 ruft an und benötigt eine Expertenmeinung zum Thema Dialer. Ich wundere mich. Dialer? Das sind doch diese kleinen Zugangsprogramme, die ich auf den Sexseiten immer wegklicken muss. Nein, nein, werde ich belehrt, es ist alles noch viel schlimmer. Irgendwie haben die Dialer es geschafft, das Sexghetto zu verlassen und sich auch auf anderen Seiten im Internet zu vermehren. Hier ziehen sie den ahnungslosen Besuchern mit den fiesesten Tricks das Geld aus der Tasche. Ich mache mich schlau, gebe vor der Kamera meinen Senf zur Sache ab und gehe anschließend noch einmal in medias res. Hier ist zur Zeit eine Schweinerei zugange, die jedes Maß an Dreistigkeit noch übertrifft.

Eigentlich ein legitimes Zahlungssystem

Wir Surfexperten kennen das mit dem Dialer schon. Der Dialer ist im bisherigen Regelfall ein winziges Programm so um die 40 Kilobyte. Auf vielen Sexseiten im Web dient er ganz offen der Finanzierung des online gestellten Pornoangebots. Der neugierige Besucher lädt sich mit dem Dialer einen »Hochgeschwindigkeitszugang« herunter. Der trennt die alte Verbindung zum Internet und stellt eine neue her. Die kostet dann knapp zwei Euro in der Minute, womit das Sexdorado auch gleich bezahlt ist. Das Geld wird erst einen Monat später über die Telefonrechnung einbezogen.

So lief der Deal bisher. Die Surfer wissen ganz genau, worauf sie sich einlassen, weil die Höhe der Gebühren auf den Sex-Homepages immer wieder gut lesbar genannt wird. Die Hoffnung der Sexanbieter ist es, dass die Kunden vor lauter Lust die Zeit aus den Augen verlieren und gerade bei einer Live-Show geduldig abwarten, bis endlich etwas passiert. Bei einer 20-Minuten-Show sind dann leicht 80 Euro futsch. Selbst schuld. Die »guten« Dialer greifen außerdem nur auf das eigentliche Angebot der Homepage zu und sind nicht für das allgemeine Surfen im Netz zu gebrauchen. Das regelt der Verhaltenskodex der Freiwilligen Selbstkontrolle Telefonmehrwertdienste e.V.

Tricks waren erlaubt...

Na klar, ein bisschen getrickst haben auch die Erotikanbieter schon immer. Sie haben die Dialer auch schon einmal als »Gratis-Programm für den schnellen Zugang ins heiße Paradies« verteilt. Klar, die Software ist ja auch gratis, nur eben der Zugang nicht. Aber so richtig dreist trieben es die Pornokraten bislang noch nicht auf die Spitze.

... aber jetzt nehmen sie überhand

Mit der Zurückhaltung ist es jetzt vorbei, so scheint es. Eine neue Generation Raffzähne ist im Web unterwegs. Und sie haben Dialer im Gepäck, die es wirklich in sich haben. Auf manchen Sex-Seiten muss man gar nicht mehr klicken, sondern einfach nur abwarten. Von ganz allein werden da plötzlich Download-Fenster geöffnet, die neue Software auf die Festplatte übertragen und diese auch gleich installieren. Neugierige Neulinge im Web werden auch besonders dreist angemacht, etwa nach dem Motto: »Wenn du diese Software nicht installierst, dann werden unsere Seiten nicht mehr richtig dargestellt«. Die Dialer werden mitunter auch als Browser-Update oder Service-Pack angepriesen. Es gibt auch Berichte von Dialern, die sich völlig unsichtbar im Hintergrund aufgespielt haben. Vor allem Anwender, die im vorauseilenden Gehorsam bestrebt sind, jede Dialogbox ungelesen zu bestätigen, fangen sich leicht einen Dialer ein. Die Miniprogramme der neuen Generation gehen besonders dreist vor und zeigen nicht mehr die Minutenpreise an, wie das früher gang und gäbe war.

