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Interview zum 50. Geburtstag: "Mein Job ist es, Katarina Witt zu sein!"

Sie war eine Göttin auf Kufen und das schönste Gesicht des Sozialismus. Und heute? Ist Katarina Witt ein Männertraum und eine Gute-Laune-Fee. Und tüchtig ist sie auch. Der stern traf sie kurz vor ihrem runden Geburtstag zum Gespräch.

Katarina Witt

Katarina Witt wird am 3. Dezember 50 Jahre alt. Schönheitsoperationen? Lehnt sie nicht ab. Aber: "Ein paar Falten müssen bleiben".

Was empfinden Sie angesichts des drohenden 50. Geburtstags?

Erst mal nichts Drohendes. Wenn ich meinen Namen in der Zeitung lese, dann steht dahinter meistens das Alter in Klammern. Dann denke ich: "Ach je, stimmt!" Aber die Zahl bleibt einfach nur abstrakt für mich.


Wie lange brauchen Sie heute zur Rekonvaleszenz, wenn Sie mal gesumpft haben?

Ich hab eh nie wirklich gesumpft. Und klar, es ist nicht mehr so wie vor 20 Jahren, wo du nachts rausgehen kannst und am nächsten Morgen topfit aussiehst. Im Alltag bin ich ganz und gar uneitel. Es reicht bei mir ein Hauch Puder und Lipgloss.


"Wenn plötzlich mein Gesicht nach unten hängt, lasse ich schnippeln", haben Sie einmal gesagt ...

Ja, mach ich dann auch. Aber ich würde mein Gesicht so behalten wollen, wie es gelebt ist. Ein paar Falten müssen bleiben. Und die moderne Medizin von heute kommt erst mal lange ohne Schnippeln aus. Nur richtig traurig gucken, das kann man dann nicht mehr. (Sie versucht, traurig zu gucken. Lacht glucksend.)



Finden Sie eigentlich auch, dass 36 das beste Alter für eine Frau ist?

Nö. Natürlich stehen dir dann alle Türen offen, doch ich fand bisher jede Phase gut. Und ich hatte unfassbares Glück. Ich konnte bis Mitte 40 meinen Beruf ausüben, meine Leidenschaft als Eiskunstläuferin ausleben. Das ist ja im Leistungssport nicht gerade üblich.


Alle 50-Jährigen haben Knie, Auge oder Rücken. Was haben Sie?

Von allem ein bisschen!(lacht) Neuerdings sogar eine Lesebrille.


Die Schauspielerin Senta Berger findet, Altern sei für Frauen eine einzige Gemeinheit.

Ach, ich bin mit Sportverletzungen aufgewachsen, deshalb kenne ich das Zippeln und Zappeln ...


Sie sprechen von Stürzen, von Operationen, vom Blut im Schlittschuh.

... ich weiß nur jetzt, dass das Zippeln und Zappeln nicht mehr vom Sport kommt, sondern vom Alter. Natürlich kann ich nicht mehr über jeden Zaun springen! Aber dann kriecht man drunter durch.


Auch das wird im Alter schwerer.

Dann läufste halt drum rum! So mache ich das jedenfalls. Deswegen mache ich mir doch keen’n Kopp.

Katarina-Witt-Bildband: Fotos der schönsten Geheimwaffe des Sozialismus
Katarina Witt

Katarina Witt triumphierte im Februar 1983 bei den Eiskunstlauf-Europameisterschaften in Dortmund. Es war ihr erstes EM-Gold, fünf weitere Goldmedaillen sollten folgen.


Lachen, kichern, dauerstrahlen – wie erklären Sie sich Ihre unerschütterlich positive Lebenseinstellung?

Zum einen habe ich meinen Traum gelebt, und zum anderen habe ich bisher kein wirkliches Leid erfahren, keine Schicksalsschläge. Ich konnte mein Leben lang machen, was ich wollte. Ich wollte Eiskunstläuferin werden, und ich wurde von der DDR gefördert. Die Verpflichtung, jedes Mal mit einer Goldmedaille heimzukommen, war zwar hart, aber auch eine logische Schlussfolgerung daraus. Es musste mich niemand aufs Eis prügeln, alles war freiwillig. Und dann hatte ich noch das Glück, dass die Mauer für mich zu einem idealen Zeitpunkt gefallen ist.


