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Scheibes Kolumne: Die kreative Auszeit

stern.de-Mitarbeiter Carsten Scheibe war mit alten Freunden im Steakhaus essen. Kumpel Frank Böhmert hat den perfekten Tipp gegen Schreibblockade und Monitor-anstarren: Einfach einmal eine Pause machen. Daran muss man sich aber erst einmal gewöhnen.

Oft ist es doch so: Auf dem ToDo-Zettel für den Tag stehen viel zu viele Aufgaben, die dringend erledigt werden müssen. Mit meiner Energie ist es aber wie mit einem Schwimmbecken. Immer wenn ich einen Text schreibe, wird ein wenig Wasser abgelassen. Mit der Zeit füllt sich das Becken wieder. Schreibe ich aber zu viel und zu schnell auf einmal, dann ist der Pool plötzlich leer. Dann sitze ich wie der Ochs vorm Berg - und mir fällt partout nix mehr ein. Ich merke dann richtig, wie keinerlei Kreativität mehr in mir vorhanden ist und nix mehr geht.

Der PC macht Ding-dong

Immer, wenn ich diesen Punkt erreiche, hocke ich auf meinem Schreibtischstuhl und glotze passiv den Bildschirm an. Das kann ich stundenlang machen, vor allem dann, wenn im Fenster auch noch eine DVD läuft. Dabei lauere ich wie eine Spinne in ihrem Netz, die darauf hofft, dass ein kreativer Gedanke aufsteigt, der sich dann in den Spinnweben verfängt, sodass er sich verwerten lässt. Wenn das nicht schnell genug passiert, fange ich an, mir selbst die Zeit zu vertreiben. Ich surfe im Internet und schau in der Wikipedia nach, ob da schon ein Beitrag zur südindischen Schnappschildkröte veröffentlicht wurde, blättere durch die gesammelten Schweinereien von Klabusterbeere.net oder klicke permanent auf meinen E-Mail-Empfangsknopf, um darauf zu hoffen, dass wenigstens eine einzige neue Spam ankommt, die ich löschen kann. Am Ende macht dann mein PC viel zu oft Ding-dong, was er immer dann macht, wenn wieder eine volle Stunde vorbei ist. Schlussendlich habe ich viel zu viel Zeit vertrödelt und nix Gescheites auf die Reihe bekommen.

Darüber sprechen wir im Steakhaus, als meine Uraltkumpel Frank Böhmert, seines Zeichens Gastautor bei Perry Rhodan, und Franz Stummer, Zeichner des Ärzte- und des Derrick-Comics, mal wieder nach Jahren zusammenkommen. Frank übersetzt sehr viele Bücher und erklärt mir sein Prinzip gegen den Schreibblock. Wenn er eine Buchseite in einer halben Stunde übersetzen kann, dann setzt er sich ein Limit von X Seiten am Tag. Beim Übersetzen schaut er regelmäßig auf die Uhr. Sobald er bemerkt, dass er für eine Seite länger als eine halbe Stunde Zeit aufwendet, weiß er - etwas läuft nicht richtig. Dann schaltet er den PC aus, spielt mit den Kindern, geht spazieren oder macht sich einen Tee. Nach der Pause geht es dann wieder von vorne los. Das Ergebnis ist: Er schafft sein Pensum trotzdem und hat nebenbei auch noch einen schönen und entspannten Tag gehabt.

Lieber gar nix tun

Okay, das klingt vernünftig. Wenn ich jedes Mal bei einer aufkommenden Schreibblockade mit dem Hund eine Runde laufen würde, dann wäre mein Gesicht jetzt richtig wettergegerbt, ich wäre schneller wieder einsatzbereit, würde mehr schaffen und wäre entspannter. Doch ich krieg's noch nicht so richtig gebacken. Immer bleibe ich am PC kleben und tue lieber gar nix anstatt aufzuräumen, die Post zu holen, den Rasen zu mähen oder den Frühstückstisch abzuräumen. Ich stelle fest, dass diese Haltung dumm ist und beschließe, mich zu ändern. Im November. Oder vielleicht im neuen Jahr. Momentan fühl ich mich wieder so träge. Und muss noch eine Weile den Bildschirm anstarren

Eine Glosse von Carsten Scheibe, Typemania

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