Die fiesesten Programme richten sich gleich in der Autostartgruppe von Windows ein und werden bei jedem neuen Hochfahren des Systems neu aktiviert. Neue bunte Icons auf dem Desktop und in der Taskleiste weisen außerdem auf diese unerwünschten Gäste hin. Übel ist es, wenn sich solch ein Dialer ungefragt als Standard-Verbindung in das DFÜ-Netzwerk einträgt. Dann geht der Anwender ungemerkt fortan immer mit dem teuren Dialer ins Internet und nicht mehr mit seiner alten sparsamen Connection. Das Ärgernis: Dieser Umstand fällt einem erst Wochen später auf, wenn die erste sündhaft teure Telefonrechnung ins Haus flattert.

Sogar die Mutti ist in Sorge

Meine Mutter ruft an. Sie haben doch jetzt auch endlich Internet im Keller und gerade einen Beitrag bei RTL (warum nicht bei SAT.1, wo ich doch da gepredigt habe?) gesehen. Dabei habe sie erfahren, dass es jetzt überall im Internet diese gefährlichen Dialer gibt. Ob sie sich wohl auch so ein Programm einfangen kann? Solche Rechnungen von ein paar tausend Euro könne sie sich jedenfalls nicht leisten. Dann würde sie lieber gar nicht mehr ins Internet gehen. Ich beruhige sie und verharmlose die Geschichte: Besser gar nichts downloaden, was sie gar nicht haben möchte - und fertig. Ich rate ihr davon ab, Porno- und Raubkopierer-Seiten zu besuchen, aber da wollte sie anscheinend eh nicht hin. Aber natürlich gehört meine Mutter genau zur Zielgruppe der dubiosen Anbieter: Sie hat noch nicht die große Ahnung und außerdem Angst vor der Technik.

Dem Betrug sind keine Grenzen mehr gesetzt

Inzwischen greift die Dialer-Mafia noch härter durch. Es werden gezielt Fake-Seiten zu bekannten Online-Angeboten ins Netz gestellt, etwa zur CeBIT oder zum Packer WinZip. Wer sich bei der Eingabe einer bekannten URL vertippt, landet automatisch auf dem gefälschten Angebot und wird gleich mit einem wahren Dialer-Regen bedacht. Inzwischen ist die Rede vom ersten Shareware-Download-Forum, bei dem vor dem »kostenlosen« Download gleich ein gebührenpflichtiger Dialer heruntergeladen wird, der ISDN-Anwendern die Datenübertragung erleichtern soll. Noch schlimmer: Die alte 2-Euro-die-Minute-Grenze ist gefallen. Die Dialer-Anbieter können inzwischen selbst jede beliebige Summe für eine Verbindungsaufnahme zum Netz einsetzen. Einmal ins Internet einwählen gleich 900 Euro: Die ersten Fälle gibt es bereits, und täglich werden es mehr.

Was ist also zu tun? Es lohnt sich, regelmäßig auf der Homepage Dialerschutz.de vorbeizuschauen. Der kostenlose Infodienst hält den Besucher über alle neuen Dialer-Fälle auf dem Laufenden. Wissen, wie der Hase läuft: So lassen sich die meisten Dialer-Fallen bereits ganz einfach umgehen. Dann gibt es inzwischen kostenlose Tools wie etwa den 0190-Warner. Das Programm schlägt sofort Alarm, sobald eine gebührenpflichtige 0190er Nummer angewählt wird. Gefahr erkannt, Gefahr gebannt. Darüber hinaus lohnt es sich, ActiveX im Internet Explorer auszuschalten, um die besonders gefährlichen Dialer-Module zu deaktivieren, die auf ActiveX basieren. Es ist außerdem ein Muss, regelmäßig die Autostart-Kommandos zu checken und die DFÜ-Netzwerk-Verbindungen zu untersuchen. Ein neuer Eintrag kann auf einen Dialer hinweisen. Wie gut, dass man die meisten Dialer so einfach löschen kann.

Zu den Akten

Zur Zeit werden die Dialer sogar in der Politik zur Chefsache erklärt. Erfolgsversprechender sind sicherlich groß angelegte Initiativen im Internet selbst. Der Banner »Dialer - nein Danke« für alle Protest-Bekenner lässt eigentlich schon viel zu lange auf sich warten. Natürlich ist eines klar: Der Dialer als »seriöses« Zahlungsmittel im Internet kann damit zu den Akten gelegt werden.

Carsten Scheibe

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