Sie waren am 9. November 1989 knapp 24 Jahre alt und hatten gerade Ihre internationale Profikarriere gestartet.

Ja, und ich musste nicht mehr hoch bis zu Erich Honecker und der Staatsführung und um Erlaubnis bitten. Das war großartig.


Glauben Sie an Schicksal?

Ja. Obwohl ich nicht im engeren Sinne gläubig bin. Man muss natürlich differenzieren: Ein Flüchtling, der Krieg und Tod und Leid erlebt hat - so was kann einem nicht vorbestimmt sein. Aber generell: Dass es eine höhere Ebene gibt, die vorbestimmt, wie das Leben weitergeht, daran glaube ich ein wenig.


Heißt die Ebene Gott?

Es heißt, dass es einen Plan für das Leben gibt. Deshalb finde ich, dass man die Dinge auch mal passieren lassen muss und nicht immer hadern, wenn etwas nicht sofort klappt.


Man hat Sie einmal als "Soldatin" bezeichnet, die immer diszipliniert durchmarschiert. Sind Sie manchmal haltlos?

Ja, klar. Gerade noch habe ich eine halbe Stunde in den blauen Himmel geguckt. Einfach so. Aber die Disziplin kommt durch den Leistungssport, und sie verfolgt dich für den Rest deines Lebens.


Sie meinen, Sie müssen das Erreichte Ihr Leben lang verteidigen?

Nein, das heißt, dass man immer denkt, man muss weiter liefern. Erst in den letzten Jahren habe ich gelernt, auch mal loszulassen, nicht immer pünktlich zu sein. Ich hechel heute nicht mehr hinter allem her.

Katarina Witt, Jutta Müller

Katarina Witt und ihre Trainerin Jutta Müller im Januar 1984 bei den Eiskunstlauf-Europameisterschaft in Budapest


Ihre Trainerin Jutta Müller hat Sie bekanntlich oft gezwiebelt. Haben Sie manchmal das Gefühl, sie hat Ihnen Ihre Jugend genommen?

Nee. Außerdem wirft man das nie demjenigen vor, der einen zu seinem Glück mitunter gezwungen hat. Ich brauchte immer Zuckerbrot und Peitsche. Mit Frau Müller hatte ich die perfekte Mischung.


Nicht traurig, weil andere mit Puppen spielten und später in die Disco gingen, während Sie trainierten?

Ich hatte auch meine Püppis und hab mit denen gespielt! Nein, ich trauere nicht, weil ich nicht zweimal die Woche in die Disco konnte. Und Shopping Malls hatten wir nicht. Ich durfte dafür schon zu Wettkämpfen ins Ausland reisen, als ich noch ganz jung war.


Frau Müller hat Sie öffentlich als "fette Kuh" bezeichnet. Wenn Sie so weitermachten, führen Sie nicht zum Wettkampf ...

Das war nicht öffentlich. Das war in einer angespannten Trainingssituation. Und ich habe frech geantwortet: "Na, Sie aber ooch nicht ..."


Ab wann haben Sie sich so gewehrt?

Ach, das klingt jetzt wieder so dramatisch. Im Leistungssport geht man immer an die Grenzen - auf beiden Seiten. Da muss auch der Trainer mal schreien dürfen. Der Sportler muss sich quälen können. Und deshalb braucht man den Trainer, der einem hilft, sich zu quälen. Es macht sich übrigens bemerkbar, ob du bei den Dreifachsprüngen fünf Kilo mehr oder weniger auf den Rippen hast.


Braucht man im Leistungssport neben Muskeln, Technik und Talent vielleicht vor allem einen robusten Charakter?

Natürlich! Heute haben wir eine Kultur, in der man sich fast nicht mehr traut, zu scheitern oder Kritik auszusprechen. Das ist der Political Correctness geschuldet. Im Leistungssport ist das ganz anders. Da scheiterst du im täglichen Training und wirst hart kritisiert. Aber die Kritik ist dafür da, besser zu werden. Man nimmt das nicht persönlich.


