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Scheibes Kolumne: Im amerikanischen Kaufrausch!

stern.de-Mitarbeiter Scheibe schaut sich zurzeit in Florida um - allerdings weniger am Strand, sondern häufiger in den gigantischen Outlet-Factory-Malls, die oft über 90 Läden beherbergen. Wie die Firmen hier ihre Waren zu Geld machen, ist etwas, von denen die deutschen Händler noch lernen können.

Wir wohnen in St. Augustin, Florida. Zwar nur für drei Wochen, weil wir hier gerade Urlaub machen, aber sei es drum. Das reicht dann auch schon. Zum Shopping allemal. Denn der Dollar steht günstig, und in Amerika gibt es vor allem Kleidung dramatisch günstiger als in Good Old Germany. Wenn man nur an der richtigen Stelle shoppen geht - in einer Outlet Mall etwa. Davon gibt es in Florida alle paar Meilen eine. Alleine in unserem direkten Umfeld wurden uns von Freunden schon fünf oder sechs genannt. Sie alle zu besuchen, erscheint allerdings illusorisch, denn für eine Mall muss man sich schon einen halben Tag Zeit nehmen. Mindestens.

Die Vorbereitung für einen Shopping-Trip beginnt am besten im Internet. Das stellt zum einen den Bezug dieser Kolumne zum Thema Computer her. Und zum anderen sorgt es im Vorfeld schon einmal für den passenden Durchblick. Jede Mall präsentiert sich nämlich im Netz mit einer Liste der enthaltenen Shops und einem digitalen Lageplan, der dabei hilft, den eigenen Trip durch die Mall im Vorfeld zu planen. Das gilt auch für die St. Augustine Premium Outlets Mall, bei der zu allen Läden sogar die Telefonnummern angezeigt werden. Der Lageplan ist wichtig, denn die meisten Malls sind riesig. Man stelle sich mehrere Seesterne mit jeweils fünf Armen vor, die nebeneinander liegen und an einigen Armen zusammengewachsen sind. Jeder Arm ist bei einer Mall mit zahllosen Shops in bis zu zwei Etagen besetzt, während es in den Zentren Kinderspielplätze oder Fressmeilen gibt. Kein Wunder, dass die US-Teens so gerne in den Malls abhängen: Hier ist immer etwas los.

In den Outlet Malls ist alles billiger. Viel billiger. Angebote wie "5 T-Shirts for 19,99 Dollar" sind da schon die Norm, das ist nix Besonderes mehr. Wer scharf auf New-Balance- oder Nike-Turnschuhen ist, findet auf Anhieb einen passenden Store, der "Buy one, get second 50 % off" anbietet. Wer also zwei paar Schuhe kauft, erhält das zweite Paar zu einem saftigen 50-Prozent-Nachlass. Das lohnt sich, kosten die Topmarken in den USA doch eh nur zwischen 40 und 50 Dollar - also deutlich weniger als in Deutschland. Das Prinzip greift übrigens auch bei Hosen, nur wird es hier erweitert um die Regel: "Buy two, get third free". Wer zwei Hosen kauft, bekommt die dritte umsonst. Das ist Shopping, das begeistert.

Ein halbes Fußballfeld voller Hemden

Vorgestern waren wir in einem Store in der Größe eines halben Fußballfeldes, der Hemden, T-Shirts, Socken, Hosen und jede Menge andere Sachen für sensationell niedrige Preise verkaufte. Wir hatten bereits einen ganzen Einkaufswagen voll geladen, da fiel uns erst das Schild an der Wand auf: "50 % off for each lowest price". Auf den niedrigsten Preis, der auf einem Kleidungsstück klebte, gab es also noch einmal 50 Prozent Nachlass. Unglaublich. Meine Wrangler-Jeans, die endlich einmal perfekt passten, kosteten so nicht mehr 28 Dollar, sondern nur noch 14. Schnell legte ich noch zwei Paar dazu. An der Kasse dann die weitere Überraschung. Auf jede hundert Dollar, die wir ausgegeben haben, wurden uns noch einmal 10 Dollar abgezogen. Damit kosteten meine Jeans nur noch 12 Dollar, also etwa 10 Euro. Der Wahnsinn! Ein gefühlsloser Tropf, der da nicht in einen Kaufrausch gerät. Ich war so verzückt, dass ich mir sogar freiwillig Unterhosen kaufte.

So ein Mall-Besuch, der geht ins Geld. Die Kreditkarte ist schnell gezückt und fast merkt man gar nicht, wie schnell sich die Dollar aufsummieren. Ich rechnete den Einkauf stets gleich in stern.de-Kolumnen um - wahrscheinlich werde ich noch Jahre Glossen schreiben müssen, um die Einkäufe abbezahlen zu können. Aber das ist das Gute an Kreditkarten: Die Schulden werden sofort gemacht. Das Heulen um den Kontostand steht dann erst wieder zu Hause auf die Tagesordnung.

Irgendein Grund findet sich immer

Keine Frage. Beim Anlocken der Kunden haben die Amis echt den Bogen raus, da müssen die Deutschen noch sehr viel lernen. Und ob zu Hause so etwas möglich wäre wie der hierzulande gerade durchgezogene Event "Florida Sales Tax Holiday"? In einer Woche fängt hier in Florida nämlich wieder die Schule an. Um das zu feiern und um den Eltern den Einkauf der Schulmaterialien zu erleichtern, entfallen hier eine Woche lang sämtliche Steuern auf Bücher, Kleidungsstücke und Taschen, wenn sie einzeln nicht mehr als 50 Dollar kosten. Davon profitieren wir auch. In vielen Shops werden uns die Steuern erlassen, die etwa um die zehn Prozent betragen. Wir jubilieren - und sind traurig, dass wir noch keine 50 Jahre alt sind. Dann könnten wir nämlich dem "50-Plus Shopper Club" beitreten und noch einmal satte zehn Prozent beim Einkaufen sparen.

Ach ja, Computer. Die finden hier einfach nicht statt. In jeder Mall gibt es immer nur einen winzigen Store mit Computerspielen und einen Stand, an dem angekettete Dell-Computer zu sehen sind. Richtige Computerläden entdecken wir nur manchmal, wenn wir durch kleine Orte fahren. Da gibt es dann meist eine kleine Ladenzeile mit maximal zehn Geschäften, die von außen recht heruntergekommen aussehen. Neben einem obligatorischen Pizza-Imbiss, einem Tattoo-Studio und einem Karate-Dojo gibt es da oft eine kleine Computer-Butze zu entdecken. Sorry, das gibt für eine eigene Story einfach nix her.

Eine Glosse von Carsten Scheibe, Typemania