Aber Sie sind doch noch nie gescheitert!

Nö, nicht im Großen. Ich habe vor Jahren die erste Folge von "The Biggest Loser" moderiert ...


... eine Sendung auf Pro Sieben, in der speckige Kandidaten um den größten Gewichtsverlust wetteifern ...

... und da war die Quote schlecht. Das war ein Mini-Scheitern. So what!


Sie haben als Eislauf-Olympiasiegerin, Europameisterin und Weltmeisterin Medaillen und Preise gewonnen, den Bambi, den Emmy, die Goldene Henne. Ein US-Magazin zählte Sie zu den 50 schönsten Menschen der Welt. Frau Witt, welchen Preis haben Sie dafür gezahlt?

Keinen. Oder meinen Sie jetzt, weil ich keine eigene Familie habe?


Ja, zum Beispiel.

Dann sprechen Sie es doch aus! Man kann nicht alles haben. Ich habe für meinen Traum Jahre gekämpft. Ich hatte das Eis. Ich lebte in Amerika, ich hatte langjährige Beziehungen, von denen niemand etwas weiß ...


Niemand etwas weiß? Eine Boulevardzeitung hat aufgezählt, dass Sie exakt neun langjährige Beziehungen hatten. Untertrieben?

Hm, neun? Da müsste ich erst mal anfangen nachzurechnen. Außerdem soll man doch nicht immer glauben, was die Zeitungen schreiben.


Sie galten als große Flirterin. Sind Sie es noch?

Ja, aber das heißt nicht, dass ich denjenigen immer mit nach Hause schleppe! Zwischen Männern und Frauen ist doch immer eine gewisse Spannung. Mir macht es Spaß zu flirten.


Nach seinem Tod bekannten sich einige Frauen zu einer Affäre mit Udo Jürgens. Hat er es bei Ihnen auch versucht?

Er hat mir zumindest mal auf seinem gläsernen Klavier vorgespielt (lacht). Nee, da war gar nüscht. Der Herr Jürgens war Gentleman. Das ist immer so ein Quatsch, diese Legenden!


Was ist für Sie persönlich schlimmer: der Blätterwald oder der Fernsehdschungel?

Beide sind mir völlig wurscht. Ich habe einen sehr guten Anwalt, der "knüppelt" alle Lügen weg.


Nach der Wende sagten Westmänner oft, Ostfrauen seien "unkomplizierter", insgesamt positiver als Westfrauen. Stimmt das?

Hm. Vielleicht hatten wir weniger Berührungsängste. Vielleicht sind wir auch in einer viel selbstverständlicheren Gleichberechtigung groß geworden.


Wie meinen Sie das?

Als die Mauer fiel und das Thema Gleichberechtigung diskutiert wurde - da war mir das alles vollkommen neu. Dieses Problem gab es in der DDR gar nicht! Meine Eltern waren beide berufstätig und haben sich alles andere geteilt, die Kindererziehung, das Wischen, Waschen und Fegen. Den Satz "Nimmst du mal den Müll mit runter?", den kenne ich nicht. Heute befinden sich die Frauen natürlich insgesamt in einer viel besseren ökonomischen Situation.


In der sie auf Augenhöhe flirten können.

Irgendwie schon. Da, wo die Frauen heute stehen, befand ich mich glücklicherweise schon vor 30 Jahren.


Waren Sie damals schon Millionärin?

Ich war zumindest finanziell unabhängig. Die erste Million hatte ich wahrscheinlich mit Ende zwanzig.


Manche Männer rühmen sich einer Affäre mit Ihnen. Fühlen Sie sich geschmeichelt?

Ist das so? Das haben sich wahrscheinlich viele gewünscht, und dann wird der Wunsch im Kopf oft Realität.


Man hört, dass Sie seit Jahren "fest verliebt" sind. Wie kam es zur Beziehung mit Ihrem langjährigen Berliner Medienanwalt Christian Schertz?

Nice try!


Versuch macht klug ...

Ich habe in meinem Leben gelernt, dass es vernünftig ist, sich zu seinem Privatleben nicht zu äußern. Und gerade der von Ihnen genannte Anwalt betont ja immer wieder, dass er keinen Prominenten kennt, dem es irgendwie genutzt hat, sich zu seinem Privatleben zu äußern.


Die Schlagzeile "Kati Witt -Traumhochzeit" gab es nie. Warum nicht?

Das stand nie auf meinem Lebensplan, echt nicht. Acht Kilo abnehmen, nur damit man am Traumtag in das Traumkleid passt - nein, das war noch nie auf meiner Agenda. Ich wollte immer nur auf dem Eis stehen, im Licht. Wenn sich das mit der Beziehung vereinbaren ließ, war es gut. Wenn nicht, kam ein neuer Mann. (lacht anhaltend)


"Bis dass der Tod euch scheidet" war also nicht Ihr Ding?

Vor dem Satz hatte ich immer zu großen Respekt.


Bei Ihnen galt offenbar: "Bis dass die nächste Saison uns scheidet."

Manchmal schon, genau! (lacht)


Da könnte heute ein 18-jähriger Sohn, eine 20-jährige Tochter sein. Bedauern Sie manchmal, dass es nicht so ist?

Wissen Sie, das ist eigentlich das Privateste für eine Frau, was es so gibt. Das geht niemanden etwas an, was ich darüber denke und fühle. Ich will nur sagen, so wie der Leistungssport vor 20, 30 Jahren organisiert war, hätte man es sich nur schwer erlauben können, für ein, zwei Jahre auszufallen.


Es gibt US-Eisläuferinnen wie Nancy Kerrigan, die haben Kinder.

Offenbar ticke ich anders. Ich bin eher bei Frau Merkel als bei Frau von der Leyen.


Viele kinderlose Frauen schaffen sich einen Hund an. Wen erziehen und verwöhnen Sie?

Mir ist es nie in den Sinn gekommen, mir eine Katze anzuschaffen, weil ich Company brauche. Erst mal bin ich nicht einsam, und zweitens bin ich auch gern mal allein, mit mir.

Katarina Witt, Playboy

1998 ließ Katarina Witt für das amerikanische Männermagazin "Playboy" die Hüllen fallen. Bis heute gibt es nur zwei Hefte, die weltweit ausverkauft sind: Die Ausgabe mit Marilyn Monroe (1953) und die mit Katarina Witt.


Frau Witt, kommen wir zum Thema "Playboy". Es gab nur zwei US-Ausgaben des Herrenmagazins, die weltweit ausverkauft waren ...

Ja, mit Marilyn Monroe auf dem Cover und mit mir. Und ich bin noch lebendig!


Wann haben Sie erstmals registriert, dass Sie ein Sexsymbol sind?

Früh. Aber nicht bewusst. Als ich mit 18 in Sarajewo auf der Bildfläche erschien und ein US-Journalist schrieb: Die sieht aus wie Brooke Shields. Das war die Schauspielerin aus "Die blaue Lagune".


Die 15-Jährige war 1980 die sinnliche Kindfrau überhaupt.

Ja. Und später kam ich mit meiner Kür als Carmen. Ich war wahrscheinlich fraulicher als alle anderen Mädchen auf dem Eis. Aber ich habe mir nie vorgenommen, sexy zu sein.


Sie waren es einfach?

Na ja, wenn Sie als Carmen aufs Eis gehen, muss auch ein Funken Carmen in Ihnen stecken, damit habe ich auch gespielt. Trotzdem war es eher meine natürliche Ausstrahlung. Ich habe übrigens dem "Playboy" gesagt: "Sexy-Hexy" - so was mach ich nicht. Es war meine Bedingung, dass ich nicht verrenkt an irgendeinem Bettpfosten hängen muss.


Sie badeten nackt im Wasserfall.

Ich hab gesagt, ich geh ins Wasser. Und ins Wasser geht man nackig. Punkt. Ich glaube, wir sind in der DDR viel weniger mit diesem Erotisch-Sein, mit Sexy-sein-Müssen aufgewachsen als ihr. Wir haben FKK gemacht, das war natürlich.


An welchem Strand konnte man Sie damals nackt treffen?

Ein paarmal an der Ostsee. Zuletzt mit 16. Da stand aber plötzlich einer vor mir und sagte: "Du bist ja jetzt Vizeweltmeisterin" - und der guckte mir nicht in die Augen. Da wusste ich, das mit dem FKK lässt du wohl lieber.


Und wenn der "Playboy" Sie jetzt noch mal anriefe?

Meinen eigenen Rekord noch mal toppen wollen? Das wäre wohl naiv und dumm! Ich habe dem amerikanischen "Playboy" mein nacktes Fell damals so teuer wie möglich verkauft. Das muss reichen.


Mit welchem Körperteil haben Sie mehr Geld verdient - mit Ihrem Dekolleté oder mit den Beinen?

Eindeutig mit den Beinen! Ich habe nach der Wende in Amerika wirklich viel Geld verdient. Und sowohl beim Einsatz meiner Beine wie auch des Dekolletés war mein Hirn immer mit eingeschaltet.


Als Brooke Shields durch die Decke ging, gingen Sie mit.

Ja, irgendwie schon. Die Amerikaner dachten, in der DDR wäre alles freudlos, und dann kam plötzlich ...


"Das schönste Gesicht des Sozialismus" ...

Ja, das klebt noch heute an mir.


Mit dem hässlichen Gesicht des Sozialismus wurden Sie auch konfrontiert. Sie haben einmal gesagt: "Ich kann mich nicht nachträglich zur Widerstandskämpferin machen." Waren Sie eine Profiteurin?

Die DDR war meine Heimat. Man hat mich gefördert, ich hatte Privilegien. Das stimmt. Aber ich habe auch viel dafür getan, dass das Land und seine Menschen stolz auf mich sein konnten. Und ich wollte, dass sie zu Hause auch etwas davon haben. Als ich Bryan Adams kennenlernte, half ich mit, ihn 1988 zu einem Konzert nach Ost-Berlin einzuladen.


Sie wurden auf der Bühne ausgepfiffen, weil Sie bei der Ankündigung sagten: "Ich habe Bryan Adams gerade in Kanada getroffen."

Das war unsensibel von mir. Die wenigsten wussten, dass ich von der FDJ benutzt worden war, um die Bands einzuladen. In jener Zeit war ich die bekannteste Bürgerin der DDR, und so stand mein Name mit bei den Einladern. Das wusste aber kein Zuschauer. Und als die Masse pfiff, dachte ich etwas naiv: Ey, Leute, freut euch doch, für euch hab ich die Bands doch mit hergebracht!


Ihre Stasi-Akte umfasst 27 Ordner, über 3000 Seiten. Welches Gefühl war es, das zu lesen?

Als ich das erste Mal in dem Raum der Stasi-Zentrale saß, und die brachten die vielen Kisten rein, dachte ich: Das kann doch alles nicht wahr sein! Gleichzeitig war es beim Lesen zum Lachen.


"Ab 20.00 Uhr gab es Intimverkehr zwischen den beiden Personen, der um 20.07 Uhr beendet wurde", steht in Ihrer Akte über einen Hotelaufenthalt. Furchtbar, auch dabei belauscht zu werden?

Vor allem furchtbar schnell (lachend, sich biegend), sieben Minuten! Im Ernst: Manches war schrecklich. Seit ich acht bin, wurde ich ja ständig beobachtet. Im Grunde ist die Akte ein Tagebuch meines Lebens.


Was haben Sie damit gemacht?

Ich habe alle 3000 Seiten kopiert, weggepackt und verdrängt. Ich war damals im Terminstress. Neue Produktionen in Amerika, TV-Events, Eis-Shows. Ich wollte mich mit dem Thema Stasi nicht beschäftigen. Vielleicht war das mein Glück.


Das Eis hatte absolute Priorität in Ihrem Leben.

Ja, die Schönheit, die das Eislaufen mit sich brachte, die Kreativität, die Musik. Das war meine Heimat. Alles, was hinter der Bande war, das hat mich nicht erreicht. Das Eis hat mich gerettet. Ich habe die Betroffenheit und die Bitterkeit, die das Nachlesen der Akten hätte auslösen können, nie erlebt.


Ist das die typische Haltung einer Athletin?

Zumindest bei mir. Als Eisläuferin habe ich gelernt, dass ich den Sturz in der Kür sofort vergessen muss, weil vier Sekunden später schon der nächste Sprung kommt. Da bleibt keine Zeit für Analyse.


Sind Sie froh, dass jetzt eine Ostdeutsche Bundeskanzlerin ist?

Frau Merkel wollte ursprünglich sogar mal Eiskunstläuferin werden, habe ich gehört. Ich finde es gut, dass sie einen ostdeutschen Background hat. Überhaupt, dass eine Frau an der Spitze steht! Eine mit großem Situationshumor übrigens.


Haben Sie sich je öffentlich in eine politische Debatte eingemischt?

Nee, ich hab mich immer zurückgehalten. Ich bin politisch interessiert, aber ich sage mir oft: !Nee, Kadarina, in die Debatte musst du dich nisch ooh noch einmisch'n." (Frau Witt sächselt jetzt.) Das kommt auch daher, weil ich früher politisch benutzt worden bin. Das wurde mir lange genug aufs Butterbrot geschmiert.


Dass Sie SED-Mitglied waren, zum Beispiel.

Ich habe die sozialistische Prägung von vielen Seiten erlebt. Und ich habe natürlich gedacht, dass es das bessere System ist; so, wie wir das in der Schule gelernt haben. Heute würde ich mich nicht mehr parteimäßig festlegen. Auch weil von allen Parteien etwas in mir drin ist. SPD, FDP, CDU, und natürlich auch die Grünen.


Elektroauto?

Nee, Diesel.


Volkswagen etwa?

Nein, BMW.


Fußball-WM in Katar. Gut oder schlecht?

Na ja.


Olympia in Sotschi. Richtig oder falsch?

Absolut richtig! Solche Events bereichern ein Land. Die jungen Leute, die Volunteers, gehen danach in ihre Städte und Dörfer und bringen einen Hauch Welt mit in die Provinz. Das ist gut.


So gesehen müssten die Olympischen Spiele nach Dresden und Heidenau, oder nicht?

Das ist natürlich unrealistisch. Aber klar, oft wird im Sport längst das gelebt, was sich die Politik noch wünscht.


Wie sehr ärgern Sie sich über Pegida?

Da ich in Sachsen meine Kindheit mit der für dieses Land typischen Gemütlichkeit und Gastfreundschaft erlebt und gelebt habe, erschrecken und schockieren mich die Fernsehbilder um so mehr. Sie machen mir auch Angst und stimmen mich traurig. Meine Bewunderung gilt den Menschen vor Ort, die ihr Gesicht zeigen bei den Gegendemonstrationen für Offenheit und Solidarität. Dem Hass gegen Ausländer und alles Fremde muss unser Rechtsstaat mit allen Mitteln konsequent entgegentreten.


Haben Sie eine Erklärung dafür, dass es dort so viel Ausländerhass gibt?

Den gibt es woanders auch. Aber sicher ist man in der damaligen DDR nicht überall mit Internationalität in Berührung gekommen. Sodass alles, was fremd anmutet, erst einmal Angst macht. In der persönlichen Begegnung setzen die menschlichen, hilfreichen Reflexe wieder ein. Auch in Sachsen. Man hat bei der Flut gesehen, wie die Menschen füreinander da waren.


Sie haben eine Stiftung gegründet. Werden Sie demnächst auch Flüchtlingskindern das Eislaufen beibringen?

Die gibt es seit zehn Jahren. Und wir haben tatsächlich geschaut, was wir machen können. Die Stiftung hilft Kindern mit körperlichen Behinderungen oder verletzten Kindern aus Kriegs- und Katastrophengebieten.


Ehemalige Eiskunstläuferin, ehemaliges Playmate, ehemaliger „Wetten, dass ..?“-Sofa-Gast, Quiztante, Moderatorin, Olympia-Botschafterin, Gute-Laune-Kati. Was würden Sie selbst als derzeitige Berufsbezeichnung angeben?

Mein Job ist es, Katarina Witt zu sein! Glauben Sie mir, damit bin ich den ganzen Tag völlig ausgelastet.


Dieses Interview erschien am 5. November 2015 im stern